Evakuierung aus Afghanistan: Psycho-soziale Beratung der Bundeswehr

Evakuierung aus Afghanistan: Psycho-soziale Beratung der Bundeswehr

  • Afghanistan
  • Personal
Datum:
Ort:
Köln
Lesedauer:
3 MIN

Für die Bundeswehr ist mit dem Engagement in Afghanistan einer ihrer längsten und prägendsten Einsätze zu Ende gegangen. Rund 160.000 Soldatinnen und Soldaten waren am Hindukusch im Einsatz. Nach dem Abzug der internationalen Truppen zum 4. Juli des Jahres entwickelte sich die Lage in Afghanistan dramatisch: Die schnelle Rückkehr der Taliban an die Macht erschüttert die westliche Welt, die Evakuierung ausländischer Staatsangehöriger und afghanischer Ortskräfte aus Kabul ist sehr schwierig und gefährlich.

Wir sprechen mit Susanne Bruns über Angebote psycho-sozialer Beratung der Bundeswehr und warum sie gerade jetzt hilfreich sein könnten.

Eine Frau mit blonden Haaren schaut in die Kamera

Sie koordiniert die psycho-sozialen Angebote der Bundeswehr als Leiterin des Psychologischen Dienstes: Susanne Bruns.

2021 Bundeswehr / R. Alpers

3 Fragen an Susanne Bruns

- Leiterin des Psychologischen Dienstes der Bundeswehr -

Viele Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr waren in den letzten Jahrzehnten in Afghanistan im Einsatz. Dort wurden Dinge erlebt, die aufgewühlt, verletzt oder sogar traumatisiert haben. Könnten die Geschehnisse, die wir medial aus Afghanistan mitbekommen, außergewöhnliche emotionale oder auch psychische Reaktionen bei Einsatzerfahrenen auslösen?

Viele von uns, die in Afghanistan waren, haben dort Menschen getroffen, die sich für den Fortschritt ihres Landes eingesetzt haben. Wir haben sie für ihr Engagement bewundert, denn es war uns bewusst, dass das immer auch mit persönlichen Risiken verbunden war. Wir fürchten um die Sicherheit der Menschen, die wir zurückgelassen haben, sind enttäuscht, fühlen uns hilflos, mitschuldig oder wütend. Je mehr Energie und Leidenschaft unsere Soldatinnen und Soldaten während ihres Einsatzes investiert haben und je größer ihre individuellen Entbehrungen waren, desto schwerer wiegen jetzt natürlich auch die aktuellen Bilder.

Die meisten Soldatinnen und Soldaten werden sich von diesen Gefühlen aber nicht überwältigen lassen. Vielleicht schläft man mal schlecht oder ist verstimmt, aber dann hilft es oft schon, darüber mit Kameraden, im Freundeskreis oder in der Familie zu sprechen. Bei anderen – und Sie haben diejenigen angesprochen, die in Afghanistan eine Traumatisierung erlebt haben – sind die Reaktionen möglicherweise heftiger, weil sie die Erinnerung an frühere Erlebnisse hervorrufen können.

Welche Angebote hat die Bundeswehr als fürsorgliche Arbeitgeberin für die Soldatinnen und Soldaten und auch die zivilen Angehörigen der Bundeswehr in diesem Bereich? Wohin oder an wen können sich Betroffene wenden?

Wenn jemand das Gefühl hat, einen fachlichen Rat zu benötigen, kann man sich in nahezu jedem Standort unmittelbar an eine Vertreterin oder einen Vertreter der Dienste wenden, die das Psychosoziale Netzwerk der Bundeswehr bilden. Dazu gehört der Sozialdienst, der Psychologische Dienst, der Sanitätsdienst sowie die Militärseelsorge. Sie alle bieten den Bundeswehrangehörigen Beratung und Betreuung bei dienstlichen und persönlichen Fragestellungen, Problemen und Belastungen an. Dabei sind sie selbstverständlich auch zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Was raten Sie Bundeswehrangehörigen, die aufgrund der Medienberichterstattung und der Bilder, die sie sehen, eine starke persönliche Betroffenheit erleben, ob sie nun selbst im Einsatz gewesen sind oder nicht?

Manche Menschen beobachten an sich möglicherweise außergewöhnlich starke, überwältigende Gefühle und Reaktionen. Insbesondere, wenn dies schon über einen längeren Zeitraum anhält und die persönlichen Bewältigungsmaßnahmen wie Sport, Entspannungsverfahren oder Gespräche mit vertrauten Menschen nicht helfen, dann rate ich, sich am besten um professionelle Unterstützung zu bemühen.

Häufig bemerken aber auch Vorgesetzte, Kameradinnen, Kameraden und Untergebene eine Verhaltensänderung bei ihrem Gegenüber. Es kostet möglicherweise zunächst ein wenig Überwindung, diesen Umstand direkt anzusprechen, aber auch das ist Kameradschaft und Fürsorge, wenn man sich in dieser Art um sein Umfeld kümmert.

Wer sich richtig krank fühlt oder vollkommen verzweifelt ist, braucht aus meiner Sicht ärztliche Hilfe und sollte sich nicht scheuen, diese ohne großen Zeitverzug in Anspruch zu nehmen.

Wir danken für das Gespräch Frau Bruns.

Sehr gerne, das Thema beschäftigt mich persönlich ehrlich gesagt auch, denn ich selbst bin auch mehrfach in Afghanistan gewesen.

von PIZ Personal  E-Mail schreiben
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