Die Bundeswehr in Afghanistan – eine Chronik von 2001 bis 2010

In diesem Jahr endet der bislang intensivste Auslandseinsatz der Bundeswehr. In fast 20 Jahren gab es zahlreiche Ereignisse, die nicht nur das Gesicht des Einsatzes, sondern die Streitkräfte als Ganzes geprägt haben. Im ersten Teil der Chronik finden Sie bedeutende Ereignisse aus den Jahren 2001 bis 2010.

Ein Soldat steht neben einem Kameraden und zeigt auf etwas in der Ferne

Die Terroranschläge am 11. September 2001 erschütterten die Weltgemeinschaft und führten zum langjährigen Einsatz multinationaler Streitkräfte in Afghanistan. Das Ziel: das Terrornetzwerk der al-Qaida zu zerschlagen und Afghanistan zu demokratisieren. Auch Deutschland beteiligte sich an der Mission ISAFInternational Security Assistance Force – ein Kampfeinsatz, der die Bundeswehr nachhaltig verändert hat.

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  • Brennende Türme des World Trade Centers in New York
    01

    2001

    11. September – Terroranschläge von New York und Washington

    Terroristen entführen vier Flugzeuge und lenken drei davon in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York und ins Pentagon in Washington. Insgesamt sterben mehr als 3.000 Menschen. Die Terroranschläge verändern die Welt und rücken die Gefahren des transnationalen, radikalislamischen Terrorismus in das Bewusstsein der Weltgemeinschaft. Denn die Anschläge können dem islamistischen Terrornetzwerk al-Qaida zugeordnet werden.

    12. September – Solidarität mit den USA

    Bundeskanzler Gerhard Schröder sichert den USA die „uneingeschränkte Solidarität“ zu. Der UNUnited Nations-Sicherheitsrat stuft den Angriff als „Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit“ ein.

    4. Oktober – NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnisfall

    Der Nordatlantikrat der NATONorth Atlantic Treaty Organization ruft erstmals den Bündnisfall nach Artikel 5 des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Vertrages aus.

    7. Oktober – Krieg gegen den Terror

    Nach Ablauf eines Ultimatums an die Taliban in Afghanistan, den Anführer al-Qaidas, Osama bin Laden, auszuliefern, erfolgen die ersten Luftangriffe der USUnited States-Streitkräfte auf afghanisches Gebiet. Der von USUnited States-Präsident George W. Bush ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ beginnt.

  • Deutsche Soldaten fahren im Transportfahrzeug Dingo auf einer Straße durch Kabul
    02

    2002

    14. Januar – Erste deutsche ISAFInternational Security Assistance Force-Patrouille in Afghanistan

    Deutsche Soldaten und afghanische Polizeikräfte gehen in Kabul das erste Mal gemeinsam auf Patrouille. Bereits Anfang Januar hatte das erste Vorauskommando der ISAFInternational Security Assistance Force, gestellt durch den Einsatzverband deutscher, dänischer, niederländischer und österreichischer Streitkräfte und geführt von Brigadegeneral Carl-Hubertus von Butler, seinen Dienst aufgenommen.

    6. März – Unfall bei einer Sprengmittelentschärfung

    In Kabul sterben beim Entschärfen einer Flugabwehrrakete sowjetischer Bauart zwei deutsche und drei dänische Soldaten, weitere werden verletzt. Es sind die ersten Toten, die die Bundeswehr in Afghanistan zu beklagen hat.

    4. Dezember – Verteidigung am Hindukukusch

    Verteidigungsminister Peter Struck sagt: „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt.“

    21. Dezember – Absturz einer CH-53

    Beim Landeanflug auf Kabul stürzt wegen technischer Probleme ein deutscher Transporthubschrauber vom Typ CH-53 ab. Sieben Bundeswehrsoldaten sterben.

  • Ein Kran hebt einen zertörten Bus hoch, Soldaten und Militärfahrzeuge rundherum
    03

    2003

    29. Mai – Minen-Explosion südlich von Kabul

    Bei einer Patrouillenfahrt am südlichen Stadtrand von Kabul fährt ein Geländewagen Wolf auf eine Landmine. Bei der Explosion fällt ein deutscher Soldat, ein weiterer wird verwundet. Es ist das erste Mal, dass ein Bundeswehrangehöriger in Afghanistan durch Fremdeinwirkung stirbt.

    7. Juni – Anschlag auf die Bundeswehr in Kabul

    Auf der Fahrt zum Kabul International Airport wird ein Konvoi mit deutschen Soldaten, die zum Ende ihres Einsatzes auf dem Weg zurück nach Deutschland sind, von einem Selbstmordattentäter angegriffen. Dabei wird ein Bus von einer Autobombe zerstört. Bei dem Anschlag fallen vier Bundeswehrsoldaten, 29 werden zum Teil schwer verwundet. Es ist der erste Sprengstoffanschlag auf deutsche Soldatinnen und Soldaten im Einsatz in der Geschichte der Bundeswehr.

    24. Oktober – Bundestag erweitert Mandat

    Der Deutsche Bundestag beschließt die Ausweitung des ISAFInternational Security Assistance Force-Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan auf die nordafghanische Region Kundus. Am Tag darauf treffen in Kundus 27 Bundeswehrsoldaten ein, um die Errichtung des PRTProvincial Reconstruction Team (Provincial Reconstruction Team, deutsch: Regionales Wiederaufbauteam) Kundus vorzubereiten. Deutschland übernimmt als eine der ersten ISAFInternational Security Assistance Force-Nationen mehr Verantwortung für den Wiederaufbau Afghanistan.

  • Deutsche Soldaten laufen durch ein Tor, daneben ein Schild mit dem Text „Außenstelle Taqhar“
    04

    2004

    30. Januar – Bundeswehr in Talokan

    In Talokan, einer Großstadt 30 Kilometer östlich von Kundus, wird eine Außenstelle des PRTProvincial Reconstruction Team Kundus eröffnet. Das Provincial Advisory Team soll die zivil-militärische Zusammenarbeit und den Wiederaufbau der Provinz Tachar unterstützen. Bis zu 40 Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten sind hier im Einsatz.

    1. September – Eröffnung des PRTProvincial Reconstruction Team Faisabad

    In der nordöstlichen Provinzhauptstadt Faisabad wird ein weiteres von Deutschland geführtes PRTProvincial Reconstruction Team aufgestellt und nimmt seine Arbeit auf. Vier Monate später bezieht die Bundeswehr das neue Feldlager in der Provinz Badakshan. Das PRTProvincial Reconstruction Team soll – mit deutscher Hilfe aufgebaut und ausgebildet – nicht nur den Wiederaufbau in der Region unterstützen. Es hat auch den Auftrag, das Umfeld zu sichern und afghanische Sicherheitskräfte auszubilden.

  • Bundeswehr-Camp mit Zelten und Containern, Marmalgebirge im Hintergrund
    05

    2005

    25. Juni – Munitionsexplosion in Rustaq

    Im etwa 120 Kilometer nordöstlich von Kundus liegenden Rustaq sterben zwei deutsche Soldaten bei der Explosion alter sowjetischer Munition. Drei weitere Soldaten, darunter ein Deutscher, und zwei afghanische Sprachmittler werden durch die Explosion verwundet.

    28. September – Bundestag weitet Mandat aus

    Der Deutsche Bundestag erhöht die Obergrenze des Einsatzkontingentes auf 3.000 Soldaten. Deutschland übernimmt die Verantwortung für den Wiederaufbau im gesamten Norden.

    3. November – Symbolische Schlüsselübergabe in Masar-i Scharif

    In Masar-i Scharif wird symbolisch der Schlüssel für das neue Feldlager übergeben. Damit beginnt der Ausbau von Camp Marmal. Es wird das größte Feldlager außerhalb Deutschlands werden. Auf dem Gebiet entsteht das Hauptquartier der ISAFInternational Security Assistance Force-Truppe im Norden.

    14. November – Selbstmordanschlag auf deutsche Feldjäger

    Feldjäger sind mit einem Geländewagen Wolf unterwegs vom Feldlager Camp Warehouse in die Kabuler Innenstadt, als ein anderes Fahrzeug mit ihnen kollidiert. Kurze Zeit später zündet der Fahrer eine Sprengladung. Ein Soldat stirbt, zwei weitere werden schwer verwundet.

  • Bundesaußenminister Frank Walter Steinmeier mit Brigadegeneral Markus Kneip auf dem Flughafen Kundus
    06

    2006

    1. Juni – Übernahme Regionalkommando Nord

    Brigadegeneral Markus Kneip wird der erste Kommandeur des Regionalkommandos Nord. Damit übernimmt die Bundeswehr rund vier Jahre nach Beginn des ISAFInternational Security Assistance Force-Einsatzes das Kommando über die Kräfte im Norden Afghanistans.

    14. August – Indienststellung des ersten OMLT

    Das erste NATONorth Atlantic Treaty Organization Operational Mentoring and Liaison Team (OMLT) wird im Regionalen Wiederaufbauteam Kundus in Dienst gestellt. Der Schwerpunkt des Auftrags liegt in der Ausbildung und Beratung der im Aufbau befindlichen afghanischen Streitkräfte.

  • Ein Soldat in einem Transportfahrzeug Dingo sichert das Gelände, im Hintergrund fliegt ein Tornado
    07

    2007

    2. April – Tornados für Afghanistan

    Sechs Recce-Tornados werden nach Masar-i Scharif verlegt. Die Aufklärungsflugzeuge schließen eine Fähigkeitslücke der NATONorth Atlantic Treaty Organization: Sie sollen mit detaillierten Luftaufnahmen zu einer Verbesserung des Lagebildes beitragen.

    19. Mai – Selbstmordanschlag in Kundus

    Im Stadtzentrum von Kundus verüben radikalislamische Attentäter einen Selbstmordanschlag. Bei dem Anschlag fallen drei Bundeswehrsoldaten, fünf weitere Soldaten und der afghanische Übersetzer werden verwundet.

  • Militärfahrzeuge fahren in Kolonne durch ein wüstenartiges Gelände und wirbeln Staub auf
    08

    2008

    1. Juli – Bundeswehr stellt QRF

    Die Quick Reaction Force (QRF, deutsch: Schnelle Eingreiftruppe) des Regionalkommandos Nord wird erstmals von der Bundeswehr gestellt. Ihre Aufträge sind unter anderem der Schutz und die Unterstützung von ISAFInternational Security Assistance Force-Truppen und afghanischen Sicherheitskräften im Norden Afghanistans. Aufgrund steigender Taliban-Aktivitäten auch im Norden ist die QRF in zahlreiche Feuergefechte verwickelt.

    06. August – Selbstmordattentäter attackiert Bundeswehrkonvoi

    Ein Konvoi von Bundeswehr-Fahrzeugen ist unterwegs vom Feldlager Kundus in das PRTProvincial Reconstruction Team Pul-i-Kumri. Als der Konvoi an einem Kontrollpunkt circa 35 Kilometer südlich von Kundus hält, nähert sich ein Motorradfahrer und sprengt sich in die Luft. Trotz intensiver medizinischer Behandlung stirbt ein Soldat ein Jahr später an den Spätfolgen des Anschlags.

    20. Oktober – Selbstmordanschlag bei Kundus

    Etwa fünf Kilometer südlich vom deutschen PRTProvincial Reconstruction Team wird ein Selbstmordanschlag auf eine deutsche Patrouille der Verstärkungskräfte verübt. Bei dem Anschlag fallen zwei Soldaten der Bundeswehr. Fünf afghanische Kinder und der Attentäter kommen ebenfalls ums Leben.

  • Ein afghanischer Polizist steht vor einem ausgebrannten Tanklastzug
    09

    2009

    29. April – Hinterhalt bei Kundus

    Auf der Rückfahrt in das Feldlager Kundus gerät eine deutsche Patrouille in einen Hinterhalt. Die Angreifer beschießen die Soldaten von mehreren Seiten mit Handwaffen und Panzerabwehrhandwaffen. Ein Soldat wird getötet, mehrere teils schwer verwundet. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg fällt ein deutscher Soldat bei einem Feuergefecht.

    23. Juni – Angriff bei Kundus

    Sechs Kilometer südlich des PRTProvincial Reconstruction Team Kundus wird eine deutsche Patrouille, die gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften unterwegs ist, mit Handwaffen und Panzerabwehrhandwaffen angegriffen. Während des Gefechts kommt ein Transportpanzer Fuchs von der Fahrbahn ab und überschlägt sich. Bei diesem Vorfall sterben drei deutsche Soldaten, drei weitere werden verwundet.

    4. September – Angriff auf Tanklastwagen

    Circa 15 Kilometer südlich von Kundus werden auf Befehl des deutschen Kommandeurs des PRTProvincial Reconstruction Team Kundus bei einem Luftangriff zwei von Taliban entführte Tanklaster bombardiert. Aufgrund zahlreicher getöteter afghanischer Zivilistinnen und Zivilisten löst der Vorfall in Deutschland eine heftige Kontroverse in Politik und Gesellschaft aus.

    3. November – „kriegsähnliche Zustände”:

    Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg spricht in der BILD-Zeitung von „kriegsähnlichen Zuständen“ in Afghanistan.

  • Soldaten stehen vor einem zerstörten Transportfahrzeug Dingo
    10

    2010

    26. Februar – Bundestag erhöht Truppenstärke

    Auf Antrag der Bundesregierung erhöht der Deutsche Bundestag die Mandatsobergrenze auf 5.350 Soldatinnen und Soldaten. Zeitgleich stocken die USA ihre Streitkräfte im Kundus um rund 1.000 Soldatinnen und Soldaten, darunter Spezialkräfte, auf. Ziel ist, offensiver gegen die Taliban vorzugehen. Auch die Bundeswehr beteiligt sich verstärkt an der Bekämpfung von Aufständischen.

    2. April – Karfreitagsgefecht

    Circa sechs Kilometer westlich des PRTProvincial Reconstruction Team Kundus werden Fallschirmjäger der Bundeswehr aus einem Hinterhalt von mehreren Seiten mit Handwaffen und Panzerabwehrhandwaffen massiv angegriffen. Im Verlauf des etwa neunstündigen Gefechtes fallen drei deutsche Soldaten.

    15. April – Mehrere Angriffe im Norden

    Aufständische greifen deutsche Einsatzkräfte an. Als unter ihrem Fahrzeug ein Sprengsatz detoniert, sterben drei deutsche Soldaten. Wenige Stunden später fällt ein weiterer Bundeswehrsoldat bei einem zweiten Angriff.

    August – Erstes Ausbildungs- und Schutzbataillon in Kundus

    Das erste Ausbildungs- und Schutzbataillon wird als Ausbildungs- und Gefechtsverband unter deutscher Führung in Kundus aufgestellt. Der Auftrag umfasst die Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte sowie den Schutz der afghanischen Zivilbevölkerung.

    07. Oktober – Selbstmordanschlag in Baghlan

    In der nordafghanischen Prozinz Baghlan bewachen Fallschirmjäger die Zufahrtsstraße zu einer Brücke, als sich ein als Bauer verkleideter Angreifer nähert und einen Sprengstoffgürtel zündet. Ein Soldat fällt, weitere werden teils schwer verwundet.

    31. Oktober – Operation Halmazag

    Gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften und USUnited States-Streitkräfte gehen die Einsatzkräfte der Bundeswehr im Distrikt Chahar Darreh in intensivem Gefecht gegen die Taliban vor. Die Operation Halmasag ist die erste von Deutschen geplante und geführte Offensive seit dem Zweiten Weltkrieg.

    November – Ausbildungs- und Schutzbataillon Masar-i Scharif einsatzbereit

    Das Ausbildungs- und Schutzbataillon in Masar-i Scharif ist vollständig einsatzbereit. Auch dieser Verband unterstützt bei der Afghanischen Nationalarmee.

    Die Jahre 2011 bis 2021

    von Richard Manner