Heer

Sprung ins Eiswasser: Panzergrenadiere im Winterkampf

Sprung ins Eiswasser: Panzergrenadiere im Winterkampf

  • Ausbildung
  • Heer
Datum:
Ort:
Norwegen
Lesedauer:
7 MIN

Zwei Wochen lang wird der Aufklärungs- und Verbindungszug des Panzergrenadierbataillons 33 von norwegischen NATONorth Atlantic Treaty Organization-Verbündeten und Kameraden der Schnellen Eingreiftruppe der NATONorth Atlantic Treaty Organization im Winterkampf ausgebildet. Wie überlebt man mehrere Nächte lang bei minus 17 Grad in anderthalb Meter tiefem Schnee und das auf einem Berg 200 Kilometer nördlich von Oslo?

Zwei Soldaten stehen auf einem zugefrorenen See und sichern einen Soldaten mit einem Seil, der in ein Wasserloch springt.

Wie verhalte ich mich, wenn ich in ein zugefrorenes Gewässer einbreche? Das lernen Panzergrenadiere im Norden Norwegens.

Bundeswehr/Christopher Heinisch

Der Tag beginnt mit einer langen Fahrt zum Ausbildungsort über den riesigen Übungsplatz im norwegischen Rena, bis das erste Fahrzeug fast vom schmalen Weg abkommt. Auf dem zentimeterdicken Eis, mit dem der hügelige Weg überzogen ist, gibt es erstmal kein Vorankommen. Aussteigen, Schneeketten aufziehen. Die Straße endet an einem ausgedehnten See, der unter einer 40 Zentimeter dicken Eisschicht liegt. Auf der Mitte des Sees stehen zwei norwegische Soldaten. Die Ausrüstung wird kurz vorbereitet. Und dann betreten auch schon alle Soldaten aus Deutschland das Eis. Thema der Ausbildung: Breaking through the ice, das Einbrechen in ein zugefrorenes Gewässer. Denn unter dickem Schnee weiß man nie genau, wie die Boden tatsächlich aussieht. Nun stehen die Soldaten des Zuges vor dem tiefschwarzen Wasserloch.

Alles gefriert schnell

Es wird nur wenig erklärt, aber dafür gibt es eine Vorführung. Zunächst wie man es richtig macht und dann wie es besser nicht macht wird. Danach sind auch schon die Soldaten aus Neustadt am Rübenberge an der Reihe. Der Zugführer vorweg und alle anderen einzeln hinterher verschwinden mit einem Sprung für eine Sekunde im Wasser, klettern wieder heraus und rennen klitschnass im Laufschritt zurück an Land zur Ausrüstung. Wichtig ist, schnell die Reißverschlüsse zu öffnen, bevor sie festfrieren. Denn bis man bei der Ausrüstung ist, ist die Kleidung schon steif gefroren. Die erste beruhigende Erkenntnis für die Soldaten aus der norddeutschen Tiefebene: „Letztlich ist es auch nur kaltes Wasser. Gut, sehr kaltes“, wie einer der Soldaten bemerkt. Spätestens wenn der festgefrorene Anzug vom Boden gelöst ist, sind alle wieder warm und trocken in ihrer Wechseluniform.

Bündnisverteidigung an der Nordflanke

Eine Gruppe von Soldaten steht auf einer verschneiten Waldschneise beieinander. Ein Soldat steht vor ihnen und spricht.

Die deutschen Soldaten werden durch norwegische Soldaten des Telemark-Bataillons ausgebildet.

Bundeswehr/Christopher Heinisch

Die Soldaten des Aufklärungs- und Verbindungszuges des Panzergrenadierbataillons 33, die Augen und Ohren des Bataillonskommandeurs, sind für zwei Wochen zur Ausbildung mit dem Scharfschützenzug und dem gepanzerten Aufklärungszug des Telemark-Bataillons in Rena. Norwegen ist mit seinen natürlichen Bedingungen von 0 bis minus 20 Grad, meterhohem Schnee, Gebirgen und Wäldern ein idealer Ausbildungsort. Außerdem gelten die Soldaten des norwegischen Telemark-Bataillons in der NATONorth Atlantic Treaty Organization als die Profis für das Überleben im Schnee. Auch wenn die deutschen Winter der vergangenen Jahre mild waren, ist die Fähigkeit des Winterkampfes für deutsche Soldaten unverzichtbar, wenn es um die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnisverteidigung an der Nordflanke geht. Die nordöstliche Grenze der NATONorth Atlantic Treaty Organization im Baltikum gewinnt geopolitisch an Bedeutung, also müssen auch Soldaten auf harsche Winter vorbereitet sein. Früher war das angenommene Einsatzgebiet der Bundeswehr mitten in Deutschland. Für das Heer machte es das einfach: Man übte immer in dem Gelände, wo ein potenzieller Krieg erwartet wurde. Heute hat sich die Situation für die Bundeswehr verschoben. Die anzunehmenden Einsatzgebiete sind umfangreicher geworden und somit auch die Herausforderungen, die die verschiedenen Klima- und Geländebedingungen an Soldaten stellen.

Erfahrungen außerhalb der Komfortzone

Links und rechts vor dem Ausgang einer Schneehöhle liegen die Schneeschuhe der Soldaten.

In Norwegen lernen die Soldaten, stabile Schneehöhlen für eine Übernachtung zu bauen. Von außen sind sie fast nicht zu erkennen.

Bundeswehr/Christopher Heinisch

Die Ausbildungsabschnitte der ersten Woche sind vielfältig: Die Panzergrenadiere lernen in der kargen Schneelandschaft, improvisierte Unterkünfte zu bauen, eigene Spuren im Schnee zu tarnen oder Feuer zu machen. In der zweiten Woche wird das Gelernte vier Tage am Stück in der Wildnis Norwegens angewendet, sodass jeder seine eigenen Erfahrungen weit außerhalb der üblichen Komfortzone macht. Für die lange Fahrt sind nun die Schneeketten zwar aufgezogen, aber der Schneepflug fehlt. Ohne ihn ist der Weg auf den Berg, auf dem selbst die meisten norwegischen Soldaten selten unterwegs sind, nach dem Schneefall vom Wochenende unmöglich. Endlich bahnt ein Schneepflug den Weg einen steilen Pfad hinauf, bis zu dem Punkt, ab dem kein Fahrzeug des Panzergrenadierbataillons noch weiterkäme. Die norwegischen Ausbilder benutzen ab hier Schneemobile, sogenannte Ski-Doo. Die Deutschen laufen auf Schneeschuhen weiter, denn ihr erstes Ziel liegt abseits der Wege.

Marsch mit Schaufeln und Äxten

Soldaten in Schneetarn laufen mit großen Rucksäcken und Schneeschuhen hintereinander durch eine Winterlandschaft.

Marsch mit Ausrüstung: Abseits von Fahrwegen können die Panzergrenadiere nur auf Schneeschuhen ihr Ziel erreichen. Sie haben unter anderem Sägen und Äxte bei sich.

Bundeswehr/Christopher Heinisch

Bei tiefen Minusgraden geht es gruppenweise hintereinander durch den anderthalb Meter tiefen Schnee. Ohne Schneeschuhe ist ein Weiterkommen fast unmöglich. Jeder versinkt nach ein paar Schritten bis zur Hüfte im Schnee. In einer Reihe zu marschieren, macht es einfacher, zumindest für die, die hinten laufen. Die Soldaten weiter vorne schaffen einen verdichteten Pfad. Alle 50 Schritte wird deshalb durchgetauscht, die Belastung so gleichmäßig in der Gruppe verteilt.

Alles, was für die kommende Woche gebraucht wird, ist jetzt im Rucksack. Am liebsten hätten alle den Inhalt ihres halben Spinds dabei. Aber dann käme man im weichen Schnee auch mit den Schneeschuhen nicht weiter. Schließlich sind die Rucksäcke schon mit der dicken Winterkleidung, Verpflegung und verschiedenster Zusatzausstattung wie Lawinenschaufeln, Lapplandmessern, Bügelsägen, Äxten, Beilen und einem kleinen Benzinkocher gut gefüllt. „Man muss sich auf zwei Kleidungssets beschränken, eins zum Arbeiten im Schnee und ein trockenes zum Ruhen. Wenn es dann nach dem Ruhen weitergeht, muss man die nassen Sachen wieder anziehen, auch wenn es unangenehm ist“, erklärt ein norwegischer Ausbilder. Aber wenigstens müssen die Soldaten keine großen Mengen Wasser mitführen, wie sie es von Zuhause kennen, denn Schnee gibt es genug. Hat man auf dem Marsch mal keine Zeit, den Brenner herauszuholen, muss die Körperwärme reichen. Die Soldaten tragen dazu ihre Blechfeldflaschen in einer aufgeschnittenen Socke um den Hals, sodass die Körperwärme ausreicht, kleine Mengen Schnee darin zu schmelzen und flüssig zu halten.

Vom Wald in den Whiteout

Zwischen Bäumen sind im Quadrat Holzstämme aufgestapelt. Als Windschutz dient eine Schräge aus Ästen.

Sind genug Holz und Zweige vorhanden, bauen die Soldaten Zwei-Mann-Verstecke zum Kochen und Schlafen, nah am Boden und gut getarnt.

Bundeswehr/Christopher Heinisch

Am Ziel angekommen heißt es Aufgaben aufteilen: Wasser kochen, Schneeausheben für eine Behausung und Bäume fällen. Jede Gruppe fällt jeden Tag einige Bäume. Sie liefern Baumaterial für ein Dach, Feuerholz und Reisig als Untergrund zum Schlafen. Am Ende des dritten Tages zeigt sich ein norwegischer Ausbilder überrascht: „Normalerweise hat zu dem Zeitpunkt wegen der Erschöpfung und Kälte immer einer eine Schnittwunde an der Hand oder eine Axt im Knie.“ Solche Verletzungen bleiben zum Glück die ganze Woche über aus.

Am selben Tag geht es auf die letzte Etappe, hinauf zum Gipfel. Dort ist es das einfachste, sich komplett in den Schnee einzugraben. Er ist leicht angefroren und verdichtet. Dadurch hält der Schnee, auch wenn er ausgehöhlt wird. Genug Bäume für eine andere Behausung gibt es hier nicht mehr. Erstmal müssen die Gruppen aber dorthin gelangen. Der Marsch beginnt ruhig. Aber je höher die Soldaten kommen, umso schlechter wird die Sicht. Der Schneefall setzt ein und der Wind nimmt zu. Es dauert nicht lange und es herrscht Whiteout. Das bedeutet: Der Boden ist weiß, der Himmel ist weiß, Windböen verwirbeln unablässig den Schnee, Fernsicht 50 Meter. Verständigen können sich die Soldaten nur noch schreiend. Der Kompass führt die Gruppen trotzdem ans Ziel.

Kampfkraft lässt nicht nach

Ein Soldat in Schneetarn steht in einer weitläufigen Schneehöhle.

Es dauert ein paar Stunden, eine stabile, große Schneehöhle für Übernachtungen zu bauen. Denn die Soldaten müssen dafür eine Menge Schnee beiseiteschaffen.

Bundeswehr/Christopher Heinisch

Die letzte Aufgabe für den Rest des Tages lautet: Bau einer Schneehöhle für bis zu acht Mann. Das dauert. Schließlich wird der Weg, um den Schnee nach draußen zu befördern, immer länger, je tiefer man sich in dem Berg hineinschaufelt. Der Schnee unter der Oberfläche ist sehr viel fester als erwartet, aber dafür merkt man nach dem ersten Meter seine isolierende Wirkung. Die Außenwelt ist nicht zu hören und es ist sofort windstill, der Temperaturunterschied deutlich. Die kleinen Eingänge der Schneehöhlen sind aus der Distanz nicht mehr zu erkennen, die perfekte Tarnung.

Am nächsten Morgen ist der deutsche Zugführer überrascht: „Ich hätte nicht gedacht, dass die Kampfkraft der Soldaten so wenig leidet. Wenn man sich an die Regeln zum Schutz vor der Kälte hält, nimmt die Einsatzbereitschaft der Soldaten auch nicht viel mehr ab als nach einer Woche in einem deutschen Wald.“ Beim Verlassen der Schneehöhle gibt es eine kleine Überraschung: Der Sturm hat sich gelegt, die Sonne scheint und die Soldaten können kilometerweit über die schneebedeckten, norwegischen Täler und Berge schauen. Damit kann der Zug bei bestem Wetter den Marsch zurück zu den Fahrzeugen antreten.

Vom Bündnispartner lernen

Ein Soldat mit Marschgepäck steht im Vordergrund, vor ihm erstreckt sich eine tiefverschneite Gebirgslandschaft.

Nach der Ausbildung und dem Whiteout können die Soldaten manchmal auch einfach die wunderbare Winterlandschaft Nordnorwegens genießen.

Bundeswehr/Christopher Heinisch

„Solche Ausbildungen sind eine enorme Bereicherung. Diese Möglichkeiten findet man in Deutschland in aller Regel einfach nicht“, fasst der Zugführer des Aufklärungs- und Verbindungszuges zusammen. So lernten die Soldaten, wie sie in einer fremden Umwelt ihren Auftrag erfüllen können. Für die Norweger ist es ebenfalls eine interessante Erfahrung. „Es ist immer spannend zu sehen, wie die Soldaten anderer Länder und mit anderer Ausrüstung die Herausforderungen angehen“, sagt der norwegische Scharfschützenzugführer. Ein solches Training ist auch gleichzeitig immer eine willkommene Gelegenheit, die Zusammenarbeit mit den Bündnispartnern zu üben. Je extremer die Situation sei, umso schneller sieht man, wie die anderen ticken. „Es ist eine tolle Zusammenarbeit mit den Norwegern, die eine ganz andere, sehr professionelle und pragmatische Herangehensweise haben“, resümiert Gruppenführer, Hauptfeldwebel Peter Werbik.

von Christopher Heinisch

Mehr zum Thema