Luftwaffe

Red, Green oder Blue Flag – Luftkriegsübungen von 1975 bis heute

Red, Green oder Blue Flag – Luftkriegsübungen von 1975 bis heute

  • Übung
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Deutschland
Lesedauer:
5 MIN

Red Flag, Green Flag, Frisian Flag, Blue Flag – diese Namen stehen für teils internationale Großübungen bei denen NATO-Staaten und befreundete Nationen offensive wie defensive Lufteinsätze trainieren. Jede einzelne könnte unterschiedlicher nicht sein. Die Arenen sind die Himmel über Wüste und Meer, Teilnehmer variieren, Szenarien wechseln. Und jede einzelne dieser Übungen hat eine beeindruckende Geschichte. Diese gehen bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. 

Düsenjet in der Luft von vorn mit Kondensstreifen.

In Syrien, dem Irak oder im Baltikum treffen die NATO-Luftstreitkräfte auf das Kampfflugzeug MiGMikoyan-Gurewitsch-29. Dessen Stärken und Schwächen lernen die „Red Flag“-Übungsteilnehmer kennen.

Bundeswehr/Stefan Petersen

Als die Amerikaner im Koreakrieg mit ihren älteren Strahlflugzeugen (1950 bis 1953) auf die silbernen MiGMikoyan-Gurewitsch-15 trafen, geflogen von russischen und chinesischen Piloten, stießen die Düsenjets der Airforce wie der Navy technisch schnell an ihre Grenzen. Das änderte sich erst mit dem Einsatz der F-86 „Sabre“. Jetzt fand der Luftkampf zwischen gleichwertigen Maschinen statt, jetzt zählten Kampfgeist und Ausbildung, gepaart mit der Erfahrung der Piloten. Um diese „weichen“ Elemente im Luftkrieg auszuprägen, bedurfte es intensiven Trainings.

Tornado-Düsenjet startet und wird von der untergehenden Sonne beleuchtet.

Kampfflugzeug Tornado hebt mit LDP (Laser Designator Pod) und einer lasergelenkten Bombe vom Typ GBUGuided Bomb Unit-24 von der Nellis Air Force Base bei Las Vegas in Nevada/USAUnited States of America im Rahmen der multinationalen Übung Green Flag West ab

Bundeswehr/Johannes Heyn
Ein Düsenjet startet, im Hintergrund Frühwarnflugzeuge vom Typ AWACS.

Ein Kampfflugzeug Tornado startet mit Nachbrenner von der Nellis Air Force Base im Rahmen der Übung Red Flag 2020 in Las Vegas/USAUnited States of America. Hier wird multinational realistisch trainiert.

Bundeswehr/Ingo Tesche

Von da an rückte, zu mindestens für die Piloten der USUnited States-Luftwaffe, die Nellis Air Force#en Base im Bundesstaat Nevada, kurz Nellis AFB, ins Bewusstsein. Ursprünglich eine fortgeschrittene Pilotenausbildungsbasis, änderte sich der Auftrag zum F-86-Flug- und Schießtraining für schon erfahrene Piloten. Während des Korea-Krieges war die Nellis AFB direkt verantwortlich für die Qualifizierung der F-86-Piloten gegen die überlegene MiGMikoyan-Gurewitsch-15. Zu dieser Zeit war Nellis auch die einzige Basis, die F-86-Kampfpiloten ausbildete.

Schwarz-Weiß-Foto von einem alten Düsenjet F-86 Sabre.

Mit der F-86 Sabre setzten sich die Amerikaner gegen die MiGs im Korea-Krieg durch. Ausschlaggebend war jedoch die Erfahrung der Piloten.

IMZ-Bildarchiv

Phantom gegen MiGMikoyan-Gurewitsch

Man griff dazu auf Piloten, die aus dem Kriegsschauplatz heimkehrten, zurück, die dann als Ausbilder eingesetzt wurden und so die nötige Kampferfahrung vermittelten. Dies ermöglichte es den Vereinigten Staaten, die Luftüberlegenheit während des gesamten Korea-Krieges zu behaupten. Als der Konflikt endete, verlor das Programm an Bedeutung. Im Vietnamkrieg mussten sich die amerikanischen Piloten mit den veralteten, aber wendigen MiGMikoyan-Gurewitsch-17 als auch mit den schnellen und modernen MiGMikoyan-Gurewitsch-21 messen. Beide waren der McDonnell F-4 Phantom, dem Standard-Kampfflugzeug der Amerikaner, im engen Kurvenkampf überlegen. Die Phantom konnte sich jedoch langfristig dank ihrer überlegenen Elektronik in Verbindung mit Luft-Luft-Raketen, und das hauptsächlich auf größere Kampf-Entfernungen, durchsetzen. Die Phantom erreichte zwar nach USUnited States-Angaben deutlich mehr Abschüsse als die MiGs, etwa im Verhältnis eins zu drei, doch bewerteten die Amerikaner die Leistung als verbesserungswürdig. 

Schwarz-Weiß-Foto mit dem Düsenjet Phantom.

Die Phantom punktete auf Grund ihrer Elektronik und den Luft-Luft-Raketen, gepaart mit der Professionalität der Piloten

Bundeswehr/Günter Oed (1971)

Mit „Roter Flagge“ zur Dominanz

Sie etablierten nahkampforientierte Pilotentrainingsvorhaben zuerst mit dem „Top Gun“-Training bei der USUnited States Navy und ab 1975 bei der Air Force: Das Programm „Red Flag“ war geboren. Dem Autor dieses Artikels fiel 1982 ein Heft aus dem Militärbuchverlag der DDRDeutsche Demokratische Republik in die Hände. Es hieß „Nellis-Report“ und erschien als Exemplar einer Reihe, die „Tatsachen“ hieß und mit der er zum ersten Mal auf die Nellis Air Force Base und die dortigen Ereignisse aufmerksam wurde. Er „verschlang“ dieses Heft regelrecht, gab es doch darin detaillierte Informationen über die Luftstreitkräfte des damaligen „Klassengegners“ preis. Der Autor des Heftes, Harri Kander, beschreibt, ideologisch gefärbt, eine der Übungen, die ansonsten bis zu sechsmal im Jahr stattfinden, und das bis heute. Amerikanische und britische Flugzeuge versuchen fiktiv in den Luftraum der DDRDeutsche Demokratische Republik einzudringen, um die Luftüberlegenheit zu erringen und so den eigenen Bodentruppen für eine „Invasion“ Mitteldeutschlands den Himmel freizuhalten. „Fulda-Gap“ und die „norddeutsche Tiefebene“ sind Schlüsselwörter, aber auch die tausenden Radar- und Flugabwehr-Raketenstellungen wie MiGMikoyan-Gurewitsch-Abfangjäger auf der „roten, bösen Seite„ spielen eine gewichtige Rolle. 

Ein blaues Heft mit einem nach unten fliegenden Düsenjet als Titelbild.

Schon 1982 beschrieb ein Heft des Militärbuchverlages die Übung „Red Flag“, selbstredend ideologisch eingefärbt

Bundeswehr/Thomas Skiba
Ein Eurofighter startet, im Hintergrund ist der Tower von Nellis zu sehen.

Ein Eurofighter startet von der Nellis Air Force Base bei Las Vegas in Nevada/USAUnited States of America während der Übung Green Flag West. Die Airbase ist Ausgangspunkt und Urmutter der Flag-Reihe.

Bundeswehr/Johannes Heyn

Nach rot kommt grün

Das Tatsachen-Heft war ganz nah dran an der Realität. Die Szenarios in Nellis beinhalten bis heute sogenannte Aggressor-Staffeln, die als Gegnerdarstellung fungieren. Ausgestattet mit Flugzeugmodellen wie der F-5 Tiger, der F-15 wie der F-16, die in Lackierungen gegnerischer Streitkräfte fliegen und nach deren Einsatzgrundsätzen handeln, simulieren sie überzeugend den Feind. Selbst die Helme der Piloten tragen den roten Stern. Die Briefings und Kommandos werden in russischer Sprache gehalten. Die „Red Flag“-Übung geht, nachdem die Luftüberlegenheit erkämpft wurde, ohne Bruch in den „Green Flag“-Teil über. Jagdbomber fliegen dann Luftnahunterstützung, riegeln das Gefechtsfeld ab und machen im Tiefflug Jagd auf Stellungen, Konvois und nachgebaute Feindflugplätze. Diese sind mit Kriegsgerät bestückt, das der Gegner nutzt, in erster Linie aus sowjetischer und russischer Produktion. Dabei schaffen auch verschiedene bodengebundene Flugabwehrsysteme mit ihren Frühwarn- und Zielerfassungsradars eine reale Übungsumgebung, in der sich die „guten“ Piloten behaupten und durchsetzen müssen. 

Schwarz-Weiß-Foto mit einem Bomber am Himmel.

Nach dem Erreichen der Luftüberlegenheit werden Bodenziele ins Fadenkreuz genommen. Mit dabei auch B-52-Bomber der Vereinigten Staaten von Amerika.

Bundeswehr/US-ARMY 1966
Ein Techniker bestückt einen Düsenjet mit Bomben.

Techniker bereiten die Bomben vom Typ GBUGuided Bomb Unit-48 für den Einsatz vor. „Red Flag“ geht in „Green Flag“ über. Die Unterstützung der Bodenstreitkräfte beginnt.

Bundeswehr/Francis Hildemann

Luftwaffe tritt mit Mythos an

An diesen Trainings nehmen auch regelmäßig Flugzeuge der Luftwaffe teil – selbst sogar in der Aggressor-Rolle. So waren die 1990 von der aufgelösten DDRDeutsche Demokratische Republik-Luftwaffe übernommenen MiGMikoyan-Gurewitsch-29 als Sparringspartner interessant, mit denen das damalige Jagdgeschwader 73 aus Rostock/Laage 2000 nach Nellis verlegte. „Bücher über die MiGMikoyan-Gurewitsch zu lesen, Statistiken auszuwerten, Fotos anzuschauen ist eine Sache“, sagte Captain Barry „Yak'„ Luff vom 493. Jagdgeschwader der USUnited States Air Force bei dieser einmaligen Gelegenheit, „aber tatsächlich gegen dieses Flugzeug taktisch zu fliegen, ist eine vollkommen andere. Wir sind hier gegen einen Mythos geflogen“. 

Ein Düsenjet steigt senkrecht in den Himmel.

Die Kampfflugzeuge MiGMikoyan-Gurewitsch-29 des Taktischen Luftwaffengeschwaders 73 Steinhoff in Rostock-Laage stellten auch schon die Aggressor-Staffel

Bundeswehr/Stefan Petersen
Ein Radpanzer mit Raketen die gen Himmel zeigen.

Das aufblasbare Waffensystem SA-8 simuliert die gegnerische Luftabwehr

Bundeswehr/Falk Bärwald

Frisian Flag – Schauplatz Nordsee

Mehr auf den europäischen Schauplatz mit seinen eigenen klimatischen, geografischen Dimensionen ist die Übung „Frisian Flag“ zugeschnitten. Sie wird seit 1992 durchgeführt und beinhaltet ebenfalls realistische Luftoperationen mit Luftkämpfen und Bombenangriffen auch im Zusammenspiel mit Bodentruppen und den Kriegsmarinen der teilnehmenden Länder. Der Luftraum zwischen der Deutschen Bucht, Dänemark und der Niederlande begrenzt das Übungsgebiet. Geübt wird Internationale Kooperation und Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen NATO-Partnern. 

Zwei Eurofighter tanken im Flug an einem Airbus A310 MRTT.

Eurofighter vom Taktischen Luftwaffengeschwader 31 "Boelcke" nutzen das Tankflugzeug Airbus A310 MRTTMulti Role Tanker Transport zur Verlängerung der Flugzeit während Frisian Flag

Bundeswehr/Danilo Schlag

Blue Flag

„Blue Flag“ hingegen ist die Jüngste im Farbenspiel der „Flaggen“-Übungen. Die internationale Luftkampfübung findet in Israel statt und wird durch die israelische Luftwaffe organisiert. Seit 2013 wird über der Wüste Negev im zweijährigen Rhythmus ebenfalls gegen eine Aggressorstaffel Luftangriff- und Verteidigung in extremen klimatischen und geografisch einmaligen Bedingungen trainiert. Teile des Übungsareals liegen unterhalb des Meeresspiegels, hier zeigt der Höhenmesser auch mal negative Werte an. Zudem übt man hier an der Scheidelinie zweier Kontinente, denn geologisch gehört Israel zu Afrika, geografisch jedoch zu Vorderasien. Woher der Name der Übung kommt, darüber lässt sich streiten. Ob damit die Landesfarben Blau und Weiß Pate standen? Es spielt aber auch keine Rolle.

Hier wird mit verschiedenen nationalen Streitkräften, NATO- und Nicht-NATO-Staaten, deren unterschiedliche Einsatzgrundsätze und Verfahren zusammengeführt. Die Teilnehmer wollen so erreichen, „mit einer gemeinsamen Sprache“ zu sprechen, um eine einheitliche Operationsführung sicherzustellen. Neben der Luftwaffe und der Israeli Air Force nehmen in diesem Jahr auch Einheiten aus Frankreich, Griechenland, USAUnited States of America, Italien und zum zweiten Mal Indien an Blue Flag 2021 teil. Blue Flag gilt als eine der qualitativ hochwertigsten Übungen weltweit.

Zeichen an einem Uniformärmel mit der Aufschrift „Blue Flag“.

Die Übung „Blue Flag“ gilt als die fordernste Luftkriegsübung. Sie findet in der Wüste Negev statt.

Bundeswehr/Jane Schmidt
Ortsschild in der Wüste mit der Inschrift Uvda AF Base

Auf der Uvda Air Force Base sind die Eurofighter der Luftwaffe für die Zeit der Übung Blue Flag beheimatet

Bundeswehr/Jane Schmidt
von Thomas Skiba