Wie werden Studierende zu "Offizieren mit Herz und Verstand"?

Wie werden Studierende zu "Offizieren mit Herz und Verstand"?

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Datum:
Ort:
Hamburg
Lesedauer:
3 MIN

Im ersten Teil des Interviews erläuterte Oberst Bjarne Krause, Leiter des militärischen Anteils an der Helmut-Schmidt-Universität (HSU), weshalb Offiziere der Bundeswehr im Regelfall eine akademische Ausbildung erhalten. Im zweiten Teil geht er darauf ein, wie das Leben auf dem Campus die jungen Menschen verändert, die nach ihrem Masterstudium verantwortungsvolle Posten in den Streitkräften übernehmen.

Tag der Bundeswehr 2019 in Hamburg

Wichtiger Karriereschritt für künftige Führungskräfte der Bundeswehr. Einmarsch der Fahnenabordnung zur Leutnantsbeförderung an der Helmut-Schmidt-Universität.

2019 Bundeswehr/Darius Retzlaff

Wie werden aus jungen Menschen „Offiziere mit Herz und Verstand“?

Wenn die Studierenden aus der 15-monatigen Offiziersausbildung zu uns kommen, haben sie einen nahezu gemeinsamen grundlegenden Erfahrungshorizont aus der militärischen Ausbildung. Sie haben gelernt, als Soldatinnen und Soldaten zu funktionieren, bis zu einer bestimmten Ebene. Hier an der Universität kommt aber noch etwas Wesentliches hinzu:

Hier müssen sie schlagartig lernen, sich selber zu führen, sie werden zu einem „Leader für sich selbst“.

Die Zeit an der Universität bewirkt einen Unterschied, das habe ich selbst in vielen Gesprächen mit den verschiedenen Jahrgängen festgestellt. Es ist faszinierend, wie anders junge Menschen im Leben stehen, wenn sie sich fordernden Aufgaben gestellt und diese erfolgreich zu Ende gebracht haben. Das ist der Reifegrad, den sie für ihre Rolle als Führungskraft in der Bundeswehr oder einem zivilen Beruf brauchen. Wo ich aber noch Handlungsbedarf sehe, ist das berufliche Selbstverständnis.

Herz und Verstand, das sind die Dinge, um die es verstärkt gehen muss – berufliches Selbstverständnis und Charakterbildung.

Leiter Studierendenbereich HSU Oberst i.G. Bjarne Krause
PIZ Personal/Ulrich Veen


Unterscheiden sich die heutigen Studierenden von vorhergehenden Generationen?

Natürlich gibt es Unterschiede, so wie es sie immer gegeben hat. Jede Generation ist anders, wir sind alle Kinder unserer Zeit. Keine Generation ist schlechter oder besser, aber alle sind anders. Wir müssen uns noch mehr darauf einstellen, dass die heutige Jugend ein anderes „Setting“ hat. Sie begreifen die digitale Welt als einen wichtigen Teil ihres Lebens. Auch persönliche Freiheit und Individualität haben heute einen hohen Stellenwert.

Heute kommen junge Menschen zu uns, die Smartphone und Internet nicht nur als Arbeitsmittel kennen, sondern damit aufwachsen.

Das merkt man nicht zuletzt beim täglichen Leben in den Wohnbereichen. Die Bereitschaft, das eigene „Häuschen“ zu verlassen, nimmt in demselben Maße ab, wie die Beschäftigung mit dem Bildschirm steigt. Für eine sehr teamorientierte Organisation wie die Bundeswehr kann das eine Herausforderung sein.

Welchen Stellenwert hat das Zusammenleben auf dem Campus, in den Wohngruppen und den freiwilligen Interessensgemeinschaften?

Wo Menschen eng zusammenarbeiten, muss es Räume der Begegnung geben. Das Zusammenleben in den ersten Studienjahren ist wichtiger Teil der Uni-Zeit: In den Wohnebenen lernen die Studierenden, was es bedeutet, als Team zu funktionieren und, was ich unter dem Aspekt der charakterlichen Entwicklung für besonders wichtig halte – sie lernen es aus eigenem Antrieb.

Wohnebenen sollen nicht nur zusammen wohnen, sondern auch zusammenarbeiten und zusammenhalten.

Hier gibt es auch diese Momente des Zusammenschweißens: Alle stehen vor einer Prüfung und ein oder zwei wissen wie es geht – ich übertreibe jetzt maßlos, natürlich wissen es mehr, aber man hat eine Lerngemeinschaft und handelt zusammen, um dann gemeinsam die Prüfung zu bestehen. 

Als Soldat betrachte ich das auch unter dem Gesichtspunkt einer militärischen Sozialisation. Denn diese endet nicht mit der Offiziersausbildung vor dem Studium. In der Zeit auf dem Campus, in den Unterkünften und in der familiären Atmosphäre unserer Universität: Die Studierenden erleben auch hier Kameradschaft und Teamgeist, zusätzlich lernen sie Selbstorganisation und eigenständiges Handeln.

Es geht aber nicht nur um gemeinsames Lernen und Erfolg. Wir kennen hier viele Fälle, wo die Unterstützung durch andere Menschen, durch die Kameraden, notwendig wird – psychische oder familiäre Probleme, oder auch Todesfälle. In solchen Fällen bedarf es Kameradschaft und Führung: Führung durch uns als Führungspersonal, und Kameradschaft durch uns alle.

Wenn die Wohnebenen dabei nicht mithelfen und funktionieren würden, dann wären wir hier, bei der Bundeswehr, tatsächlich nicht im richtigen “Unternehmen“.

von Ulrich Veen  E-Mail schreiben

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