Luftmacht der Zukunft: Der menschliche Faktor entscheidet
- Datum:
- Ort:
- Berlin
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Bei der Luftwaffe Air and Space Chiefs’ Conference 2026 in Berlin waren die Führungen befreundeter Luftstreitkräfte aus fast 30 Nationen zu Gast. Verteidigungsminister Boris Pistorius hielt die Keynote. Die Botschaft des Treffens: Der Mensch muss mehr ins Zentrum militärischer Überlegungen rücken und Sicherheit kann nur gemeinsam garantiert werden.
Der Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann, spricht auf der Luftwaffe Air und Space Chiefs’ Konferenz 2026 in Berlin
Bundeswehr/Cora MohrdieckGeneralleutnant Holger Neumann, Inspekteur der Luftwaffe und Gastgeber des Treffens, richtete bereits zu Beginn der Veranstaltung den Blick auf das seiner Meinung nach zentrale Element in Luftwaffen: den Menschen. „Next Generation Airpower – The Human Edge“ lautete das Leitthema der Luftwaffe Air and Space Chiefs’ Conference 2026 (LASCC 26). Es bildete von 8. bis 10. Juni 2026 in Berlin den Rahmen für einen Austausch auf höchsten Ebenen.
Neue Waffensysteme wie Kampfjets der fünften Generation, autonome Drohnenschwärme – all das verändert die Art, wie Kriege geführt werden. Aber Neumann erinnerte an eine Wahrheit, die älter ist als jede Technologie. Er zitierte den US-amerikanischen Luftfahrtpionier und ehemaligen General Chuck Yeager – und ergänzte ihn für das 21. Jahrhundert: Nicht die Maschine entscheidet. Es entscheidet der Mensch, der sie führt, verantwortet und im entscheidenden Moment die richtige Wahl trifft.
„Bei der zukünftigen Schlagkraft der Luftwaffe dreht es sich nicht nur um Technologie. Es geht um Ausbildung, Training, mentale Flexibilität und Agilität, Führung und Förderung der Mindsets von wahren Kämpfern der Lüfte.“
Entscheidungsgeschwindigkeit, Urteilsvermögen unter Druck, Anpassungsfähigkeit in der Krise – das seien die Fähigkeiten, auf die es morgen ankommen werde. Auch im Zeitalter von KI-gestützter Gefechtsführung, vernetzten Multi-Domain-Operationen und softwaredefinierten Streitkräften gelte: Verantwortung, Eskalationskontrolle und strategische Führung müssten in menschlichen Händen bleiben. Glaubwürdige Abschreckung beginne nicht beim System – sie beginne beim Menschen, der es beherrsche. Das sei „The Human Edge“.
Die LASCC 26 sollte nicht nur dem internationalen Austausch dienen. Sie war als strategischer Orientierungspunkt gedacht – für eine Luftwaffe, die in diesem Jahr ihr 70-jähriges Bestehen feiert, und für eine internationale Gemeinschaft, die spürt, dass die Antworten auf die Fragen von morgen schon heute erarbeitet werden müssen. Wie bereiten wir Soldatinnen und Soldaten auf hochkomplexe, datengetriebene Gefechtsräume vor? Was kommt nach der fünften, was nach der sechsten Generation neuer Luftfahrzeugtechnologien? Wie gestalten wir Mensch-Maschine-Teaming so, dass menschliches Urteil und Verantwortung erhalten bleiben? Diesen Fragen stellten sich nicht nur die vortragenden Experten – auch die anwesenden Air Chiefs tauschten sich angeregt und offen über diese Fragen aus.
Verteidigungsminister Boris Pistorius im Gespräch mit dem Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Holger Neumann (r.), und dem spanischen Air General Francisco Braco Carbó
Bundeswehr/Cora MohrdieckIn seiner Eröffnungsrede stellte Verteidigungsminister Boris Pistorius unmissverständlich heraus: Deutschland verteidigt seine Sicherheit gemeinsam mit Verbündeten und Partnern. Dabei müsse man zu seinen Prinzipien stehen und sich durchsetzen. Nur im Teamwork seien die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen. Mit Bezug auf die aktuelle Situation in der Ukraine und dem Indo-Pazifik hob der Minister die besondere Bedeutung von Innovation und Überzeugungen hervor.
Gerade dafür sei es wichtig, auf internationaler Ebene Verbündete und Partner zu finden, die die regelbasierte internationale Ordnung schützen wollen und mit denen man die gleichen Werte teile. Gerade Kooperation, Gleichheit, Freiheit und Partnerschaft seien grundlegende Orientierungspunkte für Deutschland. Mit Blick auf die Luftwaffe hob Pistorius die besondere Bedeutung des Weltraums hervor:
„Wir müssen in der Lage sein, unsere eigene Sicherheit zu gewährleisten und uns selber verteidigen zu können – im Weltraum genauso wie auf dem Planeten Erde. Die Luftwaffe setzt ihr strategisches Ziel um, den Weltraum als operative Domäne zu nutzen.“
Carlo Masala, einer der profiliertesten Politikwissenschaftler Deutschlands, lieferte den strategischen Kontext: eine sicherheitspolitisch veränderte Welt, in der alte Gewissheiten nicht mehr tragen. Er warnte vor der Gefahr eines Missverstehens des Begriffs Zeitenwende: „Wenn die individuelle Ebene vernachlässigt wird, läuft die Zeitenwende Gefahr, von einer strategischen Transformation zu einem Beschaffungsprogramm zu mutieren. (…) Wenn die Beschäftigten sich nur in gemütlicher, multinationaler Umgebung wohlfühlen, sind sie nicht bereit für einen Krieg.“ Und er schrieb den Luftwaffenchefs einige Empfehlungen ins Lastenheft: Im Fokus stand für ihn vor allem die Stärkung eines soldatischen Mindsets.
Brigadegeneral a. D. Thomas Reiter, ehemaliger ESA-Astronaut, weitete den Blick: Zugang zum Weltraum sei längst keine Spezialangelegenheit mehr – er sei operative Grundvoraussetzung für die Sicherheit von Ländern. Generalmajor Michael Traut, Kommandeur des deutschen Weltraumkommandos, vertiefte diese Perspektive und machte deutlich, welche strategische Dimension die neue Domäne bereits heute besitzt.
Die vollständigen Ausführungen von Boris Pistorius zu den sicherheitspolitischen Herausforderungen und Chancen im Weltraum finden Sie hier.
„Die moderne Luft- und Raumfahrttechnologie verdeutlicht den Trend einer zunehmenden Verschmelzung von Luft- und Raumfahrt, wie beispielsweise bei der Raketenabwehr und Operationen in extrem großer Flughöhe. Der Weltraum hat sich bereits zu einem dynamischen, physischen Kriegsschauplatz entwickelt.“
Den Abschluss der Keynote-Sessions setzten der Historiker Sönke Neitzel mit einem Blick auf die Rolle der Luftwaffe in der NATO und Justin Bronk vom Royal United Services Institute (RUSI) in London zur Luftmacht als Schlüssel für europäische Abschreckung gegen Russland. Was die LASCC 26 von vielen Veranstaltungen dieser Art unterschied, war nicht allein die Prominenz der Gäste. Es war die Kombination der Perspektiven: militärische Expertise, politische Verantwortung und akademische Analyse.
Delegationsleitungen aus fast 30 Nationen bei der LASCC 26 in Berlin beim Gruppenfoto mit Minister Pistorius
Bundeswehr/BelzDie Teilnehmerliste der Tagung war zugleich ein Spiegel des geopolitischen Moments: knapp 30 Nationen, von Australien über Indien und Japan bis zu den USA und den europäischen Verbündeten, entsandten ihre Luftwaffenführungen nach Berlin. Der Chef des britischen Royal Air Force saß ebenso am Tisch wie der Deputy Chief der neuseeländischen Luftwaffe oder der Oberbefehlshaber der malaysischen Streitkräfte.
Die Frage, wie künftige Luftmacht aussieht, lässt sich nicht national beantworten – sie erfordert gemeinsame Konzepte, gemeinsames Training und gemeinsames strategisches Denken. Denn Stärke entsteht nicht durch eine Vielfalt isolierter Fähigkeiten, sondern durch Einigkeit und einen gemeinsamen Blick auf das, was kommt. Die LASCC 2026 bot hierfür den Rahmen.
von Franz Fahrein