Heer

Luftbeweglichkeit bedeutet höchste Mobilität

Luftbeweglichkeit bedeutet höchste Mobilität

  • Einsatzvorbereitung
  • Heer
Datum:
Ort:
Celle-Wietzenbruch
Lesedauer:
5 MIN

Ab April 2022 übernimmt das Gebirgsjägerbataillon 233 wichtige Aufgaben bei den Stabilisierung- und Trainingsmissionen MINUSMAUnited Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali und EUTMEuropean Union Training Mission in Mali. Lange vorher bereiten sich die Soldaten auf ihren Auftrag vor – auch im Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit in Celle.

Soldaten verlassen nacheinander einen Hubschrauber, der gerade auf einem Feld gelandet ist.

Vorbereitung auf den Einsatz in Mali: Die Soldatinnen und Soldaten verschiedener Verbände trainieren gemeinsam unterschiedliche luftbewegliche Operationen.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Die Soldatinnen und Soldaten des Verbandes sind im kommenden Jahr der Leitverband für die Intelligence Surveillance and Reconnaissance Task Force (ISRIntelligence, Surveillance and Reconnaissance TF, dt.: Einsatzverband für nachrichtendienstliche Überwachung und Aufklärung) bei MINUSMAUnited Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali der Vereinten Nationen. Allgemein ist für MINUSMAUnited Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali Einzelpersonal des deutschen Einsatzkontingents im UNUnited Nations-Hauptquartier in der Hauptstadt Bamako eingesetzt, der Großteil ist indes im nordostmalischen Gao stationiert. Die Soldaten übernehmen vielfältige Aufgaben, unter anderem in den Bereichen Führung, zivil-militärische Zusammenarbeit, Beobachtung, Beratung, Feldlagerschutz und Raumüberwachung. Zudem stellt das Bataillon ab 2022 Soldaten für die Trainingsmission EUTMEuropean Union Training Mission (European Union Training Mission). Damit unterstützt die EU die malische Regierung bei der Ausbildung der eigenen Streitkräfte. Sie sollen dann wiederum selbst Verantwortung für die Sicherheit des Landes übernehmen. Mali gilt als Rückzugsort für islamistische Kämpfer.

Verwundetenrettung per Hubschrauber

Eine Rettungssanitäterin und fünf Soldaten fassen sich hintereinander an der Schulter und laufen auf einen Hubschrauber zu.

Flugmedizinisches Personal leitet den Transport Verletzter zum Hubschrauber.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Langsam rollt der Konvoi durch die staubige Landschaft, Fahrzeug folgt auf Fahrzeug. Soldaten überwachen den Marschweg, lange bleibt alles ruhig. Doch trotz aller Aufmerksamkeit kann es passieren, dass eine improvisierte Sprengladung entlang des Weges ausgelöst wird, dass Menschen verwundet und Fahrzeuge zerstört werden. Im Verwundungsfall ist es hier in der Sahelzone nicht immer einfach, die notfallmedizinisch entscheidende „Golden Hour“ einzuhalten, also die Zeit bis sich ein Arzt der Behandlung in einer Notfallstation oder einem Krankenhaus des Verwundeten annimmt. Die Entfernung zwischen Bamako und Gao entspricht in etwa der zwischen Rostock und Verona, die von Gao ins nigerianische Niamey, wo das deutsche Einsatzkontingent einen Lufttransportstützpunkt für Material- und Personaltransporte und die Verwundetenversorgung unterhält, entspricht immer noch der von Rostock nach Göttingen – unter Einsatzbedingungen. Daher sind im Einsatzland Mali, insbesondere im Verwundungsfall, andere Dinge wichtiger als im sicheren Umfeld des Heimatlandes mit der ausgebauten Infrastruktur. In intensiven Sanitätslagen üben die Soldaten nicht nur, wie sie einen Kameraden notfallmedizinisch stabilisieren und versorgen, sondern vor allem auch, wie angesichts der weiten Entfernungen schnell Hilfe angefordert werden kann – und zwar aus der Luft.

Was ist Kohäsionsausbildung?

Ein Soldat steht auf einer Wiese und hält eine signalgrüne Tafel hoch. Vor ihm landet gleich ein Hubschrauber.

Mit einem Panel, einer farbigen Tafel, markieren die Soldaten die Landezone.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Die Zusammenarbeit mit Luftfahrzeugen ist wegen des multinationalen Umfeldes nicht ganz einfach, denn für Hubschrauber sind andere Dinge wichtig als für Kräfte am Boden. Um die eigenen Soldaten als luftbewegliche schnelle Eingreiftruppe zu befähigen, braucht es Zeit, Expertise und intensive Übung. Damit unterstützt das Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit die Gebirgsjäger bei ihrer Einsatzvorbereitung.

Gemeinsam mit dem Führungspersonal der 3. und 4. Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 233 üben auch Soldaten des Gebirgspionierbataillons 8 sowie des Objektschutzregiments der Luftwaffe am Standort Celle. „Wir haben hier Kräfte aus unterschiedlichen Verbänden, die sich in der gemeinsamen Einsatzvorbereitung bereits aufeinander abstimmen. Das bezeichnen wir als Kohäsionsausbildung“, erklärt Oberstleutnant Sven Schuster, der Leitende des Übungsdurchgangs. „Für die meisten Kräfte hier sind luftbewegliche Operationen zudem entweder eine Erstausbildung oder der Ausbildungsstand ist pandemiebedingt sehr uneinheitlich. Besonderes Augenmerk legen wir auf die Zusammenarbeit mit den Luftfahrzeugen, für die Forward Air MedEvacMedical Evacuation (Verwundetenrettung aus der Luft) und die Close Combat Attack (CCA).“ CCA ist ein Standardverfahren für die Luftunterstützung durch Kampfhubschrauber.

Das Einsatzland am Computer

Zwei Soldaten mit Kopfhörern sitzen nebeneinander an einem Tisch, einer schreibt, vor ihnen Rechner und Bildschirm.

Bei der simulationsgestützten Ausbildung können taktische Verfahren angewandt und gefestigt werden.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Dementsprechend umfangreich sind die theoretischen Ausbildungsinhalte in Celle dann auch. In der ersten Woche geht es im Wesentlichen um die Grundlagen: Die Soldaten lernen, wie Besatzungen verschiedener Hubschrauber zusammenarbeiten, wie die Abläufe beim Boarding und Deboarding sind, wie sie sich im Luftfahrzeug zu verhalten haben, wie Landezonen erkundet werden und wie man, einmal dort angekommen, taktisch vorgeht. Immer wieder werden Landezonenupdates und Anforderungen für die Evakuierung Verwundeter und zur Koordination von Unterstützung durch Kampfhubschrauber erst einzeln und dann in unterschiedlichen Lagen durchgesprochen.

Wieder und wieder werden diese Verfahren auch in der simulationsgestützten Ausbildung geübt und angewendet. Im Simulationssystem „Virtual Battle Space 3“ (VBS3) können sowohl geospezifische als auch geotypische, das heißt dem Einsatzland nachempfundene Umgebungen, dargestellt werden. Dabei hat jeder Soldat genau die Rolle inne, die er in späteren Übungsphasen und auch im Einsatz real erfüllt. „Von der Befehlsgebung über Einzelaufträge bis hin zu deren individueller Umsetzung können hier alle Abläufe und Szenarien ohne körperliche Belastung, tageszeit- und wetterunabhängig und ohne Einsatz realer Luftfahrzeuge erprobt und perfektioniert werden“, verdeutlicht Oberstleutnant Schuster den Nutzen dieses Ausbildungsschrittes.

Gefechtsübung mit taktischen Kurzlagen

Hinter Absperrbändern stehen, sitzen und liegen Soldaten in einer Halle auf Betonboden.

Alles ist im Hubschrauber verladen, gleich geht es los. Die Soldaten warten in einer Luftfahrzeughalle auf den Start des Trainings.

Bundeswehr/Andrea Neuer

In der zweiten Woche liegt der Schwerpunkt auf der direkten Zusammenarbeit mit den Hubschraubern. Nachdem die Grundlagen der Zusammenarbeit im sogenannten Cold Load, also an der stehenden Maschine, durchgespielt sind, fordert der Hot Load mit schnellen Landezonenwechseln bereits taktisches Verhalten im und am schnell startenden und landenden Luftfahrzeug ab. Zum Abschluss der Woche geht es in eine Gefechtsübung mit mehreren, räumlich getrennten, taktischen Kurzlagen.

Zuerst müssen die Soldaten nach einer Anlandung mit Hubschraubern eine vermutete Raketenabschussrampe aufspüren und im Anschluss eine Landezone erkunden, die dann auch direkt für den Flug in den nächsten Raum genutzt wird. Dann sammeln sie auf einem nahegelegenen Flugfeld Informationen über die Lage und mögliche Gefahren (Gesprächsaufklärung) und erkunden erneut eine Landezone. Nach Anlandung im nächsten Raum gilt es dann, eine Brücke, als sensiblen Geländepunkt, auf Gangbarkeit zu prüfen und Verbindung zu UNUnited Nations-Kräften im dazugehörigen Schalthaus aufzunehmen. Dort kommt es noch vor der geplanten Gesprächsaufklärung zu einem technischen Unfall: Nach einer „Generatorexplosion“ gibt es unter den Mitarbeitern Verletzte, sodass die Soldaten nach einer Erstversorgung die Meldeverfahren für eine medizinische Evakuierung der Mitarbeiter möglichst schnell und sicher anwenden müssen.

Es könnte Realität werden

Mit Waffen im Anschlag laufen vier Soldaten durch betonierte Gänge einer Raumkampfanlage.

Raum für Raum gewinnen die Soldaten das Brückenschalthaus.

Bundeswehr/Andrea Neuer

„Wir haben hier exemplarisch verschiedene Lagen trainiert, die jederzeit Teil der Einsatzrealität werden können. Die Soldaten haben sich hoch motiviert gezeigt und sich in diesen zwei Wochen viele Inhalte angeeignet“, fasst Schuster zusammen. „Dabei lag unser Schwerpunkt natürlich auf der Zusammenarbeit mit den Luftfahrzeugen und deren Besatzungen. Die Soldaten müssen im Ernstfall als luftbewegliche schnelle Eingreiftruppe eingesetzt werden können. Mit den nun vermittelten Grundlagen zum Thema Luftbeweglichkeit können sie im Einsatz als Multiplikatoren, für die ihnen unterstellten Soldaten handeln. Dafür wünsche ich Ihnen alles Gute und viel Soldatenglück im Einsatz!“

von Andrea Neuer

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