Heer
Übung Swift Response

Überraschung aus der Luft: Die Luftlandeoperation (2)

Überraschung aus der Luft: Die Luftlandeoperation (2)

Datum:
Ort:
Rukla
Lesedauer:
4 MIN

In einem militärischen Konflikt trägt derjenige einen Vorteil, der strategisch wichtiges Gelände kontrolliert. Wie gelingt es, schwer verteidigte Bodenziele, wie Flughäfen oder Schlüsselinfrastruktur einzunehmen und zu halten, bis Verstärkung eintrifft? Die Division Schnelle Kräfte gibt Einblick in den Ablauf einer Luftlandeoperation: Die Vorauskräfte sind bereits gelandet, nun folgen die Hauptkräfte.

Soldaten liegen in Stellung im dunklen Wald. Einer wendet seinen Blick und schreit.

Mit hoher Geschwindigkeit und Druck zwingen die Infanteristen den Feind aus der Deckung in die Flucht. So erobern sie das umkämpfte Flugfeld.

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Die Feindlage ist bekannt. Die Truppe weiß von der feindlichen Infanterie, von ihrer Bewaffnung und ihren Kampffahrzeugen. Keiner von ihnen ahnt in der stillen Nacht, was in nur wenigen Stunden passieren wird. Doch die Hauptkräfte sind bereit. Mehrere Kampfkompanien aus dem Heimatverband, im Schwerpunkt vom Fallschirmjägerregiment 26 aus Zweibrücken, greifen heute an – und fliegen direkt aus Deutschland in das fiktive Einsatzgebiet. Was geht den Springern vor dem Sprung in der brummenden Maschine jetzt durch den Kopf?

„Habe ich an alles gedacht?“

Mehrere Soldaten springen am blauen Himmel aus einem Flugzeug. Ihre Schirme öffnen sich.

In der Nacht haben sich in Deutschland die Hauptkräfte, mehrheitlich vom Fallschirmjägerregiment 26 aus Zweibrücken, auf den Angriff vorbereitet. Nun springen sie im Morgengrauen mit ihren Rundkappenfallschirmen über der Landezone ab.

Bundeswehr/Maximilian Schulz

„Viele von ihnen fragen sich: Habe ich wirklich an alles gedacht? Sie werden langsam müde in der Maschine, nebeneinandersitzend, fokussieren sich. Dann wird man wieder wach und denkt sich, warum mache ich das? Jetzt folgt noch mal die Phase: Habe ich wirklich alles dabei? Kurz vorher kommen noch mal die Hormone hoch und dann will man auch einfach raus und dass es endlich losgeht“, erklärt der erfahrene Springer, Stabsfeldwebel Andreas Hultgren. Was beim Sprung passieren kann, berichtet Hultgren: „Es kann zu einer Fehlentfaltung kommen oder die Kappe geht gar nicht erst auf. Dann muss man sofort die Reserve betätigen. Außerdem besteht die Gefahr, draußen am Flugzeug hängenzubleiben, im Wasser oder in den Bäumen zu landen.“ Im Flugzeug werden die Springer vorbereitet. Jetzt heißt es: „Türen auf!“ Es bleiben zehn Sekunden Zeit und dann geht es im Sekundentakt durch eine Tür auf der rechten Seite raus.

Aufnahme durch den Fallschirmspezialzug

Ein Soldat landet im Morgenlicht mit seinem Fallschirm auf einem grünen Feld.

Die Landung mit dem Rundkappenfallschirm ist riskant. Mit hoher Geschwindigkeit geht es Richtung Boden. Sind die Bedingungen nicht gut, drohen Verletzungen.

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Im Morgenlicht öffnen sich die vielen transparent-grün schimmernden Rundkappenfallschirme wie an einer Perlenkette. „Hopptausend, zwotausend, dreitausend, viertausend, überprüfe Kappe, halte Umschau!“, geht jeder von ihnen jetzt durch. Springer nutzen diese Chance, einen ersten Blick von oben ins Gelände zu erhaschen und sich zu orientieren, wo die Sammellinie ist.

An der Waldkante werden sie durch die Truppführer der Fallschirmspezialgruppen aufgenommen. Das Combat Control Team (CCT) koordiniert in in dieser Phase den gesamten Luftraum über dem Einsatzgebiet und ist verantwortlich, dass jeder Automatikspringer die Landezone trifft. Alle sind gelandet, keine Ausfälle. Nach der Aufnahme werden die Infanteriekräfte kurz an der Karte eingewiesen und dann nacheinander zu ihrer Sturmausgangsstellung oder in die vorerkundeten Stellungen gebracht. Hin und Her, unter extremer Gefahr – eine stattliche Leistung.

Der Angriff beginnt

Zwei Soldaten knien im Wald. Einer zeigt mit der Hand in eine Richtung.

Am Boden werden die Hauptkräfte in die Lage eingewiesen und durch die Pathfinder, die Vorauskräfte, vom Fallschirmspezialzug an das Objekt herangeführt

Bundeswehr/Maximilian Schulz
Mehrere Soldaten stehen mit dem Gewehr in einer Befestigung aus Sand und Stahl.

In einer Befestigung haben sich vereinzelte Soldaten vergeblich verschanzt. Die Fallschirmjäger erbeuten ihre Waffen und sichern das Flugfeld.

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Jetzt greifen die Kompanien an, während die Pathfinder im rückwärtigen Raum Stellung beziehen. Dann der erste Feindkontakt – das hallende Maschinengewehrfeuer endet nach kurzer Zeit. Der Feind weicht aus. Die eigenen Kampfhubschrauber sind zu hören. Jetzt kommt es darauf an, den Angriffsschwung und die Initiative beizubehalten, um so den Feind zu überwältigen. Mit dieser Taktik, unterstützt mit Bildern des Aufklärungssystems MIKADOMikro-Aufklärungsdrohne im Ortsbereich, kämpfen sich die Fallschirmjäger Stellung für Stellung durch und erlangen so die wichtigsten Geländeabschnitte rund um das Flugfeld. Ganz im Norden treiben sie mit infanteristischen Grundsätzen den Feind aus den Befestigungen und erbeuten sogar ein schweres Maschinengewehr Cal.50. 

Auf den ersten Blick scheint das Zielobjekt eingenommen. Niemand kann zu diesem Zeitpunkt jedoch sagen, ob sich nicht doch noch vereinzelte Feindkräfte auf dem Gelände befinden. Die Truppe geht deshalb in die sogenannte 360-Grad-Sicherung und versucht derweil, mit Spähtrupps diese aufzuspüren. 

Wann kommt die Verstärkung?

Ein Soldat steht vor einem großen Flugzeug im Morgengrauen auf einem Flugfeld.

Nachdem das Flugfeld eingenommen worden ist, können weitere Verstärkungskräfte und jede Menge Nachschub eingeflogen werden

Bundeswehr/Maximilian Schulz
Mehrere Soldaten steigen im Morgengrauen aus der Heckrampe eines großen Flugzeuges.

Weitere Soldaten, darunter auch zahlreiche niederländische Soldaten, verlassen die Maschine und unterstützen die Fallschirmjäger

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Später gilt das Flugfeld als gesichert. Nun können eigene Luftfahrzeuge landen – natürlich immer mit einer gewissen Restgefahr, die bleibt. Der schwere Airbus A400M nähert sich der Landebahn und setzt mit einer riesigen Staubwolke auf. Kurz nach der Landung verlassen zahlreiche Soldaten und Gefechtsfahrzeuge die Maschine über die Heckrampe. Sie verstärken die Truppe vor Ort.

Mit einem Feldumschlaggerät wird jetzt unter Hochdruck palettenweise Nachschub aus der Maschine geladen. Wasser, Nahrung, Munition, Treibstoff und sogar eine verpackte Rettungsstation erhält die Truppe, um sich in der improvisierten Deckung weiter zur Verteidigung einzurichten und das Flugfeld zu halten, bis sie durch einen Kampfverband herausgelöst werden. Noch ist die Lage ruhig, doch ein Gegenangriff kann jederzeit kommen.

Die Battlegroup löst die Luftlandetruppe raus

Mehrere Soldaten stehen an einer Waldkante und halten ein grünes Tuch hoch. Ein Panzer fährt auf sie zu.

Jetzt geht alles ganz schnell: Die eFPenhanced Forward Presence-Battlegroup kämpft sich bis zum Flugfeld durch und löst die Fallschirmjäger raus.

Bundeswehr/Maximilian Schulz
Mehrere Soldaten laufen auf einem Flugfeld zu einem Flugzeug.

Nachdem die eFPenhanced Forward Presence-Battlegroup die Luftlandesoldaten herausgelöst hat, verlassen diese den Flugplatz mit dem Flugzeug. Darunter sind auch die niederländischen Infanteristen.

Bundeswehr/Maximilian Schulz

Jeder weiß, wenn alles nach Plan läuft, werden sie heute von einem Kampfverband abgelöst, militärisch gesprochen herausgelöst. Im Szenar der USUnited States-amerikanisch geführten Übung Swift Response 22 handelt es sich dieses Mal um die enhanced Forward Presence Battlegroup der NATO. In ihr trainieren Soldaten aus verschiedenen Ländern gemeinsam, um ihre Zusammenarbeit zu verbessern. Der Plan: Die multinationale Truppe soll sich im Feindgebiet bis zum Flugfeld durchkämpfen. Kampfstark ausgestattet mit schweren Waffen, wie dem Kampfpanzer Leopard 2 und dem niederländischen Schützenpanzer CV90, bringen sie mehr Feuerkraft und Durchhaltefähigkeit, als die leicht ausgestatteten Luftlandetruppen mit sich.

Die letzten Gefechtshandlungen hallen durch den Wald. Einzelne Panzer nähern sich rasant den Fallschirmjägern, die Waffenanlage zeigt bedrohlich in ihre Richtung. Anspannung liegt in der Luft. Die Fallschirmjäger müssen jetzt sofort das grüne Tuch schwenken, das verabredete Erkennungszeichen. Dann die Erleichterung. Sie werden erkannt. Jetzt übernimmt die Battlegroup.

Unter Schutz wird die Luftlandetruppe Schritt für Schritt wieder ausgeflogen. Im Ernstfall geht es jetzt für die Fallschirmjäger weiter. Beeindruckend, denn binnen kurzer Zeit steht die Truppe für neue Aufträge bereit. Jederzeit. Weltweit.

von Peter Müller

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