Transkription des Interviews mit Oberstleutnant Peter Georg Babik

Transkription des Interviews mit Oberstleutnant Peter Georg Babik

Das Interview mit Oberstleutnant Peter Georg Babik führte für Sie Wilke Rohde.

Rohde: Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für das Interview genommen haben.

Babik: Schönen guten Tag.

Rohde: Sie waren damals 24 Jahre, Angehöriger des MotSchtzRgt 3 in Brandenburg an der Havel. Wie haben Sie die letzten Tage in der DDRDeutsche Demokratische Republik erlebt und woran erinnern Sie sich?

Babik: Das Jahr hat relativ schnell mit zahlreichen Übungen begonnen und mündete im August in einer dreiwöchigen Gefechtsübung im scharfen Schuss, wo die Fähigkeiten des Regiments überprüft worden sind. Das ist im Prinzip die Ausgangslage. Für uns selber begann das Jahr mit Alarmierungen, was für uns nichts Neues war. Weil wir vorher schon das ganze Jahr überprüft worden sind. Von daher hat sich keiner darüber gewundert, dass wir erneut alarmiert worden sind. Nach Eintreffen ins Regiment und Ausgabe der Befehle, war das auch eine völlig andere Situation. Sie haben den 4. November angesprochen. Das ist im Prinzip für mich persönlich ein Wendepunkt gewesen, wo wir im Prinzip als Reserve [02:57] für das Ministerium des Inneren damals eingesetzt worden sind und gegebenenfalls eine Demonstration am Alexanderplatz geplant war, vorzugehen. Das ist zum Glück nicht passiert. Für mich persönlich war das im Kopf ein Wendepunkt, wo man gesagt hat, hier läuft irgendwas nicht richtig.

Rohde: Haben Sie sich darüber im Kameradenkreis unterhalten?

Babik: Es gab unheimlich viele Reaktionen. Es gab unheimlich viele Reaktionen. Von der Ablehnung, Akzeptanz bis zur Zustimmung. Wir waren Teil des Systems. Und als Teil des Systems hätten wir natürlich unsere Aufträge und Befehle zu diesem Zeitpunkt befolgt.

Rohde: Hätten Sie aus damaliger Sicht eine friedliche Demonstration für möglich gehalten?

Babik: Zunächst erstmal nicht. Der Wendepunkt war für mich der 9.November. Mit Öffnung der Grenzen war für mich klar, das läuft friedlich aus.

Rohde: Ein dreiviertel Jahr später, VM Stoltenberg hatte die Befehls- und Kommandogewalt über die Truppen der ehemaligen NVANationale Volksarmee übernommen, da waren Sie Kompaniechef in ihrem MotSchtzRgt. Was waren ihre Erinnerungen an die ersten Berührungspunkte mit der Bundeswehr?

Babik: Meine Erinnerung, die ich an diese Zeit habe, ist, dass mit Übernahme der Kommandogewalt entschieden worden ist auch die damaligen Politoffiziere aus der Bundeswehr zu entlassen. Ohne wenn und aber. Somit sind wir in kürzester Zeit aus der NVANationale Volksarmee entlassen worden, was für mich persönlich bedeutete, das wird wahrscheinlich darin münden, dass man uns irgendwann Ende des Jahres entlassen wird und wir uns dann anders orientieren müssen.

Rohde: Alle?

Babik: Alle. Das war zunächst mal die Ausgangsvoraussetzung im Sommer, die wir hatten. Ja, mit den ersten Berührungspunkten, wo man junge Offiziere, Leutnante, Oberleutnante einschließlich Hauptmann zur Offizierschule nach Hannover geschickt hat. Wir mussten nämlich zunächst die Ausbildung umstellen. Das war zunächst der Schwerpunkt.

Rohde: Sie sind einer der wenigen Glücklichen der ehemaligen NVANationale Volksarmee, die übernommen wurden. Wie war das für Sie damals der Wechsel, von einer alten Armee in eine neue Armee, von einem alten System in ein neues System? Wie haben Sie den Wechsel erlebt?

Babik: Lapidar gesagt war der Wechsel relativ einfach. Ich habe am 2. Oktober meine Uniform angezogen. Ich war Gehilfe des Offiziers vom Dienst, als Leutnant. Und durfte mich abends umziehen und die Uniform der Bundeswehr anziehen und war abends vor Ort, als die ersten Offiziere der Bundeswehr und der neue Regimentskommandeur dann eintrafen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Das ist ein Prozess. Wie vorhin erwähnt beginnt der mit den Ereignissen im November, mit den Maueröffnungen über Ungarn, Tschechien, den Montagsdemonstrationen bis zum 4.November, geht aber dann bis zur Antragsstellung der Übernahme Berufssoldat. Diese zwei Jahre. Wir sind also zwei Jahre auf Probe übernommen worden. In diesen zwei Jahren glaube ich, dass ich Menschen, die ich getroffen habe, die ersten Teams. Meine ersten Verwendungen in Munster, wo ich unterstützt habe bei der Erarbeitung von Vorschriften im Zusammenhang mit dem damals noch vorhandenen BMP ?! sind das Verwendungen gewesen, die mich zu dem Schluss haben kommen lassen: Ich bleibe dabei.

Rohde: Lassen Sie uns über Mentalitätsunterschiede sprechen. Wie sind sie damals mit Unterschieden umgegangen und haben sie überhaupt etwas festgestellt?

Babik: Natürlich. Wir sprechen von Auftragstaktik, wir sprechen vom Führungsprozess der Bundeswehr. Der ist deutlich anders gewesen als in der ehemaligen NVANationale Volksarmee. Die Freiheit, die uns dort gegeben ist, als junge Soldaten, jungen Leuten; der auf einmal verantwortlich ist für die Planung der Ausbildung von jungen Leuten. Für die Organisation, für die Durchführung, aber auch für die Überprüfung der Ergebnisse. Indem man eben nur ein Ziel vorgegeben hat. Am Ende der Grundausbildung soll ja der grundausgebildete Soldat stehen. Den sollten wir dort abbilden. Wenn ich aber zu den Mentalitäten wieder zurückkomme, ist das weniger Mentalität weniger auf Ost und West, sondern in der heutigen Zeit eher so eine landsmannschaftliche Mentalität. Ich bin jetzt Dezernatsleiter im Ausbildungskommando und bin verantwortlich für 15 Soldaten. Die Hälfte kommt aus dem Osten, die Hälfte aus dem Westen. Es gibt drei Soldaten, die damals die Uniform der NVANationale Volksarmee getragen haben. Wenn man sich nicht outet wird das gar nicht mehr wahrgenommen.

Rohde: Sie haben als Kompaniechef, als stellvertretender Bataillonskommandeur in unterschiedlichen Verwendungen Dienst getan, geführt und ausgebildet. Zuletzt auch an der Offizierschule des Heeres in Dresden. Was sind für Sie Schlüsselfaktoren, um gut und modern zu führen heute?

Babik: Ich glaube, die haben sich nicht grundlegend verändert. Um gut und modern zu führen, muss der Soldat als erstes eine grundsolide Ausbildung haben. Als militärischer Führer brauche ich die notwendige körperliche Robustheit, wo ich der Meinung bin, dass das ein wesentlicher Faktor ist, um führen zu können und führen zu wollen. Das Führen mit Auftrag ist die Führungsphilosophie der Bundeswehr und das implementiert, ich muss Vertrauen in meinen unterstellten Bereich haben. Denn der militärische Vorgesetzte gibt dem unterstellten Bereich Freiheiten, die er nutzen kann, aber im Sinne der übergeordneten Führung. Dieses Vertrauen muss ich als Vorschuss meine Anvertrauten geben.

Rohde: Das geht so ein bisschen in die Richtung, die im Ministerium gefahren wird. Eine Fehlerkultur zu etablieren in der Truppe.

Babik: Ich muss mit Fehlern leben. Ich muss damit rechnen, dass ich einen Auftrag gebe, dass der nicht so ausgeführt wird, wie ich mir das vorgestellt habe, weil ich eine andere Ausbildung und einen anderen Background habe. Das Ergebnis vielleicht nicht zu 100% dem Ergebnis entspricht die ich erwartet habe. Aber die 80% wird es immer treffen. Um die 100% zu erreichen brauche ich eben wesentlich mehr Zeit und die Mittel, um ein besseres Ergebnis zu erreichen.

Rohde: Danke für die Ausführungen. Danke, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben. Dann sage ich Ihnen einen schönen Tag und ja, machen Sie es gut.

Babik: Bitte.