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Operatives Lagebild

„Wir müssen die neuralgischen Punkte in Deutschland kennen“

Zivil-Militärische Zusammenarbeit
Datum:
Ort:
Schwielowsee
Lesedauer:
3 MIN

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Bei ihm laufen alle Informationen zusammen – zumindest, wenn es um zivile Einflussgrößen und Stellschrauben geht: Oberstleutnant i. G.im Generalstabsdienst Stefan Q.* leitet das Referat J9 „Analyse und Lagebeurteilung“ im Operativen Führungskommando der Bundeswehr. J9 ist die Abteilung, die sich mit der zivil-militärischen Zusammenarbeit beschäftigt. Über den Schreibtisch von Stefan Q. läuft somit alles, was zivile Lagen betrifft.

Soldaten und ein Zivilist sitzen an einem Schreibtisch vor Monitoren

Gegenseitige Einflussgrößen kennen: Soldaten und Krankenhausteams trainieren die Koordination der klinischen Patientenversorgung im Bündnisfall.

Bundeswehr/Patrick Grüterich

„Wir müssen die neuralgischen Punkte in Deutschland kennen“, betont der 41-Jährige. Welche Verteilerstationen des Stromnetzes sind kritisch und könnten durch einen Angriff einen Kaskadeneffekt auslösen? Ähnlich sieht es mit der Wasserversorgung aus. Welche Folgen kann hier ein Ausfall haben? Was ist mit den Lieferketten der Supermärkte? Welche Flughäfen werden aktuell von Drohnen ausspioniert? Insgesamt geht es um die Frage, welche Auswirkungen zivile Aspekte auf die Verteidigung haben.

Die sieben Blickwinkel der NATONorth Atlantic Treaty Organization

Der Experte zitiert sieben Kriterien, die von der NATONorth Atlantic Treaty Organization festgelegt wurden, und nach denen dort zivile Lagen sortiert werden:

  1. Kontinuität der Regierungsaufgaben: Dazu zählt all das, was die Regierungs- und Staatsfunktion aufrechthält.
  2. Resiliente Energieversorgung: Darunter fällt etwa die Versorgung der Bevölkerung, der Industrie und der Streitkräfte mit Strom, Gas und Treibstoff.
  3. Unkontrollierte Bewegungen von Menschen: Hierzu zählen zum Beispiel Flüchtlingsströme aus Krisen- und Kriegsgebieten.
  4. Grundnahrungsmittel: Bei der Wasser- und Essensversorgung stehen intakte Lieferketten und sauberes Trinkwasser im Mittelpunkt.
  5. Massenanfall von Verwundeten: Hier geht es um die Versorgungslage und die medizinische Infrastruktur wie Krankenhäuser und Feldlazarette.
  6. Zivile Kommunikation: Mobiles Internet und zivile Telekommunikation zählen hierzu.
  7. Transportsystem: Dieses Kriterium umfasst die Straßen- und Schieneninfrastruktur, Wasserwege und Flughäfen, aber auch den öffentlichen Personennah- und -fernverkehr.

Als Sensoren in der Fläche sind vor allem die Landeskommandos der Bundeswehr in den Bundesländern die Ansprechstellen für das Operative Führungskommando in Berlin und Schwielowsee. Die Landeskommandos sind direkt vor Ort und in der Region vernetzt. Sie kennen die lokalen Gegebenheiten und Herausforderungen nicht nur mit Blick auf die Infrastruktur. Aber auch zivile Akteure sind für die Analystinnen und Analysten im Operativen Führungskommando unverzichtbar. Dazu zählen Informationen und Lagebilder beispielsweise von Landes- und Bundesbehörden, von Lebensmittelketten oder Grundversorgern für Wasser und Energie.

Soldaten und Personen des Technischen Hilfswerk beim Brückenbau

Übung Schulterschluss 2025: THWTechnisches Hilfswerk und Pioniere der Bundeswehr beim Bau einer Behelfsbrücke auf dem Wasserübungsplatz Nitzow nördlich von Havelberg

Bundeswehr/Christian Bohm

Zivile und militärische Faktoren für umfassendes Bild

Aus der Zusammenführung der unterschiedlichsten Informationen – zivil und militärisch – entsteht so ein gesamtstaatliches operatives Lagebild. Das Ziel: Aufgrund bestimmter Vorkommnisse und Zusammenhänge soll bereits im Vorfeld ein möglicher, vor allem hybrider Angriff vorausgesagt werden. 

Oberstleutnant Q. nennt ein Beispiel: „In einer Gegend gibt es eine Störung bei der Wasserversorgung, auch die Bargeldversorgung ist betroffen und Drohnen haben den Bereich gezielt ausgespäht. Dazu befindet sich das Gebiet an einer Strecke, an der ein Rastplatz für alliierte Streitkräfte eingerichtet wird. Wir sehen also auf dem operativen Lagebild verschiedene Aktivitäten, die auf die Drehscheibe Deutschland Auswirkungen haben. Wir sehen und bewerten all dies auf der operativen Ebene. Der Generalinspekteur oder der Befehlshaber können mit diesem Wissen den Verteidigungsminister oder den Nationalen Sicherheitsrat sachgerecht beraten.“ Die operative Ebene berät somit die strategische Ebene, die dann eine strategische Entscheidung trifft. 

Die detaillierte Berücksichtigung ziviler Parameter ist ein Ergebnis der Refokussierung der Bundeswehr auf die Landes- und Bündnisverteidigung. Stefan Q. erinnert sich an die Lagebilder aus Einsätzen im internationalen Konflikt- und Krisenmanagement. Er selbst war in Afghanistan, Syrien, Irak, Türkei und Sudan: „Dort war das Lagebild von unserem Auftrag geprägt. Die Gefahr lag in anderen, konkreten Gefahrenquellen, salopp gesagt der weiße Toyota der Terroristen. Das ist nicht vergleichbar mit einem strategischen Gegner, der gezielt auf hybride Aktivitäten wie Desinformationskampagnen oder Fake News, Cyberangriffe, Ausspähung oder Sabotage setzt, um eine Gesellschaft zu beunruhigen und zu destabilisieren. Für das operative Lagebild sehen wir uns das große Ganze an.“ Denn nur ein umfassendes Lagebild, das militärische und zivile Stellschrauben und Parameter aktuell abbildet, ermöglicht fundierte militärische Entscheidungen im Verteidigungs- oder Bündnisfall.

*Name zum Schutz der Person abgekürzt.

von Sabine Eroglu

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