Internationale Konferenz

Coping with Culture in Den Haag

Coping with Culture in Den Haag

Datum:
Ort:
Den Haag
Lesedauer:
5 MIN

Ein grundlegendes Verständnis für andere Kulturen ist im täglichen Dienst unabdingbar und entscheidet oft über Erfolg oder Misserfolg. Diese Fähigkeit zu entwickeln, ist Teil der Inneren Führung. Bei der zehnten Konferenz „Coping with Culture“ trafen sich in Den Haag Expertinnen und Experten zum Erfahrungsaustausch.

Teilnehmer der Konferenz Coping with Culture im Plenum

Internationale Teilnehmer im Plenum bei der zehnten Konferenz Coping with Culture

Bundeswehr/Marcus Bredick

Militärisches Engagement bedeutet in der Regel das Operieren in anderen Kulturkreisen. Ein Faktor, der wesentlich zum Erfolg einer Mission beiträgt, ist das Verständnis für die Besonderheiten des Einsatzlands. Doch bereits während des regulären Dienstbetriebs am Heimatstandort kommen Soldatinnen und Soldaten sowie zivile Mitarbeitende immer stärker in Kontakt mit Menschen aus mehr oder weniger fremden Kulturen: als Kameradinnen und Kameraden, Kolleginnen und Kollegen oder externe Partner. Es verwundert daher nicht, dass die Konferenz „Coping with Culture“ nach einer zweijährigen, Corona-bedingten Pause wieder starken Anklang gefunden hat. Bereits zum zehnten Mal kam Anfang Oktober 2022 ein internationales Fachpublikum zusammen, um verschiedene Aspekte des Zusammenlebens von Menschen mit unterschiedlichen Wurzeln intensiv zu beleuchten. In diesem Jahr hatten die Veranstalter vom Zentrum Innere Führung das Exzellenzzentrum für zivil-militärische Zusammenarbeit (Civil-Military Cooperation Centre of Excellence, CIMICCivil Military Co-Operation-COECentre of Excellence) im niederländischen Den Haag als Veranstaltungsort ausgewählt.

Zur Begrüßung unterstrich der Kommandeur des Zentrums Innere Führung, Generalmajor André Bodemann, in seiner Videobotschaft die Bedeutung der Konferenz: „In Zeiten eines Krieges mitten in Europa ist es von äußerster Wichtigkeit, Meinungen zu diskutieren und auszutauschen, um so ein gemeinsames Verständnis zu erlangen und damit unsere Partnerschaften zu stärken.“

Gegenseitiges Verständnis

Den Auftakt der Veranstaltung bildete eine Keynote von Prof. Dr. Dani Kranz zum Thema „Foreign Missions and Multinational Defence in a Transcultural World“. Darin erläuterte die an der israelischen Ben-Gurion-Universität lehrende Anthropologin das Wesen von Kulturen und die manchmal erst auf den zweiten Blick hervortretenden Unterschiede: „Kulturen werden dann besonders sichtbar, wenn zwei Individuen miteinander aneinandergeraten.“ Zur Lösung von Konflikten sei es von entscheidender Bedeutung zu verstehen, dass die gefühlte Zugehörigkeit eines Menschen zu einer Kultur „emotional aufgeladen“ sei. Insbesondere ein regelmäßiger und intensiver Umgang mit anderen Kulturen fördere das gegenseitige Verständnis in einem multikulturellen Umfeld.

Empathie ist gefragt

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Konferenz Coping with Culture

Persönliche Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren bei der Konferenz immer wieder gefragt

Bundeswehr/Marcus Bredick

Zum abwechslungsreichen Programm gehörten neben Vorträgen im Plenum verschiedene Workshops. Hier konnten die Teilnehmenden ihre persönlichen Erfahrungen einbringen. In Rollenspielen und Diskussionen galt es, gemeinsam zu bestmöglichen Lösungen zu kommen. So betrachteten die Teilnehmenden unter der Leitung des Politikwissenschaftlers Dr. Timo Graf „Strategische Kulturen in Krisenzeiten“. Zunächst galt es dabei, sich einen Überblick über die verschiedenen Kulturen Europas zu verschaffen und diese anhand wesentlicher Dimensionen zu gruppieren. In einem zweiten Schritt sollte die Entwicklung der deutschen und niederländischen Kultur kurz aufgezeigt werden. Abschließend galt es, zwei Szenarien über die zukünftige Rolle Deutschlands in der Welt zu entwerfen sowie mögliche Implikationen für NATO und EU, aber auch für die europäische und nationale Sicherheit aus deutscher und niederländischer Sicht zu erörtern und zu bewerten. „Mit dieser Übung sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sensibilisiert werden, sich in andere relevante Akteure hineinzuversetzen, ihre eigene Perspektive zu hinterfragen“, erklärte Graf, der am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam forscht. Gleichzeitig schilderte er seine Begeisterung über die Wiederaufnahme der Konferenzserie: „Ich bin erfreut, nach zwei Jahren Corona-Abwesenheit wieder mit den Menschen live arbeiten zu können. Nur so ist Interaktion möglich. Eine solch hohe Dynamik wie hier lässt sich online kaum herstellen.“

Kulturelles Erbe berücksichtigen

Coping with Culture Workshop Cunliffe

Präsentation der Workshopergebnisse

Bundeswehr/Marcus Bredick

Eher taktisches Denken im kulturellen Kontext war in einem anderen Workshop gefragt. Von Dr. Emma Cunliffe wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Position eines Kommandeurs versetzt, der auf einem imaginären Gefechtsfeld auch den Schutz der dort befindlichen Kulturstätten abzuwägen hatte. In dem äußerst detaillierten Szenario galt es, auch die Ansichten der Kultur des simulierten Gegners über diese teilweise nicht sofort erkennbaren Kulturgüter zu erfassen und zu berücksichtigen. „Das Operieren in Gegenden mit historischen Stätten erfordert exakte Daten“, beschreibt Dr. Cunliffe das Problem. „Dabei gibt es nicht die eine Antwort. Berücksichtigen Sie die lokalen Einwohner: Was ist für diese von Bedeutung?“ Schnell erkannten die Teilnehmenden, dass für eine gute und tragfähige Entscheidung auch die Perspektive der Bevölkerung berücksichtigt werden muss. Cunliffe wies zudem auf unbeabsichtigte Folgen hin: „Die Zerstörung kulturellen Erbes in einer Region beispielsweise kann zu Migration führen. Viele historische Objekte werden allerdings in keiner Datenbank geführt. Es ist daher wichtig zu wissen, was für die Einheimischen von Bedeutung ist.“ Die britische Wissenschaftlerin beschäftigt sich mit diesem Thema seit vielen Jahren. An der Universität von Newcastle forscht sie über Wege zum Schutz von Kulturgütern. Zudem arbeitet sie bei Blue Shield International, einer der UNESCO zugeordneten Organisation, die sich ebenfalls diesem bedeutenden Thema widmet.

Einblick in die Praxis: Unteroffizierschule des Heeres

Sabine Witt von Engagement Global stellt gemeinsam mit OTL Thomas Baum die Kooperation mit der Unteroffizierschule vor

Sabine Witt von Engagement Global (r.) stellt gemeinsam mit OTL Thomas Baum die Kooperation mit der Unteroffizierschule des Heeres vor

Bundeswehr/Marcus Bredick

Praxisnah präsentierte sich die Organisation Engagement Global, die mit der Unteroffizierschule des Heeres im sächsischen Delitzsch eine Kooperation vereinbart hat. Engagement Global bündelt seit 2012 als zentrale Anlaufstelle für entwicklungspolitisches Engagement im Auftrag der Bundesregierung zahlreiche vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZBundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) finanzierte Einrichtungen und Programme. In einer Diskussionsrunde schilderte Sabine Witt von Engagement Global zusammen mit Oberstleutnant Thomas Baum, wie die gemeinsam entwickelten Trainingsmodule gestaltet sind. Im Schwerpunkt werden den Soldatinnen und Soldaten die von den Vereinten Nationen im Jahr 2015 verabschiedeten 17 Nachhaltigkeitsziele erklärt und anhand von Praxisbeispielen dargestellt, wie diese umgesetzt werden können. Ziel des Trainings ist einerseits eine intensivere Zusammenarbeit zwischen zivilen Akteuren und der Bundeswehr. Andererseits wird damit auch die Agenda 2030 stärker in die deutsche Sicherheitspolitik einbezogen. Seit einigen Jahren schon werden diese Trainings erfolgreich auf Grundlage eines gemeinsamen Konzepts des Bundesministeriums der Verteidigung und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit durchgeführt.

Positive Resonanz

Edwin Maes erhielt für seine zehnte Teilnahme bei Coping with Culture eine kleine Aufmerksamkeit

Zum zehnten Mal war der Niederländer Edwin Maes zur Konferenz Coping with Culture angereist – Grund genug für die Überreichung einer kleinen Aufmerksamkeit

Bundeswehr/Marcus Bredick

Neben den Diskussions- und Arbeitsrunden gab es für die Teilnehmenden Gelegenheit zum abendlichen „Netzwerken“. Referierende, Workshopleitende und Teilnehmende konnten hier noch einmal Erfahrungen austauschen. Einig war man sich schließlich über den Erfolg der Konferenz. Julia Lechner von der Landesverteidigungsakademie in Wien wies auf die vielfach vorhandene Diversität hin: „Besonders gut gefiel mir die Zusammensetzung der Teilnehmer mit dem damit verbundenen breiten Wissen. Interessant war auch die Abwechslung zwischen Plenum und Arbeiten im Workshop.“

Für den an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg tätigen Amerikaner Adam Stephens war besonders der Perspektivwechsel interessant: „Fasziniert haben mich die Erfahrungen aus der Sicht der Militärs, ihre Wünsche und Bedürfnisse.“ Und der Mainzer Kabeya Kasongo, Berater für Interkulturelle und Globale Vielfalt, wies darauf hin, dass „es während der Konferenz zweifellos gelungen ist, die Teilnehmenden unabhängig von ihrem Background mitzunehmen.“

Das Organisationsteam des Dezernats VIER aus dem Zentrum Innere Führung in Koblenz hat bereits mit den ersten Planungen für die Konferenz im Jahr 2023 begonnen. Zwar steht der nächste Veranstaltungsort noch nicht fest, Interessierte können sich aber bereits jetzt unter VIER@bundeswehr.org an das Konferenzteam wenden.

von Marcus Bredick