Mjølner: taktisches Schießen auf See
Die Deutsche Marine beteiligt sich an dem maritimen Manöver Mjølner, um den Schutz der Nordflanke der Allianz auf See zu trainieren.
Spannung, Konzentration und ununterbrochene Kommunikation liegen in der Luft, wenn vor der Küste Norwegens das maritime Manöver Mjølner beginnt. Marineeinheiten trainierten unter Bedingungen, die so nah wie möglich an den Ernstfall heranreichen. Denn für den scharfen Schuss gilt: Jeder Handgriff muss sitzen.
Ein Soldat der Deutschen Marine sichert während der Übung Mjölner die Umgebung an Bord. Die Schießübung vor der Küste Norwegens trainiert Abläufe unter möglichst realistischen Einsatzbedingungen.
Bundeswehr/Julia KelmDas Manöver, das im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindet, dient dazu, in einem Flottenverband die Abläufe der Verteidigung zu festigen und die Abwehr unterschiedlichster Gefahren für die Schiffe und Boote zu üben. Im Mittelpunkt steht dabei das sogenannte „Grey Firing“ – ein taktisches Schießen ohne Vorwarnung. Die Besatzungen können sich nicht gezielt auf eine Schießsituation vorbereiten, sondern müssen jederzeit bereit sein zu reagieren. Genau das ist die besondere Herausforderung dieser Übung: Niemand weiß, wann ein Ziel plötzlich auftaucht. Der dadurch entstehende Zeitdruck hält die Spannung über den gesamten Übungszeitraum konstant hoch, während gleichzeitig die Zusammenarbeit mit Partnern gestärkt und die Einsatzfähigkeit unter Belastung sichergestellt wird.
Damit ein solches Manöver überhaupt funktionieren kann, ist die gesamte Besatzung gefordert. Um rund um die Uhr einsatzbereit zu bleiben, wird sie in zwei Fahrwachen aufgeteilt – ein System, das als „Kriegsmarsch“ bezeichnet wird. Während eine Hälfte der Crew im Einsatz ist, versucht die andere, sich auszuruhen, bevor sie wieder übernimmt. Eine Wache dauert sechs Stunden. Ein Rhythmus, der körperlich fordert, aber im Ernstfall unverzichtbar ist.
Eine Fregatte wie die „Hamburg“ hat eine Vielzahl moderner Waffensysteme. Doch bevor überhaupt ein Schuss abgegeben werden kann, greifen strenge Sicherheitsvorschriften. Die Besatzung überprüft sorgfältig die Sicherheitssektoren, um sicherzustellen, dass sich kein unbeteiligter Kontakt, wie zum Beispiel ein Fischer, im Gefahrenbereich befindet. Zusätzlich überwacht die „
Der Ablauf von der Zielerfassung bis zur Bekämpfung ist hochkomplex und exakt abgestimmt. Zunächst wird ein Kontakt vom Radar erfasst. Anschließend folgt die Bewertung: Welche Bedrohung geht von diesem Kontakt aus? Ist er freundlich oder feindlich? Stellt sich heraus, dass eine Gefahr für den Verband besteht, weist der Verbandsführer der Flugabwehr eine Einheit zu, die das Ziel bekämpfen soll. Daraufhin wird intern eine Feuerleitlösung für den entsprechenden Flugkörper berechnet. Erst wenn all diese Schritte abgeschlossen sind, kann die Bekämpfung erfolgen - im Ernstfall innerhalb weniger Sekunden.
Die Fregatte feuert während der Übung Mjölner ein Flugabwehrsystem auf See ab. Mit scharfem Schuss trainiert die Besatzung Abläufe der Flugabwehr unter realistischen Bedingungen.
Bundeswehr/Julia KelmIm Zentrum all dieser Prozesse steht die Operationszentrale, kurz OPZ – das Herz und Gehirn des Schiffes. Hier laufen sämtliche Informationen zusammen, hier werden Entscheidungen vorbereitet und getroffen. Der Raum ist groß, ausgestattet mit zahlreichen fest installierten Computerarbeitsplätzen, die nach den drei Dimensionen Luft, Überwasser und Unterwasser angeordnet sind. In der Mitte behält der Leiter der OPZ den Überblick, während ein Team aus Offizieren, Portepeeunteroffizieren und Unteroffizieren die Lage auswertet. Die Spezialisten in der OPZ decken alle Bereiche des Seekriegs ab. Ihre Arbeit ist klar strukturiert: Die Analyse erfolgt getrennt nach Luft-, Überwasser- und Unterwasserlage. Während eine Fregatte in der Lage ist, Bedrohungen in allen drei Dimensionen zu bekämpfen, konzentriert sich eine Korvette auf zwei Fähigkeiten – die U-Boot-Jagd und -Abwehr gehört nicht zu ihrem Aufgabenspektrum. Aus allen verfügbaren Informationen entsteht in der OPZ ein umfassendes Lagebild, das entweder das einzelne Schiff oder den gesamten Verband abbildet.
Moderne Kriegsschiffe müssen auf Bedrohungen aus allen Richtungen vorbereitet sein: aus der Luft, von der Wasseroberfläche, aus der Tiefe und sogar aus der unmittelbaren Umgebung. Die Kommandantin oder der Kommandant muss diese Lage jederzeit im Blick behalten. Mithilfe unterschiedlichster Sensoren sammelt das Schiff kontinuierlich Daten und erkennt so, ob sich andere Schiffe oder Luftfahrzeuge in der Nähe befinden. Alle diese Informationen laufen in der Operationszentrale zusammen. Sie ist die zentrale Steuereinheit des Schiffes, von der aus im Ernstfall der Kampf geführt wird. Unterstützt wird die Schiffsführung dabei von den Operationssoldatinnen und -soldaten, die Daten auswerten, Bedrohungen einschätzen und Handlungsmöglichkeiten vorbereiten.
Neben der OPZ gibt es an Bord weitere Bereiche, die eigenständig arbeiten, im Gefecht jedoch der Zentrale untergeordnet sind. Die Brücke fungiert als Außenstation und steuert das Schiff. Das Brückenteam sorgt für die navigatorische Sicherheit, verhindert Kollisionen und koordiniert taktische Formationen im Verband. „Das Zusammenspiel auf der Brücke ist vor allem bei Kleinkontakten und Drohnen besonders wichtig. Als Brückenwachoffizier muss ich mich auf das Brückenteam verlassen können. Hier agieren die Ausgucke in den Nocken als wichtiger Sensor um Informationen und Bedrohungen optisch zu identifizieren“, sagt Oberleutnant zur See Sarah V.
Eine ebenso zentrale Rolle spielt der schiffstechnische Leitstand. Hier wird der Betrieb des Schiffes sichergestellt: Antrieb, Stromversorgung und sämtliche technischen Anlagen müssen jederzeit funktionieren. Ohne Strom keine Sensoren, keine Waffen – ohne Antrieb keine Beweglichkeit. Auch die Frischluftzufuhr ist entscheidend, damit die technischen Systeme nicht überhitzen.
Im Waffen- und Sensorenraum stehen Waffentechniker und Elektroniker bereit, um im Ernstfall sofort eingreifen zu können. Kommt es zu Gefechtsschäden, reagieren sie innerhalb kürzester Zeit, reparieren Radare, Geschütze oder Flugkörpersysteme und stellen die Einsatzfähigkeit wieder her. Auch bei Schäden an der Ausstattung der OPZ oder des Funkraums sind sie gefragt.
Der Funkraum ist das Kommunikationszentrum des Schiffes. Hier laufen alle Sende- und Empfangsanlagen zusammen, hier wird die gesamte Kommunikation gesteuert. Für die taktischen Datenlinkverbindungen verfügen große Operationszentralen über einen eigenen Linkmeister, der direkt in der OPZ arbeitet und den Informationsfluss zwischen den Einheiten koordiniert.
Das Besondere am Manöver Mjølner bleibt jedoch die permanente Ungewissheit. Jederzeit kann ein Ziel erscheinen - jederzeit muss reagiert werden. Diese konstante Anspannung ist gewollt, denn sie sorgt dafür, dass nicht nur Technik und Abläufe funktionieren, sondern vor allem das Zusammenspiel der Besatzung. Und genau dieses Zusammenspiel entscheidet im Ernstfall darüber, ob eine Mission erfolgreich verläuft.
von Julia Kelm E-Mail schreiben