Cyber- und Informationsraum
Flutkatastrophe 2021

Im Interview: Retter und Gerettete

Im Interview: Retter und Gerettete

  • Bundeswehr und Gesellschaft
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Datum:
Ort:
Bonn
Lesedauer:
5 MIN

Bianca L., Bärbel M., Hauptfeldwebel Denis Engelmann und Hauptbootsmann Roy Mondry verbinden die Erlebnisse der Flutkatastrophe im Juli 2021 als Retter und Gerettete. Wie sie ganz persönlich die Nacht erlebt haben und wie es ihnen seitdem ergangen ist, erzählen sie im Interview.

Zwei Menschen stehen auf einem Feld

Gemeinsam besuchen die Gerettete und der Retter die Stelle, an der sich ihr Schicksal verband.

Bundeswehr/Stefan Uj

Herr Hauptbootsmann, was haben Sie in dem Moment gedacht, als Sie die Situation vorgefunden haben?

Ich habe mir nach Eintreffen in der gefluteten Straße möglichst schnell einen Überblick verschafft und quasi sofort angefangen zu handeln. Zunächst habe ich die vor Ort befindlichen Personen der vermeintlichen Verfassung endsprechend priorisiert, wie es bei uns auf Übungen ausgebildet wird. Einer ist stabil alleine, den habe ich stehen gelassen, den anderen habe ich schon mal vorgeschickt, der ertrinkenden Frau zu helfen, bevor ich hinterher bin. So richtig bewusst gemerkt, wie gefährlich das ist, habe ich erst auf dem Rückweg durch die Flut, bis dahin habe ich einfach funktioniert.

Frau M., wann haben Sie Hauptbootsmann Mondry bewusst wahrgenommen?

Ein Frau Blickt einen Soldaten an

In einer Nebenstraßen bei Rheinbach wurde Bärbell M. mit ihrem Auto plötzlich beim Durchqueren eines größeren Rinnsals von einer Welle erfasst und in ein Feld gespült.

Bundeswehr/Stefan Uj

Nachdem ich aus dem Autofenster klettern konnte und mich der Morast und der Schlamm auf dem Acker immer wieder nach unten gezogen hatten, ich nicht mehr gegen die Flut ankam und immer mehr Wasser schluckte, dachte ich: Das war‘s jetzt. Mit letzter Kraft habe ich um Hilfe gerufen. Das hier ist Niemandsland, dachte ich, niemand wird mir helfen. Als mich Roy aus dem Wasser zog, war es das Gefühl eines Schutzengels, der mich nicht nur rettete, sondern mich mit sanften Anweisungen beruhigte und mir Vertrauen gab. Er ließ mich dann sogar selber entscheiden, wo ich in seinem Auto sitzen wollte.

Wie haben Sie den Rest der Nacht erlebt?

Roy brachte mich dann zu seiner Kaserne, wo er mir trockene Kleidung von ihm gab, ein Zimmer und Decken. Ein anderer Soldat hat dann sein Essen mit mir geteilt, während Roy meine Familie anrief und sich um alles Weitere kümmerte. Er bestand auch am nächsten Tag auf einen Notarzt, später wurde dann ein stressbedingter Herzinfarkt festgestellt. Mein Schutzengel hat mir so wohl gleich mehrfach das Leben gerettet.

Herr Hauptbootsmann, wie ging es in den nächsten Tagen weiter?

Über die Tochter, mit der ich in der Nacht telefoniert hatte, haben wir den Kontakt gehalten. Sie wollte mir ja unbedingt meine Kleidung zurückgeben. Versprochen ist versprochen! Ich weiß noch ganz genau, wie ich dann zum ersten Treffen in Erster Geige an ihrer Tür stand, Blumenstrauß in der Hand. Als wir uns dann gesehen haben, war aber alles egal, wir haben uns umarmt und waren einfach froh. Das war ein sehr emotionaler Moment.

Die Gespräche mit Bärbel und die Gespräche mit Hauptfeldwebel Engelmann haben mir in der Folgezeit sehr geholfen. Unser Disziplinarvorgesetzter hat den Hauptfeldwebel und mich zusammengebracht und angeregt, über das Erlebte zu sprechen. Mir hat gerade der Gedanke zu schaffen gemacht, was mit dem Mann gewesen wäre, den ich kurz vorgeschickt habe. Was wäre, wenn auch ihm etwas passiert wäre? Erst durch die vielen Gespräche danach konnte ich für mich erkennen, dass das richtig war.

Frau L. was ist damals passiert?

Zwei Personen in einem Raum

Bianca L. und Hauptfeldwebel Engelmann waren auf Einladung beide bei der Auszeichnung anwesend.

Bundeswehr/Stefan Uj

An dem Tag hatten mein Mann und ich Spätschicht und sind erst nachts nach Hause. Unseren originalen Arbeitsweg haben wir gar nicht mehr bis zum Ende geschafft, sondern mussten das Auto stehen lassen und sind das letzte Stück zu Fuß. Wir hatten ein Ziel vor Augen, das schaffen wir, haben wir uns gesagt. Als im Wasser ein großer Lattenzaun an uns vorbeischoss wurde uns der Ernst der Lage richtig bewusst. Kurz vor unserem Haus hat uns das Wasser dann beide weggerissen und wir wurden getrennt weggespült. Er durch die Gärten, ich die Straße runter. An einem Seitenweg konnte ich mich dann an einem Zaun festhalten und um Hilfe rufen. Danach kann ich mich an eine Stimme erinnern, die mir immer wieder gesagt hat, dass ich auf die Füße kommen muss.

Herr Hauptfeldwebel, schildern Sie doch kurz, wie Sie Frau L. entdeckt haben?

Sie ist vor meinem Haus kurz aus dem Wasser hochgekommen und hat um Hilfe gerufen. Zum Glück war da der Strom der Laternen gerade noch an und ich konnte sie sehen. Zehn Minuten später hätte ich sie vielleicht gar nicht mehr gesehen. Genau der Zaun, an dem sich das ganze abgespielt hat, den gab es am Folgetag auch nicht mehr. Auf jeden Fall bin ich, als ich sie gesehen habe, sofort hinterher und durch die Fluten gestiegen. Am Zaun haben wir uns gemeinsam festgehalten und ich habe ihr immer wieder zugerufen, dass sie auf die Beine kommen muss. Das war dann auch die Situation, in der ich das erste Mal so richtig nachgedacht und nicht einfach gehandelt habe. Gemeinsam haben wir dann den Mut gefasst und sind auf die sichere andere Seite und zu meinem Haus.

Wie ist es währenddessen Ihrem Mann ergangen, Frau L.?

Meinen Mann habe ich am nächsten Tag wiedergesehen, er konnte sich selber retten. Er war auf die andere Seite der Straße gespült worden, wo er sich selbst aufrichten konnte. Er hat auf der Straße nach mir gesucht, da waren wir aber schon im Haus. Er ist bei den Nachbarn untergekommen, die wir nicht erreichen, aber immerhin sehen konnten und wir konnten uns zurufen. In unsere eigene Wohnung kamen wir erstmal nicht, unsere Schlüssel und alles andere waren weg.

Wie fühlt es sich für Sie an, diese besondere Ehrung zu erhalten, Herr Hauptfeldwebel?

Ich bin jemand, der lieber hinter den Kulissen bleibt und Öffentlichkeit, wie hier, meidet. Hätte ein Kamerad, mit dem ich gesprochen habe, das ganze nicht unseren Vorgesetzten erzählt, vielleicht hätte ich es selber gar nicht gemeldet. Viel später vielleicht, ich musste das Ganze ja erstmal selber verarbeiten, in den Gesprächen mit meiner Frau, mit den Kameraden und mit L. Natürlich freue ich mich über die Auszeichnung, an besondere Leistungen oder einen Heldenstatus hätte ich selber aber niemals gedacht.

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von Kjell Tandetzke  E-Mail schreiben
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