Luftwaffe
Luftraumsicherheit

Die Luftwaffe und die Olympischen Spiele 1972

Die Luftwaffe und die Olympischen Spiele 1972

  • Geschichte
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
5 MIN

Völkerverbindend, frei, fröhlich und letztlich heiter sollten die Olympischen Spiele werden, die am 26. August 1972 in München eröffnet wurden und bis zum 11. September Sportler und Gäste aus aller Herren Länder zusammenbringen sollten. 

Drei Starfighter beim Start

Eine Formation der Jagdbomber Starfighter F-104 schützte bei der Abschlussveranstaltung am 11. September 1972 den Luftraum über München

Bundeswehr/Matthias Zins

Auch die Luftwaffe der Bundesrepublik Deutschland geriet im Zusammenhang mit den Spielen mehrmals in den Fokus der Öffentlichkeit: Luftwaffensoldaten unterstützten das Ereignis als Kraftfahrer, Streckenposten und Fernmelder; Militärmusiker spielten die Nationalhymnen bei Siegerehrungen. Außerdem: Schauplatz der Geiselnahme am 5. September war der Fliegerhorst Fürstenfeldbruck der Luftwaffe. Und schließlich: Bei der Abschlussveranstaltung im Olympiastadion musste eine Alarmrotte aufsteigen.

Luftwaffe unterstützt mit Manpower

In der Organisation der Spiele stellte die Bundeswehr laut einer damaligen Bekanntgabe des Bundesverteidigungsministeriums rund 20.000 Soldaten zur Mithilfe ab. Davon waren gut 4.000 Männer – Frauen gab es bei der Bundeswehr erst ab 1975 – also ein Fünftel Luftwaffenuniformträger. Die Aufgaben der Soldaten der Bundeswehr waren so vielfältig wie notwendig, einige sogar bizarr: So hissten 207 Matrosen Flaggen, denn gemäß einem Erfahrungsbericht von den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko, „können nur sie (die Matrosen) Gewähr dafür leisten, dass keine Pannen passieren und zum Beispiel Flaggen halbstocks steckenbleiben.“ Laut einer Spiegel-Recherche von 1972 stellten sie darüber hinaus 150 Kartenabreißer, 20 Fahrstuhlführer (TÜV-geprüft), 72 Mensa-Kontrolleure oder 15.000 Streckenposten für den Marathonlauf (alle 15 Meter stand einer) oder sie möblierten die Unterkünfte im Olympischen Dorf.

Fliegerhorst wird Schauplatz des Terrors

Zehn Tage blieben die Spiele, wie es im Wahlspruch hieß, „heiter“. Doch mit den frühen Morgenstunden des 5. September änderte sich nicht nur der Charakter der Großveranstaltung – nein, die Welt war jetzt eine andere. Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation Schwarzer September überstiegen den Zaun des Olympischen Dorfs und drangen in die Wohnung der israelischen Mannschaft ein. Hier nahmen sie elf Geiseln. Eine wurde sofort bei einem Fluchtversuch ermordet, es war der Ringer-Trainer Moshe Weinberg. Der Gewichtheber Josef Romano wurde schwer verletzt und starb zwei Stunden später. Die Terroristen forderten die Freilassung von über 200 in Israel inhaftierten Palästinensern sowie der deutschen Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Israel ließ sich nicht darauf ein. In einem Ultimatum forderten die Terroristen freies Geleit für sich und die Geiseln in eine arabische Hauptstadt per Flugzeug – untermauert mit der Drohung, die Geiseln zu erschießen.

Am Abend starteten Helikopter des Bundesgrenzschutzes und brachten Geiseln und Terroristen auf den Fliegerhorst Fürstenfeldbruck, wo eine Boeing 727 mit laufenden Triebwerken wartete. Was folgte, war eine Befreiungsaktion durch die Polizei. Sie endete als Desaster, das bis heute seine Schatten auf die Spiele wirft, denn als die Tragödie am Abend des 5. September zu Ende war, waren alle neun Geiseln tot, dazu ein Polizist, wahrscheinlich durch Friendly Fire, und fünf der Terroristen. Ein Gedenkstein vor dem Fliegerhorst erinnert heute an die Geschehnisse.

Unbekanntes Flugzeug steuert auf Olympiastadion

Eine Tatsache im Zusammenhang mit diesen Spielen ist jedoch heutzutage fast aus dem Gedächtnis der Öffentlichkeit verschwunden: 29 Jahre vor den terroristischen Anschlägen auf die Twin-Towers in New York glaubte man in Deutschland ebenfalls an diesem 11. September an einen terroristischen Anschlag aus der Luft: Bei der Abschlussveranstaltung der Spiele moderierte der beliebte Entertainer und Moderator Joachim Karl „Blacky“ Fuchsberger (1927-2014), der die Ereignisse rund um die Geiselnahme aufgriff und in sein Mikrophon sprach: „Die Spiele haben heiter begonnen – sie enden ernst“, wie das Online-Archiv „Flughafen München Riem“ nachzeichnet. Zeitgleich mit dem Erlöschen des Olympischen Feuers bekam der damalige Verteidigungsminister „Schorsch“ Georg Leber (1920-2012) folgende Mitteilung: „Herr Minister, vor wenigen Minuten ist in Stuttgart von Arabern ein Flugzeug gestohlen worden. Es hat die Absicht, auf die Abschlusskundgebung eine Bombe zu werfen.“ Die Flugsicherung bestätigte ihm, dass seit 20.03 Uhr ein nicht identifiziertes Objekt in 2.000 Meter Höhe rund elf Meilen nordwestlich von Ulm langsam Richtung Osten unterwegs gewesen sei.

Schwere Entscheidung

Die Zeit drängte, eine Entscheidung musste her. Verteidigungsminister Leber befahl den Start der Alarmrotte des Jagdgeschwaders 74 vom Flugplatz in Neuburg an der Donau. Zwei Abfangjäger vom Typ Lockheed F-104 „Starfighter“ stiegen daraufhin Richtung Olympia-Abschlussfeier auf, kreisten erst über dem Fliegerhorst, um kurz danach über der bayrischen Landeshauptstadt nach dem vermeintlichen Terrorflieger Ausschau zu halten. Die Lage spitzte sich zu, das unbekannte Flugzeug war nicht mehr auf dem Radar zu sehen. Politiker, die zu Gast bei der Abschlussveranstaltung waren, erhielten diskrete Informationen zur Terrorwarnung, einige verließen daraufhin Ihre Plätze. Auch Stadionsprecher Joachim Fuchsberger bekam eine Mitteilung: „Nicht identifizierte Flugobjekte im Anflug auf das Olympiastadion – möglicherweise Bombenabwurf – sag, was du für richtig hältst.“ Rückblickend schildert Fuchsberger die wohl schwersten Minuten seines Lebens. Er sah zum Himmel und dort zogen die Kampfjets ihre Kreise. „Ich war der einsamste und angeschissenste Mensch, den man sich vorstellen kann! 70.000 Menschen auffordern, das Stadion zu verlassen? Dabei aber Ruhe zu bewahren? Eine Massenpanik mit unabsehbaren Folgen wäre unausweichlich gewesen“, schilderte er später der “Süddeutschen Zeitung„. Fuchsberger entschied sich, aufgrund der anwesenden Kampfjets nichts zu sagen und fuhr im Programm fort.

Bundesminister im Gespräch mit Sportlern

Bundesminister der Verteidigung, Georg Leber, besucht Sportler im olympischen Dorf in München. 4000 Soldaten der Luftwaffe unterstützten die Olympischen Spiele

Bundeswehr/Günther Oed

Nochmal Glück gehabt

Nur wenige Minuten später stellte sich heraus, das unbekannte Flugzeug war eine finnische Passagiermaschine mit 100 Personen an Bord, die technische Probleme hatte. Georg Leber schrieb später in seinen Memoiren: „Höchstens zwei Minuten später hätte dieser Vorgang, der sich jetzt wie eine Episode anhört, einen anderen Verlauf genommen. Ich habe in meinem Leben nicht immer so viel Glück gehabt wie an diesem Abend des 11. September 1972.“ Leber stand vor der Entscheidung, den Abschuss der Maschine zu befehlen oder einen eventuellen Terroranschlag im Olympiastadion zuzulassen. Erst 35 Jahre später griff der Bundestag diese Situation, zwischen Pest und Cholera zu entscheiden, wieder auf und verabschiedete das Flugsicherheitsgesetz.

Übrigens, alle bei den Olympischen Spielen eingesetzten Soldaten erhielten als Dank für ihren Einsatz eine Erinnerungsurkunde.

von Thomas Skiba