Verteidigung
Die Verteidigung Deutschlands und seiner Verbündeten ist Kernaufgabe der Bundeswehr.
Die Bundeswehr bekommt eine neue Waffe: Loitering Munition (LMS), umgangssprachlich auch als Kamikazedrohne bezeichnet. Es werden zwei Systeme von unterschiedlichen Herstellern gekauft. Zudem geht die Bundeswehr bei der Beschaffung neue Wege, um den schnellen Entwicklungszyklen der LMS gerecht zu werden. Doch was genau ist Loitering Munition eigentlich?
Mit der Beschaffung von Loitering Munition beginnt für die Bundeswehr eine neue Ära. Denn bei diesen Systemen handelt es sich um einen Gamechanger auf dem Gefechtsfeld. Vergleichsweise kostengünstig ermöglicht Loitering Munition eine präzise Bekämpfung einzelner gegnerischer Ziele über eine große Entfernung.
Durch die frühzeitige Beteiligung der Truppe an den Tests konnten bereits zu Beginn des Beschaffungsprozesses die Soldatinnen und Soldaten Rückmeldung zu den Systemen geben. Das ermöglichte eine schnelle Kaufentscheidung. So konnte die Bundeswehr am 26. Februar 2026 Kaufverträge mit den deutschen Herstellern Helsing und Stark schließen. Und auch bei diesen Kaufverträgen geht die Bundeswehr neue Wege, um dem neuen Waffentyp gerecht zu werden.
Bei Loitering Munition handelt es sich um Flugkörper, die mithilfe eines eigenen Antriebs in einen Einsatzraum fliegen und dort eine gewisse Zeit in der Luft kreisen können. Über bordeigene Sensoren und eine intelligente Software können die Systeme selbstständig Ziele, beispielsweise einen feindlichen Kampfpanzer oder Gefechtsstand, erkennen und dem Bediener anzeigen. Dieser hat dann die Möglichkeit, das Flugobjekt samt Sprengladung gegen das Ziel einzusetzen. Der Vorteil: eine schnelle Reaktionsfähigkeit sowie eine präzise Bekämpfung. Zudem verfügt Loitering Munition häufig über eine höhere Reichweite als Artilleriegranaten.
Die Bundeswehr bezieht Loitering Munition von zwei Unternehmen. Hier die "Kamikazedrohne" des Herstellers Helsing beim Feierlichen Appell für das neu aufgestellte Artilleriebataillon 215 in Augustdorf.
picture alliance/dpa/Friso Gentsch
Auch die Loitering Munition des deutschen Herstellers Stark Defence wurde intensiv erprobt. Hier stürzt sich ein System zu Testzwecken ohne Sprengladung in einen LKW.
BundeswehrJede neue Waffe und Munition, die in die Bundeswehr eingeführt werden soll, muss beweisen, dass sie sicher in der Handhabung ist und die gewünschte Wirkung im Ziel erreicht. Um das herauszufinden, überprüfen Expertinnen und Experten des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr sowie der jeweils zuständigen Wehrtechnischen Dienstelle, ob die Systeme halten, was ihre Hersteller versprechen.
Die zukünftigen Nutzer – hier die Kampftruppe – nehmen normalerweise darauf aufbauend die taktische und technisch-logistische Bewertung vor. Bei der Erprobung der Loitering Munition hat die Truppe die Untersuchungen an den Wehrtechnischen Dienststellen von Anfang an begleitet. Es wurde bewertet, ob das System beispielsweise unter Stress bedient werden kann und welche Details verändert werden müssen, um den Einsatzwert der Loitering Munition zu erhöhen.
Der Anspruch an die Systeme ist hoch. Die neue Waffe muss auch bei schlechtem Wetter sowie bei kalten und heißen Temperaturen funktionieren. Genauso muss nachgewiesen werden, dass die angegebenen Reichweiten tatsächlich realistisch sind und die Präzision bei der Bekämpfung eines Ziels den Anforderungen entspricht. Für den zukünftigen Nutzer gehören noch Aspekte wie der konkrete Umgang oder die Instandhaltung der Systeme hinzu. Als erster Verband wird die Panzerbrigade 45 in Litauen ab 2027 mit den neuen Waffen im Rahmen eines Aufklärungs- und Wirkverbundes ausgestattet.
Bei der Gestaltung der Kaufverträge geht die Bundeswehr ebenfalls neue Wege, um den schnellen Innovationszyklen moderner Waffen gerecht zu werden. Sogenannte Abbruchmeilensteine in den Verträgen sorgen dafür, dass das Risiko für die Bundeswehr bei der weiteren Entwicklung von Loitering Munition Systems überschaubar bleibt. Die Hersteller müssen zu bestimmten Zeitpunkten definierte Leistungen nachweisen. Erfolgt dies nicht, kann der Vertrag aufgelöst werden.
Die Gestaltung der Kaufverträge als Rahmenverträge ermöglicht, die neuen Systeme zunächst in kleineren Stückzahlen in die Truppe einzuführen. Bewähren sie sich dort, können zu den gleichen Konditionen weitere Systeme abgerufen werden.
Da die Software bei Loitering Munition eine große Rolle spielt und sich diese schnell weiterentwickelt, setzt die Bundeswehr auf Innovationsklauseln. Diese verpflichten die Hersteller dazu, die Systeme stetig auf dem neuesten Stand zu halten und weiterzuentwickeln. Ohne eine solche Klausel könnten die heute gekauften Systeme in wenigen Monaten wirkungslos sein, weil der potenzielle Gegner bereits Gegenmaßnahmen ergriffen hat.
Umgangssprachlich wird Loitering Munition oft auch als Kamikazedrohnen bezeichnet. Auf den ersten Blick ist das verständlich, weil sie ähnlich wie Drohnen aussehen und sich selbstzerstörerisch in ihr Ziel stürzen. Im Gegensatz zu Drohnen ist Loitering Munition zum einmaligen Gebrauch ausgelegt. Sie wird wie andere Munitionsarten verschossen. Deswegen handelt es sich bei den Flugkörpern nicht offiziell um Luftfahrzeuge, sondern um Munition.
Diese Kategorisierung ist wichtig, da an ein unbemanntes Luftfahrzeug, welches gegebenenfalls auch in anderen Flughöhen oder Lufträumen operiert, mit Blick auf die Flugsicherheit und Zertifizierung des Personals deutlich höhere technische Anforderungen gestellt werden als bei Munition. Durch die Klassifizierung als Munition kann Loitering Munition kostengünstiger, einfacher sowie unter weniger Auflagen hergestellt und eingesetzt werden als unbemannte Luftfahrzeuge.
Loitering Munition sei in der modernen Kriegsführung nicht weniger als ein Gamechanger. Diese Technologie habe für das Verteidigungsministerium höchste Priorität, so Generalinspekteur Carsten Breuer.
Bundeswehr/Johannes HeynWas hat die Bundeswehr mit ihrer künftigen Loitering Munition vor? Soll sie flächendeckend zur Landes- und Bündnisverteidigung eingesetzt werden? Welche Vorteile bringt sie den Soldatinnen und Soldaten und wo findet der Einsatz der Technologie seine Grenzen? Hier gibt es Antworten auf die wichtigsten Fragen:
Auch wenn Loitering Munition häufig als „Kamikazedrohne“ oder „Kampfdrohne“ bezeichnet wird, handelt es sich um Munition, die mithilfe eines eigenen Antriebs in einen Einsatzraum fliegen und dort für eine gewisse Zeit kreisen kann. Die eingebauten Sensoren im Flugkörper in Verbindung mit der Software ermöglichen es, dass das System Ziele selbstständig erkennt und dem Bediener anzeigt. Dabei kann es sich beispielsweise um einen feindlichen Kampfpanzer oder einen Gefechtsstand handeln. Der Bediener entscheidet dann, ob die Loitering Munition sich samt Sprengladung in das Ziel stürzt und es bekämpft.
Der Kauf von Loitering Munition bei unterschiedlichen Herstellern hat mehrere Vorteile:
Bei der Beschaffung von Loitering Munition nutzt die Bundeswehr besondere vertragliche Mittel, um eine schnelle Beschaffung sowie eine dauerhafte Modernisierung der Systeme zu gewährleisten. Insbesondere die folgenden Maßnahmen sollen dies ermöglichen:
Loitering Munition und Drohnen sind nicht bei jedem Wetter einsetzbar. Zudem sind sie gegenüber moderner Luftverteidigung verletzlich und haben Nachteile bei Geschwindigkeit, Panzerung und technischer Härtung. Sie können gefechtsentscheidend sein, sind aber nicht kriegsentscheidend: Eigene Kräfte am Boden können durch Loitering Munition und Drohnen nicht ersetzt werden. Zudem sind die Innovationszyklen extrem schnell, weshalb eine Beschaffung von großen Stückzahlen, um sie dann ins Lager zu legen, nicht zielführend ist. Um die unbemannten Systeme ständig auf dem neuesten Stand zu halten, beschreitet die Bundeswehr neue Wege. Ziel ist, technische Weiterentwicklungen schnell in der Truppe verfügbar zu machen – also immer auf dem neuesten Stand zu sein.
Loitering Munition bietet flexible Einsatzmöglichkeiten, die der Truppe bis jetzt noch nicht zur Verfügung stehen. Durch ihre Reichweite kann ein potenzieller Gegner früher und auf größere Distanzen bekämpft werden. Das reduziert die Gefahr für die eigene Truppe. Loitering Munition erweitert das bereits vorhandene Waffenpotenzial der Streitkräfte. Durch ihre Einbindung in das Gefecht verbundener Waffen erhöht sich der Einsatzwert der Streitkräfte insgesamt.
Drohnen und Künstliche Intelligenz (KIkünstliche Intelligenz) müssen zusammengedacht werden. Die auflaufenden Datenmengen sind gewaltig, zum Beispiel bei der Überwachung großer Flächen. Diese Informationen in Echtzeit zu sortieren und in Handlungsempfehlungen zu übersetzen, überfordert jeden Menschen. Loitering Munition mit KIkünstliche Intelligenz-Unterstützung bietet den Vorteil, dass sie bis zu einem bestimmten Punkt nach vorgegebenen Mustern selbstständig fliegen, mit ihren Sensoren ein Lagebild generieren sowie mögliche militärische Ziele erfassen und vorsortieren kann. Auch im Anflug auf das Ziel kann die KIkünstliche Intelligenz die Störanfälligkeit der Waffe wesentlich verringern. Unverrückbar ist aber: Bei der Bundeswehr wird es keine autonome Bekämpfung geben. Der Waffeneinsatz wird durch einen Systembediener entschieden, sodass der Mensch auch weiterhin die Verantwortung behält.
Für die Brigade in Litauen ist ein umfassender Aufklärungs- und Wirkverbund vorgesehen. Damit soll der Verband bei der Bündnisverteidigung in die Lage versetzt werden, mit Unterstützung von Drohnensystemen und Loitering Munition einen definierten Einsatzraum an der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ostflanke zu überwachen und effektiv zu verteidigen.
Der Schutz der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ostflanke ist eine ganzheitliche Aufgabe des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Bündnisses. Alle Verbündeten leisten einen jeweils eigenen, untereinander im Bündnis abgestimmten Beitrag. Deutschland zum Beispiel unterstützt mit der Brigade Litauen die Bündnisverteidigung im Baltikum signifikant. Ein weiterer Baustein sind die Air-Policing-Missionen der NATONorth Atlantic Treaty Organization, um den Luftraum in Mitgliedstaaten entlang der Ostflanke zu sichern. Hier beteiligt sich auch die deutsche Luftwaffe regelmäßig. Mit der Einführung von Loitering Munition in die Bundeswehr erhält die Truppe nun ein weiteres Einsatzmittel, das die Kampfkraft stärkt und die Verteidigungsfähigkeit erhöht.
Die Bundeswehr arbeitet derzeit an Verfahren und Konzepten für den Einsatz von Drohnen und Loitering Munition, in die auch Überlegungen zur weiträumigen Verteidigung bestimmter Grenzabschnitte oder Regionen einfließen. Die Sehnsucht nach einem einfachen, günstigen Schutz der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ostflanke ohne den Einsatz militärischer Großverbände ist zwar verständlich, aber Drohnen sind kein Allheilmittel. Die technologische Entwicklung schreitet auch bei der Drohnenabwehr rasant voran, zudem haben Drohnen und Loitering Munition potenzielle Nachteile in den Bereichen Geschwindigkeit, Panzerung und Wetteranfälligkeit. Sie sind ein Baustein für eine erfolgreiche Verteidigung im Gefecht der verbundenen Waffen. Für eine glaubhafte Abschreckung sind aber auch weiterhin moderne und leistungsstarke Großwaffensysteme – Panzer, Artillerie, Kampfflugzeuge und Schiffe – notwendig.
Drohnen und Loitering Munition sind im modernen Kriegsbild das, was vor 100 Jahren der Panzer war: ein Gamechanger. Aufgrund ihrer Wirkung auf dem Gefechtsfeld werden sie bald ein integraler Bestandteil der Streitkräfte sein, genauso wie der Schutz der Soldatinnen und Soldaten vor solchen Waffen. Beides hat in der Beschaffung bei der Bundeswehr höchste Priorität.
von Timo Kather und Ole Henckel