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70 Jahre Luftwaffe

Ausbildung bei der Luftwaffe: Neun Geschichten aus sieben Jahrzehnten

1956 begannen die ersten Rekruten ihre Ausbildung in einer Luftwaffe, die es noch aufzubauen galt. 70 Jahre später trainieren Drohnenoperatoren an Simulatoren. Dazwischen liegen Jahrzehnte des Wandels. Diese neun Geschichten zeigen, wie sich die Ausbildung bei der Luftwaffe verändert hat und was über all die Jahre erhalten geblieben ist.

Bundeswehr

Seit 1956 hat die Luftwaffe zehntausende Piloten und Pilotinnen, Technikpersonal, Fluglotsen und weitere Spezialistinnen und Spezialisten ausgebildet. Die Art, wie das geschieht, hat sich fortlaufend verändert. In den 1950ern lernten die ersten Jetpiloten noch in den USA das Fliegen – das ist aktuell immer noch so. Heute steuern junge Soldatinnen und Soldaten nicht nur Kampf- und Transportflugzeuge in der Luft, sondern auch unbemannte Systeme vom Boden aus. Aber eines ist geblieben: Am Anfang steht immer die Grundausbildung – und Menschen, die bereit sind, den Luftraum Deutschlands und seiner Verbündeten zu schützen. Zahlreiche Zeitzeugenberichte liegen aus den sieben Jahrzehnten Luftwaffe vor, von denen einzelne Stimmen stellvertretend hier zu Wort kommen.

01

Ausbildung mit ersten Düsenjets

Bundeswehr

Als die Luftwaffe 1956 gegründet wurde, gab es keine Kasernen, keine Lehrpläne, keine Ausbilder, nur den politischen Willen, eine demokratische Luftstreitkraft aufzubauen. Die ersten Rekruten waren echte Pioniere. Viele hatten Kriegserfahrung, aber die neue Bundeswehr sollte anders werden: in die NATONorth Atlantic Treaty Organization integriert, demokratisch geführt und mit modernem Gerät. Wer damals Jetpilot werden wollte, musste zunächst nach Nordamerika. In den USA lernten die ersten deutschen Flieger auf Stützpunkten in Texas oder Arizona auf den F-84 Thunderjets (im Bild). Zurück in der Bundesrepublik wurden aus Schülern Lehrer. Sie mussten nicht nur fliegen, sondern eine ganze Ausbildungskultur schaffen: Handbücher schreiben, Prüfungen entwickeln, Standards setzen.

Ein ehemaliger Flugschüler erinnert sich: „Wir haben improvisiert, wo wir konnten. Manchmal gab es mehr Fragen als Antworten.“ Die Unterkünfte waren provisorisch, das Material knapp – aber der Wille und das Engagement waren groß. Diese Generation hat das Fundament für das spätere Mindset der Luftwaffe gelegt: Disziplin ohne Drill und technische Exzellenz als Prinzip. Was sie aufgebaut hat, trägt bis heute. Ohne diese Pioniere gäbe es keine Luftwaffe, wie wir sie heute kennen.

02

Standards schaffen in den Sechzigern

Bundeswehr

Nach den Anfangsjahren kam in den 1960ern die Konsolidierung. Die Luftwaffe entwickelte eigene Standards, baute Fliegerschulen aus und etablierte Karrierewege. In Kaufbeuren entstand die Technische Schule, in Fürstenfeldbruck wurde die Flugausbildung systematisiert. Aus einer vorläufigen Organisation wurde eine Institution. Ein Obergefreiter a. D.außer Dienst erinnert sich: „Plötzlich gab es Handbücher. Prüfungsordnungen. Karrierewege. Wir wussten, worauf wir hinarbeiteten.“ Mit dem F-104 Starfighter kam eine neue Dimension, ein Sprung in der Entwicklung hinzu: ein überschallschnelles, hochkomplexes Flugzeug, das höchste Anforderungen stellte. Die Unfallrate war anfangs erschreckend hoch. Die Ausbildung, die Abläufe mussten besser werden.

Gleichzeitig etablierte sich die Wehrpflicht endgültig im Gemeinwesen. Die Luftwaffe musste lernen, unterschiedliche Soldaten auszubilden und deren unterschiedliche Interessen zu berücksichtigen: Wehrpflichtige, die nach 18 Monaten wieder gingen, und Berufssoldaten, die Karriere machen wollten. Unterschiedliche Motivation brauchte unterschiedliche Herangehensweisen. Diese Dekade hat der Luftwaffe ihre Identität gegeben: technisch versiert, international vernetzt und fest in der NATONorth Atlantic Treaty Organization verankert.

03

Bereitschaft innerhalb von Minuten

Bundeswehr

In den 1970ern und 1980ern prägte ein Wort die Ausbildung: Bereitschaft. Die innerdeutsche Grenze lag nur Minuten entfernt. Jeder Pilot musste dafür trainiert sein, innerhalb kürzester Zeit zu starten. Jeder Techniker musste die notwendigen Handgriffe kennen, um dies auch zu ermöglichen. Die Alarmrotte wurde zum Symbol dieser Ära: zwei Jets, permanent einsatzbereit, Piloten in Rufweite. Ein Oberleutnant a. D.außer Dienst beschreibt die Ausbildung von damals: „Nachtflüge bei jedem Wetter. Tiefflug durch enge Täler. Abfangmanöver unter Zeitdruck. Wir trainierten für den Ernstfall, jeden Tag.“ Der heiße Krieg im Kalten Krieg war keine abstrakte Bedrohung, sondern konnte schnell Realität werden. Das prägte die Motivation und Einstellung zur Landes- und Bündnisverteidigung.

Mit der F-4F Phantom (im Bild während eines Alarmrottenflugs neben einem sowjetischen Bomber) und dem Tornado kamen zwei neue Generationen von Kampfflugzeugen – zweisitzige Jets mit komplexer Elektronik für neue Herausforderungen. Der Waffensystemoffizier (WSO) wurde Teil der Besatzung: Der Pilot flog, der WSO bediente Radar und Waffensysteme. Teamwork wurde auch im Cockpit überlebenswichtig. Simulatoren kamen in dieser Zeit intensiv zum Einsatz. Nicht mehr jeder Fehler musste in der Luft gemacht werden. Man konnte Notverfahren durchspielen, ohne Maschinen und Menschenleben zu riskieren. Denn Technik hilft nur, wenn man unter Stress richtig reagiert. Diese Generation lernte: Schnelligkeit, Präzision und ein kühler Kopf entscheiden über den Erfolg.

04

Frauen erobern das Cockpit

Porträt Nicola Baumann

Bundeswehr/Karlheinz Engelbrecht

2001 fiel eine Barriere, die jahrzehntelang gestanden hatte: Frauen durften nun erstmals auch zu Kampfpilotinnen ausgebildet werden. Der Weg dahin begann schon in den 1990ern, als erste Frauen in anderen Bereichen der Luftwaffe wie dem flugmedizinischen Dienst Pionierarbeit leisteten. Aber das Cockpit eines Kampfjets blieb ihnen damals noch verschlossen. Die Ausbildung zur Pilotin oder zum Piloten ist fordernd. Körperliche Fitness, technisches Verständnis, Stressresistenz und fliegerisches Talent sind die Voraussetzungen. Für die ersten Frauen kam noch etwas hinzu: Sie mussten in einer bisher männerdominierten Welt bestehen. Eine der ersten deutschen Kampfpilotinnen sagt rückblickend: „Die Ausbildung war extrem hart. Aber nie unfair. Entweder du kannst es, oder du kannst es nicht. Das Geschlecht spielt keine Rolle.“

Die Integration von Frauen hat die Luftwaffe verändert: neue Perspektiven, ein größerer Talentpool und ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Kompetenz nichts mit Stereotypen zu tun hat. Die Luftwaffe wurde professioneller, weil sie gelernt hat: Leistung und Können zählen, nicht das Geschlecht.

05

Auf Einsatz im Ausland: Theorie wird Praxis

Bundeswehr/Hoffmann

Bereits ab 1960 ging es nicht mehr nur um Landes- und Bündnisverteidigung in Mitteleuropa. Internationale Hilfseinsätzen erweiterten das Fähigkeitsspektrum der Luftwaffe (im Bild: Hilfslieferungen für Äthiopien in den 1980ern). Ab den 1990ern rückten zudem die Auslandseinsätze in den Fokus. Für komplexe Stabilisierungsmissionen unter extremen Bedingungen wie in Afghanistan oder in Mali musste die Ausbildung umgestaltet werden. Lufttransport, luftgestützte Aufklärung und die enge Zusammenarbeit mit Bodentruppen und internationalen Partnern wurden nun unter anderen Bedingungen intensiv trainiert. Junge Luftwaffensoldaten und -soldatinnen wussten meist schon während der Ausbildung, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ins Ausland gehen würden. Das veränderte die Perspektive auf den Beruf.

Ein Lufttransportsoldat beschreibt das so: „In der Ausbildung lernte ich, wie man Fracht richtig sichert. In Afghanistan lernte ich, wie man unter Beschuss landet. Beides braucht man.“ Dieser Einsatzbezug prägt die Ausbildung bis heute. Und diese Erfahrungen fließen direkt in Ausbildungspläne ein. Veteraninnen und Veteranen werden Ausbildende. Simulationen bilden reale Szenarien nach. Die Distanz zwischen Ausbildung und Einsatz ist kleiner geworden. Die Luftwaffe wurde zu einer Einsatzarmee. Und die Ausbildung spiegelt das wider: praxisnah, multinational, anspruchsvoll.

06

Digitale Revolution: Fliegen wird Programmieren

Bundeswehr/Luftwaffe/Flugbereitschaft

Die 2010er brachten im Bereich der fliegenden Systeme eine technologische Revolution. Moderne Kampfjets wie der Eurofighter sind fliegende Computer. Ihre Steuerung erfordert völlig neue Fähigkeiten. Die Ausbildung musste mitziehen. Angehende Piloten und Pilotinnen verbringen heute einen Großteil ihrer Zeit in hochmodernen Simulatoren. Jedes Detail eines Fluges lässt sich nachbilden. Wetterphänomene, Systemausfälle, Kampfszenarien oder spezielle Manöver wie die Luftbetankung (im Bild): Virtual Reality und Künstliche Intelligenz unterstützen das Training. Man kann Fehler machen, ohne Menschenleben (oder Maschinen) zu riskieren. Aber Technik ersetzt nicht das Grundhandwerk. Ein Fluglehrer auf dem Eurofighter erklärt es so: „Die Technik gibt uns unglaubliche Möglichkeiten. Aber in kritischen Sekunden entscheidet immer noch der Pilot. Wenn alle Systeme ausfallen, brauchst du fliegerisches Können.“

Die Ausbildung balanciert heute zwischen zwei Welten. Digitale Kompetenz ist genauso wichtig wie klassisches Flughandwerk – ITInformationstechnik-Sicherheit, Datenmanagement und systemübergreifendes Verständnis auf der einen Seite, Sturzflug, Navigation, Notverfahren und Langstreckenflüge auf der anderen. Diese Generation von Luftwaffensoldatinnen und -soldaten muss technisch, analytisch und fliegerisch zugleich geschult sein – eine Dreifachqualifikation für das 21. Jahrhundert.

07

Faßberg: Wo Offiziere geformt wurden

Bundeswehr

15. September 1956: Auf dem Fliegerhorst Faßberg in Niedersachsen versammeln sich 241 junge Männer, der erste Offizieranwärterlehrgang der neuen Luftwaffe. Faßberg ist Provisorium, das wissen alle, aber es ist der Anfang. Hier entsteht, was die Luftwaffe später prägen wird: eine demokratische Offiziersausbildung. Oberst Rudolf Löytved-Hardegg ist der erste Kommandeur. Er hat Kriegserfahrung, aber auch einen klaren Auftrag: Die neuen Offiziere sollen anders werden: keine blinden Befehlsempfänger, sondern Staatsbürger in Uniform. Das Konzept heißt Innere Führung und wird bundeswehrweit die Grundlage für die Offizierausbildung – so auch bei der Luftwaffe in Faßberg. 

Die Bedingungen sind einfach: provisorische Unterkünfte, wenig Material, kaum Ausstattung. Ein Lehrgangsteilnehmer von 1956 erinnert sich: „Wir saßen in kalten Baracken und diskutierten über Demokratie und Verantwortung. Das war neu. Das war gewollt.“ 1958 verlegt die Offizierschule nach Neubiberg, im Jahr 1977 nach Fürstenfeldbruck. Seit 2025 findet die Offizierausbildung in Roth statt. Die Standorte wechselten, doch was in Faßberg begann, blieb: eine Ausbildung, die Fachkompetenz mit politischer Bildung verbindet. Das Ziel: Offiziere, die denken, nicht gehorchen.

08

Wo alles beginnt: Die Grundausbildung

Bundeswehr/Wagner

Jahrzehntelang waren spezielle Luftwaffenausbildungsregimenter das Fundament der fliegerischen Ausbildung wie des Soldatseins in der Luftwaffe. Sie befanden sich in Roth, Germersheim, Goslar und Mengen. An vielen Standorten formten diese Einheiten aus Zivilisten Soldaten. Drei Monate intensive Grundausbildung mit Waffendienst, Gefechtsdienst, Sport, Erste Hilfe und Politischer Bildung. Generationen durchliefen diese Regimenter und erinnern sich an prägende Wochen voller Herausforderungen. Ein Hauptfeldwebel a. D.außer Dienst, der über 15 Jahre Ausbilder war, sagt dazu: „Wir vermittelten nicht nur militärische Fähigkeiten. Wir vermittelten Werte. Kameradschaft, Verantwortung, Durchhaltevermögen.“

Über die Jahrzehnte wandelte sich die Ausbildung: Vom harten Drill der Anfangsjahre hin zur Balance zwischen Forderung und Förderung. Im Zuge von Reformen wurden die traditionellen Regimenter zum heutigen Luftwaffenausbildungsbataillon zusammengeführt – effizienter, moderner, aber mit dem gleichen Auftrag. Diese Konsolidierung spiegelt die Modernisierung der Bundeswehr wider. Aber der Kern bleibt: Hier beginnt für jeden Luftwaffensoldaten und jede Luftwaffensoldatin die Laufbahn. Das Erbe der Ausbildungsregimenter lebt im Luftwaffenausbildungsbataillon mit dem Standort Germersheim fort.

09

Zukunft: Drohnen, KIkünstliche Intelligenz und Weltraum

Bundeswehr/Susanne Hähnel

Heute steht die Ausbildung bei der Luftwaffe vor ihrer vielleicht größten Transformation: Unbemannte Systeme, Künstliche Intelligenz und Weltraumoperationen verändern massiv die Art der Luftkriegsführung. Die Soldatinnen und Soldaten der Luftwaffe der Zukunft braucht neue Fähigkeiten. Heute werden nicht Pilotinnen und Piloten ausgebildet, sondern auch Operatoren und Operatorinnen komplexer Systeme. Drohnen wie die German Heron TP erfordern andere Fähigkeiten und Fertigkeiten als klassische Kampfjets. Zudem baut die Bundeswehr ein Weltraumkommando auf. Dafür braucht sie Spezialistinnen und Spezialisten, die es so noch nicht gab. Aber im Zentrum bleibt der Mensch. Eine Drohnenoperatorin sagt dazu: „Wir steuern die Technik. Aber Entscheidungen über Leben und Tod treffen immer Menschen. Diese Verantwortung kann keine KIkünstliche Intelligenz übernehmen.“

Die Ausbildung der kommenden Jahre in der Luftwaffe wird interdisziplinär sein. Sie verbindet Luftfahrt mit Informatik, Ethik mit Ingenieurskunst, Tradition mit Vision. Sie wird noch internationaler, innovativer, anspruchsvoller. Nach 70 Jahren hat die Luftwaffe bewiesen: Sie kann sich auf neue Herausforderungen einstellen. Ihre Ausbildung ist das Versprechen, auch in Zukunft bereit zu sein – für die Sicherung des Luftraums über Deutschland und seiner Verbündeten und vor allem für den Erhalt von Frieden und Freiheit.

Geschichte der Luftwaffe – Rückblick auf 70 Jahre
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