Hintergrundwissen

Der Schiffstechnische Leitstand: Die Betriebszentrale eines Kriegsschiffs

Ein Kriegsschiff ist ein komplexes System, das über eine Vielzahl von unterschiedlichsten Anlagen verfügt. Sie zu überwachen, zu bedienen und zu warten, obliegt den Schiffstechnikerinnen und -technikern der Besatzung. Ihr Aufgabenfeld ist riesig – und der Schiffstechnische Leitstand, kurz Leitstand oder STL, ist ihr wohl wichtigster Arbeitsraum.

Mehrere Personen und blauer Arbeitsuniform sitzen verteilt an zwei langen Computerarbeitsplatzreihen

Was ist ein Schiffstechnischer Leitstand?

Der Leitstand ist genau genommen ein zentraler Kontrollraum für Maschinen und Anlagen an Bord eines Schiffes. Man kann auch sagen, er ist das Herzstück der Schiffstechnik. Seine Funktion, und die der hier arbeitenden Schiffstechnikerinnen und -techniker, ist, einen reibungslosen Ablauf in der Antriebstechnik, Elektrotechnik und Schiffsbetriebstechnik zu gewährleisten und dem Kommandanten ein einsatzfähiges Kriegsschiff bereitzustellen.

Ein Mann in blauer Marinearbeitsuniform sitzt an einem Arbeitplatz mit zwei Minotoren

Alle Anlageninformationen laufen zentral in einem System zusammen, hier angezeigt auf Multifunktionskonsolen auf einer Korvette. Schematische Pläne veranschaulichen die Zustände der Anlagen.

Bundeswehr/Matthias Letzin

Das Betriebspersonal in dieser Schaltstelle ist also zuständig für den dauerhaften, verlässlichen Betrieb sowohl aller Motoren wie auch der Klimaanlagen oder der Frischwassererzeuger. Die Soldatinnen und Soldaten erarbeiten und koordinieren hier auch notwendige Maßnahmen wie zum Beispiel Schaltungsänderungen in der Stromversorgung.

Im Leitstand laufen alle Informationen, die die schiffstechnischen Anlagen betreffen, an einem Ort zusammen. Das Team im Leitstand überwacht alle diese Daten an Bedienständen beziehungsweise auf modernen Schiffen an Computerkonsolen. Sie sind nach den Bereichen Schiffsantrieb, Elektrotechnik und Schiffsbetriebstechnik aufgeteilt und stehen nebeneinander angeordnet an den Wänden. Darüber hinaus gibt es einen Arbeitsplatz ungefähr in der Mitte des Raums für den Wachführer, der alle übrigen im Blick hat.

Eine Ecke des Leitstands ist in der Regel dafür vorgesehen, von dort aus die Bekämpfung von Wassereinbrüchen oder Bränden an Bord zu koordinieren. Dafür hängt hier an der Wand ein großer Lageplan aller Decks und aller Räume im Schiff, um darauf unter anderem Schadensorte zu plotten. Auf moderneren Schiffen unterstützt eine eigene Konsole mit spezialisierter Software die Abarbeitung aufgetretener Schäden.

Der Leitstand von Kriegsschiffen befindet sich in der Regel im hinteren, unteren Bereich des Schiffes. So liegt er ausreichend getrennt von den beiden übrigen, im Gefecht zentralen Räumen, der Brücke und der Operationszentrale. Sollte der Leitstand bei einem Treffer oder Feuer im Schiff nicht mehr benutzbar sein, können die Schiffstechniker auf einen Reserveraum ausweichen.

Die Schiffstechniker leisten ihren Dienst, im Alltag wie auch um Gefecht, nicht nur im Leitstand. Ihnen gehören an Bord eines Schiffes vor allem natürlich die Maschinenräume, in denen die Motoren für Antrieb und Stromerzeugung stehen. Hinzu kommen Schalträume für die Elektrotechnik, Rudermaschinenräume und andere. Nicht zuletzt haben die Heizer mehrere Werkstätten an Bord, in denen sie Teile von Anlagen warten und nötigenfalls reparieren können.

Wie sieht der Dienst im STL aus?

Der Leitstand ist während der Seefahrt rund um die Uhr mit einem Team, auch Fahrwache genannt, an den Arbeitsplätzen besetzt. Die Fahrwachen arbeiten im Schichtbetrieb und wechseln sich alle vier bis sechs Stunden ab. Der Fahrwache führt der Wachleiter Schiffstechnik an, in der Regel ein Portepeeunteroffizier oder Offizier der Schiffstechnik.

Ein Soldat im Arbeitsshirt und Gehörschutz schreibt etwas vor einer Anzeigetafel auf.

Der Rondengänger geht regelmäßig durch alle Maschinenräume und kontrolliert die Werte der Anlagen. Eine eventuelle Differenz zwischen den Anzeigen im Leitstand und in den Betriebsräumen fällt so direkt auf.

Bundeswehr/Leon Rodewald

Meist stündlich kontrolliert ein Techniker oder eine Technikerin der Fahrwache alle Maschinenräume. Das ist die sogenannte Ronde, die am Leitstand beginnt und wieder endet. Die Rondengänger nehmen die Anlagen tief im Bauch des Schiffes in Augenschein und überprüfen sie auf korrekten Betrieb: Laufen die Antriebswellen sauber in ihrem Lager? Stimmt der Ölpegel der Dieselmotoren noch? Und vieles anderes.

Moderne Schiffstechnische Leitstände, wie heutige Schiffstechnik überhaupt, macht es möglich, mit verhältnismäßig wenig Personal Kriegsschiffe zu betreiben. Mit der Indienststellung immer neuerer Schiffstypen fällt weg, was früher noch nötig war: Menschen mussten sich rund um die Uhr in den Maschinen- und anderen Betriebsräumen aufhalten, Arbeitsorte, die teils sehr laut und sehr heiß sein konnten.

Auf modernen Kriegsschiffen, wie etwa den Fregatten der Klassen 124 und 125 oder den Korvetten der Klasse 130, sind die Maschinenräume dagegen im Normalbetrieb nicht mehr besetzt. Die Schiffstechniker bedienen ihre automatisierten Anlagen hauptsächlich an quasi handelsüblichen Computerarbeitsplätzen.

Bildschirmfoto F125 Antrieb

Darstellung des Schiffsantriebs einer Fregatte der Klasse 125 auf einer Multifunktionskonsole

Bundeswehr


Je nach Schiffsklasse messen bis zu Tausende von Sensoren, verbaut in den Anlagen und den Räumen der Schiffstechnik, Umgebungs- und Betriebstemperaturen, Ölstände und Luftdrücke, Kraftstoffdurchsatz und -verbrauch, Motor- und Wellenumdrehungen et cetera. Eingespeist in ein zentrales System und auf den Anzeigen im Leitstand dargestellt, lassen sich anhand dieser vielen Daten Probleme oder Defekte frühzeitig erkennen.

Das Leitstandpersonal hat dann die Aufgabe, auf überschrittene Grenzwerte oder eventuelle Ausfälle zu reagieren. Zu Hilfe kommt in letzteren Fällen ein schon lange bewährtes Konstruktionsprinzip von Kriegsschiffen: Fast alle Anlagen an Bord sind redundant, besitzen also ein Back-up. Müssen die Techniker also zum Beispiel ein Diesel-Stromaggregat zum Beispiel wegen Überhitzung ausschalten, schalten sie ein Reserveaggregat ein.

Wie arbeitet der STL mit Brücke und Operationszentrale zusammen?

Bei normaler Seefahrt kommuniziert die Fahrwache im Leitstand laufend mit der Seewache auf der Brücke. Beide Teams tauschen Informationen aus und müssen, zusammen mit dem Personal in der Operationszentrale (OPZOperationszentrale) des Schiffs, ein einheitliches Lagebild erstellen und führen. Der Kommandant und der Seewachoffizier auf der Brücke müssen stets wissen, welche Ressourcen, vor allem welche Maschinenleistung und wie viel Kraftstoff, zur Verfügung stehen und welche Einschränkungen es gegebenenfalls gibt.

Mehrere Soldaten in blauer Marinearbeitsuniform sitzen und stehen in einem schmalen Raum.

Die Schiffsbrücke steht im ständigen Austausch mit dem Leitstand

Bundeswehr/Jonas Weber

In der Regel übermitteln auch Kommandant und Seewachoffizier per Bordtelefon oder internem Sprechkreis Befehle an den Leitstand – wenn ein einfaches Verschieben eines Reglers oder Drücken eines Knopfes auf der Brücke nicht ausreicht.

In einer Kampfsituation intensiviert sich die Arbeitsteilung zwischen den drei wichtigen Räumen an Bord und ihren Teams. Die Operationszentrale leitet das eigentliche Gefecht, Äußeres Gefecht genannt, während die Brücke auf die Anweisungen der OPZOperationszentrale das Schiff steuert.

Mehrere Soldaten in blauer Marineuniform, Helm, Handschuhen und einem Gesichtsschutz kommunizieren.

Lecks, Feuer oder sonstige Gefechtsschäden: Der Leitstand koordiniert das Innere Gefecht

Bundeswehr/Ricarda Schönbrodt


Der Schiffstechnische Leitstand ist im Gefecht natürlich weiter für den Betrieb der Anlagen zuständig. Er hat aber die zusätzliche Aufgabe, jederzeit das sogenannte Innere Gefecht zu koordinieren, also Schäden zu bekämpfen und zu reparieren. Nur im perfekten Zusammenspiel aller beteiligten Stellen kann die Besatzung als Ganzes ihren Auftrag erfüllen.

Während eines Gefechts hat jeder Schiffstechniker eine ihm zugewiesene Aufgabe. Der Leitstand wird dann zum Gefechtsstand. Das Augenmerk aller liegt darauf, in jeder Situation die benötigten Anlagen zur Verfügung zu stellen, auf Ausfälle so schnell wie möglich zu reagieren und so die möglichst volle Einsatzfähigkeit des Schiffes aufrechtzuerhalten. Koordiniert aus dem Leitstand reparieren Gefechtstrupps die Anlagen und stellen gegebenenfalls Notschaltungen her.

Hierbei orientieren sich die Schiffstechniker vor allem an drei Prioritäten: fight, move, float. Zu Deutsch bedeutet das, das Schiff muss im Idealfall kämpfen können, sich wenigstens noch bewegen und darf schlimmstenfalls nicht sinken. Stromversorgung und Antrieb stehen somit an vorderster Stelle.

Welche Verantwortung haben Schifftechnische Offiziere?

Der Schiffstechnische Offizier, kurz STO genannt, ist für alle Anlagen der Antriebstechnik, der Elektrotechnik und der Schiffsbetriebstechnik verantwortlich. Der STO auf Schiffen der Deutschen Marine hat in der Regel ein ingenieurwissenschaftliches Studium absolviert. Er gehört zu mehreren sogenannten Hauptabschnittsleitern an Bord. Als Leiter seines Hauptabschnitts Schiffstechnik untersteht ihm das gesamte schiffstechnische Personal eines Schiffes. Das sind, je nach Schiffsklasse, bis zu 50 Soldatinnen und Soldaten.

3 Soldaten in sandfarbener Uniform arbeiten vor zwei Arbeitsplätzen

Schiffstechniker überwachen die Motoren der Korvette „Braunschweig“ im UNIFILUnited Nations Interim Force in Lebanon-Einsatz

Bundeswehr/Sascha Jonack

Daneben erledigt er oder sie eine Vielzahl von administrativen Aufgaben. Dazu gehört zum Beispiel Aus- und Weiterbildung seines Personals zu planen oder die regelmäßigen Instandsetzungen des Schiffs vorzubereiten. Auf größeren Marineschiffen unterstützen ihn oder sie dabei bis zu drei weitere Offiziere, die als Abschnittsleiter für Antriebstechnik, Schiffselektrotechnik und Schiffsbetriebstechnik zuständig sind.

Alles Personal im STL hat eine technische Ausbildung absolviert, mit je nach Laufbahn unterschiedlichem Ausbildungsgrad. Unteroffiziere, also Maaten und Obermaaten, benötigen eine abgeschlossene Lehre, und arbeiten auf der Gesellenebene. Lehrberufe sind hier zum Beispiel Mechatroniker verschiedener Ausprägung, Elektroniker oder Heizungs- und Klimatechniker. Sie überwachen in der Regel während einer Fahrwache die Anlagen an den Bedienständen, stellen aber auch die Rondengänger.

Die Laufbahn der Portepeeunteroffiziere ist in der Meisterebene angesiedelt. Auf kleineren Kriegsschiffen, wie zum Beispiel Minenjagdbooten, dienen solche Bootsmänner statt Offiziere als Abschnittsleiter. Die Offiziere in der Schiffstechnik – vom jüngsten bis zum erfahrensten – besitzen einen Abschluss als Techniker oder ein technisches Studium.

Veröffentlicht am: 25.04.2023    
Ort: Rostock    
Lesedauer: 9 Minuten

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