Heer

Feuerunterstützung: Dirigenten des Gefechts

Feuerunterstützung: Dirigenten des Gefechts

  • Ausbildung
  • Heer
Datum:
Ort:
Bergen
Lesedauer:
8 MIN

Bei der multinationalen Übung Stoneage trainieren Soldatinnen und Soldaten von Heer und Luftwaffe mit Soldaten von vier ausländischen Nationen. Sie koordinieren den Einsatz und die Zusammenarbeit von Bodentruppen mit Einheiten der Feuerunterstützung wie Artillerie, Mörser und Luftfahrzeugen.

Ein Transportpanzer Fuchs steht auf einer Schießbahn, im Hintergrund schlagen Geschosse der Artillerie ein. Rauch steigt auf.

Bei der Übung Stoneage trainieren Soldaten von Luftwaffe und Heer gemeinsam mit ausländischen JTAC/JFST. Hier rücken eigene mechanisierte Kräfte vor und erhalten dabei Steilfeuerunterstützung durch die Artillerie mit der Panzerhaubitze 2000.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Im heftig wackelnden Gefechtszelt oberhalb der Schießbahn 1A stehen Oberstleutnant Christian Mennen und Major Tim Ermisch vor der Lagekarte: Sturmtief „Sabine“ sorgt bereits für die erste Lage- und Planänderung, bevor die Übung richtig losgeht. Bei orkanartigen Sturmböen ist an den geplanten Einsatz von Luftfahrzeugen ebenso wenig zu denken wie an Mörser- oder Artilleriefeuer. Damit bricht ein ganz wesentliches Element, nämlich das Zusammenspiel zwischen Joint Terminal Attack Controllern (JTAC) und Joint Fire Support Teams (JFST) und Soldaten der Bodentruppe sowie der Feuer- und Luftunterstützung, am ersten Tag weg. JTAC fordern für die Kampftruppen am Boden Luftnahunterstützung an. Sie koordinieren Luftfahrzeuge, weisen Ziele zu und unterstützen, wann und mit welchen Mitteln Ziele bekämpft werden. Ein JTAC steht im ständigen Kontakt mit den Luftfahrzeugbesatzungen und bildet so das Bindeglied zwischen Bodentruppen und der Luftunterstützung. Er dirigiert sozusagen das Luft-Boden-Gefecht. Ein JFST ist wiederum ein Zusammenschluss der Artilleriebeobachter, vorgeschobene Beobachter der Mörser und der JTAC zu einem Team, das die Kampftruppe begleitet und die Fähigkeit zur streitkräfteübergreifenden Feuerunterstützung besitzt.

Mennen und Ermisch vom Luftwaffenverbindungskommando der Panzerlehrbrigade 9 kennen sich nicht nur persönlich bestens, sondern sind seit Jahren ein eingespieltes Team und ändern die lange geplanten Abläufe kurzerhand um. Ganz nebenbei, so wirkt es zumindest, stehen beide den Pressevertretern Rede und Antwort, geben Anweisungen an die Soldaten im Zelt und auf mehreren Funkkreisen an die Leitenden auf den fünf Schießbahnen. Durch Simulationen und neue Lagen werden die Soldaten in jeweils realistische Szenarien versetzt, die unterschiedlicher kaum sein können.

Erfahrener kanadischer Soldat begleitet die Truppe

Zwei Soldaten stehen auf einem Weg in einem Übungsdorf. Beide machen Notizen in ihre Blöcke.

Während sich die Fallschirmjägergruppe von Haus zu Haus im Barbaradorf kämpft, notieren die JTAC-Instructoren, Leutnant Clay Cochrane (l.) und Hauptfeldwebel Birger van der Most, ihre Beobachtungen.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Ortswechsel: Im Barbaradorf, einer Schießanlage für den Orts- und Häuserkampf, gibt Hauptfeldwebel Birger van der Most vom Fallschirmjägerregiment 31 gerade die Lage an den Sicherungszug aus. Ihr Auftrag lautet: Einnehmen des östlichen Teils des Dorfes, in dem sich eine unbekannte Zahl feindlicher Infanteriekräfte befindet. Was die Soldaten zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen, ist die Tatsache, dass der Feind auch über mechanisierte Unterstützung verfügt, dargestellt durch einen Schützenpanzer Marder im hinteren und nicht einsehbaren Teil der Ortschaft. Somit kommt auch wieder ein Kernelement der Übung ins Spiel, der JTAC.

Und mit Leutnant Clay Cochrane von der Royal Canadian Artillery School begleitet die Infanteristen der erfahrenste JTAC der gesamten kanadischen Streitkräfte. Der 46-Jährige ist seit fast 30 Jahren bei der Armee, die Hälfte davon als JTAC und inzwischen als JTAC-Instructor. Er weist also andere JTAC ein, beobachtet und bewertet sie. Während die Fallschirmjäger ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen und sich, bestens eingespielt, unter gegenseitiger Deckung von Haus zu Haus kämpfen, simuliert Cochrane per Funk die Verbindung zu den Luftfahrzeugen, die an diesem und auch dem nächsten Tag vom Winde, vom Sturmtief „Sabine“, verweht werden.

Infanteristen im Häuserkampf

Zwei Soldaten stehen links und rechts neben einem geöffneten Fenster, im Haus sind andere Kameraden.

Die Soldaten der Panzerlehrbrigade 9 kämpfen sich im Barbaradorf von Haus zu Haus.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Doch der Realität des Szenarios tut dies ebenso keinen Abbruch, wie der Einsatz von Übungsmunition, mit der im Barbaradorf ausschließlich geschossen werden darf. Dies gilt auch für den Moment, als die Gruppe nach gut einer Stunde, in der Königsdisziplin der Infanteristen, den feindlichen Schützenpanzer aufklärt, seinen Standpunkt also erkundet hat. Sofort kommt das Vorgehen der Gruppe zum Erliegen, der Gruppenführer lässt die Stellungen halten und nimmt unmittelbar Verbindung zum JTAC auf, wie van der Most zufrieden in den kleinen Block notiert, der sich stürmisch zu wehren scheint. Cochrane wiederum gibt die Lageinfo und Zielkoordinaten in unverwechselbarem Dialekt an die eigenen Soldaten weiter. In diesem Falle zwar nur simuliert, vernichten eigene Mörser den Panzer und machen den Weg frei für den letzten Teil des schweißtreibenden Kampfes der Soldaten. Nach knapp zwei Stunden stehen die Fallschirmjäger keuchend vor Cochrane und van der Most. Es wird abgeklatscht, geballte Fäuste treffen aufeinander. Nach wenigen Minuten löst sich dann die Anspannung der Gruppe. Denn sowohl der kanadische JTAC als auch der deutsche Leitende sind überaus zufrieden mit dem Durchgang – auch ohne scharfe Munition und echte Luftfahrzeuge.

Anspruchsvolle Szenarien

Zwei sitzende Soldaten unterhalten sich miteinander.

Captain James Neely (l.) von den Canadian Armed Forces im Gespräch mit einem deutschen JTAC auf der Schießbahn 20. Dort steht die Kommunikation zwischen JTAC/JFST und den weit vorn eingesetzten Spähkräften im Mittelpunkt.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Auch am zweiten und dritten Übungstag hat die Witterung zur Folge, dass die Soldaten auf den fünf Schießbahnen ohne Flugzeuge auskommen müssen. Trotzdem haben Mennen und sein Team anspruchsvolle Szenarien parat. Das Wichtigste dabei: die Kommunikation. „Beim Zusammenwirken der Kräfte ist die Integration der JTAC/JFST in die Bodentruppe der schwierige Teil. Dabei wird besonders deutlich, welche Verfahren, Abläufe und Absprachen eingeübt werden müssen und wo Verbesserungsbedarf besteht“, sagt Mennen, der offenbar ob seiner Präsenz auf den Schießbahnen als Einziger auf und über dem Truppenübungsplatz Bergen eine Fluggenehmigung hat.

Dazu muss man wissen, dass die jeweiligen Distanzen zwischen den fünf Stationen der Übung mitunter bis zu 20 Kilometer und mehr betragen. Um beim beschriebenen Bild zu bleiben: Auch diese beiden Übungstage vergehen wie im Flug. Mit realistischen Lagen, Mörsern und Artillerie in Aktion, flexiblen Ausbildern und motivierten Soldaten fällt es kaum auf, dass mit den Flugzeugen die wohl wichtigsten Elemente für die Übenden erneut fehlen. Doch an Tag 4 hat Petrus sein Herz für die etwa 450 Soldaten wiederentdeckt: Bei leichter Bewölkung und einer leichten Brise stehen erstmals in dieser Woche nicht nur die Soldaten bei der morgendlichen Befehlsausgabe still, sondern auch das Gefechtszelt auf dem Gelände.

Grünes Licht für alle

Der Gesichtsausdruck von Mennen beantwortet die unausgesprochene Frage, ob sich außer den Wolken heute endlich auch etwas anderes am Himmel bewegt: „Ja, wir haben grünes Licht. Für sämtliche Schießbahnen sind die angeforderten Luftfahrzeuge bereits unterwegs.“ Nun steigt das Adrenalin. Mennen zeigt auf seiner Smartphone-App die Routen der Flugzeuge, die allesamt nur ein Ziel haben: den Truppenübungsplatz Bergen und die fünf Schießbahnen der Übung Stoneage. Ein bisschen wirkt es, als ob der multinationale Tross von Heer und Luftwaffe nun endlich die Belohnung für die ersten drei Tage motivierten Einsatzes unter widrigsten Bedingungen erhält.

Intensiver Kampf mit Luftunterstützung

Mehrere Soldaten befinden sich auf der Schießbahn in einer erhöhten Stellung. Sie sichern, beobachten und kommunizieren.

Beim Gefechtsschießen auf der Schießbahn treffen die Panzergrenadiere auf starken Widerstand und benötigen Steilfeuerunterstützung. Die JTAC (mit Rucksäcken) fordern Artillerie an und diese vernichtet anschließend den Feind.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Auf der Schießbahn 1A soll das Zusammenwirken mit mechanisierten Kräften und natürlich den Soldaten der JTAC/JFST eingeübt werden. Mehrere Transportpanzer Fuchs rücken in den ersten Teil des Geländes vor, um die vor ihnen liegende Ortschaft einzunehmen. Bereits zu Beginn des Durchgangs treffen die Soldaten auf einen Feind, der sich sowohl in befestigten Stellungen als auch in Häusern befindet. Und sofort gewinnt das Rennen im wahrsten Sinne Geschwindigkeit. Während die Besatzungen aus dem hinteren Teil der Transportpanzer springen, sich sofort sichern und Gefechtsbereitschaft herstellen, rattern aus den Bordmaschinengewehren Leuchtspursalven in Richtung der Häuser und Feindstellungen. Ermisch vom Leitungsteam ist ganz dicht dran an den Frauen und Männern, bewertet deren Verhalten und gibt Anweisungen an die JTAC-Instructoren und stimmt mit Mennen den weiteren Ablauf ab.

Endlich ein Düsenjet am Himmel

Ein deutsches Kampfflugzeug mit zwei Piloten fliegt über Bergen.

Bei der Übung Stoneage durften am vierten Tag endlich die Flugzeuge starten, hier ein Alpha Jet über der Schießbahn.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Derweil das Feuergefecht in vollem Gange ist, lässt ein lautes und lang ersehntes Geräusch eines Düsenjets zumindest einige der Soldaten auf der 1A aufhorchen und den Blick gen Himmel schweifen: In etwa 1.200 Meter Höhe nähert sich ein Alpha Jet und beginnt, seine Kreise über der Schießbahn zu ziehen. Ermisch lässt nun die Lage einspielen, dass zusätzlich zum ohnehin starken Widerstand des Feindes gepanzerte Kräfte aus Norden kurz davor sind, die feindlichen Stellungen zu erreichen. Für Panzerfaust und Granatpistole sind die mechanisierten Kräfte zwar zu weit weg, doch der Führer der eigenen Bodentruppen hat sich bereits mit dem JFST abgestimmt: Sofort leistet die Artillerie Steilfeuerunterstützung, die etwa drei Kilometer entfernt mit ihren Panzerhaubitzen 2000 in Stellung ist. Nun schauen Ermisch und seine Instructoren nicht nur genau hin, sondern hören insbesondere den Funk und dortige Absprachen ab.

Hochkomplex und anspruchsvoll

Mehrere Soldaten hocken eng beieinander und kommunizieren mit Funkgeräten, die sich in ihren Rücksäcken befinden.

Während die Infanterie sich im intensiven Feuergefecht befindet, sorgen die multinationalen JTAC-/JFST-Teams, hier deutsche und ungarische Soldaten, für Steilfeuerunterstützung durch die Panzerhaubitze 2000.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Und wenige Augenblicke später hallen dumpfe Abschussgeräusche über die Bahn. Immer wieder. Etwa 20 Sekunden später schlagen die 155-Millimeter-Geschosse genau dort ein, wo die feindlichen gepanzerten Kräfte stehen. Während dieser hochintensiven Phase des laufenden Gefechtes wird deutlich, wie komplex die Prozesse zwischen Bodentruppe und JTAC/JFST sowie den entsprechenden Unterstützungstruppen sind. Und wie anspruchsvoll. Doch genau darum geht es ja, die Integration der JTAC/JFST unter realistischen Bedingungen und mit scharfer Munition. Ermisch lässt sich noch von der verantwortlichen JTAC-Instructorin erläutern, warum sie nicht ganz zufrieden ist: „Arti dauert länger, verdammt nochmal. Der soll jetzt durch den Flieger diese verfluchten beiden Hartziele vernichten.“ Ein kurzes Kopfnicken und bestätigendes Lächeln von Ermisch in Richtung Instructorin und dann wird der Durchgang beendet.

Auswertung des Durchgangs

In der Nähe des bekannten Gefechtszeltes von Mennen und Ermisch sammeln sich die Frauen und Männer und erhalten das Ergebnis des Durchgangs, das wenig überraschend sehr gut ausfällt. Und passend zum Wetter sowie Ergebnis des ersten Durchgangs mit Steilfeuer- und Luftunterstützung präsentieren die Männer vom Luftwaffenverbindungskommando wenig später ein echtes Highlight: Auf der Schießbahn 5B wird der multinationale Tross der JTAC/JFST in Kürze erfahren, wie es aussieht und sich aus sicherer Entfernung anfühlt, wenn eine 1.000-Pfund-Bombe, ein Sprengrohr und eine Sprengleiter explodieren. Auf diese Weise werden Minenfelder freigesprengt.

„Die Lernkurve zeigt nach oben“

Blick von oben: Etwa 50 Soldatinnen und Soldaten stehen im großen Halbkreis um einen Soldaten, der zu ihnen spricht.

Auf der Schießbahn findet die Sprengung einer 1.000-Pfund-Bombe statt. Der Gesamtleitende, Oberstleutnant Christian Mennen (vorn M.), erläutert den JTAC den Ablauf.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel

Die Feuerwerker haben bei der Vorbereitung der großen Bombe darauf geachtet, sie genauso zu platzieren, wie das Geschoss nach Abwurf aus einem Flugzeug in den Boden einschlagen würde. Gespannte Stille auf der Bahn, per Lautsprecher wird heruntergezählt: „Five, four …“, und dann folgt kurz nach der optischen Entfaltung der dumpfe Schlag der Explosion. Gut, dass alle Gehörschutz tragen. Während das Sprengrohr kurz danach, ebenfalls wie geplant, detoniert und die Sprengleiter aus ihrer Abschussvorrichtung herauskatapultiert wird, bleibt die dann eigentlich folgende Explosion aus. „Nicht zu ändern“, sagt Mennen, und gibt noch schnell ein paar Interviews vor laufenden Kameras: „Wir sind trotz der auch für unsere Verhältnisse und Erfahrungswerte widrigsten Witterung mit den ersten Tagen überaus zufrieden. Durch Simulationen und komplexe Lagen konnten wir viele Erkenntnisse gewinnen und die Lernkurve zeigt steil nach oben.“

Feuer und Rauch steigt nach der Sprengung einer Bombe auf einem Übungsplatz auf.

Auf der Schießbahn wird eine 1.000-Pfund-Bombe gesprengt.

Bundeswehr/Geoffrey Thiel


von Nicolai Ulbrich

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