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Internationales Extra: Offizierausbildung in Frankreich

Internationales Extra: Offizierausbildung in Frankreich

  • Multinationalität
  • Heer
Datum:
Ort:
Saint-Cyr-l’École
Lesedauer:
10 MIN

Sie sprechen fließend Französisch, haben den tropischen Regenwald überlebt und sind Absolventen einer Eliteuniversität – Offiziere des Deutschen Heeres in französischer Offizierausbildung. Schon seit 15 Jahren wechseln ausgewählte deutsche Offizieranwärter als Studenten für fünf Jahre auf die andere Seite des Rheins in das Land der Gourmets. Das schauen wir uns genauer an.

Deutsche und französische Soldaten stehen im Dienstanzug auf einem Appellplatz.

Auf dem Appellplatz des Eurocorps in Strasbourg sind die Absolventen des wechselseitigen Offizieraustausches zwischen Deutschland und Frankreich angetreten.

Bundeswehr/Marco Dorow

Noch eine Stunde bis Mitternacht. Der Tag war mal wieder lang. Am Lycée Militaire de Saint-Cyr im französischen Ort Saint-Cyr-l'École, 30 Kilometer westlich von Paris, brennt noch Licht. Es ist Freitag, wie jeden Abend sitzen die zukünftigen Offiziere des französischen Heeres an ihren Schreibtischen und versuchen, den Lernstoff des Tages nachzuarbeiten und sich gleichzeitig auf die wöchentliche Samstagsprüfung vorzubereiten. Unter ihnen ist auch Offizieranwärter Fähnrich Nicolas Brasen. Als einer von zwei deutschen Soldaten hat er sich im vergangenen Jahr für die fünfjährige Offizierausbildung in Frankreich entschieden und auch qualifiziert. „Ich bin dankbar, an dem Austausch teilnehmen zu dürfen. Schon vor der Bundeswehr interessierte mich das französische Heer, dessen gewachsene Militärtradition und vor allem die Offizierlaufbahn sehr.“ Das binationale Programm wurde im Jahr 2006 ins Leben gerufen und bietet seit 2007 für die Soldatinnen und Soldaten beider Nationen eine fünfjährige Ausbildung auf höchstem Niveau. Jährlich dürfen jeweils bis zu fünf Offizieranwärter der beiden Nationen auf die andere Seite des Rheins wechseln. So bewirbt das Ausbildungskommando des Deutschen Heeres die Offizierausbildung in Frankreich als „internationales Extra in Heeresuniform“. Doch wie genau sieht dieses Extra aus?

Alles beginnt in Deutschland

Im Hintergrund steht ein schlossähnliches Gebäude in der Dämmerung, davor ist ein Appellplatz.

An der Lycée Militaire de Saint-Cyr bereiten sich zukünftige Heeresoffiziere Frankreichs auf den Concours vor. Wer diese Abschlussprüfung besteht, darf auf eine Eliteuniversität wechseln.

Bundeswehr/Nicolas Brasen

Bevor die Reise nach Frankreich angetreten werden kann, gehen zunächst alle Offizieranwärter in Deutschland für sechs Monate in die Grund- und Spezialgrundausbildung. Seit Juli 2020 findet diese erste Ausbildungsetappe nicht mehr in den Offizieranwärterbataillonen statt, sondern in den Bataillonen der jeweiligen Truppengattungen.

Vorfahrt für die Truppe: Ausbildung künftig praxisnaher

Warum es zur Neukonzeption der Offizierausbildung kam, erklärt der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Alfons Mais: „Wir haben hier die Chance, unseren Nachwuchs wieder selbst in der Truppe auszubilden, zu prägen und ihm zu erklären, was es heißt, Panzergrenadier, Aufklärer und Panzersoldat zu sein.“ Fähnrich Brasen gehört zu den ersten, die die reformierte Ausbildung durchlaufen. Als Panzermann erhält er durch das praxisnahe Training bereits früh erste Einblicke in seine Truppengattung inklusive Kampfpanzer Leopard 2. Ist das soldatische Handwerk erlernt, geht es auf den Fahnenjunkerlehrgang. Das hier zu erlangende Offizierpatent ist eine zwingende Voraussetzung für die Ausbildung in Frankreich. Steht die Eignung zum militärischen Führer, müssen nur noch die nötigen Französischkenntnisse unter Beweis gestellt werden und dann kann auch schon das Bahnticket Richtung Paris gebucht werden.

Lernen am Limit: Die 100-Stunden-Woche

Ein Soldat mit kurzem, blauem Diensthemd sitzt zwischen Kameraden in einem Hörsaal.

In den ersten beiden Jahren an der Militärschule Lycée Militaire de Saint-Cyr müssen sich die jungen Offizieranwärter in einem Grundstudium mit knapp 100-Stunden-Wochen bewähren.

Bundeswehr/Marco Dorow

In Frankreich beginnt für die jungen Kameraden eine intensive und fordernde Zeit. Zunächst heißt das zwei Jahre vollgepacktes Grundstudium, die „Classe Préparatoire“, am Lycée Militaire de Saint-Cyr mit Konzentration auf eine der drei Fachrichtungen Geistes, Natur- oder Wirtschaftswissenschaften. Eines ist hier überlebenswichtig: Lernen – Lernen – Lernen. Oberst Jörg Neureuther, Leiter der Deutschen Delegation Frankreich und verantwortlich für alle in Frankreich stationierten Soldatinnen und Soldaten, fasst die Sechs-Tage-Wochen gut zusammen: „Die ersten beiden Ausbildungsjahre in Frankreich sind mit nichts zu vergleichen, was auf einen deutschen Abiturienten mit Beginn eines Studiums zukommt. In diesen 24 Monaten sind 90- bis 100-Wochen-Stunden mit regelmäßigen mündlichen und schriftlichen Prüfungen der Standard.“

In der Regel beginnt der Tag für die Offizierschüler um 6 Uhr. Danach wird sich beim Frühstück gestärkt für die tägliche Flaggenparade auf dem Appellplatz. Von 8 bis 17 Uhr geht’s in den Unterricht, Mittagessen ist um 12 Uhr. Im Anschluss stehen für eine Stunde die mündlichen Prüfungen an. Ab 18.45 Uhr gibt es das Abendessen und danach der tägliche Endspurt, um den gesamten Stoff unter Aufsicht der Vorgesetzten nach- und wieder vorzubereiten. Die Nachtruhe beginnt ab Mitternacht. Fähnrich Kyra K. ist noch selbst frisch in dem Programm und erst seit einem Jahr in Saint-Cyr. Auch ihr wurde schnell bewusst, wie steil die Lernkurve verlaufen muss, um den Anschluss nicht zu verlieren: „Man sollte viele Informationen schnell aufnehmen können – und das immer wieder über einen langen Zeitraum. Das verlangt vor allem psychische Stärke und viel Selbstmotivation. Besonders am Anfang ist die Belastung hoch, aber man gewöhnt sich daran und ist schnell zu Dingen fähig, die man von sich selbst nicht erwartet hätte.“ Auch wenn die Freizeit knapp bemessen ist, so fällt sie doch nicht ganz weg. „Unter den Schülern entwickeln sich Freundschaften, sodass man an den Wochenenden auch mal zusammen nach Versailles oder Paris fährt und so die Kultur des Landes kennenlernt“, erzählt Brasen.

Der Concours: Das französische Maß aller Dinge

Für all diejenigen, die ihren inneren Schweinehund erfolgreich bekämpft und die den zweijährigen Anstrengungen gewachsen waren, steht am Ende ein großes Ziel: der Concours. „Der Concours bezeichnet im Allgemeinen die Aufnahmeprüfung einer Grande École, also einer Eliteuniversität in Frankreich“, erzählt Brasen. Es ist die eigentliche Hürde in dem fünfjährigen Programm. Den Concours müssen die deutschen Offizieranwärter mit Bestnote bestehen und damit beweisen, dass sie dem geforderten akademischen Niveau gerecht werden. An maximal 14 Tagen werden bis zu sechs Prüfungen geschrieben. Dabei ist es unerheblich, welche Noten in den zwei Jahren zuvor erreicht wurden. Es zählt einzig und allein die Leistung in der finalen Abschlussprüfung, um es anschließend auf die militärische Eliteuniversität Ecole Spéciale Militaire de Saint-Cyr zu schaffen. „Es gibt natürlich immer wieder Kameraden, die es nicht im ersten Anlauf schaffen. Sie müssen dann das zweite Jahr wiederholen und dürfen anschließend erneut zur Prüfung antreten. Das ist absolut keine Schande und kommt auch bei den französischen Schülern häufig vor. Es zeugt eher von einem starken Willen, wenn sich die Kameraden durchbeißen, sich nicht entmutigen lassen und es dann beim zweiten Mal gelingt“, resümiert Oberleutnant Kurt Hartmann, der in diesem Sommer bereits seine fünfjährige Ausbildung in Frankreich abschließt.

Die Eliteuniversität in der Bretagne

Ein Gruppe Soldaten in französischer Uniform sprechen auf einem Appellplatz miteinander.

Nachdem der Concours bestanden ist, geht es für die deutschen Offiziere an die militärische Eliteuniversität École Spéciale Militaire de Saint-Cyr in der Bretagne.

Bundeswehr/Marco Dorow

Ist der Concours einmal bestanden, folgt an der Eliteuniversität École Spéciale Militaire de Saint-Cyr eine dreijährige militärische und akademische Ausbildung. Die Zeit in der Bretagne lässt die deutschen Austauschoffiziere schnell die Strapazen der ersten zwei Jahre vergessen. Im Fokus steht hier zunächst die militärische Ausbildung. Anders als im Deutschen Heer werden die Soldatinnen und Soldaten innerhalb kürzester Zeit auf das Niveau eines Zugführers gebracht. Die Ausbildungsebenen Einzelschütze, Trupp- und Gruppenführer erhalten dabei vergleichsweise wenig Beachtung. Ziel ist die Ausbildung zum militärischen Führer auf höherer Ebene. „Nach dem ersten halben Jahr sind wir es bereits gewohnt, bis zu 30 Frauen und Männer zu führen. Im französischen Heer erhalten wir regelmäßig die Chance, uns in Manövern mit Soldaten aus der richtigen Truppe als Zugführer zu beweisen. Hier lernt jeder, nicht nur einen Zug zu führen, sondern auch Mörserschläge zu leiten oder mit Hubschrauberbesatzungen zusammenzuarbeiten. In der Tat fühle ich mich, wo ich jetzt kurz vor dem Abschluss stehe, gut gerüstet, um Verantwortung für Menschen und Material zu übernehmen“, resümiert Hartmann. Ein weiterer Höhepunkt ist das vorletzte Semester. Hier wird die Hochwertausbildung an der Universität mit einem Auslandsstudium abgerundet. Dort schreiben die Kameraden dann ihre Masterarbeit. Der große Pluspunkt: Die Studenten dürfen selbst entscheiden, wo die Reise hingeht. Die Kosten übernimmt der Dienstherr. Von New York über Dubai bis nach Sydney – fast alles ist möglich. Oberleutnant Patrick S., heute Truppführer im Aufklärungslehrbataillon 3 in Lüneburg, hatte sich damals für Peking entschieden und dafür sogar vorab in seiner Freizeit zusätzlich Chinesisch-Unterricht genommen: „Die Uni hatte es mir tatsächlich ermöglicht, für meine Masterarbeit drei Monate nach China zu gehen. Dort konnte ich zu meinem Thema Chinesische Städte an der Seidenstraße für die Mastarbeit recherchieren und gleichzeitig einen Einblick in die chinesische Armee erhalten. Eine unvergessliche Zeit.“

Alleinstellungsmerkmal Tradition

Mehrere französische und ein deutscher Soldat stehen mit Waffe an der Brust vor einem Gebäude im Stillgestanden.

Das Selbstverständnis des französischen Offiziers wurzelt in der langen Tradition seiner Armee und ist ein wichtiger Teil der Ausbildung zum militärischen Führer.

Forces armées françaises/Armée de Terre

Während der Zeit an der Militärakademie lernen sich die Soldatinnen und Soldaten beider Nationen kennen und wachsen zusammen. Neben verschiedenen Praktika in französischen Regimentern, gemeinsamen Übungen im In- und Ausland sowie anspruchsvollen Lehrgängen, legt das französische Militär ein besonderes Augenmerk auf die eigene Tradition. Das Selbstverständnis des französischen Offiziers wurzelt in der langen Tradition seiner Armee und ist ein wichtiger Teil der Ausbildung zum militärischen Führer. Das bestätigt auch Oberst Neureuther: „Ein Alleinstellungsmerkmal der Ausbildung in Frankreich ist ein gänzlich anders ausgeprägtes Traditionsverständnis, das ungebrochen bis in die Zeit der Französischen Revolution zurückreicht.“ Die Besonderheit der Traditionsvermittlung erfährt auch Fähnrich Brasen im täglichen Dienst: „Militärische Tradition hat hier einen ganz anderen Stellenwert als in der Bundeswehr und sie wird hier auch viel intensiver und passionierter von den Offizieren gepflegt.“ Der Stolz auf die eigene Geschichte gipfelt jährlich bei der Militärparade in Paris auf der Champs Elysée am 14. Juli, dem Nationalfeiertag in Frankreich. Hier dürfen die deutschen Offiziere in ihrer französischen Paradeuniform im Abschlussjahr der Militärakademie teilnehmen. Gefeiert werden der Sturm auf die Bastille 1789 und die im Zuge der Französischen Revolution 1791 in Kraft gesetzte erste bürgerliche Verfassung und der darin enthaltene Wahlspruch „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, der bis heute immer wieder öffentlich zitiert wird.

Von der Normandie in den Dschungel

Auf einer Wiese vor der Inselburg Mont Saint-Michel landet ein Soldat mit Fallschirm.

Ein Highlight im deutsch-französischen Offizieraustausch: Das Fallschirmspringen über der Insel Mont Saint-Michel in der Normandie.

Forces armées françaises/Armée de Terre

„Wer ein besserer militärischer Führer werden will, wird in der praktischen und harten Ausbildung aufgehen“, resümiert Leutnant Seitz, der bereits das erste Jahr an der École Spéciale Militaire hinter sich hat. Das komplexe und professionelle Training lohnt sich. Insbesondere die anspruchsvollen Lehrgänge sind absolute Highlights für jeden deutschen Austauschoffizier. Vom Fallschirmspringen in der Normandie über Gebirgskampftraining in den französischen Alpen bis zum Überleben im Dschungel Französisch-Guyanas – die Vielfalt und Qualität der Lehrgänge sucht ihresgleichen. „Insbesondere das Überlebenstraining in Französisch-Guyana bleibt mir in guter Erinnerung“, erzählt Oberleutnant Hartmann und fährt fort: „An insgesamt zwölf Tagen wurden wir im Regenwald von Fremdenlegionären ausgebildet, um zu lernen, in dieser exotischen Umgebung zu überleben. Dort bin ich nicht nur an meine Grenzen gekommen, sondern habe auch viel über die Natur dort und über mich selbst gelernt. Eine Zeit, die ich nie vergessen werde.“ Ob Floße bauen, Nahrung finden oder sich hüfthoch im Schlamm durch den Dschungel kämpfen – im Regenwald bestehen nur Willensstarke. Für Oberst Gregor Engels, Leiter des Hauptverbindungsstabes Frankreich, sind die Lehrgänge ein Paradebeispiel für das fordernde und vielfältige Training der französischen Offiziere: „Hier wird nicht gekleckert, sondern geklotzt, und zwar mit allen Möglichkeiten, die ein weltweit aufgestelltes Heer hat.“

Nach der Ausbildung ist vor der Ausbildung. Denn sind die fünf Jahre in Frankreich erst einmal Geschichte und das Masterstudium ist erfolgreich bestanden, geht es für die jungen militärischen Führer zurück nach Deutschland. Dort erwarten sie die eigenen Kameraden und die Ausbildung zum Zugführer in der jeweiligen Truppengattung. Das Ziel ist für alle klar: Sie wollen so schnell wie möglich im internationalen Umfeld eingesetzt werden und von ihren Erfahrungen in Frankreich profitieren.

Ein Resümee

Ein mit Schlamm bedeckter Soldat trägt im Dschungel den Holzstamm einer Trage auf der linken Schulter.

Ein Highlight des deutsch-französischen Offizieraustausches: das Überlebenstraining im Regenwald von Französisch-Guyana

Forces armées françaises/Armée de Terre

Die Offizierausbildung im französischen Heer ist für die deutschen Kameraden Wagnis und Chance zugleich. „Für die Ausbildung in Frankreich braucht man Willen und Beharrlichkeit. Aber die Anstrengung ist es wert und die gesammelten Erfahrungen sind unbezahlbar“, fasst Oberleutnant Moritz im persönlichen Rückblick zusammen. In der Tat, ohne gute Französischkenntnisse, sportliche Fitness und die intrinsische Motivation, ständig auf hohem Niveau Leistung zu bringen, ist der Trip auf der anderen Seite des Rheins schnell vorbei. Doch ist der Durchhaltewille stark genug und stärker als die Verlockung aufzugeben, dann sind die fünf Jahre eine Zeit, die Charakter, Geist und Körper stählt. „Die persönliche Entwicklung, die ich hier erfahren habe, ist außergewöhnlich und kann mir keiner mehr nehmen. Ich bin dankbar für jeden Tag“, so ein ehemaliger Absolvent. Ob auf militärischer, akademischer oder kultureller Ebene – aus Fremden sind Kameraden geworden, aus Kameradschaft sind Freundschaften gewachsen. Freundschaften, die zukünftig in der bilateralen Zusammenarbeit weitere Früchte tragen werden. Den Nutzen des deutsch-französischen Programmes hat auch Oberst Engels klar vor Augen: „Beziehungen zwischen Staaten und deren Streitkräften werden durch Menschen geprägt. Und internationale Austausche wie dieser sind die Basis und das Elixier für den Ausbau unserer Beziehungen und auch ein wesentlicher Beitrag für die Völkerverständigung mit Vorbildfunktion für die voranschreitende Globalisierung.“ Eins ist klar: Das seit 15 Jahren erfolgreiche Programm ist beispielgebend für die langjährige Verbundenheit beider Heere und wird zukünftig als „internationales Extra“ ein Symbol für die deutsch-französische Freundschaft bleiben. 

von Maximilian Kohl

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