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Interview: „14 Tage Isolierung gilt auch für die Marine“

Interview: „14 Tage Isolierung gilt auch für die Marine“

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Rostock
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Auch in Zeiten der Corona-Pandemie erhält die Marine die Einsatzfähigkeit der Flotte. Was das für Schiffsärzte und die Marinesanität bedeutet, erklärt Flottillenarzt Oliver Traue.

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Oliver Traue ist Dezernatsleiter Heilfürsorge/Maritime Medizin in der Abteilung Marinesanitätsdienst des Marinekommandos.

Bundeswehr

Redaktion Marine: Herr Flottillenarzt Traue, in der Regel sind immer rund ein Drittel der Schiffe und Boote der Marine in See unterwegs. Wie sind die Besatzungen der Flotte von der Lage an Land betroffen?

Oliver Traue: Die Ausbreitung der Pandemie mit dem Erreger SARSSchweres Akutes Respiratorisches Syndrom-CoV-2 betrifft selbstverständlich auch die Besatzungen unserer Schiffe und Boote – sowohl direkt als auch indirekt. Mittlerweile gelten weltweit in fast allen Ländern Restriktionen für die Einreise, die auch die Häfen einschließen. Das hat zur Folge, dass entweder aufgrund von Vorgaben der Gastnation oder auch, um die eigene Crew zu schützen, ein Kommandant seiner Besatzung im Auslandshafen kein Landgang gewähren kann. Auch der Personalaustausch über zivile Flughäfen ist mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden.

Um unser Personal im Einsatz zu schützen und um zu vermeiden, den Erreger in ein Einsatzgebiet zu tragen, ist neuerdings durch das Einsatzführungskommando vorgeschrieben, dass alle Personen, die in ein Einsatzgebiet verlegen, vorab 14 Tage in einer isolierten Unterbringung in Deutschland zu verbringen haben. Dies gilt auch für die Einsätze der Marine.

Außerdem haben unsere Schiffe und Boote Anweisung, ihre dienstlichen Kontakte in Auslandshäfen zu örtlichen Behörden und Partnermarinen auf das absolute Minimum zu beschränken. Zahlreiche Häfen, insbesondere in Risikogebieten, laufen wir grundsätzlich nicht mehr an. Ist ein Personentransfer im Ausland notwendig, aus welchen Gründen auch immer, wird versucht den Kontakt zu Fremdpersonen ebenfalls zu minimieren.

Bisher gelingt es uns recht gut, die Einsatzbereitschaft der Marine sicher zu stellen und gleichzeitig unser Personal bestmöglich vor Infektionen mit Covid-19 zu schützen.

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Auch auf sie kommt in Zeiten der Corona-Pandemie besondere Verantwortung zu: Schiffsärzte der Marine.

Bundeswehr/Andrea Bienert

Was bedeutet die Lage an Land für die Schiffsärzte an Bord?

Aufgrund der Lage an Bord sind die Schiffsärzte, aber auch das weitere Sanitätspersonal noch mehr gefordert als unter normalen Umständen. Sie sensibilisieren die Besatzung, auf Infektionszeichen besonders zu achten, und unterbrechen im Fall eines Falles Infektionsketten so schnell wie möglich auch an Bord. Außerdem informiert das Sanitätspersonal an Bord regelmäßig über die aktuelle Lage und belehrt über die Verhaltensregeln.

In Auslandshäfen kann die ansonsten meist sehr gute medizinische Unterstützung in Gastländern durch die Corona-Krise eingeschränkt oder verzögert sein, was eine zusätzliche Belastung sein könnte. Bisher konnten wir aber alle nötigen Repatriierungen von Patienten ohne Verzögerungen durchführen. Ebenso steht die telemedizinische Beratung durch das Schifffahrtsmedizinische Institut der Marine und das Bundeswehrkrankenhaus Hamburg für die Schiffe und Boote weiterhin uneingeschränkt zur Verfügung.

Inzwischen sind bereits die ersten Fälle von infizierten Personen an Bord aufgetreten. Diese konnte das Sanitätspersonal bisher aber frühzeitig noch in deutschen Gewässern identifizieren, sodass sie umgehend alle nötigen Maßnahmen einleiten konnten, vor allem eine Quarantäne im Schiffslazarett. Eine weitere Ausbreitung an Bord konnte so verhindert werden. Die übrigen Besatzungsangehörigen sind anschließend trotzdem vorsorglich in einer 14-tägigen Isolation geblieben, die sie bisher jedoch bei sich zuhause verbringen konnten. Grundsätzlich wäre aber bei Notwendigkeit auch eine Isolation einer Besatzung an Bord denkbar.

„Testverfahren können nur Labore an Land vornehmen“

Das heißt, dass ein betroffenes Schiff gleich nach der Identifizierung wieder eingelaufen ist?

Ja, nach dem Auftreten von Verdachtsfällen sind Schiffe wieder in den nächstgelegenen deutschen Marinehafen eingelaufen. In zwei Fällen bestätigte sich eine Infektion.

Wie geht es den betroffenen Kameraden?

Den Umständen entsprechend gut. Die Betroffenen in der Flotte haben bisher nur milde Symptome gezeigt.

Können die Schiffsärzte auf Ansteckungen mit dem Virus testen?

Nein, an Bord bislang nicht.* Testverfahren können nur akkreditierte Labore an Land vornehmen. Es gibt ganz allgemein noch keine einfachen Schnelltests auf eine Infizierung mit SARSSchweres Akutes Respiratorisches Syndrom-CoV-2, die für die Anwendung an Bord geeignet wären. Die Schiffsärzte orientieren sich an den Ratschlägen des Robert-Koch-Instituts, identifizieren Symptome und entscheiden dann über die Maßnahmen, die sie vornehmen.

„Die Übergabe von Lebensmitteln ist unkritisch“

Auch wenn die Besatzungen nicht von Bord dürfen, gibt es doch in Häfen einen nötigen Austausch: Die Crew muss Müll von Bord bringen, Frischwasser und Kraftstoff bunkern, Lebensmittel einlagern. Wie haben sich da die Verfahren geändert?

Flüssigkeiten zu übernehmen ist generell unproblematisch. Einfach gesagt: Tanken ist ohnehin ein eher technischer Vorgang, bei dem Menschen nicht in Kontakt miteinander kommen. Auch die Übergabe von Material wie abgepackte Lebensmittel oder Ersatzteile ist unkritisch, denn problematisch ist vor allem der Mensch-zu-Mensch-Kontakt. Eine Übertragung auf dem Weg über wenig genutzte Gegenstände ist sehr unwahrscheinlich. Ohnehin tragen alle Crewmitglieder, die etwa beim Alle-Mannsmanöver Proviantübernahme helfen, Arbeitshandschuhe. Und hinterher nehmen alle am Händewaschen teil.

Ein Schiff liegt an einer Hafenpier, die Stelling im Vordergrund, im Hintergrund stehen zwei Tanklaster auf der Pier.

Kontaktloses Tanken ist auch im Hafen für Marineschiffe Normalität: Hier bunkert die Korvette „Ludwigshafen am Rhein“ ihren Dieselkraftstoff im Hafen von Limassol auf Zypern, Januar 2020.

Bundeswehr
Ein graues Marineschiff im Hafen hebt eine Gitterpalette mit einem Bordkran an Bord.

Auch Proviantübernahmen in Häfen bleiben bis auf weiteres praktisch kontaktlos. Einsatzgruppenversorger wie die „Berlin“ haben dafür sogar eigene Bordkräne.

Bundeswehr/Andrea Bienert

Wie gehen wir bei geplanten Besatzungswechseln bei Einheiten mit Mehr- beziehungsweise Wechselbesatzungen vor, wie etwa bei den Fregatten der Klasse 125 oder den Minenjagdbooten?

Für die Besatzungswechsel gelten je nach Wechselort die oben beschriebenen Vorgehensweisen gemäß den Vorgaben des Einsatzführungskommandos und des Kommandos Sanitätsdienst der Bundeswehr für die mandatierten Einsätze, das heißt, verstärkte Hygieneregeln und vorsorgliche Isolation für zwei Wochen.

Für den Wechsel von Personal beziehungsweise Besatzungen außerhalb von Einsätzen – also die einsatzgleichen Verpflichtungen oder Übungsvorhaben – erarbeiten wir derzeit Regeln, die sich von den Grundideen aber stark an den Vorgaben für Einsätze orientieren werden.

Welche Besonderheiten gelten bei der Seefahrt im Unterschied zum Geschehen an Land? Solange eine Besatzung keine Angehörigen mit Erregern an Bord hat, kann das Bordleben doch normal verlaufen. Sind die Crews damit nicht sogar besser geschützt als wir an Land?

Wenn es keine Infizierten in der Besatzung gibt, ist aus epidemiologischer Sicht die Situation an Bord eine Ideallösung, denn die Infektionswahrscheinlichkeit ist deutlich geringer als an Land. Einige Marinen hatten zu Beginn der Corona-Krise bewusst Schiffe schon vorsorglich in See stechen lassen.

Allerdings kann der wochenlange ausschließliche Aufenthalt an Bord etwa eines kleinen Minenjagdbootes eine psychologische Belastung sein, die wir in dieser Art noch nicht hatten. So etwas kennen bislang nur Flotten, die monatelange Patrouillenfahrten mit Atom-U-Booten fahren.


* Ergänzung (17.04.): Seit dem 9. April ist auf dem Einsatzgruppenversorger „Berlin“ ein Analysegerät im Bordlabor einsatzbereit, das auf den Covid-19-Erreger testen kann. Damit ist das Schiff das erste der Marine, das über diese Möglichkeit verfügt. [Die Redaktion]

von  Interview: Marcus Mohr  E-Mail schreiben

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