Luftwaffe

Deutsche Jägerleitoffiziere bei Blue Flag 2021

Deutsche Jägerleitoffiziere bei Blue Flag 2021

  • Übung
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Israel
Lesedauer:
6 MIN

Dunkel ist es in dem Raum mehrere Stockwerke tief unter der Erde. Die konzentrierten Gesichter der Soldaten werden nur durch die Lichter der vor ihnen stehenden Bildschirme beleuchtet.  Ca. 30 Frauen und Männer sitzen in dem Bunker auf der Ovda Luftwaffenbasis ganz im Süden Israels. Alles israelische Einsatzführungsoffiziere. Bis auf Marcel Z. und  Matthias G., die beiden deutschen Hauptleute sitzen mittendrin und sind haut nah dabei. Hier wird die Übung Blue Flag 2021 geleitet. Hier geht es darum, den einzelnen Jets in der Luft ihre Aufgaben zu zuweisen, sie zu führen.

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Im Bunker ist wenig Platz

Amit Agronov/IAF

Ein Novum – deutsche Einsatzführungsoffiziere regeln die Übung im israelischen Luftraum

Dass die beiden deutschen Offiziere hier arbeiten dürfen ist absolut keine Selbstverständlichkeit. Ganz im Gegenteil. Der Kontrollraum ist das Herzstück einer jeden Luftwaffe. Hier werden die Taktiken besprochen, die Einsätze koordiniert. „Die Israelis lassen sprichwörtlich die Hosen runter für uns,“ erläutert Marcel Z. mit einem Lächeln auf den Lippen. Man merkt, er weiß, dass dies eine besondere Aufgabe ist. „Eine Ehre für mich, hier arbeiten zu dürfen.“ Es ist das erste Mal, das in diesem nationalen Herzstück, ausländische Controller Flugzeuge im israelischen Luftraum leiten. „Wir sind die ersten Ausländer, denen das erlaubt wurde.“ Eine Replik auf die Übung Blue Wings im letzten Jahr, als die israelischen Jets in Deutschland waren und israelische Controller Seite an Seite mit ihren deutschen Kameraden arbeiten durften.  Eine Woche vor dem Start der Übung wurde Marcel und sein Kamerad auf das israelische System eingewiesen. Alles in Hebräisch. Und daher sitzt an jeder Konsole auch ein israelischer Soldat, der die Anweisungen der Deutschen auf Hebräisch in den Computer eingibt. Die Sprache zwischen dem Jägerleitoffizier und den Piloten in der Luft ist dann aber, wie international üblich, Englisch.

Erfahrener Offizier aus Schönewalde

In Deutschland ist der Hauptmann Einsatzführungsoffizier im Einsatzführungsbereich 3 in Schönewalde. Der 42-jährige Offizier hat seine Karriere in der Feldwebellaufbahn begonnen und wechselte nach zehn Jahren in den Fachoffizier Werdegang. „Ich bin zum ersten Mal in Israel. Was mir sofort auffiel, hier ist alles näher beieinander im Übungsplay. Z.B. die simulierte Bedrohung.“ Auch, dass sein Arbeitsplatz direkt auf der Basis liegt hilft, so kann er direkt mit den Piloten mehrmals am Tag sich austauschen und besprechen. „Ein immenser Vorteil für unsere Arbeit.“

Gar nicht so einfach in dem engen Luftraum über Israel die vielen Jets zu koordinieren. „Es gilt, die mir zugewiesenen Piloten mit ihren Aufgaben Best möglich in Position zu bringen, wer früher und genauer schießt lebt länger.“

12 Stunden Tage voller Konzentration in Initial-, Mission- und Package-Briefing

Der Arbeitstag beginnt mit einem ersten Treffen, dem Initial-Briefing. In ihm stellt der Kommandeur das Ziel des Tages vor und der sogenannte Air Boss, der Schiedsrichter, legt die Sicherheits- und Spielregeln fest. Hier wird schon deutlich, welche Problemstellungen in der kommenden Übungsaufgabe eingebaut wurden. Die gilt es bis zur Zielerreichung zu überwinden.

Danach folgt dann die Missions-Planung. Hier sind alle Jet-Besatzungen und alle Jägerleitoffiziere dabei. Ziel ist es, einen Plan zu entwickeln, wie man das Ziel erreichen will.

„So ein Ziel kann z.B. sein, dass man die feindlichen Boden-Luft Raketenstellungen ausschalten will. Damit für folgende Flugzeuge es keine Bedrohung mehr gibt“, erläutert Z. Daraus resultiert dann der Missionsplan. Dieser wird dem Air Boss vorgelegt, der entscheidet, ob dieser den vorgegeben Regeln entspricht.

Damit aber nicht genug. Weiter geht es über das Mission Briefing ins Package Briefing. Vier unterschiedliche „four ships“ werden ausgeplant. So nennt man es in der Fliegersprache, wenn vier Maschinen zusammen starten und fliegen. Bis zu vier dieser Gruppen sind zeitgleich in der Luft also bis zu 16 Maschinen. „Mehr gibt der enge israelische Luftraum nicht her“, so Z.

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Eine deutsche „four ship“ bestehend aus Eurofightern

ariel peretz (relperetz)

Jede dieser Formationen besteht aus Flugzeugen einer Nation mit ein und derselben Fähigkeit. So können die ersten vier Jets z.B. spezialisiert sein, gegnerische Kampfjets zu bekämpfen, die nächsten vier sind eigens dafür da, die Boden-Luft-Raketenstellungen auszuschalten und dann können die nächsten das eigentliche Ziel angreifen.

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Aufblasbare Attrappe, ein potentielles Ziel bei der Übung

Bundeswehr/Matthias Boehnke

Die Aggressoren versuchen alles um den Plan zu durchkreuzen

Gleichzeitig sind immer bis zu sechs sogenannte Aggressoren in der Luft. „Das sind speziell dafür ausgebildete israelische Piloten mit F16, F15 und F35 Jets“, so Hauptmann Z., „die sogenannte Red Dragon Squadron.“ Sie ist die Feinddarstellung und versucht die erfolgreiche Ausführung des Missionsplanes der Übungsteilnehmer zu verhindern.

Für die Jägerleitoffiziere geht es nach der letzten Besprechung, während die Piloten zu ihren Flugzeugen gehen, in den Bunker auf der Ovda-Luftwaffenbasis. Hier werden dann alle Informationen in den Computer eingegeben. „Da helfen uns unsere israelischen Übersetzerinnen. Das sind alles Wehrpflichtige, die ihren zweieinhalb jährigen Militärdienst ableisten. Die sind top ausgebildet und hoch motiviert“, kommt der Hauptmann ins Schwärmen.  

Links neben dem Jägerleitoffizier steht der Backofficer, der die Koordination mit der Übungskontrolle, der sogenannten „White Cell“ und dem AirBoss verantwortet. „Beiden erkläre ich dann, was der Plan ist, was ich von ihnen erwarte. Mit dem Backofficer kläre ich Identifzierungsnummern, Phasen der Mission, wo bin ich im Zeitplan etc.. Denn wenn nachher es hektisch wird, der Übungsverlauf eine Wendung nimmt, dann ist so eine Absprache extrem wichtig.“

Dann geht es auch endlich los. Der Tower „Apollo ATCArms Trade Treaty“ führt die Kampfjets von deren Start bis in den Übungsluftraum. Dort werden die Flugzeuge in die Verantwortung des deutschen Jägerleitoffiziers übergeben. „Ich teile dann den Piloten noch mal eventuelle kurzfristige Änderungen mit und dann gilt es.“ Alle zwölf Kampfjets muss Hauptmann Z. im Auge behalten und deren Flugmanöver koordinieren.

Dadurch, dass die Jets unterschiedliche Aufgaben haben, übernehmen die endgültige Kampfführung zwei Controller auf unterschiedlichen Frequenzen. „Meine Aufgabe war es bei der letzten Mission, den Geleitschutz zu koordinieren. Der fliegt über den Strikern, die wiederum von einer israelischen Kameradin geleitet wurden. Ich muss die Aggressoren im Blick behalten, sehen was die machen und darauf reagieren. Ich messe die Distanzen und muss errechnen welche Waffenreichweite die haben   und versuche unsere Piloten in die bestmögliche Position zu bringen um den Gegner abschießen zu können.“

Auch hier ist der Mehrwert der Übung, dass man mit Nationen gemeinsam übt, die nicht Mitglied der NATO sind. „Wir haben in der NATO standardisierte Verfahren und Abläufe, die es uns erlauben, egal mit welchem NATO Partner wir üben, immer auf das gleiche Wissen und Verständnis zurück zu greifen.“ Mit Indien und Israel ist das anders. Das fängt bei der Sprache an, in Israel ist die Sprache der Luftraumüberwachung Hebräisch, und hört bei Einsatzverfahren auf. Die Israelis nähern sich unseren Verfahren an. Die Unterschiede sind die eigentliche Herausforderung bei dieser Übung. Und das klappt von Tag zu Tag besser.“

Jedes Wort der Einsatzführungsoffiziere aber auch der Piloten in der Mission wird aufgezeichnet. So kann später genau ausgewertet werden, was gut und was weniger gut war.

„Nach einer Mission ist jeder erst einmal K.O.“ erläutert der erfahrene Offizier. Erst kommt nach dem Flug das persönliche Debriefing. Die Piloten hören ihr eigenes Band ab und wir unseres. Kritische Eigenbetrachtung ist angesagt. „Wir sind alle unsere eigenen größten Kritiker. Wir sind ja hier um im Team aber auch jeder Einzelne besser zu werden. Und da gilt der Grundsatz: Aus Fehlern lernt man.“

Dann geht die ganze Briefing Runde rückwärts los: Package Debriefing, Mission Debriefing etc. Nur eines kommt noch hinzu, das Shoteval. Hier wird ein Video gezeigt auf dem ganz genau zu sehen ist, wer wann auf wen geschossen hat und getroffen oder eben nicht getroffen hat. Alles rein simuliert – zum Glück.

„Ruckzuck sind 12 Stunden vorbei, jetzt 12 Stunden Pause und dann geht es schon wieder in den nächsten Planungskreislauf.“ 

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Während der Übung Blue Flag 2021 sind zum ersten Mal deutsche Jägerleitoffiziere im israelischen CRC (Control and Reporting Center) tätig

Amit Agronov/IAF
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Ein simuliertes SA-8 System bei der Übung Blue Flag in der Negev Wüste

Bundeswehr/Matthias Boehnke
von Matthias Boehnke

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