„Ich will den Nutzen auf dem Gefechtsfeld. Wir sind nicht schnell genug. Das treibt mich um.“

„Ich will den Nutzen auf dem Gefechtsfeld. Wir sind nicht schnell genug. Das treibt mich um.“

  • Veranstaltung
  • Meldung
Datum:
Ort:
Koblenz
Lesedauer:
7 MIN

Selbstkritisch, Klartext sprechend und die Teilnehmenden um Unterstützung auffordernd – der Auftakt durch den Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Jörg Vollmer, auf dem diesjährigen Koblenzer Dialog kann man als furios bezeichnen. Unter dem Motto „Einsatzbereitschaft: erfolgreiches Führen im digitalen Umfeld“ trafen sich rund 80 Gäste aus allen Bereichen der Bundeswehr und einige ausgewählte externe Impulsgeber zu einem zweitägigen Gedankenaustausch in Potsdam. Eine zunehmend digitale Bundeswehr ist gut beraten, immer wieder inne zu halten, notwendige Positionen im Mensch-Maschinen-Verhältnis zu bestimmen und gemeinsam zu überlegen: Wie gelingt gutes Führen im digitalen Zeitalter? Welche Ableitungen ergeben sich daraus für die Erziehung und Ausbildung der Bundeswehrangehörigen? Dabei, so Vollmer, sei alles erlaubt. Die Erarbeitung von Profilen unserer Soldatinnen und Soldaten des Jahres 2032, sogenannte „Future Personas“ oder „Avatare“ zu modellieren, verlangte den Teilnehmenden viel ab, und führte zu erstaunlichen Erkenntnissen.

Grafical Recorder Tom Fiedler bei der Erstellung seiner Skizzen.

Grafical Recorder in action. Profi Tom Fiedler veranschaulicht mit seinen Skizzen ein eingängiges Protokoll der Veranstaltung.

2019 Bundeswehr/Bill Drechsler

Im Vergleich zu den drei Kinoleinwänden im Auditorium des Potsdamer Kongresshotels wirkt das ebenfalls mehr als Torwand-große Flipchart eher klein. Gespickt mit einer Vielzahl komplexer Skizzen und Schlagwörter sticht die von Menschenhand gezeichnete ‚Mind Map‘ des ‚Graphical Recorders‘ Tom Fiedler kontrastreich ins Auge. Quasi in Echtzeit entsteht das Protokoll einer außergewöhnlichen Veranstaltung.

Die ständige Veränderung ist der Zustand, auf den wir reagieren müssen

Ein Soldat präsentiert die Ausstattung des Infanteristen der Zukunft.

Die Ausstattung des Infanteristen der Zukunft wiegt etwa 25kg. Anderthalb Stunden soll der Soldat damit abgesessen kämpfen können.

2019 Bundeswehr/Bill Drechsler

Das Spektrum der Themen ist vielseitig und multidimensional. Um Führungsfähigkeit geht es. Darum, einsatz- und führungsfähig zu bleiben im Angesicht der ambivalenten Herausforderungen der Digitalisierung. Wie umgehen mit der zunehmenden Informationsdichte und Geschwindigkeit, mit der Individuum und Gesellschaft, Führungskraft und Geführte sowie die Bundeswehr zunehmend intensiver konfrontiert werden? Welche Rolle spielen autonome Waffensysteme? Wie kann die Bundeswehr auf Desinformation und ‚Fake News‘ reagieren? Welche Antworten bietet die Innere Führung auf diese Fragen? Und dann wäre da noch die Rolle der Künstlichen Intelligenz (KI) in Verbindung mit der Frage, ob Maschinen dem Menschen das Denken und Entscheiden auf dem Gefechtsfeld der Zukunft wohl möglich vollständig abnehmen können. Sechs fachliche Impulsvorträge setzen die Eckpfeiler des Nachmittags. Heeressoldaten sprechen in diesem Falle von einer lagebezogenen Geländeorientierung.

Wer schnell und richtig entscheidet, gewinnt.

„Am Ende gewinnt unverändert derjenige, der am schnellsten die richtige Entscheidung trifft.“

In seiner Keynote weist Generalleutnant Jörg Vollmer, Inspekteur des Heeres deutlich auf die Schwierigkeit hin, die das Übermaß an Informationen gepaart mit der Geschwindigkeit ihres Auftreffens für den Entscheidungsverantwortlichen bedeutet.

Vollmer stellt die Frage in den Raum, ob der Mensch da noch mitkomme und welche Menschen wir brauchen, um dies alles zu beherrschen. „Ein hundertprozentiges Lagebild gibt es nicht und wird es niemals geben.“ Stärker als jemals seien Fähigkeiten gefragt, die eine Entscheidungsfindung und deren Umsetzung verbessern. Zumal die Bedingungen auf dem Gefechtsfeld nicht komfortabler geworden sind. Führen und Entscheiden unter den Bedingungen von „Dunkelheit, Kälte, Müdigkeit und nach dem Ausfall des ersten Panzers“, das sei unverändert die Messlatte, vor der Führungskräfte und die Bundeswehr insgesamt stehen, so der ranghöchste Soldat des Deutschen Heeres.

Mehr Selbstreflexion

Der Pass, mit dem Vollmer den Ball in die Spielhälfte des Koblenzer Zentrums bringt, erreicht sein Ziel. Wir müssen „weg von der Lagekarte. […] Wir brauchen nicht noch ein weiteres System für Datenerfassung“, sondern „viel mehr Raum für mehr Selbstreflexion“, stellt der Kommandeur des ZInFüZentrum für Innere Führung heraus. „Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht die Maschine“, wenn man dem Strom der Informationen effizient begegnen wolle, so Generalmajor Reinhardt Zudrop. Insofern müsse die Automatisierung Freiräume schaffen Kompetenzen unserer Führungskräfte im digitalen Zeitalter.

Dabei sind unsere Soldatinnen und Soldaten längst Akteure und Ziele im Informationsumfeld geworden. Dies ist das zentrale Thema des Zentrums Operative Kommunikation (ZOpKomBw Zentrum Operative Kommunikation der Bundeswehr). Informationen werden längst gezielt zur strategischen Desinformation genutzt. Phänomene wie ‚Fake News‘ und ‚Propaganda‘ sind Bestandteil der hybriden Kriegführung und verlangen nach bundeswehrgemeinsamen Antworten.

Mental stark

‚Mentale Stärke‘, in der Fachsprache ‚Resilienz‘, ist in diesem Zusammenhang eine der Schlüsselkomponenten, die Oberst Dr. Gruhl und sein Abteilungsleiter Informationsumfeld, Oberst i.G.im Generalstabsdienst Reershemius, zentral hervorheben. Da geht es zunächst um handwerkliche Fähigkeiten der ‚Propaganda Awareness‘: Detektion, Kontextualisierung, forensische Analyse und Attributierung sind Schlagworte aus dem Werkzeugkasten der Mayener Spezialisten. Dies hilft, Sachverhalte aufzuklären und einzuordnen. Es reicht aber nicht, um gegnerischen Narrativen erfolgreich zu begegnen. „Das Vertrauen in die Grundprinzipien der Inneren Führung und die soldatischen Grundtugenden sind einer der Schlüssel, um geistig widerstandsfähig zu werden und einsatzbereit zu bleiben“, so Oberst Reershemius. Ein gewisses Staunen unter den Teilnehmenden ist zu spüren: die „alte“ Innere Führung als Kraftquelle in der hybriden Kriegsführung?

Schwarmintelligenz und Außenskelette

Dr. Olaf Theiler, Leiter des Referates Zukunftsanalyse im Planungsamt der Bundeswehr, informiert über das Konfliktbild der Zukunft und über die Rolle von Sensortechnologie, Ekto- bzw. Außenskeletten, die den Soldaten beim Tragen ihrer halbzentnerschweren Ausrüstung assistieren sollen. Von biomechanischen Eingriffen und Schwarmintelligenz ist die Rede in diesem virtuellen wie bodenständigen Rundgang. „Es wird aber weiter geschossen und gestorben“ lenkt Theiler die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zurück auf die Funktionalität und den Zweck dessen, woran in seiner Abteilung des Planungsamts geplant wird. Es ist faszinierend zu hören, wie viele Facetten die digitale Kompetenz heute ausmachen und was es braucht, Maschinen intelligent zu führen.

Vorhang auf: Das Gefechtsfeld 2032. Das Heer 4.0.

Drei hochgradige Offiziere stehen Rede und Antwort.

Ist das ’Führen von vorne‘ auch 2032 noch zeitgemäß? Wo ist überhaupt vorne im digitalen Raum? Innere Führung live. Generalmajor Alexander Sollfrank, Diskussionsleiter Oberst i.G.im Generalstabsdienst Dr. Uwe Hartmann und Generalmajor Reinhardt Zudrop (v.l.) in…

2019 Bundeswehr/Bill Drechsler

Wie bewegt man sich auf diesem Gefechtsfeld der Zukunft? Die Kreativköpfe um Major Rene Streifer (Kommando Heer) stellen diese Ideen in einem fiktiven Animationsfilm mit dem Titel „Heer 4.0“ vor. Ein Einsatzszenario irgendwo in einer Mittelgebirgslandschaft, die derjenigen in Europa mehr ähnelt als dem Hindukusch. In der Hauptrolle ein junger Major, der seine Kompanie im Brigadeangriff führt. Das Stück kommt mit wenigen menschlichen Figuren aus. Drohnen, unbemannte Fahrzeuge, der vernetzte Krieger im Mittelpunkt weniger Menschen. Es kommt zu Feuergefechten, Ausfällen. Kameraden sterben. Es wird gestorben, weiterhin, auch 2032 noch. Der Brigadegefechtsstand wird als erster angegriffen und vernichtet. Teilautonome Systeme organisieren die Logistik oder den Verwundetenabtransport. Am Ende wird die Technik versagen, der Major seine verbliebenen Kräfte abgesessen führen. „Kämpfe analog weiter.“ Taktische Zeichen, Sichtkontakt und ein Filmende, das die Zuschauer wenig beschwingt zurücklässt. Fragezeichen sind den Gesichtern abzulesen. Ist das wirklich so? Welche Rolle spielen Kämpferin und Kämpfer in der Welt von morgen?

Kämpferinnen und Kämpfer der Zukunft

Eine Soldatin stellt die Arbeit aus einem Seminar vor.

Sieht so der Cyberkrieger der Zukunft aus? Hauptmann Antje Müller (Kommando Heer) stellt einen im Workshop entwickelten ‚Avatar‘ des Soldaten der Zukunft vor.

2019 Bundeswehr/Bill Drechsler

Zur fortgeschrittenen Stunde des ersten Tages rauchen die Köpfe. In sechs Arbeitsgruppen, angeleitet von Coaches, avancieren die Zuhörer des ersten Tagesteils zu Gestaltern und Zukunftsentwicklern. Skizzieren Stereotypen, die ausdrücken, wie die Stabsgefreiten, Hauptfeldwebel, Offiziere und Generale von morgen aussehen könnten. Es sind Avatare, die Eigenschaften haben, wie der 37-jährige Stabsfeldwebel Frank Müller. Er ist Vater von zwei Kindern, verheiratet, homosexuell, hat drei Einsätze hinter sich. Ein ITInformationstechnik-Crack und Anhänger des situativen Führungsstils. Körperlich topfit und ein Lebensmotto, den man schon mal gehört hat: „Mach, was wirklich zählt.“ So einprägsam war der Slogan ein gutes Jahrzehnt zuvor also, dass ihn Stabsfeldwebel Müller gar zum Lebensmotto erhebt. So wollen es seine virtuellen Erschaffer. Na dann.

Vom digitalen Feldherrn-Hügel oder klassisch von vorn

Ein Marineoffizier im Plenum lacht vergnügt.

Denken nach vorne und 360 Grad. Der Spaß kam nicht zu kurz dabei.

Bundeswehr/Bill Drechsler

Das Filmszenario wirkt nach in den Köpfen, überdauert die After-Hour, erreicht die Podiumsdiskussion am Folgetag. Ist das Führen von vorne noch zweckmäßig? Wo überhaupt ist auf dem Gefechtsfeld von 2032 „vorne“, wenn die Bedrohung 360 Grad (ein)wirkt?

„Vom digitalen Feldherrnhügel“ funktioniert es nicht allein, das ist die Auffassung von Generalmajor Sollfrank, Chef des Stabes im Kommando Heer. „Das Schlachtfeld wird gläsern. Der Führer muss also genau aufpassen. Der Feind kriegt das ja auch mit,“ gibt Obergefreiter Phil Wagner zu bedenken. Richtig ist, da sind sich die Podiumsdiskutanten einig: in der Wahl seines Platzes bleibt der Führer unverändert frei.


Die komplexe Themenvielfalt haben die Tagungsteilnehmenden gemeinschaftlich durchdrungen, synaptisch neu verknüpft, neue Potentiale für die Weiterentwicklung erschlossen, ohne die Fragen in Gänze beantworten zu wollen. Das Ganze 360 Grad, digital, analog, dienstgradübergreifend und mit Wissenserweiterung an allen Enden.

„Wir sollten unberechenbar für unseren Gegner, aber berechenbar für unsere Soldatinnen und Soldaten sein“, so fasst General Zudrop seine Eindrücke zusammen. Dazu bedarf es einer ‚Informationsüberlegenheit nach innen‘, um Vertrauen in den Sinn des Auftrags, in die eigenen Fähigkeiten und so auch die Gefolgschaft sicherzustellen. Geht es nach Zudrop, so verfügen die modernen Vorgesetzen über hinreichend Fachwissen zur Einordnung der Szenarios, über Medien- und Entscheidungskompetenz, die Bereitschaft zur Selbstreflexion, eine gute Portion digitaler Selbstdisziplin sowie über ein wertegebundenes Koordinatensystem, den permanenten Wandel aktiv zu gestalten.

Der ranghöchste Soldat des Heeres beurteilt die Herausforderungen nicht grundsätzlich anders. Die Kurzform: Technik beherrschen. Leadership befördern. General Vollmer sieht daher die Notwendigkeit, Vertrauen in autonome Systeme aufzubauen und notfalls auch Beta-Systeme gemeinsam mit der Industrie weiterzuentwickeln und zur Einsatzreife zu bringen. Die Technik ist teuer, die Menschen sind entscheidend und wichtig. „Die Menschen schreiben die Algorithmen und bestimmen die Regeln. Dabei sind die ethischen Fragen zu klären. Dann lasst uns das gemeinsam tun und umsetzen“, so General Vollmer am Ende des Symposiums.

Wie viele Boardmarker Tom Fiedler an den beiden Tagen für sein Echtzeit-Protokoll verbrauchte, bleibt sein Geheimnis. Dass er die Hingucker auf einem Symposium über Digitales landet, spricht auch eine Sprache. Seine Produkte fahren im Achtsitzer mit nach Koblenz. Der eine oder andere wird in 13 Jahren die Schublade vielleicht noch einmal aufmachen und in George-Orwell-Manier vergleichen, wie nah er 2019 dran war mit seiner Fiktion über den Cyberkrieger der Zukunft.

„Kämpfe analog weiter“.

von Wilke Rohde