Neue Seelsorger für die Truppe: In Koblenz werden Soldaten verschiedener Glaubensrichtungen beraten

Neue Seelsorger für die Truppe: In Koblenz werden Soldaten verschiedener Glaubensrichtungen beraten

  • Religion
  • Zentrum Innere Führung
Datum:
Ort:
Koblenz
Lesedauer:
5 MIN

In der Bundeswehr sollen nach einer Entscheidung des Verteidigungsministeriums schon bald jüdische und muslimische Militärgeistliche tätig sein. Sie können damit die bisherigen Angebote für Soldaten verschiedener Glaubensrichtungen in der Truppe ergänzen, die im Zentrum Innere Führung in Koblenz bereits seit 2015 zur Verfügung stehen. Evangelische und katholische Militärpfarrer sind schon seit den 50er Jahren in der Bundeswehr seelsorgerisch tätig.

 Ein Rabbiner spricht vor Soldaten

Tagesbefehl zur Weiterentwicklung der Militärseelsorge

dpa / Bernd von Jutrczenka

Die Bundeswehr macht ihren Soldaten außerhalb des katholischen und evangelischen christlichen Konfession schon seit vier Jahren ein umfangreiches Beratungsangebot: Wer seelsorgerische Betreuung sucht oder Fragen zur Religionsausübung im Dienstalltag als Gläubiger oder Vorgesetzter von gläubigen Soldaten hat, kann sich an die „Zentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen“ (ZASaGZentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen) wenden. Rund 100 Ratsuchende nutzen Jahr für Jahr vertraulich den Rat von Oberstleutnant Carsten Lange und Hauptfeldwebel Hülya Süzen. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Religionsvertretern haben sich die Koblenzer Soldaten ein Netzwerk aus Unterstützern und Beratern erarbeitet, die in allen Dienst- und Lebenslagen praktische, aber auch lebenserfahrene Ratgeber sind.

Zeichen der Integration

Dass die jüdische und muslimische Rolle in der Truppe nun institutionalisiert werden soll, wird im Koblenzer Zentrum ausdrücklich begrüßt. „Der Bedarf ist da“, weiß Lange. „Die Soldaten mit anderen Glaubensrichtungen sind deutsche Staatsbürger, deutsche Soldaten. Das Zeichen der Integration ist ihnen sehr wichtig.“ Und es seien vor allem praktische Fragen, die noch zu klären seien: Ob etwa Beten auch gleichzeitig Dienstzeit sei, oder in welche Moschee ein muslimischer Soldat gehen könne, ohne Bedenken bezüglich einer möglichen politischen Beeinflussung haben zu müssen.

Es sind Verträge zwischen dem deutschen Staat und den beiden großen Kirchen, die seit Jahrzehnten das seelsorgerische Engagement der katholischen und evangelischen Militärpfarrer in der Bundeswehr möglich machen. Vergleichbare Rechtsgrundlagen sollen nun auch mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland geschaffen werden. Für die große Glaubensvielfalt der Muslime steht kein maßgeblicher zentraler Verband zur Verfügung, wie Oberstleutnant Lange aus seiner Arbeit weiß. Hier wird von der Bundeswehr nach einer Lösung gesucht, um einen Partner für solch einen Staatsvertrag zu haben.

Sicher ist: Die künftigen neuen Militärgeistlichen müssen sich ebenso wie ihre bereits aktiven evangelischen und katholischen Kollegen einem Einstellungsverfahren bei der Truppe stellen. Dabei werden die von ihren Religionsgemeinschaften vorgeschlagenen Kandidaten sowohl truppenärztlich untersucht, als auch einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen. Schließlich arbeiten sie mitten unter den Soldaten und müssen auch für die seelsorgerische Arbeit in den Einsatzgebieten fit sein.

Seite an Seite mit den Soldaten

Pro Jahr befinden sich rund 40 Militärgeistliche für durchschnittlich vier Monate in den Einsatzgebieten. Im Zentrum Innere Führung absolvieren frisch eingestellte Militärgeistliche daher auch einwöchige Einweisungsseminare.  Hier lernen die Geistlichen die Führungskultur der Bundeswehr mit dem Leitbild vom „Staatsbürger in Uniform“ kennen. Sie gewinnen einen Einblick in das „System“ Bundeswehr, die Innere Führung und ihre Umsetzung im Truppenalltag. Wichtig sind auch die ethischen Grundlagen der Führungskultur der Bundeswehr und Hinweise für eine Zusammenarbeit von Militärseelsorge und Streitkräften insbesondere im Rahmen des berufsethischen „Lebenskundlichen Unterrichts“.

Ausdrücklich begrüßt wird die angekündigte Einstellung von jüdischen und muslimischen Seelsorgern in der Bundeswehr von den beiden christlichen Koblenzer Militärgeistlichen. Der evangelische Pfarrer Roger Mielke sieht die Neuerung als logischen Schritt der gesellschaftlichen Entwicklung. Für den katholischen Militärdekan Hans Richard Engel ist die Entwicklung ebenfalls nicht neu. Im Inland und bei Auslandseinsätzen hat er immer wieder mit muslimischen, jüdischen und hinduistischen Soldaten bei Seminaren und im Zentrum Innere Führung zusammengearbeitet. Schon immer stehen den Soldaten aller Glaubensrichtungen die Beratungs- und Betreuungsangebote der beiden großen Kirchen vom ethisch geprägten Lebenskundlichen Unterricht bis hin zu den „OASE“ genannten Freizeittreffs in den Einsatzgebieten der Truppe offen. All dies würde auch schon bisher mit großem Interesse genutzt, betonen die beiden Militärgeistlichen.

Militärseelsorge hat eine lange Tradition

Die historische, weltweite Bedeutung der Militärseelsorge ist so alt wie der Soldatenberuf selbst. Jüdische Feldrabbiner gab es neben den christlichen Militärpfarrern bereits in der deutschen Armee zur Zeit des Ersten Weltkrieges, als geschätzte 100.000 Soldaten jüdischen Glaubens die deutschen Uniformen trugen. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft dauerte es bis gegen Ende der 60er Jahre, bis es wieder bekennende deutsche Soldaten mit jüdischer Religion gab. In der Nationalen Volksarmee der DDRDeutsche Demokratische Republik existierte keine Militärseelsorge.

Ob es eines Tages auch Militärgeistliche weiterer Konfessionen in der Truppe geben kann, hängt von der Entwicklung des Bedarfes ab: Nach offiziellen Schätzungen leben in Deutschland neben rund fünf Millionen Menschen mit muslimischem und 200.000 mit jüdischem Hintergrund auch 270.000 Hindus und 1,1 Millionen orthodoxe Christen verschiedener Kirchen. 23 Millionen Katholiken und 21 Millionen Protestanten stellen neben den rund 30 Millionen konfessionslosen Menschen in Deutschland allerdings mit Abstand die größten Gruppen. Auch wenn nicht bekannt ist, wie viele Männer und Frauen in den jeweiligen Glaubensgemeinschaften ihre Religion auch praktizieren: Die Zahlen und die gesellschaftliche Entwicklung lassen keinen Zweifel daran, dass der Bedarf an seelsorgerischer Beratung in der Bundeswehr in den kommenden Jahren beim Zentrum Innere Führung in Koblenz eher wachsen als geringer werden dürfte.

3 Fragen an…

Oberstleutnant Lange im Interview.

Oberstleutnant Lange im Interview.

Bundswehr / Ricarda Schönbrodt

Oberstleutnant Carsten Lange, Leiter der Zentralen Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen (ZASaGZentrale Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen) am Zentrum Innere Führung in Koblenz


1) Wie wird bisher die Seelsorge für jüdische, muslimische und Bundeswehrsoldaten weiterer Glaubensrichtungen sichergestellt?

Die Ansprechstelle für Soldatinnen und Soldaten anderer Glaubensrichtungen wurde 2015 in Koblenz eingerichtet. Sie vermittelt seither bei Bedarf Seelsorge für Soldaten außerhalb des evangelischen oder katholischen Bekenntnisses, berät Vorgesetzte und führt Veranstaltungen durch. Wir haben Ansprechpartner in verschiedenen Religionen, die uns dabei unterstützen.

2) Die Bundeswehr plant mit einer „niedrigen einstelligen Zahl“ für jüdische und muslimische Militärseelsorger. Wie viele sind nötig?

Wir gehen von rund 300 jüdischen und 3000 muslimischen Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr aus. Für die katholische und die evangelische Kirche liegt der Personalschlüssel bei 750 gläubigen Soldaten pro Militärgeistlichem. Setzt man die Latte vergleichbar hoch an, kann es sich nur um wenige neue Militärseelsorger für Muslime und Juden handeln.

3) Der „Zentralrat der Juden“ ist bereits anerkannter Partner für einen Staatsvertrag mit der Bundesrepublik. Bei den muslimischen Religionen fehlt ein zentraler Ansprechpartner. Wie kann dennoch eine Zusammenarbeit gelingen?

Die Erweiterung des Staatsvertrages mit dem Zentralrat der Juden in Sachen Militärgeistliche wird vermutlich der Bundestag regeln. Für den Fall der künftigen muslimischen Militärseelsorger gestaltet sich der Prozess mangels eines einzelnen vertretungsberechtigten Vertragspartners deutlich schwieriger. Bei der Vielzahl von Verbänden und Religionsgemeinschaften sowie einer häufig eng an türkische Zentralbehörden gebundene Ausbildung der Imame bedarf es einer sorgfältigen Abwägung des Vorgehens. Die Herausforderung ist, festzustellen, mit wem die Bundeswehr in dieser Hinsicht zusammenarbeiten wird.

von Peter Messner