Fit für das 21. Jahrhundert? Führen, Ausbilden und Erziehen in der Bundeswehr

Fit für das 21. Jahrhundert? Führen, Ausbilden und Erziehen in der Bundeswehr

  • IF - Zeitschrift für Innere Führung
  • Zentrum Innere Führung
Datum:
Ort:
Koblenz
Lesedauer:
9 MIN

Der Dreiklang Führen, Ausbilden und Erziehen beschreibt die Kernaufgaben militärischer Vorgesetzter. Er ist seit Gründung der Bundeswehr tief in der Konzeption der Inneren Führung verankert. Mit diesem Artikel laden wir Sie auf eine Reise ins zeitgemäße Führen, Ausbilden und Erziehen im 21. Jahrhundert ein.

Zwei Soldaten in der Rückansicht, vor ihnen landet ein Hubschrauber.

Soldaten vom Personnel Recovery Team vor der Landung eines Transporthubschraubers CH-53 während einer Übung im Rahmen der Mission Resolute Support in Masar-i Scharif in Afghanistan 2020

Bundeswehr/PAO TAAC-North

Zugleich möchten wir Sie auffordern, anhand der vielen in diesem Beitrag aufgeworfenen teils auch offenen Fragen, eigene Gedanken zu entwickeln, die es wert sind, sie untereinander zu diskutieren. Im Sinne der Einsatzbereitschaft und zum Wohle unserer Soldatinnen und Soldaten ist eine Neubetrachtung dieses Dreiklangs angebracht.

Hörfassung des Beitrags

Mit diesem Beitrag laden wir Sie auf eine Reise ins zeitgemäße Führen, Ausbilden und Erziehen im 21. Jahrhundert ein.

Wagen wir den Blick in die Vergangenheit, packen unsere Koffer und reisen zurück in den Oktober 1950: Damals wurde in der Abtei Himmerod in der Eifel der Grundstein für die Bundeswehr und die Innere Führung und damit auch für die Rollentrias gelegt. Das Ergebnis dieser geheimen Tagung von 15 Militärexperten ist die Himmeroder Denkschrift. Sie war nicht nur die erste Blaupause für den Aufbau der Bundeswehr, sondern zielte auf ein völlig neues Selbstverständnis von Militär in Deutschland.

Das von Wolf Graf von Baudissin entwickelte Reformkonzept wurde 1953 in „Innere Führung“ umbenannt. Das neue Leitbild eines „Staatsbürgers in Uniform“ sollte zum einen mit dem Menschen- und Soldatenbild der Wehrmacht brechen, zum anderen aber auch perspektivisch den Aufbau eines auf den Werten und Normen einer Demokratie basierenden soldatischen Selbstverständnisses und Traditionsbewusstseins fördern. Es war daher folgerichtig, dass die „Innere Führung“ die Gesamtheit von Führung, Ausbildung und Erziehung umschloss.

Blick auf die Abtei durch die Pforte des Kloster Himmerod.
Himmeroder Denkschrift Bundeswehr/Fabian Schier
„Ebenso wichtig wie die Ausbildung des Soldaten ist seine Charakterbildung und Erziehung.“

Zwar wurde im deutschen Militär der Vorgesetzte bereits im 19. Jahrhundert als Führer, Ausbilder und Erzieher beschrieben. Bemerkenswert ist allerdings, dass in der Frühzeit der Bundeswehr die Funktion des Erziehers in der Rollentrias an erster Stelle stand. Der Erziehungsauftrag von militärischen Vorgesetzten war eben nicht dem Führungs- und Ausbildungsauftrag nachgeordnet, sondern besaß das Primat. Schließlich ging es um den Aufbau von Streitkräften in der und für die noch junge Demokratie.

Der Weg zur Gegenwart

Aktuell werden die Stimmen lauter, die Bundeswehr sei in Gefahr, dieses wesentliche Element deutscher Militärpädagogik, die Erziehung der Soldatinnen und Soldaten als zentraler Pfeiler der Führungsphilosophie der Inneren Führung, zu verlieren. Vorgesetzte in der Bundeswehr haben zwar offiziell weiterhin den Auftrag, unterstellte Soldatinnen und Soldaten zu erziehen. Allerdings wird schon seit Jahrzehnten darüber diskutiert, inwiefern erwachsene Soldaten überhaupt noch erzogen werden können. Im Dreiklang des Führens, Ausbildens und Erziehens verliert Letzteres in den vergangenen Jahrzehnten wahrnehmbar an Bedeutung.

Wie kam es zu diesem Wandel und was sollte die Bundeswehr tun, um den Erziehungsgedanken zu revitalisieren? Sogar Wolf Graf von Baudissin als einer der Gründungsväter der Inneren Führung lehnte Anfang der 1990er Jahre den Erziehungsbegriff für die Bundeswehr ab. Damit reflektierte er die gesellschaftliche Kontroverse über die Frage der Erziehbarkeit von Erwachsenen seit den Diskussionen um Freiheit und Eigenverantwortung in den späten 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Später konnte er sich nicht einmal mehr daran erinnern, dass er den Begriff jemals für wichtig erachtet hatte.

Der Haupteinwand gegen das tradierte Erziehungsverständnis in den deutschen Streitkräften ist, dass erwachsene Soldatinnen und Soldaten angeblich nicht mehr erzogen werden könnten und sollten. Letztlich geht es darum, auszuloten, ob die Menschen, die zur Bundeswehr kommen, bereits mündig sind oder ob die Mündigkeit pädagogisch befördert wird. Der Beauftragte des Generalinspekteurs der Bundeswehr für Erziehung und Ausbildung (BEAGenInsp), Brigadegeneral Robert Sieger, hält an der immer noch aktuellen und besonderen Bedeutung der Erziehung im militärischen Kontext fest: Wir haben „in der Bundeswehr – insbesondere, wenn wir intolerables Verhalten feststellen – sehr schnell den Reflex, vor allem auf Ausbildung zu setzen.“ Darüber hinaus müsse aber zwingend die „Rolle der Führungskraft als Erzieher“ überprüft werden. Diese sei „in den letzten Jahren unterschätzt worden“ und müsse in „Zukunft wieder viel stärker in den Fokus rücken“.

Vier Soldaten stehen im Kreis bei einer Besprechung.

Soldaten der 3. Kompanie des ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehrbataillons 750 „Baden“ aus Bruchsal nehmen an der Zertifizierungs-Übung Iron Mask 2017/2018 mit Soldaten verschiedener europäischer Nationen teil

Bundeswehr/David Altrath

Nicht nur das beobachtbare Fehlverhalten einzelner Soldaten führt uns vor Augen, dass die militärische Erziehung mehr Bedeutung erhalten sollte. Sie darf aber keineswegs als reines Krisenmanagement-Instrumentarium, als „Nach-Erziehung“, begriffen werden. Militärische Erziehung dient vielmehr dazu, die grundsätzliche Einsatzfähigkeit der Streitkräfte zu stärken. Sie ist eine Investition in die Zukunft, um Soldatinnen und Soldaten auf ihre Aufgaben – im Dienstalltag, Auslandseinsatz oder der Landes- und Bündnisverteidigung – vorzubereiten. Um es mit den Worten des ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretärs Peter Tauber zu sagen: Ein Soldat bzw. eine Soldatin muss „zu einer gewissen Einsatzbereitschaft, zu einem gewissen Selbstbild“, also der Überzeugung, dass soldatisches Dienen für das Wohl und die Sicherheit der deutschen Gesellschaft – notfalls unter Einsatz des eigenen Lebens – richtig und wichtig ist, erzogen werden. Wir müssen „wieder stärker Menschen erziehen wollen“, denn „am Ende hängt die Einsatzbereitschaft einer Armee immer an den Menschen“.

Beauftragter für Erziehung und Ausbildung
Brigadegeneral Robert Sieger Bundeswehr/Fabian Schier
Als Führungskraft muss mir bewusst sein, dass ich nicht nichterziehen kann. Alles was ich nicht beachte, nicht klarstelle, nicht einordne, hat eine Wirkung auf das mir unterstellte Personal.

Demgemäß verfolgt der Dreiklang Führen – Ausbilden – Erziehen das Ziel, die Verantwortung der Soldatinnen und Soldaten sowie selbstständiges Handeln im Sinne der Absicht der übergeordneten Führung zu fördern. Nur so kann das Prinzip „Führen mit Auftrag“ sichergestellt werden. Die soldatische Erziehung richtet sich somit an alle Soldatinnen und Soldaten und verfolgt Ziele, die aus dem militärischen Auftrag sowie der Bindung an das Grundgesetz erwachsen. Dabei stellen wir jedoch schnell eine Schere zwischen den besonderen Aufgaben des soldatischen Dienens und dem heutigen Abholpunkt junger Menschen fest, der durch eine geringe Prägung in Elternhaus, Familie, Schule und Verein sowie gesellschaftlich konsentiertes Verhalten gekennzeichnet ist.

Zwar wird die Wichtigkeit von soldatischer Erziehung von den militärischen Führern im Rahmen von Trainings am Zentrum Innere Führung (ZInFüZentrum Innere Führung) oder bei Besuchen des BEAGenInsp in der Truppe anerkannt. Doch der hohen Zustimmung steht die Wahrnehmung gegenüber, die Umsetzung im Alltag sei schwieriger geworden. Für die Führungskraft bedeutet soldatische Erziehung als zielgerichteter Prozess, dass sie über viele Einzelfragen reflektiert. Was bedeutet es, in einer herausfordernden Situation, in der unterstellte Soldatinnen oder Soldaten Fehler machen, eine angemessene Fehlerkultur zu haben? Was sage ich, was tue ich, um Einsicht zu erzielen? Wodurch bin ich Vorbild für die mir unterstellten Soldatinnen und Soldaten? Letztlich: Wie erziehe ich?

BMVgBundesministerium der Verteidigung, A-2600/1 Innere Führung. Selbstverständnis und Führungskultur
Durch Vorbild erziehen und mit Leidenschaft ausbilden.

Verwunderlich sind die nachrangige Bedeutung und der verminderte Stellenwert von soldatischer Erziehung in der Rollentrias heute nicht. Selbst in der Allgemeinen Regelung A-2600/1 Innere Führung erwähnen die Autoren den Erziehungsauftrag nur am Rande. Um der wachsenden Bedeutung von soldatischer Erziehung vor dem Hintergrund der sich rasant wandelnden Herausforderungen durch Krisen und Konflikte in Europa und der Welt Rechnung zu tragen, ist Reflexion und Handeln geboten. Dem Rollenverständnis von Führen, Ausbilden und Erziehen muss in allen Bereichen der Bundeswehr wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Daher widmen wir uns am ZInFüZentrum Innere Führung in diesem Jahr dem Thema im Rahmen der Weiterentwicklung und Vermittlung der Inneren Führung schwerpunktmäßig.

Die Zukunft

Die Aufgabe ist nicht zu unterschätzen, denn es gilt zunächst, ein Vorurteil zu überwinden: Der Begriff Erziehung scheint in die Jahre gekommen und klingt für viele Soldatinnen und Soldaten veraltet. Warum also Erziehung weiter anstreben? Heißt Zukunft eher Rückbesinnung? Vielleicht trifft es der Begriff „Revitalisierung“ besser? Die Rollentrias hat gerade in einer sich stetig wandelnden Welt große Bedeutung. Gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen, technischer Fortschritt, neuartige Krisen und Konflikte sowie ihre Bewältigung haben Auswirkung auf die Bundeswehr und stellen Vorgesetzte vor neue Herausforderungen.

Seit die Wehrpflicht 2011 ausgesetzt und Truppenteile reduziert wurden, hat die Bevölkerung kaum mehr unmittelbar Berührung mit den Streitkräften. Dies wiederum hat dazu geführt, dass in der Gesellschaft und damit auch bei den Bewerberinnen und Bewerbern für den Dienst in der Bundeswehr die Besonderheiten des Soldatenberufs nicht bekannt sind. Daher ist es eine besondere Verpflichtung für Vorgesetzte aller Ebenen, gerade den jungen Kameradinnen und Kameraden entsprechende Orientierung zu geben. Mehr noch: Das Wissen über die Besonderheiten des militärischen Dienstes bis hin zum Einsatz des eigenen Lebens und die damit einhergehende Verantwortung auch für die Kameraden zu vermitteln, die soldatische Persönlichkeit und das dazu gehörende Pflichtbewusstsein zu fördern. Zu einer zeitgemäßen Erziehung, eingebettet in die Rollentrias, gehören demzufolge die Vermittlung von Werten und Tugenden sowie das Einwirken auf Einstellungen und die Persönlichkeitsbildung.

Eine stärkere Fokussierung auf Erziehung bedeutet demnach keineswegs eine reine Rückbesinnung, sondern sie ist eine Neubetrachtung und Ausrichtung des Kernbestandes der Himmeroder Denkschrift unter den dort formulierten Vorzeichen „Charakterbildung und Erziehung“. Den Gründungsvätern der Bundeswehr ging es in diesem Zusammenhang vor allem um den Bruch mit den Traditionen der Wehrmacht und die Entwicklung hin zum gewissensgeleiteten Soldaten im demokratischen Staat. Fortan steht bei den Soldatinnen und Soldaten neben der Verinnerlichung demokratischer Werte das Schließen der Lücke vom militärisch uninformierten Bundesbürger hin zum uniformierten Staatsbürger mit einem soldatischen Selbstverständnis.

Führen, Ausbilden und Erziehen bilden eine Einheit und bedingen sich gegenseitig. Im Rahmen dessen ist nicht der bloße Erziehungsbegriff entscheidend, sondern das, was wir damit verinnerlicht haben. Daher ist die soldatische Erziehung zukünftig nicht nur für Vorgesetzte von zentraler Bedeutung, sondern für alle Bundeswehrangehörigen. Wir selbst treffen die Entscheidung über richtiges und falsches Handeln, können uns demzufolge auch zum verantwortungsvollen Verhalten ermutigen und gegenseitig erziehen.

Jeder und jede gerät regelmäßig in Situationen, in denen er oder sie eine angemessene Entscheidung treffen muss. Nicht-Entscheiden ist grundsätzlich nicht möglich. Denn selbst wer nichts unternimmt, hat eine Entscheidung getroffen und „handelt“, indem sie oder er eine Handlung unterlässt. Um Fehlentscheidungen künftig entgegenzuwirken, hat das ZInFüZentrum Innere Führung den Koblenzer Entscheidungs-Check entwickelt. Dieser stellt eine praxisnahe Hilfestellung zur eigenständigen, verantwortungsvollen Entscheidungsfindung dar. Er gibt Hinweise für reflektiertes Verhalten innerhalb des allgemeingültigen rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmens und soldatischen Miteinanders.

Rollenverständnis – Ein Thema das uns alle betrifft

Auf Distanz zu führen, digital auszu-bilden sowie erwachsenengerecht zu erziehen, stellt mit zunehmender Komplexität von Krisen und Konflikten zwar eine Herausforderung dar, bietet aber auch die Chance zur Modernisierung der Streitkräfte und Etablierung des hierzu nötigen Bewusstseins bei den Soldatinnen und Soldaten. Daher unser Appell: Diskutieren Sie im Kameraden- und Kollegenkreis. Entwickeln Sie Ihre eigenen Gedanken und tauschen Sie sich im Rahmen der nächsten Politischen Bildung oder auch bei einem Pausengespräch aus. Mit diesem Gedankenaustausch ist der Wunsch nach kreativen Antworten verbunden mit der Frage „Und was mache ich nun ab morgen anders?“

Die Einladung geht noch weiter: Schauen Sie doch auf dem Portal Innere Führung nach weiteren Informationen zu den Themen der Inneren Führung. Zudem bietet der BwMessenger den Raum Innere Führung für weitere Informationen an.

von Hans Jürgen Elsen / Dr. Maria Smolinsky 
Header Bild IF

IF - Fachzeitschrift für Innere Führung

Vielseitig. Analytisch. Kontrovers.

Weiterlesen