Marine

Eine deutsche Seeoffizierin aus Frankreich

Eine deutsche Seeoffizierin aus Frankreich

  • Menschen
  • Marine
Datum:
Ort:
Wilhelmshaven
Lesedauer:
6 MIN

Kapitänleutnant Hanna Lootens ist im Frühjahr 2020 Dritter Schiffseinsatzoffizier auf der Fregatte „Lübeck“ gewesen, als das deutsche Schiff im Verband mit dem französischen Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ fuhr. Für diese Kooperation war sie optimal vorbereitet, denn sie war für knapp sechs Jahre in der französischen Marineoffizier-Ausbildung gewesen. Im Rückblick auf diese Zeit erklärt sie den deutsch-französischen Austausch aus ihrer Perspektive.

Portraitbild einer Marineoffizierin mit Schirmmütze.

Hanna Lootens, hier 2013 noch als Leutnant zur See

Marine Nationale/Sébastien Chenal

Am Anfang steht nicht nur die Sprachbarriere

Seit 1993 gibt es zwischen der deutschen und der französischen Marine ein Austauschprogramm für Offizieranwärter. Ziel ist, einen umfangreichen Einblick in die jeweils andere Marine zu erlangen, um später eine Zusammenarbeit zu erleichtern. Hierzu gehört nicht nur, die Sprachbarriere zu überwinden, sondern auch ein umfassendes Verständnis für den jeweils Anderen.

Ein graues langes, mehrstöckiges Gebäude mit mehreren Fensterreihen an einer Küste.

Die Gebäude des Lycée naval in Brest. Im Vordergrund eine Erinnerung an die dunkle Vergangenheit: ein deutscher U-Boot-Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg

Wikimedia Commons/Rama/CC BY-SA 2.0 FR

Es ist zum Beispiel wichtig zu wissen, was französische Marinesoldaten meinen, wenn sie sich auf eine bestimmte Weise verhalten. Es gibt zwar einheitliche NATONorth Atlantic Treaty Organization-Verfahren, aber immer noch viele nationale, teils kulturelle, Unterschiede. Französische Schiffe etwa fahren nach einem anderen Wachrhythmus als deutsche und wichtige mündliche Absprachen sind in der Marine nationale weiter verbreitet als in der deutschen.

Ich selbst war im Gymnasium im Französisch-Leistungskurs gewesen, und als ich mich als Offizier bei der Marine bewarb, war das der Ausschlag für die Personalführung der Bundeswehr, mich für das deutsch-französische Austauschprogramm vorzuschlagen. Kurz vor meinem Dienstantritt im Juli 2007 erfuhr ich davon.

Einen Monat später ging es für mich zuerst einmal für zwei Wochen nach Frankreich auf einen Sprachkurs. Ende August begann dann meine Ausbildung am Lycée naval in Brest in der Bretagne, einer militärischen Vorbereitungsschule. Hier lernen alle Schüler die notwendigen Fachkenntnisse in Mathematik, Physik, Chemie, Ingenieurswissenschaften und Sport sowie in Französisch und einer Fremdsprache.

Der französische Auswahlprozess endet in Paris

Nach zwei Jahren steht ihnen eine Bestenvergleichsarbeit bevor. Sie beinhaltet eine Woche lang Prüfungen, vier Stunden vormittags und vier Stunden nachmittags. Die Besten werden ausgewählt und zu den mündlichen Prüfungen in Paris zugelassen. Hier findet eine erneute Auslese statt, so dass zum Schluss von allen Teilnehmern nur circa 90 neue Offiziersrekruten an der Marineschule, der École navale in Lanvéoc-Poulmic auf der Südseite der Bucht von Brest, zugelassen werden.

Die französischen Mitstudenten sind bis zur Zulassung an der École navale noch keine Soldaten. Im Unterschied zu ihnen durchlaufen die deutschen Marineoffizierschüler heute das komplette erste Jahr ihrer militärischen Ausbildung vor einer Verwendung im Ausland. Ich selbst hatte lediglich fünf Wochen Grundausbildung als Vorausbildung, als ich ans Lycée naval kam.

Im zweiten Jahr beginnt für die Offizierschüler in Deutschland das Studium an einer der beiden Bundeswehruniversitäten in Hamburg oder München. Das Studium findet in Deutschland also teilstreitkräfteübergreifend statt, in Frankreich teilstreitkraftintern. Von Vorteil ist, dass man sich die französischen Studienpunkte in Deutschland anrechnen lassen und somit das Studium an einer der Bundeswehruniversitäten aufnehmen kann, wenn es einem in Frankreich doch nicht gefällt oder man große Schwierigkeiten mit dem hohen Lernpensum hat.

So viel büffeln wie möglich

Auch für mich war die Ausbildung in Frankreich sehr fordernd. Im Lycée gibt es genaue Vorschriften, wann Zeit zum Lernen ist. Alle müssen so viel büffeln wie irgend möglich, manche über Mitternacht hinaus. Neben Hausaufgaben gibt es viele, regelmäßige schriftliche Tests. Ein freies Wochenende hatte ich eigentlich nur samstagnachmittags. Immerhin ist die École danach weniger verschult, die Kadetten haben hier als Studenten mehr Eigenverantwortung.

Eine der Besonderheiten am Austauschprogramm ist zusätzlich, dass deutsche Offizieranwärter in Frankreich nur einen technischen Studiengang wählen können. Somit sollte der interessierte deutsche Offizieranwärter neben französischen Sprachkenntnissen auch ein gewisses technisches Grundwissen mitbringen.

Zwei Reihen von Marinesoldaten in dunkelblauer Uniform gegenüber, eine Reihe kniet.

Tradition schreibt die Marine der „Grande Nation“ groß: In einer Zeremonie an der École navale erhalten die Offizierschüler ihre Degen.

flickr/Fred Dhennin/CC BY-NC 2.0
Eine Gruppe von Marinesoldaten in dunklerblauer Uniform, einer trägt eine Fahne mit den Farben Blau-weiß-rot

Fahnenabteilung der Marineschule am Nationalfeiertag 14. Juli auf den Champs-Élysées in Paris

Wikimedia Commons/Marie-Lan Nguyen/CC-BY 2.5

Ist die Aufnahmeprüfung erfolgreich abgelegt, gilt es, den ersten Monat an der École navale zu bestehen. Er dient vor allem dem Erwerb der soldatischen Grundfertigkeiten. Gleichzeitig ist diese Zeit wie eine Einführung in Traditionen der französischen Marine. Eine der bedeutendsten ist, dass allen Offizierschülern nach dem ersten Monat an der École ihr Offizierdegen verliehen wird.

Auf den ersten Blick seltsam wirkt aber zum Beispiel, dass die Kadetten im ersten Monat zunächst eine halbe Stunde Zeit zum Essen haben, was sich aber in den vier Wochen stufenweise auf nur knapp drei Minuten verringert. Heute weiß ich, dass das eine gute Vorbereitung aufs „action Messing“ ist, das wir für Gefechtssituationen brauchen.

Studium mit Schwerpunkt Technik

In diesen vier Wochen entscheiden sich immer wieder angehende Studenten, dass die Marine und das Soldatenleben doch nicht zu ihnen passen. Auf ihren Platz an der École navale rückt ein Nachfolger in der Reihungsliste nach.

Ein kleines graues Schiff läuft unter blauem Himmel in einen Hafen ein.

Die „Jaguar“, eines der Schulboote der französischen Marine

Wikimedia Commons/Jean-Pierre Bazard/CC BY 4.0

Der erste Monat endet damit, dass der ältere Jahrgang die Patenschaft für den jeweils jüngeren Jahrgang übernimmt. Hier können mitunter Traditionsfamilien entstehen, die über die Marinezeit des Einzelnen hinaus Bestand haben und sehr gepflegt werden. Auch ich habe viele Freunde gefunden, zu denen ich heute noch Kontakt pflege.

Im Anschluss ist die Ausbildung an der französischen Marineschule fachlich unterteilt: nautische Ausbildung, maritimes Allgemeinwissen, Führungslehre, militärische Ausbildung und natürlich das wissenschaftliche Studium. Das erste Jahr durchlaufen alle Offizieranwärter dieselben Inhalte, wohingegen sie im zweiten Jahr Studienvertiefungen wählen. Dazu gehören zum Beispiel: Ozeanographie, Informatik, Akustik, Antriebstechnik, Schiffsbau/Schiffstechnik und Elektrotechnik.

Zur nautischen Ausbildung gehören Ausbildungsfahrten mit Schulbooten, die den Minenjagdbooten der Deutschen Marine ähnlich sind. Hier unternehmen die Kadetten in den ersten zwei Jahren jeweils zwei Fahrten von zwei Wochen, um das gelernte Wissen in die Praxis umzusetzen. Sie gehen Seewachen auf der Brücke und lernen das sichere Navigieren. Das gibt es bei uns in dieser Form nicht.

Von der Seefahrt zur Diplomarbeit

Während in Deutschland Offiziere in ihrer akademischen Ausbildung nach dem Bachelor- und Mastersystem studieren, schreiben Marineoffiziere an der École navale, beginnend ab dem dritten Ausbildungsjahr, eine Diplomarbeit für ihren Abschluss als Diplomingenieur. Diese fertigen sie an einem Unternehmen außerhalb des Militärs an. Meine habe ich 2012 geschrieben.

Im Anschluss an die Diplomarbeit gibt es eine weitere Fahrt mit den Schulbooten. Zu diesem Zeitpunkt haben einige der jungen Offiziere schon die Genehmigung, selbstständig als Brückenwachoffizier diese Boote zu fahren, vergleichbar mit dem sogenannten Leistungsnachweis 1 ihrer deutschen Kameraden. Es gibt es aber noch zusätzliche Unterrichte, bis es dann endlich auf echte Seefahrt geht.

Zwei Marineoffiziere in dunkelblauer Arbeitsuniform und eine Marineoffizierin in mittelblauer Arbeitsuniform im Gespräch.

Lootens, zusammen mit jungen französischen Marineoffizieren, auf dem Docklandungsschiff „Tonnere“ der Marine nationale während ihrer großen Ausbildungsfahrt 2013

Marine nationale/PM Sinopoli

Die große, regelmäßige Tour in einem Ausbildungsverband mit mehreren Kriegsschiffen, nach dem ehemaligen Schulschiff der Marine nationale „Mission Jeanne d’Arc“ genannt, dauert rund sechs Monate. Jetzt gehen die zukünftigen Operateure nicht mehr nur auf der Brücke, sondern auch in der Operationszentrale Wache. Die Schiffstechniker werden erst für diese Fahrt von den Operateuren getrennt und gehen nun ausschließlich Seewachen im Schiffstechnischen Leitstand. Zusätzlich werden die Schüler in Diplomatie ausgebildet – hauptsächlich durch formelle Antrittsbesuche in Auslandshäfen, worauf die französische Marine sehr viel Wert legt.

Zurück in die deutsche Marine

Nach dieser langen Fahrt geht es für die deutschen Offiziere zurück zur eigenen Marine. Die ist ihnen zu diesem Zeitpunkt zumeist noch recht unbekannt, und mir ging es im Spätsommer 2013 ganz ähnlich. Dieses neue Kennenlernen holen sie aber während der noch zu absolvierenden Lehrgänge und auf ihrem ersten Dienstposten an Bord schnell nach.

In meiner ersten regulären Verwendung war ich Decksoffizier auf der Fregatte „Bayern“. Im Anschluss kam ich im Austausch wieder auf eine französische Fregatte, für zwei Jahre als Decksoffizier auf die „Surcouf“ aus der Lafayette-Klasse. Während dieser ganzen Zeit habe ich sowohl in der deutschen als auch in der französischen Marine Erfahrungen in Einsätzen gesammelt. Danach bin ich auf den deutschen Operationsdienst-Lehrgang gegangen, um mich dort für meine Verwendung als Schiffseinsatzoffizier ausbilden zu lassen.

Meine Freunde aus der Zeit an der École navale können mir in manchen Fragen auf unkomplizierte Weise helfen. Beispielsweise wenn ich – wie zuletzt im März und April 2020 – im Trägerverband der französischen Marine mit der deutschen Fregatte „Lübeck“ eingesetzt war. Das Ziel des Austauschprogramms, die Zusammenarbeit der deutschen und der französischen Marine zu vereinfachen, ist für mich also gelungen.

von Hanna Lootens  E-Mail schreiben

Mehr zum Thema