Veteran der Bundeswehr: Aus dem Schützengraben ins Klassenzimmer
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN
Er kam als Skeptiker zum Bund, ging als Fähnrich und kehrte als Reservist zurück: Berufsschullehrer Jörg M. war in seinem Leben Punk, Panzergrenadier und Pädagoge. Heute lehrt er an einer Fachoberschule in Hamburg und überzeugt dort heute durch Fachkompetenz und Kommunikation auf Augenhöhe. Wie wichtig das ist, hat er damals in Munster gelernt.
Berufsschullehrer Jörg M. im Unterricht. Was er an Führung gelernt hat, bringt er täglich mit in sein Klassenzimmer: auf Augenhöhe, mit Erklärungen statt Anweisungen – ein Prinzip, das er bei der Bundeswehr entwickelt hat.
Jörg M.
Jörg M. wuchs in den 1980er Jahren im niedersächsischen Munster auf – einer Stadt, die von Panzern, Kasernen und Truppenübungsplätzen geprägt ist. Noch heute ist Munster einer der größten Bundeswehr-Standorte Deutschlands. Beliebt war die Bundeswehr bei den jungen Menschen damals trotzdem nicht: Als einer von nur dreien aus seinem gesamten Abiturjahrgang ging Jörg M. zur Bundeswehr, während die meisten verweigerten. Und dass er es tat, war alles andere als erwartbar: Jörg M. war Punker – mit Irokesenhaarschnitt und Nietengürtel um die Hüfte.
„Ich hatte irgendwie eine von Hollywood getriggerte Vorstellung vom deutschen Offizier“, sagt er heute. „Und dachte mir: Das will ich auch erreichen!“ Was folgte, waren ein radikaler Haarschnitt und zwei Jahre Grundwehrdienst sowie die Reserveoffizieranwärter-Ausbildung bei der 4. Kompanie des Panzergrenadierlehrbataillons 92 der Panzerlehrbrigade 9 in Munster. M. empfand diese die Zeit als körperlich fordernd, hierarchisch streng, manchmal irritierend – und prägend bis heute.
Was ihn damals in Munster am meisten überrascht hätte, sei, dass er mit Menschen aus vollkommen anderen sozialen Milieus nicht nur zusammenarbeiten, sondern sie am Ende auch führen sollte. „Das ist das, was mich bis heute antreibt“, sagt der Ex-Panzergrenadier. Mit 19 Jahren im Gelände, mit fremden Menschen in fremder Umgebung einen Auftrag erfüllen: Das sei, sagt er, „eine tolle Schule im wahrsten Sinne des Wortes“ gewesen.
M. ist inzwischen 61, Berufsschullehrer in Hamburg und stellvertretender Vorsitzender einer Reservistenkameradschaft. Die Bundeswehr hat er nie ganz hinter sich gelassen, obwohl er anfangs vor allem negative Gefühle hegte gegenüber seiner Zeit in der Truppe. „Wir haben gefühlt zwei Jahre lang kein normales Wort miteinander gesprochen, sondern nur über Geschrei kommuniziert. Das war überhaupt nicht meine Welt.“
Was die Bundeswehr lehrte
Als junger Gruppenführer lernt Jörg M., was gute Führung bedeutet – und was nicht. Auftragstaktik heißt das Prinzip, auf dem die Bundeswehr ihre Führungskultur aufbaut: Nicht der engmaschige Befehl von oben zählt, sondern das gemeinsame Verständnis des Ziels. Jeder soll mitdenken, eigenverantwortlich handeln, die Stärken der anderen nutzen. Was das in der Praxis bedeutet, erlebte Jörg M. zunächst an einem Negativbeispiel. „Wer nur auf seinen Dienstgrad verweist, statt zu erklären, zu überzeugen und durch fachliche Kompetenz Autorität zu haben, verliert die Gruppe“, erinnert er sich. Diese Beobachtung wurde zur Blaupause für seinen eigenen Stil. Als militärischer Führer legte Jörg M. schon damals Wert darauf, auf Augenhöhe zu kommunizieren: „Mit Begründungen statt Befehlen“, so der Berufsschullehrer. Damit traf er den Geist der Inneren Führung – Wertgerüst und Führungskultur der Bundeswehr damals und heute.
Sinn und Zweck erklären statt Beharren auf stumpfen Gehorsam – dieses Prinzip trägt M. bis heute in seinen Unterricht. An seiner Berufsschule ist er nach eigenen Angaben einer der wenigen Lehrenden, den die Schüler duzen. Trotzdem oder gerade deshalb sei er einer der Respektiertesten, sagt M. „Ich werde nicht durchs Siezen akzeptiert, sondern weil die Menschen merken, dass ich ihnen etwas mitgeben kann“, sagt er. Den Grundstein dafür hat er in Munster gelegt: bei der Bundeswehr.
Vom Graben in die Luft
Zwei Erlebnisse aus der Dienstzeit hat Jörg M. nie vergessen. Das erste: Eine Schießübung, bei der ein Kamerad aus seiner Gruppe (ein ehemaliger Fremdenlegionär und ausgebildeter Scharfschütze) aus 800 Metern eine Klappscheibe traf – direkt neben Jörg M. Ein grob fahrlässiger Schießfehler, der auch hätte schiefgehen können. „Das war das einzige Mal in meinem Leben, wo ich unter scharfem Feuer war“, sagt Jörg M. und lacht. Das andere Erlebnis: Als Kompanie, die besonders häufig bei Vorführungen ihr Können zeigen sollte, hatte die 4/92 damals häufig Flüge mit der UHD Bell absolviert. Diese Flüge im Hubschrauber, als Gruppenführer außen an der Flugzeugtür stehend, nur in ein Gurtzeug eingehakt und mit Blick auf die Lüneburger Heide, hätten sein Leben verändert. „Ich bin seitdem total flugaffin und habe deswegen sogar einen Gleitschirmschein gemacht“, erzählt Jörg M.
Die Fliegerei wurde durch die Bundeswehr zum Lebensinhalt: Jörg M. hat einen Gleitschirmschein und erwägt, noch einen Hubschrauber-Pilotenschein zu machen.
Jörg M.
Jetzt erwägt M. sogar, noch einen Hubschrauberschein zu machen. „Meine Frau hat es mir vor kurzem erst ermöglicht, selbst einmal einen Hubschrauber zu fliegen – seitdem überlege ich, ob ich daraus nicht vielleicht noch eine Berufung für meinem Ruhestand machen möchte“, sagt der vielleicht zukünftige Pilot.
Reservist aus Überzeugung
Den Begriff „Veteran” verwendet Jörg M. für sich selbst nicht. „Das verbinde ich mit Menschen, die im Einsatz waren“, sagt er. Mit dem Begriff Reservist kann sich M. besser identifizieren. Das treffe es besser und Reservist sei er mit Überzeugung. Vor vier Jahren trat er dem Reservistenverband bei, absolviert seitdem regelmäßig Fortbildungen und Übungen. Die heutige Bundeswehr empfindet er als deutlich gewandelten Arbeitgeber: professioneller, ruhiger, zielgerichteter als in den 1980er-Jahren. „Ich habe Menschen kennengelernt, die alle sehr angenehm und professionell sind – und bin tatsächlich inzwischen sogar auch stellvertretender Vorsitzender einer Reservistenkameradschaft.“
Jungen Menschen empfiehlt er den Dienst ohne Einschränkungen. „Wer die Demokratie schützen möchte, soll möglichst viel davon sichtbar machen”, sagt er. Auf die Bitte, seinen Dienst in einem Satz zu beschreiben, antwortet Jörg M. nach kurzem Überlegen: „Vom Punk zum Offizier, vom Chaos zur Struktur. Und von da an: ein erfolgreiches Leben.”
Sechs Fragen an Leutnant der Reserve Jörg M.
Wie haben Ihre Freunde und Ihr Umfeld damals darauf reagiert, dass Sie zur Bundeswehr wollten?
Jörg M.
Alle anderen haben verweigert. Obwohl meine Freunde im Ort fast ausschließlich Offiziers- oder Soldatenkinder waren. Ich war der Einzige, dessen Vater nicht bei der Bundeswehr war. Das war eigentlich schon eine verrückte Ausgangslage. Unterstützt wurde ich trotzdem von ihnen.
Wie erleben Sie den Unterschied zwischen der Bundeswehr der 1980er-Jahre und der heutigen Truppe?
Jörg M.
Es ist faszinierend, wie professionell und ruhig die Bundeswehr geworden ist. Damals haben wir gefühlt zwei Jahre lang kein normales Wort miteinander gesprochen und nur über Geschrei miteinander kommuniziert. Heute gehe ich wirklich gerne auf Reserveübungen oder Fortbildung. Das ist eine komplett andere Welt geworden.
Sie haben den Lehrberuf auf eine konkrete Nacht im Gelände zurückgeführt. Was ist in dieser Nacht passiert?
Jörg M.
Das Ablehnungsschreiben der Universität Hamburg für Grafikdesign kam an und das mitten im Biwak im November. Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht, was ich jetzt aus meinem Leben mache. Und da ist mir zum allerersten Mal überhaupt der Gedanke „Lehrer“ gekommen. Heute feiere ich mein 30-jähriges Berufsjubiläum und fahre jeden Tag mit einem Lächeln zur Arbeit. Ohne die Bundeswehr wäre mir diese Einsicht vielleicht nicht gekommen.