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70 Jahre Luftwaffe

70 Jahre Luftwaffe: Inspekteure im Wandel der Zeit

Vom ersten Amtsinhaber ab 1957 bis zur Zeitenwende: Die Inspekteure der Luftwaffe haben ihre Teilstreitkraft durch Aufbau, Krise, Abschreckung und Neuorientierung geführt.

General Steinhoff neben einer Fiat G-91.

Bundesarchiv

Zehn Inspekteure, zehn Epochen

Am 1. Juni 1957 übernimmt Josef Kammhuber als erster Inspekteur die Führung der ein Jahr zuvor gegründeten Luftwaffe. Seitdem haben 17 Generale diese Teilstreitkraft durch Aufbau, Krise, Abschreckung, Wiedervereinigung und Zeitenwende geführt. Diese zehn Kapitel erzählen von den entscheidenden Wendepunkten dieser Geschichte.

1957

Kammhuber: Der Gründer

Generalleutnant Josef Kammhuber

Bundesarchiv

1. Juni 1957. Josef Kammhuber tritt vor die Kamera, legt den Eid ab, übernimmt das Kommando. Deutschland hat wieder Piloten in Uniform. Zwölf Jahre nach Kriegsende, eingebettet in die NATONorth Atlantic Treaty Organization, unter den kritischen Blicken der Alliierten.  Kammhuber war kein Unbekannter. Im Zweiten Weltkrieg hatte er die deutsche Nachtjagd aufgebaut, die sogenannte Kammhuberlinie, einen Abwehrgürtel aus Radarstationen und Jägern, der alliierte Bomber über dem Reichsgebiet stoppen sollte. Jetzt, im neuen Deutschland, kam er zurück in Uniform – für ein neues Deutschland mit anderen Werten und einer anderen Armee.

Die Luftwaffe, die er übernahm, war ein Gerüst. Flugplätze wurden gebaut, Personal ausgebildet, Verbände aufgestellt. Die F-84 Thunderjet und später die F-86 Sabre flogen unter deutschem Hoheitszeichen – beides Flugzeuge aus amerikanischer Produktion, Symbol der neuen Abhängigkeit und der neuen Partnerschaft zugleich.  Kammhubers Führungsprinzipen waren Professionalität und Bündnistreue. Die Luftwaffe sollte nicht nur fliegen können, sie sollte NATONorth Atlantic Treaty Organization-kompatibel sein: in Technik, Ausbildung, Führungsstrukturen. Bis 1962, als er das Amt abgab, hatte er eine funktionsfähige Luftwaffe aufgebaut. Handlungsfähig, verlässlich, westlich integriert. Der Grundstein war gelegt.

1966

Steinhoff: Krisenmanager

General Steinhoff neben einer Fiat G-91.

Bundesarchiv

2. September 1966. Johannes Steinhoff übernimmt eine Luftwaffe im Ausnahmezustand. Die Starfighter-Krise erschüttert Deutschland. Zwischen 1961 und 1989 werden insgesamt 269 F-104 Starfighter der Bundesluftwaffe abstürzen, 116 Piloten sterben. Im Jahr 1966 allein verliert die Luftwaffe 28 Maschinen. Die Presse spricht vom Witwenmacher, die Politik fordert Erklärungen.

 Steinhoff war einer der bekanntesten Jagdpiloten des Zweiten Weltkriegs, im Krieg schwer verbrannt, entstellt, aber er überlebte. Er kannte die Grenze zwischen Mut und Leichtsinn. Und er erkannte, was schiefgelaufen war. Das Problem war nicht nur das Flugzeug. Der Starfighter war anspruchsvoll, konstruiert für andere Bedingungen, an anderen Piloten erprobt. Aber die eigentliche Ursache lag tiefer: Ausbildung unter Zeitdruck, Wartung mit zu wenig Personal, Verfahren, die auf dem Papier standen, aber nicht gelebt wurden. Führung hatte versagt, bevor die Maschinen abstürzten.

Steinhoff griff durch. Ausbildungsstandards wurden angehoben, Wartungskonzepte überarbeitet, Verantwortungsketten klarer definiert. Seine Maxime: Üben, üben, üben. Und er forderte Ehrlichkeit, auch wenn sie unbequem war. Unter ihm begann die Luftwaffe zu verstehen, dass Sicherheit keine Bürokratie ist, sondern Führungsaufgabe. Die Krise war damit nicht vorbei. Aber sie wurde beherrschbar.

1971

Rall: Stabilität nach der Krise

Übergabe Phantom

Bundesarchiv

1. Januar 1971. Günther Rall tritt sein Amt an. Die Starfighter-Krise ist nicht vergessen, aber die schlimmste Phase liegt hinter der Luftwaffe. Jetzt geht es darum, Verlässlichkeit zurückzugewinnen. Rall war mit 275 Luftsiegen einer der erfolgreichsten Jagdpiloten der Geschichte. Im neuen Deutschland hatte er diese Vergangenheit nie zur Schau gestellt, sie aber auch nicht verleugnet. Er war Soldat, in einer neuen Armee, mit neuen Aufgaben.

Unter seiner Führung stand Kontinuität im Vordergrund. Die Reformen, die Steinhoff angestoßen hatte, wurden konsequent umgesetzt. Ausbildung wurde systematisiert, Alarmrotten geübt, Einsatzbereitschaft gemessen. Die Luftwaffe sollte nicht auffallen, sie sollte funktionieren.

Die 1970er Jahre waren keine dramatische Zeit für die Luftwaffe und das war gewollt. Die NATONorth Atlantic Treaty Organization brauchte verlässliche Partner. Rall lieferte das. Stille Professionalität ohne öffentliche Aufmerksamkeit. Bis 1974 hatte er die Luftwaffe auf einen stabilen Kurs gebracht. Manchmal ist das die schwierigste Form von Führung.

1974

Limberg: Abschreckung als Alltag

Generalleutnant Gerhard Limberg

Bundesarchiv

1. April 1974. Gerhard Limberg übernimmt eine Luftwaffe, die sich technisch gerade neu erfindet. Der Tornado steht vor der Einführung. Ein Flugzeug, das nicht nur fliegen, sondern auch das Verteidigungskonzept mitprägen soll. Der Kalte Krieg war in den 1970ern keine abstrakte Bedrohung. Er war Alltag. Alarmrotten, die innerhalb von Minuten startbereit sein mussten. Radarstationen, die rund um die Uhr liefen. Piloten, die wussten, dass im Ernstfall keine Übung mehr stattfinden würde.

Unter Limberg begann die Luftwaffe, stärker auf vernetzte Systeme zu setzen. Elektronik und Sensorik gewannen an Bedeutung. Der Tornado, der 1979 in Dienst gestellt wurde, stand für eine neue Art der Kriegführung: taktisch präziser, technisch komplexer, abhängiger von gut ausgebildetem Bodenpersonal. Das stellte neue Anforderungen an Führung: nicht mehr nur fliegen können, sondern verstehen, was das System leistet und was es braucht. Technische Kompetenz wurde zur Führungsqualität. Abschreckung, die funktioniert, muss man nicht spüren. Limberg prägte eine Generation, die das verstand.

1983

Eimler: Im politischen Gegenwind

Inspekteur Luftwaffe

Bundesarchiv

1.  April 1983. Eberhard Eimler tritt sein Amt in einer Zeit an, in der die Bundeswehr auf der Straße diskutiert wird. Die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Nachrüstung, der Doppelbeschluss, Pershing-Raketen in Deutschland. Hunderttausende demonstrieren. Die Luftwaffe steht plötzlich im Zentrum einer gesellschaftlichen Debatte, die sie nicht gesucht hat.

Eimler hielt Kurs. Ausbildung und Einsatzbereitschaft blieben Priorität. Er war kein Politiker und wollte es nicht sein. Seine Aufgabe war es, die Luftwaffe handlungsfähig zu halten, auch wenn das Umfeld schwierig war.  Mit Eimler kündigte sich ein Generationswechsel an: Er war einer der letzten Inspekteure, der den Zweiten Weltkrieg noch als junger Soldat erlebt hatte. Männern, die wussten, was Krieg bedeutet, nicht aus Büchern, sondern aus eigener Erinnerung. Ihre Führung war geprägt von dieser Erfahrung: Zurückhaltung, Professionalität, Misstrauen gegenüber Übermut. 

Ab 1987 übernahmen Offiziere das Kommando, die in einem anderen Deutschland aufgewachsen waren, im Frieden, im Wohlstand, in der Bundeswehr der NATONorth Atlantic Treaty Organization. Das war eine stille Zäsur, ohne viel Aufhebens.

1989

Jungkurth: Einheit als Aufgabe

Generalleutnant Horst Jungkurth

Bundesarchiv

9. November 1989. Die Mauer fällt. Für Horst Jungkurth, seit Oktober 1987 im Amt, beginnt eine Aufgabe, für die es keine Vorlage gibt. Die Nationale Volksarmee der DDR hatte eine eigene Luftwaffe, die Luftstreitkräfte/Luftverteidigung. Andere Flugzeuge, andere Doktrin, andere politische Prägung. Flugzeuge sowjetischer Bauart wie die MiGMikoyan-Gurewitsch-29, Su-22, MiGMikoyan-Gurewitsch-21 standen auf Flugplätzen in Mecklenburg und Sachsen. Piloten, die ihr Leben lang in einem anderen System gedacht hatten, sollten jetzt Teil einer gemeinsamen deutschen Luftwaffe werden. 

Jungkurth navigierte diese Zusammenführung mit einer Sorgfalt, die kein Lehrbuch vorschreiben kann. Nicht alle NVANationale Volksarmee-Piloten wurden übernommen. Aber einige wurden es, nach gründlicher Überprüfung, nach Nachschulungen, nach persönlichen Gesprächen. Die MiGMikoyan-Gurewitsch-29 flog noch einige Jahre unter dem Eisernen Kreuz, einzigartig in der NATONorth Atlantic Treaty Organization. Als Jungkurth 1992 das Amt abgab, gab es nur noch eine deutsche Luftwaffe.

1994

Mende: Orientierung im Frieden

Inspekteur der Luftwaffe

Bundeswehr/Modes

1. Oktober 1994. Bernhard Mende übernimmt eine Luftwaffe, die ihren Daseinszweck neu verhandeln muss. Der Kalte Krieg ist vorbei. Die klare Bedrohung durch den Warschauer Pakt existiert nicht mehr. Stattdessen: Ungewissheit. Der Balkan brennt, Somalia liegt Chaos. Die Welt ist nicht friedlicher geworden, dafür aber unübersichtlicher. Die Bundeswehr darf seit dem Verfassungsgerichtsurteil von 1994 auch außerhalb des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Gebiets eingesetzt werden. Piloten müssen nicht mehr nur für den Verteidigungsfall ausgebildet werden, sondern für Einsätze mit unklarer Feindlage und unter internationalem Recht.  

Gleichzeitig schrumpft die Luftwaffe. Strukturen werden abgebaut, Verbände aufgelöst, Geschwader reduziert –die Friedensdividende hat ihren Preis. Mende führte in einer Zeit, in der niemand sicher wusste, wie die Zukunft der Luftwaffe aussieht.

2018

Gerhartz: Sichtbarkeit in der Zeitenwende

Inspekteur der Luftwaffe bei Air Defender 2023.

Bundeswehr/Luftwaffe

29. Mai 2018. Ingo Gerhartz übernimmt das Amt in einer Zeit, in der Bundeswehr und Luftwaffe wieder in den Fokus rücken. Russland hat 2014 die Krim annektiert. Der Traum vom ewigen Frieden in Europa ist ausgeträumt. Die NATONorth Atlantic Treaty Organization reagiert, und die deutsche Luftwaffe ist dabei. Enhanced Air Policing im Baltikum, Betankungsmissionen, Aufklärung im Mittelmeer. 

Gerhartz kommuniziert, erklärt, wirbt. Er versteht, dass eine Luftwaffe, die niemand kennt, keine politische Unterstützung bekommt. Air Defender 2023 wird sein Projekt. Die größte Luftübung Europas seit dem Kalten Krieg, mehr als 25 Nationen, über 250 Flugzeuge. Die Botschaft ist klar: Europa kann sich verteidigen. Deutschland führt. Dann, am 24. Februar 2022, der Einmarsch Russlands in die Ukraine. Zeitenwende ohne Ankündigung. Für Gerhartz bedeutet das: beschleunigen, liefern, priorisieren. Die F-35 als Tornado-Nachfolger in der nuklearen Teilhabe, der Eurofighter in der Luftverteidigung. Die Luftwaffe, die er 2025 hinterlässt, ist moderner und stärker als bei seinem Amtsantritt.

2025

Neumann: Führung unter Druck

Truppenbesuch InspL Rumänien

Bundeswehr/Leon Belz

27. Mai 2025. Holger Neumann übernimmt in einer angespannten Lage. Der Krieg in der Ukraine geht in sein drittes Jahr. Russland hat seine Rüstungsproduktion hochgefahren. Die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ostflanke ist kein konzeptionelles Problem mehr, sie ist operativer Alltag. 

Neumann tritt das Amt ohne Einarbeitungszeit an. Wie bringt man eine jahrelang unterfinanzierte Luftwaffe in wenigen Jahren auf Verteidigungsstandard? Wie hält man laufende Einsätze aufrecht, bildet neue Piloten aus und beschafft neue Systeme? Landes- und Bündnisverteidigung sind keine Planungsszenarien mehr. Sie sind Führungsauftrag. Alarmbereitschaft wird wieder ernst genommen. Ausbildungszyklen, die auf Kampf ausgerichtet sind, werden (wieder) etabliert.

Neumann steht am Beginn seines Amtes. Aber der Moment, in dem er übernimmt, ist klar: Die Luftwaffe ist wieder dort, wo Kammhuber anfing. Im Aufbau, unter Druck, mit dem Auftrag, verlässlich zu sein.

2026

Führung im Wandel

Übergabe Inspekteur der Luftwaffe

Bundeswehr/Francis Hildemann

Seit 1957 haben 17 Männer die Luftwaffe als Inspekteur geführt. Jeder von ihnen hat eine andere Luftwaffe vorgefunden, jeder hat sie anders hinterlassen. Kammhuber baute sie auf. Steinhoff rettete sie aus einer Krise. Rall stabilisierte sie. Limberg führte sie durch den Höhepunkt des Kalten Krieges. Eimler hielt Kurs im politischen Gegenwind. Jungkurth vereinte zwei Luftwaffen zu einer. Mende navigierte durch die Orientierungslosigkeit nach dem Kalten Krieg. Gerhartz machte die Luftwaffe wieder sichtbar. Neumann führt sie zurück zur Kernaufgabe. Was sich verändert hat: die Technik, die Bedrohungen, die politische Lage, die gesellschaftliche Erwartung. Was gleich geblieben ist: Der Inspekteur trägt Verantwortung für Menschen. Militärische Führung ist keine Frage der Epoche. Sie ist eine Frage des Charakters. Die Geschichte der Inspekteure zeigt das mit jeder Amtsübergabe aufs Neue.

Geschichte der Luftwaffe – Rückblick auf 70 Jahre
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