Marine
Interview

„Schwerpunkt bei Northern Coasts ist die Verbandsausbildung“

„Schwerpunkt bei Northern Coasts ist die Verbandsausbildung“

Datum:
Ort:
Rostock
Lesedauer:
8 MIN

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Seit dem 11. September läuft die maritime Großübung Northern Coasts 2023. Fregattenkapitän Robert S. arbeitet als Dezernatsleiter Aktuelle Operationsführung im Führungsstab DEU MARFORGerman Maritime Forces. Im Interview schildert er die Abschnitte und Besonderheiten des Manövers.

Soldat in Flecktarn vor einem Gebäude

Robert S. steht vor dem DEUEuropäische Union-MARFOR-Dienstgebäude im Marinekommando in Rostock

Bundeswehr/Kristina Kolodin

Was ist das Besondere an Northern Coasts 2023 im Vergleich zu seinen Vorgängern?

NOCO 23 bringt mehrere Besonderheiten mit sich. In diesem Jahr wird ein realistisches Szenario der Bündnisverteidigung geübt. Das Ganze findet im Seegebiet vor den baltischen Staaten, insbesondere vor Lettland und Estland statt. In Lettland wird es eine amphibische Landungsoperation geben. Diese wird von unseren amerikanischen Partnern in Zusammenarbeit mit dem Seebataillon durchgeführt. 

Mit etwa 30 Schiffen und Booten, drei Aufklärungsflugzeugen und über 3.200 teilnehmenden Soldatinnen und Soldaten hat die Dimension der Übung im Vergleich zu den vergangen Jahren deutlich zugenommen. Finnland nimmt zum ersten Mal als NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner teil. Außerdem konnten wir die Bereiche ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr und Cyber mit in die Übung integrieren. Die größte Besonderheit für mich ist, dass wir die Übung erstmalig von DEU MARFORGerman Maritime Forces, dem German Maritime Forces Staff, aus dem neuen Führungszentrum der Marine in Rostock leiten. 

Die Führung aus Rostock ist also ein Novum?

DEU MARFORGerman Maritime Forces hat 2019 auch schon an NOCO teilgenommen. Damals hatte DEU MARFORGerman Maritime Forces aus dem Joint Warfare Center in Stavanger in Norwegen als sogenanntes Training Audience an der Übung teilgenommen – ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Zertifizierung zur IOCInitial Operational Capability, zur Initial Operation Capability. In diesem Jahr bilden wir die EXCON, die Exercise Control, also die Übungsleitung für die Einheiten in See.

Die Ostsee ist von enormer wirtschaftlicher Bedeutung“

Was unterscheidet Northern Coasts von anderen Übungen wie BALTOPSBaltic Operations und Dynamic Mongose?

Alle diese Übungen haben eines gemeinsam: Sie trainieren das Zusammenwirken von Schiffen, Booten und Luftfahrzeugen von NATONorth Atlantic Treaty Organization und Partnernationen. Sie unterscheiden sich allerdings in ihren Ursprüngen, Schwerpunkten, in der Führung und zum Teil in den Seegebieten. Dynamic Mongose wird seit 2012 von MARCOMAllied Maritime Command aus Northwood geleitet und findet jährlich an der maritimen Nordflanke des Bündnisses statt, also primär im Bereich des Nordmeeres und der Nordsee. Hier geht es hauptsächlich um das Aufklären und Abwehren von U-Booten. U-Boote und Fregatten der verschiedenen NATONorth Atlantic Treaty Organization-Marinen inklusive deren Bordhubschrauber sowie Aufklärungsflugzeuge üben gemeinsam, entwickeln und testen neue Taktiken und Verfahren und trainieren die Interoperabilität der einzelnen Systeme.

BALTOPSBaltic Operations entstand bereits zur Zeit des Kalten Krieges. Die wohl größte NATONorth Atlantic Treaty Organization-Marineübung konzentriert sich auf das Training und die gemeinsame Zusammenarbeit von NATONorth Atlantic Treaty Organization-Streitkräften. Geführt wird BALTOPSBaltic Operations durch das Marinehauptquartier Naval Striking and Support Forces NATONorth Atlantic Treaty Organization, kurz STRIKFORNATONaval Striking and Support Forces NATO, in Portugal. Jedes Jahr üben bei diesem Manöver Einheiten der 6. USUnited States-Flotte mit anderen Nationen in der Ostsee. 2021 hatte ich selbst die Chance, als Maritime Planner in der EXCON an der 50. Auflage von BALTOPSBaltic Operations teilzunehmen. Das war sehr spannend und hat in dem multinationalen Team bei STRIKFORNATONaval Striking and Support Forces NATO viel Spaß gemacht.

Northern Coasts, NOCO, ist ebenfalls nicht neu. Die Übung wurde im Jahr 2007 ins Leben gerufen, um die Zusammenarbeit zwischen NATONorth Atlantic Treaty Organization und EUEuropäische Union-Partnern im Ostseeraum zu stärken. Die ersten Szenarien von NOCO waren eher auf Krisenbewältigung und Konfliktverhütung ausgerichtet. Seit 2014 hat sich der Fokus zunehmend auf die Landes- und Bündnisverteidigung verlagert. NOCO wird abwechselnd von den vier Nationen Dänemark, Finnland, Schweden und Deutschland ausgerichtet.

Mehrere Kriegsschiffe festgemacht an einer städtischen Promenade.

Die teilnehmenden Marineschiffe zu Beginn von Northern Coasts 2023 im Hafen von Riga. Das Manöver findet vor den Küsten Lettlands und Estlands sowie in der zentralen Ostsee statt.

Bundeswehr/Leon Rodewald

Welche Herausforderungen bringt die Ostsee als Operationsgebiet mit sich?

Die Ostsee ist ein kleines, aber viel befahrenes Seegebiet. Sie ist verhältnismäßig flach, im Durchschnitt 52 Meter Wassertiefe, und umfasst viele Inseln und Untiefen. Die Ostsee ist auch bekannt für ihr wechselhaftes Wetter. All das können Herausforderungen sein, die es bei der Planung und Durchführung von maritimen Übungen und Operationen zu berücksichtigen gilt. 

Außerdem ist die Ostsee von enormer wirtschaftlicher Bedeutung, insbesondere was den Seetransport von Gütern für die baltischen Staaten angeht. Deswegen ist es umso wichtiger, das Seegebiet vor unserer eigenen Haustür zu kennen. Da sind solche Übungen wie NOCO ein wesentlicher Beitrag, uns und unsere Partnernationen mit diesen Herausforderungen vertraut zu machen, um die Seewege in der Ostsee schützen zu können. 

Gibt es nicht schon Verbände, die in diesem Umfeld operieren?

Wir haben die Standing NATONorth Atlantic Treaty Organization Maritime Group 1 und die Standing NATONorth Atlantic Treaty Organization Mine Countermeasures Group 1 in NOCO 23 integriert. Das heißt in unserem Manöverband, der Task Force 421, fahren zwei NATONorth Atlantic Treaty Organization-Verbände zusammen mit weiteren Partnernationen diese Übung.

Das Übungsgebiet ist für die Teilnehmer also gar nicht neu?

Nein, das Gebiet ist nicht neu. Was neu ist und bei jeder Übung neu angepasst wird, ist das Szenario, in dem diese Übung durchgeführt wird. Bei der Planung müssen wir zwischen dem fiktiven Szenario, was wir der Übung zugrunde legen und in einem Operationsbefehl definieren, und zwischen der reellen Planung unterscheiden. Was also immer unterschiedlich ist, ist das Szenario, in das wir die Übung einbetten.

Wie ist die Übung aufgebaut?

Wir haben NOCO in zwei Abschnitte unterteilt. Zum einen das CETCombat Enhancement Training/FITForce Integration Training, das Combat Enhancement Training und Force Integration Training; zum anderen die OPS Phase, die Operations Phase. Das ist im Grunde nichts Neues und wird bei nahezu allen Übungen regelmäßig angewandt. 

Der Hintergrund ist der, dass ein Verband wie unsere Task Force bei NOCO, aus Einheiten zusammengesetzt ist, die in dieser Konstellation noch nicht zusammen operiert oder geübt haben. Deswegen ist ein gemeinsames Kennenlernen und Zusammenarbeiten sinnvoll. Dazu wird zunächst der Trainingsschwerpunkt auf die Verbesserung der individuellen Fertig- und Fähigkeiten gelegt – und auf die Interoperabilität zwischen den einzelnen Schiffen, Booten und Luftfahrzeugen. Das ist die CETCombat Enhancement Training/FITForce Integration Training-Phase. 

In einem Serial Plan, der vergleichbar mit einem Stundenplan ist, haben wir die Übung im Voraus geplant. Die Interaktion mit anderen Übungspartnern, die eben nicht zu unserem Verband gehören und die viel Koordination erfordern, haben wir in diesen Serial Plan integriert. Nichtsdestotrotz haben wir den Verbandsführern der einzelnen Task Groups auch Freiräume für ihren eigenen Trainingsbedarf gelassen. 

„Kernfähigkeiten im Kampf – das waren die Hauptwünsche“

Welche Teilübungen haben Sie in diesem „Stundenplan“ vorgesehen?

Flugabwehrübungen mit Zieldarstellungsmitteln, Versorgung in See, U-Jagd-Übungen und Landzielschießen: Das sind die Übungen, die wir von vornherein geplant haben, weil sie viel Koordination mit externen Partnern erfordern.

Nach welchen weiteren Kriterien haben sie die Teilübungen für diese Phase ausgeplant?

Die Deutsche Marine hat zu Beginn der NOCO-Planung die Trainingsanforderungen der Teilnehmernationen abgefragt. Wir in unserem Planungsstab haben die Antworten den entsprechenden Einzelübungen gemäß NATONorth Atlantic Treaty Organization-Publikationen zugeordnet. Das heißt, wenn mehrere Nationen sich eine Flugabwehrübung mit mehreren Luftfahrzeugen gewünscht haben, dann haben wir das den standardisierten Übungen zugeordnet und in den Serial Plan für die CETCombat Enhancement Training/FITForce Integration Training-Phase aufgenommen. 

Eine Besonderheit bei NOCO 23 ist gewesen, dass sich die Anforderungen der Teilnehmernationen auf die Kernfähigkeiten im Kampf konzentrierten. Luftverteidigung, U-Jagd-Übungen, Landzielschießen aber auch Seeminenbekämpfung und amphibische Operationen – das waren die Hauptwünsche. Leider konnten wir nicht alle Wünsche berücksichtigen und haben priorisiert: Was haben sich die meisten gewünscht? Und was ist davon auch umsetzbar? 

Ich finde es wichtig, die Trainingsbedarfe der Teilnehmer im Voraus abzufragen und dann bestmöglich zu versuchen, diese in der Übungsplanung zu berücksichtigen. Vor den Küsten Lettlands und Estlands haben wir sehr gute Übungsbedingungen vorgefunden, die zum Beispiel Landzielschießen ermöglichen.

Drei Soldaten in Uniform mit Gepäck auf dem Flugdeck eines Schiffes

Teile des Seebataillons sind auf dem Transportdockschiff „Mesa Verde“ der USUnited States Navy eingeschifft. Zusammen mit amerikanischen Marineinfanteristen trainieren sie bei ihren Serials beziehungsweise Einzelübungen Verfahren zum Anlanden.

US Navy

Wer hat NOCO 23 geplant?

Wir haben ein Kernteam für die Planung hier bei DEU MARFORGerman Maritime Forces gegründet. Das setzt sich hauptsächlich aus etwa 20 Stabsmitgliedern von DEU MARFORGerman Maritime Forces zusammen. Hinzu kommt ein Hauptverantwortlichen-Team aus der Gruppe Einsatzausbildung des Marinekommandos. 

Die Planung für NOCO 23 begann bereits im letzten Jahr. Wir haben mehrere Planungskonferenzen veranstaltet. Bei diesen Konferenzen waren Mitglieder der teilnehmenden Nationen, im Schwerpunkt Besatzungsangehörige der Schiffe und Boote sowie Stabsangehörige, eingeladen. Gemeinsam haben wir ein Grundgerüst erstellt, welche Serials, also Einzelübungen, wir wann durchführen wollen – also den Serial Plan. Jetzt, wo NOCO begonnen hat, sind wir insgesamt 150 Mitglieder im multinationalen EXCON-Stab, die die Übung überwachen und steuern. 

Bei der normalen Einsatzausbildung für einzelne Marineschiffe, zum Beispiel beim German Operational Sea Training, kommen zusätzliche Ausbilder und quasi Schiedsrichter an Bord. Wer bewertet die Serials in der CETCombat Enhancement Training/FITForce Integration Training-Phase?

Schwerpunkt der Einsatzausbildung ist die Individualausbildung der Einheiten. Da werden Leckabwehr, Brandbekämpfung, Seemannschaft et cetera trainiert – nur zu einem geringen Anteil die Verbandsausbildung. Schwerpunkt bei NOCO ist diese Verbandsausbildung. Das heißt, die Koordination und die Zusammenarbeit mehrerer Einheiten, die in einer Task Force fahren. 

Wir haben keine Schiedsrichter an Bord. Wir haben ein Evaluationsteam, welches den Erfolg einer Übung anhand der Meldungen, die von den Einheiten und der Führung kommen, misst und bewertet. Die Schiffe schreiben Berichte. Lief die Übung gut oder schlecht? Was gilt es zu verbessern? Anhand dieser Berichte bewerten wir den Übungserfolg. Des Weiteren stehen wir in Kontakt zu den Verbandsführern der Task Groups via Videokonferenz und tauschen uns täglich mit ihnen aus. So bekommen wir noch mehr Feedback über die Durchführung der Serials und wissen, ob die Trainingserfordernisse berücksichtigt wurden und was wir gegebenenfalls anpassen müssen.

Drei Marinesoldaten auf dem Flugdeck eines Schiffes

Während der CETCombat Enhancement Training/FITForce Integration Training-Phase übt die Besatzung der deutschen Fregatte „Hamburg“ das sogenannte Innere Gefecht, hier mit Verletztendarstellern. Externe Schiedsrichter sind nicht an Bord. Die Besatzung meldet abschließend an das Auswerte-Team in Rostock.

Bundeswehr/Leon Rodewald

Wird sich dieses Verfahren in der nächsten Phase von NOCO 23, der OPS-Phase, ändern?

Nein, voraussichtlich nicht. Der Übungsleitende, Flottillenadmiral Stephan Haisch, der die EXCON leitet, hat eine tägliche Videokonferenz mit den Verbandsführern in See und stimmt sich mit ihnen ab – sowohl in der CETCombat Enhancement Training/FITForce Integration Training- als auch anschließend in der OPS-Phase.

Wieviel Personal erlebt diese Übung schätzungsweise zum ersten Mal?

Das ist schwer abzuschätzen. In der Deutschen Marine, wie bei unseren Partnern auch, gibt es einen regelmäßigen Personalwechsel an Bord, wo neue Besatzungsmitglieder integriert werden und die „alten Hasen“ den Platz räumen. Insofern gehe ich davon aus, dass es bei jeder Besatzung Neulinge gibt, die noch nie an NOCO teilgenommen haben. Es gibt aber auch auf jeden Fall Besatzungsmitglieder, für die das nicht das erste Mal ist. Und obwohl NOCO 19 schon vier Jahre her ist, sind hier bei DEU MARFORGerman Maritime Forces noch viele, die damals schon dabei gewesen sind.

Haben Sie persönlich schon NOCO als Bordfahrer, also nicht im Stab, mitgemacht?

Ja, ich bin schon als Wachoffizier auf Schnellbooten bei NOCO gefahren. Die Übung jetzt als Stabsmitglied, mit diesen Erfahrungen von früher, begleiten und gestalten zu können, ist eine ganz neue Herausforderung. 

von Interview:  Sven Kusau  E-Mail schreiben

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