Gewissensgeleitete Autorität im Fokus
Militärbischof Felmberg lud ein zu einer Tagung über Autorität, Verantwortung und moderne Führungskultur.
Depressionen, Albträume, Suizidgedanken. Die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und andere psychische Erkrankungen zerstören das mentale Wohlbefinden wie auch Beziehungen im persönlichen Umfeld. Hier setzt Prävention in Kriseninterventionsteams (KIT) an – mit Fachpersonal und geschulten Kameradinnen oder Kameraden, den Peers.
Psychische Belastungen können zu Depressionen, sozialer Entfremdung oder Aggression gegen sich und andere führen. Die Bundeswehr hat mittlerweile jahrelange Erfahrung mit solchen Einsatzfolgen und Wege der Prävention gefunden.
Bundeswehr/Markus DittrichBei Einsätzen kann es durch kritische traumatische Ereignisse wie Brand an Bord eines Schiffes oder überdurchschnittlich lang anhaltende und emotional zehrende Stressoren zu Stressfolgestörungen wie PTBS, Depressionen, Angst- oder Suchterkrankungen oder Burnout kommen. Soldatinnen und Soldaten werden bereits in der militärischen Erstausbildung für Stresssituationen sensibilisiert. Zudem bereiten sie Truppenpsychologinnen und -psychologen später auf Einsätze vor und schulen sie unter anderem in Stressbewältigungsmethoden. Aber wie jede und jeder Einzelne eine echte Gefechtssituation oder einen Brand an Bord eines Schiffes erlebt, weiß man erst, wenn ein solcher Fall wirklich eintritt.
Soldatinnen und Soldaten reagieren auf traumatische Ereignisse unterschiedlich. Häufig kommt es zu Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, sozialem Rückzug oder Konzentrationsstörungen. Dabei handelt es sich um ganz normale Reaktionen auf ein ungewöhnliches und mitunter sogar lebensbedrohliches Ereignis. Nach wenigen Wochen im Prozess der Verarbeitung sollten sie wieder verschwinden. Diesen Verarbeitungsprozess kann man unterstützen, indem die Soldatin oder der Soldat über das Erlebte spricht.
Für solche unterstützenden Gespräche gibt es bei der Marine die Kriseninterventionsteams (KITs). Sie bestehen aus einer Truppenpsychologin oder einem Truppenpsychologen und speziell dafür ausgebildeten Kameradinnen und Kameraden – den sogenannten Peers. Zusammen mit den Truppenpsychologen bilden sie das KIT. Angefordert wird es durch den Einheitsführer der betroffenen Soldatinnen und Soldaten. Je nach Ereignislage können bis zu vier Peers zu einem Team gehören. Dies sind Kameradinnen und Kameraden aus verschiedensten Verwendungen, die bis zu ihrer Hinzuziehung in ihrem regulären Dienst sind.
Um Peer bei der Marine zu werden, muss man ein zweiwöchiges Basistraining am Schiffsmedizinischen Institut der Marine in Kronshagen bestehen. Nach spätestens fünf Jahren folgt jeweils ein einwöchiger Auffrischungskurs, auch „Refresher“ genannt. Voraussetzung sind mentale Stabilität und soziale Kompetenz. „Das Training geht hammerhart an die Substanz, definitiv kein Kuschelkurs“, sagt ein Trainingsteilnehmer. „Doch wir Peers unterstützen dann im Team unsere Kameradinnen und Kameraden. Und es gibt nichts Besseres.“
„Wir vergleichen das KIT – also einen Psychologen und die Peers im Team – mit dem ADAC: Wir geben Starthilfe, wenn jemand nach einem Vorfall mental nicht weiterkommt und Unterstützung braucht“, erläutert Diplompsychologin Corinna K.* vom Schiffsmedizinischen Institut der Marine. Manchmal reiche das nicht aus. Dann würden weitere Maßnahmen aus dem klinischen Bereich aufgezeigt.
Doch sehr häufig helfen schon Gespräche mit einem ausgebildeten Peer, um in der Verarbeitung ein gutes Stück weiterzukommen und Selbstheilungskräfte zu mobilisieren. Solch gelebte Kameradschaft trägt maßgeblich dazu bei, dass sich Erlebtes nicht über längere Zeit festsetzt und zu einer chronischen psychischen Störung wird. So schwinden in der Regel nicht nur Schwellenängste davor, sich psychologischen Rat einzuholen, sondern auch vorherige Belastungsreaktionen.
Kameradschaftliches Beistehen kann jedoch nicht nur nach traumatischen Ereignissen wertvolle Unterstützung bedeuten. Einsätze ohne kritische Vorfälle können ebenfalls belastend sein. Und auch hier kann das aufmerksame, aktive Zuhören helfen. Einsatznachbereitungsseminare (ENS) hat die Bundeswehr bereits seit über 20 Jahren. Anfangs waren dies zumeist eher Zusammenkünfte in lockerer Atmosphäre.
Mittlerweile haben die ENS einen anderen Stellenwert. Denn während eines Einsatzes kommen viele Stressfaktoren zusammen – bei der Marine zum Beispiel neue Bedrohungslagen, soziale Konflikte an Bord bei langen Einsatzzeiten oder ein übermäßig fordernder Seegang. All dies sind Umstände, unter denen Soldatinnen und Soldaten weiterhin ihren Dienst leisten müssen. Über einen längeren Zeitraum können sich auch hier chronische Stressreaktionen abzeichnen. Entlastende Gespräche im Kameradenkreis, die von geschulten Peers moderiert werden, können zu einem besseren Verständnis von sich selbst führen und die mentale Verarbeitung des Erlebten fördern. Stressfolgestörungen lassen sich so reduzieren oder sogar ganz verhindern.
In der psychischen Betreuung nach Einsätzen werden auch Familienseminare immer beliebter. Dort können sich auch die Partnerinnen und Partner von Soldatinnen und Soldaten austauschen und man erhält den Raum, sich später als Familie Zeit für sich zu nehmen. Die Moderationsausbildung für die Marine erfolgt am Schiffsmedizinischen Institut der Marine in Kronshagen. „Wir brauchen immer sozialkompetente aktive Marinekameraden als Moderatoren, die natürlich Einsatz- und Borderfahrung mitbringen müssen sowie mindestens drei Jahre Restdienstzeit“, erläutert Diplompsychologin Corinna K. „Wer dann noch von seinem Vorgesetzten die Zustimmung bekommt, zwei- bis dreimal im Jahr bei einem ENS zu unterstützen, kann sich auch direkt bei mir melden.“
*Name zum Schutz der Person abgekürzt
von Corinna Kraft E-Mail schreiben