Deep Precision Strike: Abschreckung durch Reichweite und Präzision
Ausrüstung und Technik- Datum:
- Ort:
- Berlin
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Die Bundeswehr plant, verschiedene Waffen mit großer Reichweite zu beschaffen. Flugkörper, die hunderte oder deutlich über 1.000 Kilometer weit fliegen, sollen gekauft und teils komplett neu entwickelt werden. Doch warum braucht die Bundeswehr als Verteidigungsarmee solche Waffen?
Für einen Deep Precision Strike gibt es verschiedene Flugkörper. Manche werden vom Flugzeug aus gestartet, andere von Land oder von See.
Bundeswehr/Markus KrothZiele in mehr als 500 Kilometern Entfernung mit Flugkörpern zu bekämpfen, ist ein Deep Precision Strike, also ein Schlag in die Tiefe des gegnerischen Raumes. Das soll auch die Bundeswehr gemäß aktuellen Planungen des Verteidigungsministeriums können. Dazu sollen verschiedene Flugkörper beschafft und entwickelt werden. Während JASSM ERJoint Air-to-Surface Standoff Missile-Extended Range bereits gekauft wurde, steht dies bei Tomahawk und TaurusTarget Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System Neo noch aus. Wieder andere – wie Tyrfing oder ein hypersonischer Flugkörper – müssen erst noch entwickelt werden. Doch wozu das alles?
Um ein weit entferntes Ziel anzugreifen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die militärfachlich als Deep Operations bezeichnet werden. Dazu zählt unter anderem der Einsatz von Spezialkräften, die sich unerkannt zum Objekt vorarbeiten und es in einer Aktion am Boden zerstören. Auch Luftoperationen, Angriffe über den Cyberraum oder durch den Elektronischen Kampf können bei einer Deep Operation zum Einsatz kommen. Letztendlich ist aber der Einsatz von weitreichenden Flugkörpern die wichtigste Variante von Deep Operations. Die Bundeswehr nennt dies einen Deep Precision Strike (DPSDeep-Precision-Strike).
Deep Precision Strike bedeutet, ausgewählte gegnerische Ziele punktgenau mit Flugkörpern aus großer Entfernung zu bekämpfen. Bei den potenziellen Zielen kann es sich um Gefechtsstände, Flugplätze, logistische Knotenpunkte oder Waffenfabriken handeln. Für die Kriegsführung des Gegners sind sie entscheidend und liegen daher meistens weit im Hinterland – grundsätzlich weit außerhalb der Reichweite der traditionellen Raketenartillerie, die unter 100 Kilometer liegt. Deshalb müssen oft mehrere hundert oder über tausend Kilometer überbrückt werden, um sie zu erreichen.
Hauptaufgabe der Bundeswehr ist die Landes- und Bündnisverteidigung. Doch schon vor einem Konflikt muss der Verteidiger dem Aggressor glaubwürdig androhen können, dass dieser bei einem Angriff unverhältnismäßig hohe Verluste erleiden würde. Gelingt dies, sieht der Gegner von einem Angriff ab und ein Krieg kann verhindert werden, so die Logik der Abschreckung. Hierzu soll künftig die Fähigkeit der Bundeswehr zum Deep Precision Strike einen wichtigen Beitrag leisten.
Zudem zeigt sich in den gegenwärtigen Konflikten, dass die Sicherung des eigenen Luftraums vor feindlichen Flugzeugen, Raketen und Marschflugkörpern nicht allein durch Luftverteidigungssysteme gewährleistet werden kann. Denn die Drohnen und einfachen Raketen des Angreifers sind deutlich billiger und leichter zu produzieren als die komplexen Flugkörper von Flugabwehrsystemen. Der Angreifer kann also so viele Drohnen und Raketen abfeuern, dass der Verteidiger sie irgendwann nicht mehr alle abfangen kann. Deshalb müssen in solchen Fällen die Ausgangspunkte der Angriffe, beispielsweise Flugfelder oder Produktionshallen, vernichtet werden, um den Schutz des eigenen Luftraums sicherzustellen.
Luftverteidigungssysteme können übersättigt werden. Daher muss die Bundeswehr in der Lage sein, den Ausgangspunkt der Bedrohung bekämpfen zu können. Allein die Fähigkeit dazu soll den Gegner von einem Angriff abschrecken.
Bundeswehr/Astrid HöfflingDass Deutschland zur Abschreckung Deep-Strike-Fähigkeiten braucht, wurde bereits im Jahr 2023 in der Nationalen Sicherheitsstrategie betont: „Die Bundesregierung wird die Entwicklung und Einführung von Zukunftsfähigkeiten wie abstandsfähige Präzisionswaffen befördern.“ Die Verteidigungspolitischen Richtlinien des Verteidigungsministeriums griffen diese Vorgabe auf: „Mit Blick auf die rasanten Entwicklungen im Hochtechnologiebereich sowie aufgrund des dynamischen Sicherheitsumfelds sind Entwicklung und Einführung von Zukunftsfähigkeiten wie abstandsfähigen Aufklärungsmitteln und Präzisionswaffen gezielt zu befördern.“
Deshalb soll die Bundeswehr mit weitreichenden Präzisionswaffen ausgestattet werden. Verschiedene Projekte sind geplant und teilweise bereits umgesetzt:
Für die Bewaffnung des Tarnkappenjets F-35 bekommt die Luftwaffe auch den Marschflugkörper JASSM ERJoint Air-to-Surface Standoff Missile-Extended Range (Joint Air-to-Surface Standoff Missile, Extended Range), der durch das moderne Kampfflugzeug eingesetzt werden kann. Ebenfalls sehen Planungen vor, den USUnited States-Marschflugkörper Tomahawk sowohl für den Einsatz von Land als auch von See aus zu beschaffen. Gleichzeitig ist die Modernisierung des deutschen Marschflugkörpers TaurusTarget Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System eine Option. Er soll als TaurusTarget Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System Neo unter anderem eine höhere Reichweite bekommen. Darüber hinaus hat Deutschland mit Norwegen verabredet, Tyrfing zu entwickeln – einen Seezielflugkörper mit großer Reichweite, der auch Ziele an Land bekämpfen können soll. Mit dem Projekt ELSAEuropean Long-Range Strike Approach (European Longe-Range Strike Approach) ist Deutschland zudem an der Entwicklung eines europäischen Hyperschallflugkörpers beteiligt.
Dass Deutschland nicht nur einen Flugkörpertyp mit großer Reichweite entwickelt und beschafft, hat drei Gründe. Erstens benötigt die Entwicklung eines Flugkörpers viel Zeit. Will man also in den 2030er-Jahren einen europäischen Flugkörper mit großer Reichweite haben, muss man bereits heute investieren. Zweitens benötigt die Bundeswehr möglichst rasch diese Waffen, weshalb bestehende Systeme wie TaurusTarget Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System weiterentwickelt oder verfügbare Systeme eingekauft werden. Außerdem wird die Abschreckung eines Angreifers glaubwürdiger, wenn die Bundeswehr über mehr als einen Flugkörpertyp verfügt und diese auch von unterschiedlichen Trägern verschossen werden können – von Flugzeugen, Schiffen und Fahrzeugen. Dann kann sich der Gegner nicht auf ein einziges System einstellen und Abwehrmaßnahmen gezielt dagegen entwickeln.
Deep-Strike-Operationen treffen den Gegner an empfindlichen Stellen und können seine Pläne massiv beeinträchtigen. Das macht sie so wirksam. Beschaffung und Einsatz erfordern aber auch viele Ressourcen. Deshalb hat nicht jedes Land diese Fähigkeit.
Deutschland ist die größte Wirtschaftsmacht Europas. Die Bundeswehr soll die stärkste konventionelle Armee des Kontinents werden. Gerade weil die Bundesrepublik keine Atommacht ist und auch nicht werden will, sind weitreichende konventionelle Waffen für Deep-Strike-Operationen ein unverzichtbarer Beitrag zur Abschreckung – und im Ernstfall zur Verteidigung Deutschlands und seiner Verbündeten notwendig.
Der Marschflugkörper TaurusTarget Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System befindet sich bereits im Arsenal der Bundeswehr. In der modernisierten Version TaurusTarget Adaptive Unitary and Dispenser Robotic Ubiquity System Neo soll die Reichweite des aus der Luft gestarteten Flugkörpers weiter gesteigert werden.
Bundeswehr/Andrea Bienert
Eine Werfereinheit des USUnited States-System Typhon beim Verschuss eines SM-6-Lenkflugkörpers. Mit dem Senkrechtsstartsystem können auch Tomahawk-Marschflugkörper verschossen werden.
US DoD/US-Army Sgt. Perla Alfaro*
Auch den Luft-Boden-Marschflugkörper JASSM ERJoint Air-to-Surface Standoff Missile-Extended Range wird die Bundeswehr bekommen (im Bild von einem USUnited States-amerikanisches F-16-Kampfflugzeug abgeworfen)
US DoD/SMSgt Michael Jackson**Das Erscheinen visueller Informationen des USUnited States-Kriegsministeriums stellt keine Billigung durch das USUnited States-Kriegsministerium dar.
von Ole Henckel