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Interview

Seeminensprengung: „Immer eine Einzelfallentscheidung“

Seeminensprengung: „Immer eine Einzelfallentscheidung“

Datum:
Ort:
Kiel
Lesedauer:
4 MIN

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Die Minenabwehr im Frieden ist eine Güterabwägung: Schutz von Leben oder Schutz der Umwelt. Fregattenkapitän Christian Meister, Kommandeur des 3. Minensuchgeschwaders, erklärt diese Alltags- und Kernaufgabe der Marine.

Ein Marineoffizier mit dunkelblauer Arbeitsuniform und weißer Tellermütze.

Christian Meister ist seit Januar 2019 Kommandeur der Minenabwehr aus Kiel. Er war zuvor im 3. Minensuchgeschwader schon Wachoffizier, Kommandant und stellvertretender Kommandeur.

Bundeswehr/Bastian Fischborn

Diese Woche hat für das Minenjagdboot „Grömitz“ die sogenannte Einsatzbesichtigung begonnen. Bei der zweitägigen Übung weisen Boot und Besatzung nach, dass sie einsatzbereit sind und damit vorbereitet, Teil des Ständigen Minenabwehrverband der NATONorth Atlantic Treaty Organization SNMCMG1 zu werden. Zur Einsatzbesichtigung gehört für die Minenjäger auch die scharfe Sprengung einer Seemine. Denn der Kampf gegen Munition in der Tiefe der Meere ist für die Minenjäger aus Kiel auch im Frieden immer Realität.

Redaktion Marine: Herr Kap’tän, welche Aufgaben übernehmen Minenjagdboote grundsätzlich in den beiden NATONorth Atlantic Treaty Organization-Minenabwehrverbänden?

Christian Meister: Die militärische Minenabwehr sorgt grundsätzlich dafür, dass die Schifffahrt, vor allem das Leben von Seeleuten, nicht gefährdet wird. Der Verband SNMCMGStanding NATO Mine Countermeasures Group 1 gehört zur „Speerspitze“ der NATONorth Atlantic Treaty Organization Response Force und übt nicht nur bei Manövern wie Joint Warrior in der Nordsee oder Northern Coast in der Ostsee, sondern übernimmt in der Region auch die sogenannte „Historic Ordnance Disposal“ – die Altlastenbeseitigung. Im Mittelmeer macht das der Verband SNMCMGStanding NATO Mine Countermeasures Group 2. In den küstennahen Seegebieten der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Mitgliedstaaten liegen noch hunderttausende Tonnen Munition, teilweise bis zu 80 Jahre alt. Wir sorgen für ihre sichere Vernichtung.

Ein kleines graues Kriegsschiff in See.

Minenjagdboot „Grömitz“. Sie gehört zur Frankenthal-Klasse, 1993 ist sie vom Stapel gelaufen.

Bundeswehr/Michael Sühl

Wie die „Grömitz“ müssen alle Boote Ihres Geschwaders vor dem Einsatz die Einsatzbesichtigung bestehen. Welche Aufgaben kommen auf das Boot und seine Crew zu?

Am Tag vorher bekommt der Kommandant der „Grömitz“ einen ihm bis dahin unbekannten Auftrag. Er muss in einem Gebiet operieren, das von Minen bedroht ist, und diese auch beseitigen. Dieser Live-Einsatz-Test mit Prüfern an Bord findet in einem spannungsreichen Szenario statt. Das bedeutet, die „Grömitz“ hat mit Ausfällen zu rechnen, denn sie wird zum Beispiel von Speedbooten angegriffen, vielleicht mit Panzerfäusten. Auch gegnerische Flieger bedrohen das Boot. Es gibt eventuell Feuer an Bord, einen Wassereinbruch und zusätzlich werden Tote und Verletzte simuliert. Jetzt muss der Kommandant zusammen mit seiner Besatzung beweisen, dass sie gemeinsam jeder Lage Herr werden – und auch unter diesen erschwerten Umständen ihren Auftrag erfüllen können.

Die scharfe Sprengung ist wichtig für das richtige Mindset“

Eine scharfe Sprengung ist zwingender Bestandteil dieser Einsatzbesichtigung. Warum?

Bei der Minenjagd findet man Dinge unter Wasser, bei denen man nicht weiß, was in ihnen geschieht. Bei jedem Sonarkontakt, den ein Minenjagdboot als mögliche Mine klassifiziert, geht die Besatzung sicherheitshalber davon aus, das es auch eine Mine ist. Und ich muss immer davon ausgehen, dass der Zünder noch funktioniert, dass die Mine scharf ist. So einen Einsatz kann man nicht „trocken üben“. Im Ernstfall geht es hier um Menschenleben, jeder Handgriff, jeder Befehl muss sitzen. Im Einsatz später wird jede Besatzung garantiert scharfe Sprengungen machen müssen. Das sollten sie dann nicht das erste Mal erleben. Außerdem ist diese Erfahrung wichtig für das richtige Mindset an Bord.

Zwei Marinesoldaten in dunkler Arbeitsuniform sitzen vor einer Konsole mit vier Bildschirmen und weiteren Anzeigen und Knöpfen.

High-Tech für den Ernstfall unter Wasser: Die „Grömitz“ hat bei ihrer letzten Werftliegezeit eine neue Operationszentrale eingebaut bekommen.

Bundeswehr/Björn Wilke

Was bedeutet das?

Man führt den Kameraden und Kameradinnen an Bord, vor allem den jüngeren, vor Augen, was unter Wasser liegt und was es anrichten kann. Sie sehen dann recht eindrucksvoll, wovor wir Mensch und Umwelt schützen wollen. Das schafft Bewusstsein. Für diesen Zweck wurde das Sperrgebiet in Schönhagen an der Ostseeküste nördlich von Eckernförde vor über 50 Jahren eingerichtet.

Welche Maßnahmen gibt es vor einem scharfen Sprengen?

Zum einen sprengt die Marine zu Übungszwecken nicht während der Laichzeiten der Fische, oder wenn der Nachwuchs der Meeressäuger aufgezogen wird. Wenn wir sprengen, dann vergrämen, also verscheuchen, wir die Meeresbewohner vom Sprengort. Mit Schall- und Knallsignalen von aufsteigender Intensität sorgen wir rechtzeitig dafür, dass die Tiere davonschwimmen. Zusätzlich überwachen die an einer Sprengung teilnehmenden Boote die Wasseroberfläche ständig.

Und wir haben zuvor die allgemeine Seefahrt informiert. Nicht zuletzt sind wir mit unseren Booten ja selbst vor Ort und ansprechbar, es kann sich also niemand unbeobachtet in das Sperrgebiet verirren. Und es kommt noch hinzu: Schutz von Leben und Schutz der Umwelt müssen wir beim Sprengen immer abwägen. Das ist stets eine Einzelfallentscheidung.

„Wir werden gebeten, die Sprengung durchzuführen“

Ein Marinesoldat in dunkelblauer Bordjacke und ein Heeressoldat in Flecktarnuniform unter Deck auf einem Schiff.

Bundeswehr-Generalinspekteur Eberhard Zorn an Bord der „Grömitz“ im Mai 2019. Hier lässt er sich vom Kommandanten Unterwasserdrohnen erklären.

Bundeswehr/Björn Wilke

Die Marine arbeitet für Sprengungen mit den Wasserstraßen- und Schifffahrtsämtern zusammen. Wie sieht das aus?

In deutschen Hoheitsgewässern ist das Bundesverkehrsministerium für die Schifffahrt zuständig. Dieses setzt Wasserstraßen- und Schifffahrtsämter ein, sich um die Bundeswasserstraßen im Einzelnen zu kümmern. Und diese Ämter fragen dann bei uns an, wenn es um Kriegsmunition geht und der Kampfmittelräumdienst unsere Expertise braucht. Mit Hilfe unserer Taucher und unserer Drohnen können wir nicht nur das Unterwasser-Lagebild liefern, sondern wir werden auch gebeten, die Sprengung durchzuführen.

Worin unterscheidet sich die Fähigkeiten der Marine von der zivilen Kampfmittelbeseitigung?

Zehn Minenjagdboote mit 400 Männern und Frauen Besatzung. Sonaranlagen, Unterwasserdrohnen. Und natürlich die Minentaucher, die mit bis zu 54 Metern unschlagbar tief tauchen.

von  Interview: Jule Peltzer  E-Mail schreiben

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Weitere Informationen

Webseiten des Expertenkreises Munition im Meer beim Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein

Webseiten des Kampfmittelräumdienstes der Landespolizei Schleswig-Holstein

Infoseite „Wasserstraßen kompakt“ des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur

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