Titelthema

Wofür kämpfst du? Moral und Verantwortung im Krieg

Wofür kämpfst du? Moral und Verantwortung im Krieg

  • IF - Zeitschrift für Innere Führung
  • Zentrum Innere Führung
Datum:
Ort:
Koblenz
Lesedauer:
9 MIN

Staatsbürger in Uniform kämpfen für ihre Kameraden und Kameradinnen, für ihre Familien, Freunde und Nachbarn. Ihre Motivation ist ein Leben in Freiheit und Würde. In einer liberalen Gesellschaft funktionieren Streitkräfte nur auf Basis innerer Überzeugung.

Frontalaufnahme eines fahrenden Schützenpanzers PUMA während einer Gefechtsübung

Das Panzergrenadierbataillon 112 übt mit dem Schützenpanzer PUMA für die Very High Readiness Joint Taskforce (VJTFVery High Readiness Joint Task Force ) in Gardelegen April 2022

Bundeswehr/Marco Dorow

Wir alle sind Zeugen des völkerrechtswidrigen, menschenverachtenden und mit nichts zu rechtfertigenden von Russland ausgehenden Angriffskriegs gegen die Ukraine. Diese russische Aggression hat die europäische Friedensordnung und unser gemeinsames Verständnis von Sicherheit nachhaltig verändert. Bundeskanzler Olaf Scholz hat deshalb in seiner Regierungserklärung am 27. Februar 2022 eine „Zeitenwende“ in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik verkündet. Anfangs war es die Einschätzung vieler Sicherheitsexperten, dass der Angriff der zahlenmäßig und auch waffentechnisch überlegenen russischen Armee innerhalb weniger Tage zu einer militärischen Niederlage und Kapitulation der Ukraine führen würde. Auch die russische Operationsführung war zunächst auf dieses Kalkül ausgerichtet. Inzwischen wissen wir, dass dies eine Fehleinschätzung war. Die ukrainische Armee leistet beeindruckenden und nachhaltigen Widerstand. Angesichts des einem Vernichtungsfeldzugs gleichkommenden Vorgehens der russischen Armee in der Ukraine stellen sich zwangsläufig Fragen nach Moral und Verantwortung sowie nach militärischer Führung. Die Bilder von zivilen Opfern und zerstörten Wohnhäusern sowie die zahlreichen Hinweise auf Kriegsverbrechen wie Hinrichtungen, Vergewaltigungen und Plünderungen rücken die russischen Streitkräfte in der Ukraine in ein finsteres Licht. Die systemischen Defizite, etwa in der Menschenführung und im Umgang insbesondere mit Wehrpflichtigen, waren schon vor dem Krieg in der Ukraine bekannt. Das brutale Vorgehen russischer Einheiten konnte man bereits in früheren Kriegen in Tschetschenien oder zuletzt in Syrien beobachten. Dies allein kann aber kein Erklärungsmuster für enthemmtes und scheinbar grenzenloses Verhalten von Teilen russischer Steitkräfte sein. Es muss auch einen Zusammenhang mit der militärischen Führung geben, die solches Fehlverhalten entweder nicht zu kontrollieren vermag, es toleriert oder sogar bewusst als Mittel zur Kriegsführung befiehlt.

Hörfassung des Beitrags: „Wofür kämpfst du? Moral und Verantwortung im Krieg" aus der IF - Zeitschrift für Innere Führung 3|22

Tapferkeit und Kampfmoral

Drei Ukrainische Soldaten sitzend in einem Dorf in der Nähe von Charkiw

Ukrainische Soldaten in einem Dorf in der Nähe von Charkiw, Ostukraine, am 15. Mai 2022

picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Mstyslav Chernov

Ferner stellt sich die Frage, wieso die russischen Invasoren die gesteckten militärischen Ziele nicht längst erreichen konnten. Ein Grund hierfür findet sich wahrscheinlich in der Kampfmoral der Soldaten – und zwar auf beiden Seiten. Bereits in den ersten Tagen des russischen Angriffs auf die Ukraine hatte das Verhalten von ukrainischen Soldaten auf der Schlangeninsel im Schwarzen Meer internationale Aufmerksamkeit erregt. Kurz vor dem Beschuss der Insel hatte ein russisches Kriegsschiff die Soldaten per Funkspruch aufgefordert, die Waffen niederzulegen und sich zu ergeben. Die Antwort der Ukrainer folgte prompt: „Russisches Kriegsschiff, f**k dich.“ Dieser Satz signalisiert den Mut, Stolz und die Entschlossenheit, die eigenen Werte zu verteidigen. Tatsächlich kämpften die dann angegriffenen ukrainischen Verteidiger so lange, bis ihnen die Munition ausgegangen war.

Weitere Beispiele für die Tapferkeit und Kampfmoral ukrainischer Soldaten gibt es in der Folge des andauernden Krieges inzwischen zuhauf, insbesondere in dem heftig umkämpften Mariupol. Auf Seiten der russischen Angreifer zeigt sich dagegen ein anderes Bild.

Der russische Anwalt Maxim Grebenjuk, selbst ehemaliger Soldat und Militärstaatsanwalt, verteidigt eine wachsende Zahl von Russen, die sich dem Fronteinsatz widersetzen. Er kommt im Hinblick auf die Kampfmoral der russischen Soldaten zu dem Schluss: „Sie verstehen, dass die Dinge anders sind, als ihnen gesagt wird. […] Ukrainer wissen, wofür sie sterben.“

Motivation der Soldaten

In Expertenkreisen ist die Bedeutung der Motivation der einzelnen Soldaten in der Bewertung von Qualität und Einsatzbereitschaft von Streitkräften schon lange unbestritten. Der russische Schriftsteller Leo Tolstoi sprach in seinem berühmten Werk „Krieg und Frieden“ bereits vor über 150 Jahren davon, dass die Schlagkraft von Armeen das Produkt ihrer personellen und materiellen Stärke multipliziert mit einem „Unbekannten X“ sei. Dieses „X“ sei der „Geist des Heeres“, der Wille ihrer Soldaten zum Kampf und zur Bewältigung von Gefahren. Damit bringt es Leo Tolstoi wie kein anderer eindrucksvoll präzise auf den Punkt. Diese Erkenntnis lässt sich durch Beispiele aus der Geschichte militärischer Konflikte untermauern – und zwar nicht nur für den um Freiheit und Recht Kämpfenden, sondern auch für den indoktrinierten fanatischen Kämpfer. So besiegten etwa die schnell aufgestellten französischen Revolutionsheere Ende des 18. Jahrhunderts die stehenden Armeen der monarchischen Koalition aus europäischen Staaten. Die französischen Soldaten verteidigten zum einen ihre Heimat gegen die Invasoren und zum anderen kämpften sie für die neu errungenen Werte der Französischen Revolution von 1789, also für ihre Bürgerrechte. Ihre Gegner hingegen wollten die Monarchie in Frankreich wieder einführen, was für die einzelnen Soldaten keinen besonderen Anreiz für ihre Kampfmoral bot. 20 Jahre später drehte sich dieses Verhältnis, als in den Befreiungskriegen Kriegsfreiwillige aus ganz Europa leidenschaftlich gegen die französische Besatzung kämpften.

Schwarzweiß-Aufnahme von 1982. Britische Soldaten helfen einem verwundeten Kameraden aus einem Landungsboot an Land

Britische Soldaten helfen einem verwundeten Kameraden an Land, nachdem zwei britische Landungsboote durch die Argentinier getroffen worden waren

picture alliance/dpa/PA

Aus neuerer Zeit ließe sich die hohe Kampfmoral der britischen Streitkräfte im Falklandkrieg 1982 anführen. Auch hier waren sich die britischen Soldaten sicher, für eine gerechte Sache zu kämpfen, denn schließlich war ein britisches Überseegebiet gegen den ausdrücklichen Willen der dortigen Bevölkerung von den argentinischen Streitkräften besetzt worden.

Diese kriegsgeschichtlichen Beispiele lassen den Schluss zu, dass die Einsatzbereitschaft und der Kampfeswille – neben Ausrüstung, Ausbildung, militärischer Führung und Organisation – entscheidende Faktoren für die Kampfkraft von Streitkräften darstellen. Es geht also nicht nur um eine gute und moderne Ausrüstung, sondern auch um klare Antworten auf die Sinnfrage des militärischen Auftrags. Mentale Einsatzbereitschaft – übersetzt in Kampfmoral – kann über Sieg oder Niederlage auf dem Gefechtsfeld entscheiden, dabei sogar personelle und materielle Unterlegenheit ausgleichen. Das macht in ihrem Kern die Innere Führung aus.

Mit Blick auf die Bundeswehr heute und jenseits der Zeitenwende bedeutet dies, die Einsatzbereitschaft nicht nur auf Material und personelle Stärke zu reduzieren. Der Krieg in der Ukraine zeigt uns dennoch eindrücklich, wie wichtig eine adäquate Ausrüstung sowie eine leistungsfähige Logistik für eine erfolgreiche militärische Operationsführung und die Kampfmoral sind.

Bundeskanzler Scholz hat in seiner Regierungserklärung vom 27. Februar 2022 angekündigt, dass Deutschland für die Sicherung des Friedens in Europa seinen solidarischen Beitrag leisten wird, auch mit einer Bundeswehr mit neuen und starken Fähigkeiten.

Ungleichgewicht im Haushalt korrigiert

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht am Rednerpult im Deutschen Bundestag am 27. April 2022

Verteidigungsministerin Christine Lambrecht wirbt im Deutschen Bundestag am 27. April 2022 um Zustimmung zum Sondervermögen Bundeswehr

imago images/Political-Moments

Die Bundeswehr verfügte auch nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 trotz der Steigerung des Verteidigungsetats nur über begrenzte Möglichkeiten für Investitionen in militärische Fähigkeiten. Das hatte erhebliche Auswirkungen auf ihre Einsatzbereitschaft, die wir bis heute spüren. Im ursprünglichen Haushaltsentwurf des Jahres 2022 waren etwa zwei Fünftel unseres Etats für Personal vorgesehen, zwei Fünftel für den Betrieb der Bundeswehr und gerade einmal ein Fünftel für Investitionen in die Ausrüstung. Mit dem vorgeschlagenen Sondervermögen von 100 Milliarden Euro wird dieses Ungleichgewicht nun nachhaltig angegangen. Die finanziellen Rahmenbedingungen für eine bessere Ausstattung und materielle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr und dabei auch die deutliche Verbesserung der persönlichen Ausstattung aller Soldatinnen und Soldaten sind damit vorgezeichnet. Vor allem Letzteres stellt ein wichtiges Signal in die Truppe dar, weil es jeden Uniformträger betrifft. In einem ersten großen Schritt haben wir daher vor wenigen Wochen die Beschaffung zusätzlicher Artikel für die aufgabenorientierte Ausstattung der Bundeswehr mit Bekleidung und persönlicher Ausrüstung in einem Umfang von rund 2,36 Mrd. Euro auf den Weg gebracht. Bereits bis Ende des Jahres 2025 können damit weitere 305.000 Schutzwestensysteme, 150.000 Kampfbekleidungssätze, 122.000 Gefechtshelme sowie 250.000 Rucksäcke geliefert werden, womit eine Vollausstattung der aktiven Truppe möglich ist.

Staatsbürgerliche Rechte und Pflichten

Die Fahnenabordnung steht beim Feierlichen Gelöbnis am Jahrestag des Deutschen Widerstands im Bendlerblock

Die Fahnenabordnung steht beim Feierlichen Gelöbnis am Jahrestag des Deutschen Widerstands im Bendlerblock in Berlin am 20. Juli 2021 bereit

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Wie steht es in der Bundeswehr aber um den „inneren“ Zustand der Streitkräfte? Oder anders ausgedrückt: Wie ist die Sinnfrage und die nach Moral und Verantwortung ihrer Soldatinnen und Soldaten zu beantworten? Zuallererst kann man wohl mit gutem Gewissen sagen, dass für die Bundeswehr die richtigen politischen, ethischen und rechtlichen Grundlagen gegeben sind. Die Grundsätze und Ziele der Inneren Führung bilden das feste Koordinatensystem für den Dienst in der Bundeswehr. Sie ist die Organisations- und Führungsphilosophie, welche die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in den Streitkräften abbildet. Zugleich ist damit verbunden, dass das eigene Handeln jedes Soldaten unabhängig vom Dienstgrad rechtlich und moralisch gebunden ist. Dieses Fundament trägt: Dass die Angehörigen der Bundeswehr im Einsatz – auch unter Entbehrungen, im Kampf und in höchster Gefahr – ihr humanistisches Wertegerüst nicht ablegen, haben sie in den vergangenen Jahrzehnten zweifelsfrei bewiesen.

„Einen Vernichtungskrieg wie ihn Putin in der Ukraine führen lässt, ist mit den Soldaten und Soldatinnen der Bundeswehr schlicht unvorstellbar.“

In dem Verständnis des Staatsbürgers in Uniform kommt zum Ausdruck, dass Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr ihre staatsbürgerlichen Rechte im Dienst erleben und zugleich an ihre staatsbürgerlichen Pflichten gebunden bleiben. Mit anderen Worten bedeutet dies, Recht und Freiheit zu erleben, ist die Voraussetzung für den Willen zur Verteidigung derselben. Nur ein Mensch, dem wirklich bewusst ist und der von Herzen zu schätzen weiß, dass wir heute in der freiesten, gerechtesten und tolerantesten Gesellschaft leben, die je auf deutschem Boden errichtet wurde, nur ein solcher Mensch wird bereit sein, das höchste Opfer zur Verteidigung dieses Deutschlands zu erbringen. Staatsbürger in Uniform kämpfen nicht für sicherheitspolitische Interessen und auch nicht für abstrakte Konzepte, sie kämpfen für ihre Kameraden und Kameradinnen, für ihre Familien, Freunde und Nachbarn, sie kämpfen dafür, dass ein Leben in Freiheit und Würde möglich ist. Wer daran zweifelt, blicke auf den Freiheitskampf der Ukraine.

Wert der „geistigen Rüstung“

Der ehemalige Wehrmachts- und spätere Bundeswehroffizier Wolf Graf von Baudissin hat mit seinen Worten die „geistige Rüstung“ des Soldaten mit der „Inneren Führung“ zwar vorgezeichnet, bedarf aber einer konkreten und vor allem kontinuierlichen Ausgestaltung. Die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sowie die Sinnfrage sind nicht selbsterklärend, sondern erfordern eine aktive Auseinandersetzung und offenen Meinungsaustausch. Militärisches Handeln ist eben nicht nur als Handwerk zu verstehen, sondern genauso als Herausforderung an Geist und Gewissen jedes einzelnen Angehörigen der Streitkräfte. Insofern ist Bildung, oder treffender: die Persönlichkeitsbildung mit einem ganzheitlichen Anspruch in der Bundeswehr auch nicht etwa ein vermeintlicher Zeitfresser, der Ausbildungszeit in anderen einsatzwichtigen Bereichen einschränkt.

Junge Erwachsene und Kinder beim Chillen auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude in Berlin

Bürger auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude in Berlin

picture alliance/dpa/Britta Pedersen

Es liegt in der Verantwortung militärischer Vorgesetzter, in diesem Sinne die Ausbildung und den Dienst so zu gestalten, dass wertegebundenes Handeln auf Grundlage unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung erlebt und vorgelebt wird. Dazu gehört auch, dass für Streitkräfte einer liberalen Gesellschaft nur ein militärischer Gehorsam aus innerer Überzeugung – anstelle von Zwang – funktionieren kann. Denn nur der ist bereit, für Freiheit zu sterben, dem das Leben in Unterdrückung unerträglich ist.

Fazit

Wohin militärisches Handeln führen kann, wenn gute und wertegebundene Führung fehlt, zeigen uns leider die Berichte über Kriegsverbrechen russischer Soldaten in der Ukraine. Die Bundeswehr muss daher ihren Soldatinnen und Soldaten Orientierung geben, was gut und richtig, aber auch was falsch und sogar verboten ist. In diesem Verständnis ist Persönlichkeitsbildung heute und in Anlehnung an Baudissin ein wichtiger Bestandteil aller Bemühungen zur Sicherstellung der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr. Die Bundesregierung hatte sich diese Aufgabe im Koalitionsvertrag bereits vor dem Krieg in der Ukraine ins Lastenheft geschrieben. Aktuell bekommen wir nochmals auf dramatische Art und Weise bestätigt, dass wir gut beraten sind, neben der Ausrüstung auch in die „geistige Rüstung“ unserer Soldatinnen und Soldaten zu investieren und die dafür notwendigen Freiräume für militärische Vorgesetzte zu schaffen.

von Thomas Hitschler