Tarnen
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„Tarnung ist nichts Statisches. Sie muss Umgebung, Funktion, Sensorik, Sicherheit und Taktik vereinen“, sagt Degen. Bei der Entwicklung eines Tarnmusters gibt es viele Möglichkeiten. So kann man beispielsweise vom derzeitigen Fünf-Farben-Tarndruck, dem klassischen Flecktarn, ausgehen und schauen, wie dort die Farben verteilt sind: Dunkelgrün 35 Prozent, Braun und Helloliv je 20 Prozent, Hellgrün 15 Prozent und Schwarz 10 Prozent. Dann braucht es möglichst viele Informationen zum neuen Einsatzraum, für den ein neues Tarnmuster entwickelt werden soll: Welche Vegetation und welche jahreszeitlichen Veränderungen gibt es? Welche Farben und Strukturen prägen das Gelände? Daraus entsteht am Computer eine Collage, die wiederum auf ihre fünf Hauptfarben reduziert wird. Diese Farben bekommen, sortiert nach Helligkeit, eine Entsprechung im klassischen Fünf-Farben-Tarndruck: Schwarz bleibt Schwarz, Dunkelgrün entspricht Dunkelgrau und so weiter. Danach werden die Farben gemäß ihres Flächenanteils ersetzt, das heißt Schwarz hat im Fünf-Farben-Tarndruck den geringsten Flächenanteil.
Im betrachteten Einsatzraum – einem städtischen Industriekomplex – wäre die Ersatzfarbe Weiß. So entstehen neue Muster, die anschließend als Prototypen genäht und im Feld getestet werden.
Doch Tarnung endet nicht beim sichtbaren Licht: „Ein gutes Muster darf nicht nur für das Auge funktionieren, sondern muss auch im nahen Infrarot und Wärmebild unauffällig sein“, betont Degen. „Was nützt ein schönes Muster, wenn es unter Restlichtbedingungen leuchtet oder die thermische Signatur nicht reduziert?“
Wärmebildaufklärung: Bei der neuen Bekleidung wurde darauf geachtet, sie an die aktuellen Herausforderungen anzupassen
Bundeswehr/Christian Vierfuß
Es ist deutlich erkennbar, dass die Kälteschutzjacke (rechts) besser vor Wärmebildaufklärung schützt als eine Feldbluse
Bundeswehr/Christian VierfußUm diesen Anforderungen gerecht zu werden, rüstet die Bundeswehr schrittweise auf Multitarn um, als Ersatz für das seit den 1990er-Jahren genutzte Flecktarn. „Multitarn ist in Mischlandschaften und urbanen Räumen unauffälliger und gegenüber moderner Sensorik optimiert“, sagt Degen. „Flecktarn wirkt in der Steppe zu dunkel und in der Stadt ist es zu kontrastreich.“ Multitarn breche die Form weicher und passe sich den Umgebungen besser an, erklärt der Experte. Jede Entwicklung eines Tarnmusters ist immer auch ein Kompromiss: Ein Muster ist selten überall das Beste, aber idealerweise auch nirgendwo das Schlechteste.
Für Lehrgangsteilnehmer Dennis Gaube* hat der Kurs eine unmittelbare Bedeutung. Der Hauptfeldwebel ist Notfallsanitäter und seit 2007 bei der Bundeswehr. Erst im Februar ist er aus dem Baltikum heimgekehrt. „Früher waren unsere Fahrzeuge bei Angriffen tabu, daher wurde das Thema Tarnung oft eher stiefmütterlich behandelt“, sagt er. Der Krieg in der Ukraine hat dies verändert: Auch Rettungsfahrzeuge werden zum Ziel. Wenn es die Situation verlangt, sollten deshalb auch Sanitätskräfte wissen, wie man sich und sein Fahrzeug tarnt. „Auf Übungen in Litauen wird das zum Beispiel schon praktiziert“, erklärt Gaube. „Wenn ich ein Fahrzeug so tarne, dass es wie ein ziviles Lieferauto aussieht oder gar nicht erkannt wird, rette ich vielleicht Leben.“
Hauptfeldwebel Gaube und seine Kameraden stehen um eine große grüne Kiste herum. Darin befindet sich Material, um mit einem FIR-Tarnnetz – FIR steht für Fernes Infrarot – einen Anbau an einer Halle vorzutäuschen. Eine größere Halle und Tarnmöglichkeiten für Fahrzeuge sollen dadurch entstehen. Die Soldaten gehen direkt ans Werk: Es werden Stangen zusammengesteckt, Panzertape verklebt, gehämmert und Schnüre geknüpft. Alle arbeiten Hand in Hand, obwohl sie sich kaum kennen. Nach knapp 25 Minuten steht die Tarngarage. Von innen hat man einen guten Blick auf die Umgebung, von außen ist nicht sichtbar, wer sich gerade unter dem Netz befindet. Genau darauf kommt es in einem Konfliktfeld mit permanenter Drohnen- oder Satellitenaufklärung an.