Altlastensuche: Auslaufen zur Amtshilfe
Zwei Marineschiffe sollen vor dem geplanten LNGLiquefied Natural Gas-Terminal bei Lubmin nach Altmunition suchen.
Vom 24. bis 28. Oktober haben die „Bad Bevensen“ und die „Bad Rappenau“ in Amtshilfe den Ostseegrund vor Lubmin nach Altmunition abgesucht.
Beim Untersuchen des Meeresgrunds vor Lubmin kommen neben Schiffssonaren und Unterwasserdrohnen auch Minentaucher zum Einsatz
Bundeswehr/Steve BackMontagmorgen in Kiel – die Seeleute der „Bad Bevensen“ und „Bad Rappenau“ verladen ihren Proviant, bevor sie zu einem Amtshilfeauftrag vor dem Greifswalder Bodden fahren. Die nächsten vier Tage suchen sie in einem 1,4 mal 1,4 Kilometer großen Gebiet vor Lubmin, östlich von Greifswald, nach Altlasten. Diese können unter anderem Seeminen und Munitionsreste aus den Weltkriegen sein. Für diese Gefahren auf dem Meeresgrund sind das Minenjagdboot und das Minentauchereinsatzboot spezialisiert. Sie haben zur Unterstützung neben ihrem Schiffssonar und den Minentauchern auch zwei unterschiedliche Unterwasserdrohnen mit dabei, den Seefuchs und den Remus 100.
Im Greifswalder Bodden soll bereits Ende des Jahres ein Terminal für Flüssigerdgas errichtet werden. Damit ein störungsfreier Betrieb gewährleistet werden kann, muss ein großer Bereich um den geplanten Standort frei von jeglichen Gefahren sein. Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Ostsee stellte deswegen einen Amtshilfeantrag beim Verteidigungsministerium. Für die Absuche des Meeresgrundes benötigt es Sensoren, Unterwasserdrohnen und Profis wie es das 3. Minensuchgeschwader aus Kiel hat. Amtshilfegesuche anderer Behörden kommen bei der Marine öfter vor. Zur Energieversorgung Deutschlands beizutragen, ist für die Kieler Seeleute etwas Neues und macht sie auch besonders stolz.
Minentauchereinsatzboot „Bad Rappenau“ (links) und Minenjagdboot „Bad Bevensen“ im Suchgebiet. Ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Schiffstypen: Tauchereinsatzboote können mehr Minentaucher an Bord nehmen als reine Jagdboote.
Bundeswehr/Markus Ahrens„Wir arbeiten in den nächsten Tagen rund um die Uhr und schauen fast durchgängig auf das Sonarbild“, so Obermaat Jörg M. Er arbeitet in der Operationszentrale des Minenjagdboots „Bad Bevensen“ und steuert gerade das Schiffssonar. Zusätzlich ist er auch ein Bediener der Unterwasserdrohne Seefuchs. Besonders Interessant für die Besatzung sind zum einen zylindrische Gegenstände von eineinhalb bis zwei Meter Länge, diese wären ein Hinweis auf eine Grundmine. Ebenso suchen die Marinesoldaten nach Objekten, die einer Ankertaumine ähneln. Hierzu suchen sie im Sonarbild nach kugelförmigen Gegenständen, die ein ungefähren Durchmesser von einem Meter haben.
„Zwei bis drei Meter über dem Boden stört uns gerade eine Sprungschicht“, erklärt Jörg. Eine Sprungschicht unter Wasser entsteht bei plötzlich stark absinkenden Temperaturen und ansteigenden Druck unter der Wasseroberfläche, abhängig vor allem von der Sonneneinstrahlung. Sie reflektiert den Schall und damit auch Sonarimpulse wie ein Spiegel. „Das macht es sehr schwierig, interessante Objekte zu detektieren“, ergänzt Jörg. „Zum Glück können wir da unsere Drohnen einsetzen, um unter dieser Sprungschicht ein gutes Sonarbild zu bekommen.“
Das Detektieren ist der erste Schritt vom sogenannten „Dreisprung der Minenjagd“: Nach diesem Punkt, dem Auffinden eines Objektes auf dem Sonarbildschirm, muss es noch vom Sonarbediener klassifiziert und danach mit einer Unterwasserdrohne identifiziert werden. Für die Identifikation dieser Objekte haben die beiden Schiffe mehrere Möglichkeiten. Minentaucher sind die wohl bekannteste. Drei Gruppen der Minentaucher sind auf den Minenbooten verteilt.
Des Weiteren haben die Minenjäger die Option Unterwasserdrohnen einzusetzen. Die „Bad Bevensen“ setzt dabei auf den Seefuchs: eine kleine Drohne, die mit einem Glasfaserkabel ständig mit dem Schiff verbunden ist und sowohl ein Videobild als auch ein Sonarbild direkt in die Operationszentrale überträgt.
Der Bediener muss vor jedem Einsatz die Unterwasserdrohne Remus programmieren. Einmal gestartet, kann sie bis zu sechs Stunden den Grund absuchen.
Bundeswehr/Markus Ahrens
Mit dem Sonar der Remus-Drohne entdecken die Minenjäger Kontakte auf dem Meeresboden auch noch unter der Sprungschicht, hier ein Objekt oben rechts im Bild. Der Sonarbediener klassifiziert es anschließend.
Bundeswehr/René Süss
Die „Bad Bevensen“ setzt einen Seefuchs aus. Die Drohne ist einer der wichtigsten Sensoren der Minenjäger, besonders für die unmittelbare Annäherung an gefährliche Objekte.
Bundeswehr/Markus Ahrens
Mit dem Seefuchs identifizieren die Soldaten einen vom Remus gefundenen Kontakt – hier vermutlich ein Holzschrank oder Tresor, also ein ungefährliches Objekt. Ein 30 mal 30 Zentimeter großer Kreuzsinker markiert die Position.
Bundeswehr/René Süss
Das Suchgebiet der Minenjäger war frei von Altmunition, gefunden haben sie allerdings ein bisher unbekanntes Schiffswrack. Die Position wird voraussichtlich in neue Seekarten einfließen – und macht auch damit die Seefahrt in der Ostsee sicherer.
Bundeswehr/René SüssDas Minentauchereinsatzboot „Bad Rappenau“ nutzt die Unterwasserdrohne Remus 100. Mit zirka 170 Zentimeter Länge ist sie deutlich größer als der Seefuchs und liefert hochauflösende Sonarbilder. Nach dem Zuwasserlassen arbeitet sie bis zu sechs Stunden und bis auf eine maximal Tiefe von 100 Meter autonom. Dazu programmiert ein Soldat des Remus-Teams die Drohne vorab mit allen wichtigen Daten: der Geschwindigkeit, den Objekt-Koordinaten, den Wasserbedingungen für das Sonar und der Absuchhöhe, auch Flughöhe genannt, über dem Meeresboden.
„Der Kommandant wird gleich den Befehl zum Schuss eines Seefuches geben“, erklärt Obermaat Jörg. Damit geht er in den Hangar, holt einen der Seefüchse raus und bereitet ihn für eine Einsatz vor. Gibt der Kommandant der Besatzung einen Befehl zum „Schuss eines Seefuches“, ist dieser innerhalb von wenigen Minuten einsatzbereit und kann für bis zu 45 Minuten den Boden absuchen oder einzelne Objekte genaustens mit dem eigenen Sonar oder optisch mit der eingebauten Kamera untersuchen. Der Seefuchs arbeitet selbstständig und taucht am Ende ungefähr 50 Meter neben dem Schiff wieder auf.
„Wir haben Deutschlands Seewege wieder ein Stück sicherer gemacht und zur Energieversorgung mit Flüssigerdgas beigetragen“, resümiert der Kommandant der „Bad Bevensen“, Kapitänleutnant Kevin L. zum Ende der Amtshilfe. „Bei allen 19 identifizierten Objekten auf dem Meeresgrund konnten wir bestätigen, dass es sich um keine Altlasten handelt und das neue Flüssiggas-Terminal somit vor Munitionsgefahren sicher ist.“
von Markus Ahrens E-Mail schreiben