Kampf der Krise in Kopf und Seele
Stresssituationen im Einsatz können Soldatinnen und Soldaten mental belasten. Bei geschulten Kameradinnen und Kameraden finden sie Hilfe.
Immer mehr neue Systeme bestimmen den Bordalltag auf Schiffen, Booten und Luftfahrzeugen der Marine. Damit dies Besatzungen nicht überfordert, muss ihre Bedienung nutzerfreundlich gestaltet sein. Das verbessert die maritime Schlagkraft und Anpassungsfähigkeit. Daher erprobt die Marine vor der Einführung ergonomische Aspekte dieser Technologien.
Den Überblick behalten, kann ermüden, aber auch psychisch über die eigenen Kräfte gehen. Umso wichtiger ist es, Arbeitsplätze auf Schiffen oder Booten der Marine möglichst nutzerfreundlich zu konzipieren.
Bundeswehr/Rolf KlattZur Einsatzfähigkeit und Verteidigungsfähigkeit der Marine gehört, auch körperliche und mentale Auswirkungen im Umgang mit komplexen technischen Anlagen – seien es Stress, Überforderung oder Ermüdung – so gering wie möglich zu halten. Denn wer bei vielen, schnell zu erfassenden Daten den Überblick behält und so die gesamte Lage korrekt bewerten kann, macht weniger Fehler. Dafür müssen etwa Symbole oder Farben auf Bildschirmen gut erkennbar, schnell erfassbar und unterscheidbar sein. Fehleinschätzungen und Unfälle mit schwerem Ausgang sind so vermeidbar. Das betrifft nicht nur die Navigation, sondern auch die Bedienung von Waffen und Großsystemen wie Schiffen, Booten, Flugzeugen und Hubschraubern.
Stress, Lärm, Seegang und wechselnde Wachen haben unmittelbare Auswirkungen auf Besatzungen. Den „menschlichen Faktor“ betrachtet das Schifffahrtmedizinische Institut der Marine deshalb auch gezielt unter ergonomischen Gesichtspunkten. Dabei geht es darum, moderne Technik und komplexe maritime Lagebilder vor allem unter anspruchsvollen Einsatzbedingungen beherrschbar zu gestalten, um eine möglichst fehlerfreie und intuitive Nutzung zu ermöglichen. Auf See spielen zudem besonders äußere Bedingungen im Zusammenspiel von Mensch, Technik und Umgebung eine zentrale Rolle.
Moderne Technologien bieten große Chancen für die Marine. Sie können jedoch auch zusätzliche Belastungen erzeugen, wenn sie nicht ausreichend auf die Bedürfnisse der Soldatinnen und Soldaten zugeschnitten sind. Neue Systeme dürfen bestehende Herausforderungen nicht verstärken oder zusätzliche schaffen. „Nachbessern geht immer. Es ist nie zu spät, unsere Systeme in der Marine zu verbessern. Doch sinnvoller ist es, sie von Anfang an ergonomisch, also benutzerfreundlich zu konstruieren“, sagt Kapitänleutnant Julia S.* vom Schifffahrtsmedizinischen Institut. Das erfordere zusätzlichen Aufwand in Bau- und Werftphasen, lohne aber.
An der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine steht die Gestaltung von Brücke, Operationszentrale oder Leitstand im Fokus. Hier geht es vorrangig um die Handhabung, Bedienbarkeit und Softwaregestaltung. Entscheidend ist, alles so zu designen, dass die Informationen optimal genutzt werden können. Gleichzeitig untersucht die Marine, an welchen Stellen menschliche Eingriffe erforderlich bleiben und welcher Grad an Autonomie sinnvoll ist.
Leuchtpunkte, die im Ernstfall über Sieg oder Niederlage entscheiden können: Komplexe Anzeigen im Inneren einer seegehenden Einheit werden im Team beobachtet
Bundeswehr/Tom Kistenmacher„Im Idealfall ist die Technik so konzipiert, dass der Nutzer intuitiv, also ohne längere Einweisung oder erhöhte Konzentration, mit ihr arbeiten kann“, erläutert die Expertin für Ergonomie. Das steigert die Aufnahmefähigkeit und das Durchhaltevermögen, von denen im Ernstfall der Erfolg einer Mission abhängt.
Aus ergonomischer Sicht stellt sich die Frage, wie Informationen verschiedener Systeme optimal zusammengeführt und dargestellt werden können. Ergonomie-Expertinnen und -Experten des Schifffahrtsmedizinischen Instituts der Marine sind deshalb zunehmend bereits von Anfang an in die Entwicklung neuer Systeme eingebunden und bei Übungen anwesend. Die Erkenntnisse aus Erprobungen fließen unmittelbar in die Weiterentwicklung zukünftiger Systeme ein. Insgesamt ergibt dies eine Vielzahl von Faktoren, die neben der Technik selbst am Ende über Kampfkraft und Einsatzfähigkeit der Marine entscheiden.
Ziel bleibt es, nicht den Menschen an die Maschine anzupassen – sondern ein leistungsfähiges Mensch-Maschine-System zu schaffen. Das ist eine Aufgabe, die häufig im Hintergrund stattfindet, für die Zukunft moderner Seestreitkräfte jedoch von zentraler Bedeutung ist.
von Christina Moritz E-Mail schreiben