Heer

Scharfschützen – „Wer gern Rambo spielt, ist hier falsch“

Scharfschützen – „Wer gern Rambo spielt, ist hier falsch“

  • Ausbildung
  • Heer
Datum:
Ort:
Bergen
Lesedauer:
3 MIN

Man sieht sie nicht und man hört sie nicht – und wenn, ist es zu spät. Denn wenn die „Geister“ der Infanterie ihren Job erledigen, endet das für den Gegner selten glücklich. Ausgebildet werden die Scharfschützen beim Panzergrenadierlehrbataillon 92. Hier lernen sie den Umgang mit dem G22 A2, der Standardwaffe der Scharfschützen, und dem Großkaliber G82.

Ein Soldat steht vor einem Teich und schießt.

Scharfschützen müssen auch in Extremsituationen die Nerven behalten.

Bundeswehr/Rainer Stolze

Für viele ist die Ausbildung zum Scharfschützen ein Traum, aber längst nicht alle erfüllen auch die dafür nötigen Voraussetzungen – sowohl körperlich als auch mental. „Wer gern Rambo spielt, ist bei uns falsch“, sagt ein Ausbilder und erklärt, worauf es wirklich ankommt: mentale und körperliche Fitness, Disziplin, Eigenständigkeit, Selbstbeherrschung und die Fähigkeit, auch in Extremsituationen Ruhe zu bewahren und nicht die Geduld zu verlieren. Scharfschützen sind „Auge und Ohr am Feind“ für den Kommandeur. Das heißt: Zunächst beobachten und melden sie nur, mitunter tagelang – bei wenig Schlaf, bei großer Hitze genauso wie bei eisiger Kälte. Solche Extrembedingungen sind nicht jedermanns Sache. „Das muss man aushalten können“, wissen die Ausbilder.

Nicht ohne meinen Spotter

Ein Soldat mit Kopfhörern schaut durch eine Optik auf ein Ziel im Gelände.

Der Spotter, der Beobachter, überprüft das Trefferbild des Schützen. Er arbeitet mit dem Scharfschützen eng zusammen.

Bundeswehr/Rainer Stolze

Rund zwölf Wochen dauert die Ausbildung zum Scharfschützen. Alles, was die Männer wissen und können müssen, lernen sie in der sechs- bis siebenwöchigen Vorausbildung. Dann geht es für fünf Wochen nach Hammelburg, wo alle militärischen Handfertigkeiten und -fähigkeiten noch einmal vertieft werden. Erst dann und nach bestandener Prüfung darf sich jeder dieser Soldaten Scharfschütze nennen.

Auch wenn Hollywood-Filme oft ein anderes Bild vermitteln – Scharfschützen arbeiten nicht allein, sondern im Team: „Eine Scharfschützengruppe besteht in der Regel aus einem Gruppenführer und drei Zwei-Mann-Teams, dem Schützen und dem sogenannten Spotter, der das Ziel ebenfalls im Visier hat und der seinen Kameraden die nötigen Daten wie Entfernung, Windgeschwindigkeit und Temperatur liefert. Ein sogenannter Ballistikrechner hilft dem Schützen dabei, die Zieloptik richtig einzustellen und die richtige Anzahl „Klicks“ vorzunehmen. Das bedeutet auch Kopfrechnen: Ein „Klick“ zu viel oder zu wenig kann, abhängig von der Entfernung zum Ziel, den entscheidenden Zentimeter Abweichung ergeben und der Schuss geht daneben. „Auch deshalb ist hohe geistige Flexibilität gepaart mit Ausdauer, Leidensfähigkeit und psychischer Belastbarkeit Voraussetzung für den Erfolg des Scharfschützen“, erklärt ein Ausbilder, der namentlich nicht genannt werden möchte. Genauso wie auch die übrigen Scharfschützen aus Sicherheitsgründen nicht erkannt werden dürfen.

Schussweite fast zwei Kilometer

Ein Soldat mit zwei Waffen in den Händen läuft im Wald einen Berg hoch.

Ein Scharfschütze wechselt schnell und möglichst unerkannt die Stellung.

Bundeswehr/Rainer Stolze

Es ist ein frostig-kalter Tag im April, den sich die Soldaten der Scharfschützengruppe der 4. Kompanie des Panzergrenadierlehrbataillons 92 für ihr Schulschießen auf der Schießbahn 12 in Bergen ausgesucht haben. Regen, Nebel, Hagel, Wind und Sonne wechseln sich ab, typisches Aprilwetter eben. Doch davon lassen sich die Männer nicht stören. Ruhig und konzentriert gehen sie in Stellung, bauen ihre Waffen auf, von denen eine ganz besonders beeindruckt – das G82, mit dem die Soldaten Projektile mit dem Kaliber 12,7x99 (Kaliber 50) verschießen. Sowohl Hartkern- als auch Brandmunition. Es ist eine Waffe, mit der auch leicht gepanzerte Ziele in einer Entfernung von bis zu 1.800 Metern wirksam bekämpft werden können.

Enorme Druckwelle

Ein Soldat liegt hinter einem großen Gewehr und schießt, neben ihm liegt der Spotter und schaut durch ein Fernrohr.

Training mit dem großkalibrigen Gewehr G82: Damit können auch leicht gepanzerte Ziele bekämpft werden.

Bundeswehr/Rainer Stolze

Der erste Schuss fällt. Ein ohrenbetäubender Donnerhall zerreißt die Stille. Die Druckwelle ist enorm und noch in zwei bis drei Meter deutlich spürbar. Das G82 wird offiziell als Antimaterialwaffe tituliert. Warum, wird schnell klar: Nach dem ersten Schuss auf das Ziel feuert der Schütze sofort fünf Projektile hinterher, Wirkungsfeuer genannt. Spätestens jetzt wird auch dem Laien deutlich, warum das G82 Antimaterialwaffe genannt wird. Denn dort, wo die Projekte einschlagen, bleibt im wahrsten Sinne des Wortes kein Stein mehr auf dem anderen stehen, wächst kein Gras mehr.

Die Ausbilder jedenfalls sind am Ende des Tages mit den Leistungen ihrer angehenden Scharfschützen zufrieden. Dem Lehrgang mit abschließender Prüfung zum Scharfschützen können die Männer gelassen entgegensehen.

von Klaus Reschke

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