Das Wachbataillon: Protokolldienst und Schutz der Regierungsfähigkeit
Das Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung ist das Gesicht der Bundeswehr
Das Wachbataillon beim Verteidigungsministerium hat vom 17. bis 21. November 2025 bei der Übung Bollwerk Bärlin III trainiert. Eine Kompanie übte den Orts- und Häuserkampf sowie den Objektschutz verteidigungswichtiger Infrastruktur im urbanen Raum. Teile der Übung fand dabei im öffentlichen Raum, sogar in der U-Bahn, statt.
Die Soldatinnen und Soldaten des Wachbataillons beim Bundesministerium der Verteidigung sind Garde und kampfstarke Infanterie – krasser könnte der Gegensatz kaum sein. Beide Kompetenzen verlangen Präzision, Konzentration und hartes Training. Bei der Übung Bollwerk Bärlin ging es für das Wachbataillon deshalb in das U-Bahn-Netz Berlins.
Realitätsnahe Ausbildung legt die Grundlage für eine effektive Landes- und Bündnisverteidigung. „Train as you fight – übe wie Du kämpfst“, ist dabei eine vielzitierte Maxime. Für die Angehörigen des Wachbataillons heißt das, im Verteidigungsfall in den Straßen, Häuserschluchten und den Katakomben Berlins eingesetzt zu sein. „Der Einsatz in urbanen Strukturen ist immer eine besondere infanteristische Herausforderung“, erklärt Bataillonskommandeur Oberstleutnant Maik Teichgräber. „Eine Millionenmetropole wie Berlin hat für uns Soldatinnen und Soldaten extreme Anforderungen. Die Stadt ist komplex und hat oft schwierige Annäherungs- und Beobachtungsmöglichkeiten.“ Hochhäuser und ein ausgedehntes Stadtgebiet stellen die Verteidiger vor Probleme – auch im Untergrund.
Das Wachbataillon übernimmt, getreu seines Leitspruchs „semper talis“ – immer gleich – einen seiner zwei Aufträge. Mit formaler Perfektion repräsentiert es die Bundesrepublik Deutschland im protokollarischen Ehrendienst.
Bundeswehr/Steve Eibe
Die Soldatinnen und Soldaten müssen jedoch auch das infanteristische Handwerk beherrschen. Denn jede Protokollkompanie ist auch eine Kampfkompanie, die im Spannungs- oder Verteidigungsfall Dienstsitze und Einrichtungen der Bundesregierung schützt.
Bundeswehr/Patrick Mayska
U-Bahn fahren im Ernstfall? Ja – auch das ist eine Besonderheit Berlins. Das weit verzweigte Schienennetz bringt nicht nur Pendlerinnen und Reisende quer durch das Stadtgebiet bis in die Außenbezirke. Auch die Verteidiger profitieren: Sie entgehen mit den unterirdischen Zügen der gegnerischen Aufklärung und den mutmaßlich chaotischen Verhältnissen auf den Straßen. Bei Bollwerk Bärlin III und seinem Szenario im Spannungs- oder Verteidigungsfall sollten Truppenteile schnell verlegt werden. Denn unweit des U-Bahnhofs Jungfernheide hatten Kräfte des Gegners zugeschlagen und einen Zug mitsamt Insassen und der U-Bahnfahrerin in ihre Gewalt gebracht. Jetzt muss es schnell gehen. Die Operationszentrale in der Julius-Leber-Kaserne erreicht per Funk die Alarmierung. Schon wenige Minuten später ist Zugführer, Hauptmann Martin E., mit seinen Frauen und Männern der Quick-Reaction-Force (QRF) unterwegs zum U-Bahnhof Jungfernheide – in die Katakomben Berlins.
Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) unterstützen seit vielen Jahren Einsatzkräfte öffentlicher Institutionen bei der praxisnahen Ausbildung, um im Ernstfall bestmöglich im Sinne der Bürgerinnen und Bürger handeln zu können
Bundeswehr/Susanne Hähnel
Am Bahnhof Jungfernheide existiert für diesen Zweck ein Übungstunnel. Die Anlage umfasst einen abgetrennten halben Bahnsteig sowie einen ca. 300 Meter langen Tunnelabschnitt mit ausrangierten U-Bahn-Wagons.
Bundeswehr/Susanne Hähnel
Erstmals nutzte nun auch die Bundeswehr diesen realistischen und geschützten Übungsraum, um die besonderen Herausforderungen unterirdischer Strukturen des U-Bahn-Umfelds realitätsnah zu trainieren
Bundeswehr/Susanne Hähnel
Die Soldatinnen und Soldaten rücken vor. Nach einem kurzen, präzisen Check arbeitet sich ein Erkundungstrupp zum Zug vor, der in einem dunklen Tunnel zum Stehen gekommen ist. Die Sicht ist schlecht, die Lage unübersichtlich. Der Feind zündet Nebelkörper. Das soll den Einsatzkräften das Vorgehen erschweren. Der Zug ist deutlich länger als 100 Meter. Wo ist der Feind? In welchem Waggon sind die Geiseln? Wo befindet sich mein Kamerad oder Kameradin – sind alle noch dran? Dann fallen Schüsse. Die Schreie von Verwundeten und die Befehle der Soldatinnen und Soldaten hallen von den Wänden wider. Es gelingt dem Trupp, die Angreifer im Zug zu überwältigen. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt. Die U-Bahngleise führen teilweise Strom, im Zug liegen mehr als ein Dutzend Verwundete, einige von ihnen wurden schwer getroffen. Hauptmann E. schickt einen zweiten Trupp zur Unterstützung und Bergung hinterher. Auf dem Bahnsteig bereitet man sich auf das Eintreffen der Verwundeten vor. Der Strom wurde inzwischen gekappt, die Helfenden führen eine Lore an den Zug.
Ob er kriegstüchtig sei, wird Hauptgefreiter Johannes S. von einem Reporter gefragt, der mit rund 50 Kolleginnen und Kollegen über Bollwerk Bärlin III berichtet. Noch außer Atem vom zurückliegenden Einsatz sagt der Mannschaftsdienstgrad: „Ich persönlich fühle mich gut ausgebildet und vorbereitet. Ein Szenario wie hier in der U-Bahn ist für mich und meine Kameradinnen und Kameraden allerdings völlig neu. Ich musste versuchen, meine Erfahrung und mein Können an diese Lage anzupassen.“ Zufrieden ist auch Hauptfeldwebel Marco K.: „Meine Männer und Frauen sind koordiniert vorgegangen und ruhig geblieben.“ Genau das, ergänzt Oberstleutnant Teichgräber, „ist der Zweck unserer Übung. Wir geben unser Bestes und trainieren so realitätsnah wie möglich. Das bedeutet auch, dass wir mögliche Szenarien immer vom ‚scharfen Ende‘ her planen müssen.“ Neu ist das Szenario auch für die Öffentlichkeit, der bewusst wird, wie nah eine Bedrohung plötzlich sein kann. Entsprechend groß war das Medienecho, das die Kompanieübung hervorrief. Zwar steht das Wachbataillon traditionell stets im Fokus der Hauptstadtpresse und der Berichterstattung, wird aber eher selten als infanteristischer Kampfverband wahrgenommen. Das hat Bollwerk Bärlin III jetzt verändert. Alle wollen die Männer und Frauen vor ihre Objektive bekommen – als Gardisten und Infanteristen.
Neben dem U-Bahnhof Jungfernheide trainierte das Wachbataillon an weiteren Orten: in der Polizei-Trainingsanlage „Fighting City“ Ruhleben und in einem stillgelegten Chemiewerk in Rüdersdorf. Jeweils mit realitätsnahen urbanen Szenarien.
Bundeswehr/Anne Weinrich
Mit allen Mitteln: Improvisation und Flexibilität brauchen die Kräfte in den Katakomben Berlins. Die Lore dient zum Verwundetentransport.
Bundeswehr/Susanne Hähnel
Kräfte der Feldjäger unterstützen das Wachbataillon mit einem Team zum Aufspüren von Sprengstoff
Bundeswehr/Susanne Hähnel
Achtung Lebensgefahr! Bevor die Kräfte das Gleisbett betreten, muss zunächst der Strom unterbrochen werden. Auch das müssen die Soldatinnen und Soldaten in diesem komplexen Einsatzszenario mitdenken.
Bundeswehr/Susanne Hähnel
In den tiefen des Berliner Untergrunds ist es eng und dunkel. Nebel erschwert den Soldatinnen und Soldaten die Sicht zusätzlich.
Bundeswehr/Susanne Hähnel
Im urbanen Kampf ist mit hohen Ausfällen zu rechnen. Die Soldatinnen und Soldaten bergen gemeinsam die Verwundeten.
Bundeswehr/Susanne Hähnel
Die U-Bahn ist freigekämpft. Das Gefecht hat Spuren hinterlassen.
Bundeswehr/Susanne Hähnel
Das Wachbataillon beim Bundesministerium der Verteidigung ist das Gesicht der Bundeswehr