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Von Erding nach Manching – Ein Umzug mit Quantensprung

Von Erding nach Manching – Ein Umzug mit Quantensprung

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Datum:
Ort:
Manching
Lesedauer:
4 MIN

Als Hauptfeldwebel Benjamin Reschny die schwere Stahltüre aufschiebt, strahlt er fast so wie beim Öffnen des Weihnachtszimmers.Für unbeteiligte Leute ist es eine normale Baustelle auf der noch die letzten Geräte und Armaturen installiert werden. Für den jungen Berufssoldaten und Werkstattleiter ist es aber ein Ort, wo Wünsche in Erfüllung gehen. Eine vorgezogene Bescherung, Wochen vor dem Fest gewissermaßen.

Die neuen Hallen des InstZ 11 liegen in unmittelbarer Nähe zum Tower des Flugplatzes Manching.

Noch ist das neue Instandsetzungszentrum 11 eine Baustelle. Verteilt auf neun Hallen entstehen 16.000 Quadratmeter neue Arbeitsfläche für Werkstätten und den Stab

Bundeswehr/Max-Joseph Kronenbitter

Viele neue und einige alte Geräte am neuen Standort

Einige „Geschenke“ durfte sich der Luftfahrzeugmetaller-Feldwebel aus einem Spezialkatalog aussuchen, andere kennt er bereits aus seiner täglichen Arbeit. Es sind ölige Metall- und Kunststoff-Fräsen, wuchtige Drehbänke und überdimensionale Schleifmaschinen. Bis vor Kurzem standen sie noch in der 1.600 Quadratmeter großen Computerized Numerical Control (CNC)-Werkstatt auf dem ehemaligen Fliegerhorst Erding. Geht man dort durch die mittlerweile abgenutzte Halle, findet man auf den noch verbliebenen Maschinen unterschiedliche Aufkleber: „Grün bedeutet kommt mit, rot bedeutet bleibt da und wird verkauft oder verschrottet“, erklärt der 37-jährige Hauptfeldwebel. Es herrscht Aufbruchsstimmung in seiner alten Halle, für die er kürzlich die Verantwortung übernommen hat. Spätestens im März 2021 wird dort der Dienstbetrieb eingestellt.

Hauptfeldwebel Benjamin Reschny deutet auf einen roten Punkt an einer Drehbank.

Hauptfeldwebel Benjamin Reschny zeigt auf den roten Punkt an einer Drehbank – diese und andere Maschinen mit einem roten Punkt sind zu alt, um nach Manching mitgenommen zu werden

Bundeswehr/Max-Joseph Kronenbitter

Den Standort Erding mit dem dazugehörigen Fliegerhorst bis zum Jahr 2024 komplett aufzulösen war eine politische Entscheidung. Manching bei Ingolstadt als neuen Standort auszuwählen lag nahe, weil mit Airbus dort schon ein großer Partner der Luftwaffe angesiedelt ist. Auch wenn das Instandsetzungszentrum (InstZ) 11 keine kompletten Flugzeuge mehr instand setzt, ist der dortige Flugplatz, den auch die Wehrtechnische Dienststelle 61 nutzt, der beste Ort für einen Neuanfang.

Alles muss raus

Die CNC-Werkstatt, in der jahrzehntelang Sonderwerkzeuge für Luftfahrzeugtechniker, Prototypen aus Verbesserungsvorschlägen und unzählige Kleinteile in kleinsten Stückzahlen für die gesamte Luftwaffe hergestellt wurden, zieht in eine nagelneue Halle nach Manching um. „Dank vieler neuer Maschinen starten wir in Manching einen Neuanfang“, freut sich Reschny, der die Halle bisher nur aus den Plänen kannte. Einzige Wermutstropfen sind, dass einige seiner Mitarbeiter nicht zur neuen Dienststelle im 80 Kilometer entfernten Manching umziehen werden und der Werkstattleiter auch sein geschätzt 90 Tonnen schweres Halbzeug-Lager vorerst teilweise in Erding zurücklassen muss. Dabei handelt es sich um Rohstähle in verschiedenen Legierungen und Zuschnitten, die später verarbeitet werden und viel Platz benötigen.

Ein Jahr Planung, zwei Jahre Bauzeit

Einer, der den Neubau von den ersten Planungen bis zum Umzug begleitet hat, ist Hauptmann Johann Glonner. Diese „Mammutaufgabe“, in einer für öffentliche Bauvorhaben extrem kurzen Zeit von drei Jahren, beschert den rund 120 Soldatinnen und Soldaten und 70 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer 16.000 Quadratmeter neue Arbeitsfläche, verteilt auf neun Hallen. Darin sollen unter anderem Schweißer, Schreiner, Lackierer, Werkstoffprüfer, Metaller, CNC-Fräser und Instandhalter für Tragflächen und Bordwaffen – nicht nur für die Luftwaffe, sondern auch für das Heer und die Marine arbeiten.

Zwei Soldaten stehen in der zukünftigen Dry Strip-Halle und schauen einen Plan an.

Der Umzug findet in zwei Tranchen statt: Ende Dezember verlegt unter anderen die Werkstatt von Hauptfeldwebel Benjamin Reschny nach Manching, Ende Juni 2020 folgen die Lackierer von Stabsfeldwebel Christian Waldinger

Bundeswehr/Max-Joseph Kronenbitter

„Der Nachteil, dass wir platzmäßig nicht mehr wie in Erding aus dem Vollen schöpfen können, wird dadurch kompensiert, dass alle acht Werkstätten jeweils eine eigene Halle haben und diese sehr nahe beieinanderliegen“, stellt Glonner fest. Hauptmann Lars Böhm-Bayer, der auch den möglichst bruchfreien Umzug in zwei Tranchen koordiniert, lobt die „riesen Chance“, mit der Neueinrichtung der Hallen auch einen technologischen Quantensprung des InstZ 11 zu machen. Dieser lag nahe, weil viele Maschinen und Geräte längst abgeschrieben sind. Eine „Dinosaurier-Drehbank“, wie Reschny sie liebevoll nennt, der CNC-Fräser stammt zum Beispiel aus dem Jahr 1961.

Ein Soldat steht an einer alten Drehbank aus dem Jahr 1961, die nicht mehr zum neuen Standort Manching umziehen wird.

Jahrzehnte ein unverzichtbares Arbeitsgerät in der Werkstatt der CNC-Fräser: die Dinosaurier-Drehbank aus dem Jahr 1961 hat ausgedient und wird den Umzug nach Manching nicht mehr mitmachen; davor der Werkstattleiter Hauptfeldwebel Benjamin Reschny

Bundeswehr/Max-Joseph Kronenbitter

Waschen, Lasern und Neulackieren in einer Halle

Die Chance des Technologiesprungs nutzt auf jeden Fall Stabsfeldwebel Christian Waldinger. Schon jetzt kann der „Chef-Lackierer der Luftwaffe“ mit seiner Kunststoff-Strahlanlage (Dry Strip), Latex- und Laserplottern zur Flugzeugbeschriftung und Lackierungs- sowie Entlackungsverfahren die zivile Industrie locker übertreffen. „Gerade im Bereich des Arbeitsschutzes werden wir in Manching die höchsten Standards erfüllen und dürfen auch modernste Geräte anschaffen“, so Waldinger, der mit seinem Zehn-Mann-Team auch viele Sonderlackierungen und -folierungen von Luftfahrzeugen realisiert.

Stabsfeldwebel Christian Waldinger klebt das Eiserne Kreuz an einer Flugzeug-Tragfläche ab.

Zu den Tätigkeiten von Stabsfeldwebel Christian Waldinger, Teileinheitsführer der Dry Stripping-Abteilung, gehört nicht nur das Neulackieren, sondern auch das Entlacken von Flugzeugteilen; hier beim Abkleben des Eisernen Kreuzes an einer Tragfläche

Bundeswher/Max-Joseph Kronenbitter

Telearbeit hilft den Umzug zu vermeiden

Freilich hat so ein Umzug auch Konsequenzen für das Personal. „95 Prozent der Soldatinnen und Soldaten gehen mit, bei den Zivilangestellten ist der Anteil etwas geringer“, stellt Oberstleutnant Robert Rummel, Leiter des InstZ 11, fest. Entstehende Vakanzen werden durch Stellenausschreibungen neu besetzt und für diejenigen, die sich für das Pendeln entschieden haben, hat der Bund attraktive Arbeitszeitmodelle. Das bestätigt auch Stabsfeldwebel Claus-Dieter Balling vom Sachgebiet 2.

Er und seine Frau Ulrike, die bei der Materialdisposition arbeitet, nutzen teilweise die Möglichkeit des Homeoffice, sodass ein Umzug der vierköpfigen Familie nicht notwendig ist. Während der Stabsfeldwebel sich auf sein neues, aber kleineres Büro im Architekten-Neubau freut, versucht Ulrike Balling das Material, das die Teileinheiten nicht mit nach Manching nehmen, anderweitig an den Mann oder die Frau zu bringen. „Zwei Drittel wandert in einen Pool, aus dem sich alle Bundeswehrdienststellen bedienen können, ein Drittel wird entsorgt“, so Ulrike Balling. Spezialfälle werden auch versteigert, zum Beispiel ein Werkzeugkoffer, der kürzlich zurückgegeben wurde. Er ist genau 50 Jahre alt und wird im Hightech-Standort Manching nicht mehr gebraucht.

von Max-Joseph Kronenbitter