Transkription MeIN FÜhrungsfahrzeug - Sechzehnte Fahrt: Generalstabsarzt Dr. Gesine Krüger

Transkription MeIN FÜhrungsfahrzeug - Sechzehnte Fahrt: Generalstabsarzt Dr. Gesine Krüger

Oberstleutnant Tim Kullmann: Einen wunderschönen guten Tag Frau General.

Generalstabsarzt Dr. Gesine Krüger: Schönen guten Tag Herr Oberstleutnant.  

Tim Kullmann: Schön, dass Sie bei uns im Führungsfahrzeug mitfahren.

Gesine Krüger: Ja, ich freue mich auch sehr.

Tim Kullmann: Danke für Ihre Zeit.

Gesine Krüger: Sehr gerne.

Tim Kullmann: Dann schnallen wir uns mal an.

Gesine Krüger: Ja genau.

Tim Kullmann: Starten die Motoren. Wir haben heute wunderschönes Wetter hier bei Ihnen an der Sanitätsakademie.

Gesine Krüger: Fantastisch, es ist sehr, sehr schön! Ist gut für unsere Lehrgangsteilnehmenden, die auch zum Teil praktische Anteile hier im Gelände machen.

Tim Kullmann: Wie hat denn das eine Jahr Corona nenne ich es jetzt mal, Ihren – Sie hatten es auch schon kurz angeschnitten – Ihren Ausbildungsbetrieb an der Sanitätsakademie beeinflusst?

Gesine Krüger: Wir mussten natürlich sofort reagieren, als dann auch der Lockdown im März letzten Jahres kam. Wir haben die Lehrgänge ganz schnell abgekürzt, aber wir haben es trotzdem geschafft die Lehrgänge auch noch zum Abschluss zu bringen, damit insbesondere die Feldwebel ihre Laufbahnprüfung machen konnten. Zwei Lehrgänge konnten wir nicht abbrechen und wollten wir nicht abbrechen, sodass wir dann ganz schnell auch zusammen mit der öffentlich-rechtlichen Überwachungsstelle hier in München und mit der Betriebsarzttruppe hier im Bataillonszentrum Hygienekonzepte erstellt haben, um eben die entsprechenden Abstandregeln einhalten zu können. Die Hygienemaßnahmen, was Händedesinfektion angeht, dementsprechend bereitzustellen. Wir haben die Lehrgänge natürlich dann auch reduziert in der Teilnehmerzahl beziehungsweise geteilt zunächst mal, damit in den Unterrichtsräumen/Hörsälen die Abstände während des Unterrichts eingehalten werden konnten. Wir mussten bei den Unterkünften dafür Sorge tragen, dass nur jede zweite Unterkunft belegt wird und haben natürlich dann auch insbesondere geschaut, wie können wir Fernlernmodule erstellen für unsere Ausbildungen, aber das hat natürlich jetzt einen ganz, ganz hohen Greif bekommen. Des Weiteren mussten wir natürlich auch beim Stammpersonal Auflockerungen vornehmen, das war natürlich auch Herausforderung was die ITInformationstechnik-Ausstattung angeht, mobile ITInformationstechnik-Ausstattungen, und letztendlich war es natürlich auch wichtig, Kontakte zu vermeiden, das war ja vorgegeben und das ist uns sehr gut gelungen muss ich sagen. Alle haben sehr tatkräftig mitgemacht, sodass wir auch – toi, toi, toi – größere Ausbruchsgeschehen insgesamt vermieden haben.

Tim Kullmann: Ich hatte in Ihrer Vita gelesen, Sie haben in Bonn ihr Medizin-Studium gemacht. Wieso sind Sie dann nach dem Studium erst zur Bundeswehr gegangen? Wieso war das so in den 80er-Jahren?

Gesine Krüger: Jaja, in den 80er-Jahren. Ich bin 1987 in die Bundeswehr eingetreten, ich habe mein Studium 86 beendet. Ich wollte immer Chirurgin werden. Über die Bundeswehr konnte ich gar nicht studieren zu der Zeit. Die sogenannte Sanitätsoffizier-Anwärterlaufbahn war für Frauen bis zu dem Zeitpunkt gar nicht möglich. Das ging erst 89 los für Frauen. Ich wollte Chirurgin werden – Facharzt für Chirurgie – und habe natürlich nach einer Assistenzarztstelle gesucht nach dem Studium. Zu der damaligen Zeit hatten wir in Deutschland eigentlich einen Überfluss an Medizinstudiumsabsolventen und die Chirurgie zu der damaligen Zeit eine absolute Männerdomäne. Ich habe dadurch auch keine Chance gehabt eine Assistenzarzt-Stelle zu bekommen und habe dann unter anderem mich auch bei der Bundeswehr beworben. Mein Vater war Apotheker bei der Bundeswehr, sodass ich das wusste, dass man als Frau nach dem Studium in die Bundeswehr eintreten kann als Seiteneinsteigerin. Ich habe mich dann auch damit beschäftigt und habe mich dann entschieden zur Bundeswehr zu gehen. Die haben mir die Möglichkeit gegeben. Habe dann allerdings relativ rasch meinen Facharzt-Wunsch gewechselt, weil ich mich als Hausärztin der Soldaten verstanden habe, als ich dann als junge Truppenärztin begonnen habe und habe dann die Facharztausbildung für Allgemeinmedizin abgeschlossen.

Tim Kullmann: Wenn man heute auch manchmal in den Medien verfolgt, so ein Chefarzt draußen in einer Uniklinik oder in einem großen Krankenhaus, da ist ja schon ein sechsstelliges Jahresgehalt im höheren Bereich schon fast normal, habe ich mal gelesen. 300.000 Euro so im Durchschnitt. Hatte Sie vielleicht irgendwann mal die Überlegung gehabt nach einer gewissen Zeit bei der Bundeswehr wieder ins zivile Leben zu wechseln und zu sagen, ich möchte draußen auch noch weiter Karriere machen oder haben Sie von Anfang an gesagt „Ach, ich bleibe bei der Truppe“?

Gesine Krüger: Das hatte ich mir eigentlich nicht so vorgestellt, dass ich bei der Truppe bleibe. Die Idee war eigentlich zu sagen, ich mache vier Jahre SAZ. Durch die Tätigkeit als Truppenarzt hat sich wie gesagt mein Facharzt-Wunsch verändert. Facharzt für Allgemeinmedizin, noch ganz junge Facharzt-Weiterbildung. Das hat mich einfach interessiert, dann kam noch hinzu, dass ich bei der Luftwaffe eingestiegen bin und auch die Möglichkeit hatte, mal einen Fliegerarzt zu vertreten. Ich fand das fantastisch, diese fliegerärztliche Tätigkeit. Ich habe dann auch entsprechende Lehrgänge machen dürfen und habe mich dann auch weiterverpflichtet.

Die Überlegung vielleicht im Zivilen Fuß zu fassen fand ich dann doch nicht so attraktiv. Es geht nicht immer nur ums Geld, es geht ja auch um eine gewisse Berufszufriedenheit und auch um die Arbeitsbedingungen, die durchaus – wenn man vielleicht mehr Gehalt hat – durchaus anders sind, als wenn man sagt: Ich bin berufszufrieden bei einem guten Arbeitgeber.

Tim Kullmann: Ist der Sanitätsdienst aus Ihrer Sicht vielleicht auch ein Vorreiter bei der Integration von Frauen in der Bundeswehr?

Gesine Krüger: Der Sanitätsdienst per se#- als Gesundheitsdienst ist ja – wenn man auch in Zivilen guckt – frauenlastig, sag ich mal. Der pflegerische Bereich ist per se#- eigentlich doch auch mit vielen Frauen belegt. Vor diesem Hintergrund ist der Sanitätsdienst mit Sicherheit der Vorreiter was die Integration von Frauen in die Bundeswehr angeht. Ich habe selber verfolgt, den Prozess seinerzeit 2000, das Gerichtsurteil Tanja Kreil, damals war ich im Ministerium und da bereitete man sich darauf vor, dass möglicherweise das Urteil vom Europäischen Gerichtshof alle Teilstreitkräfte sich für Frauen öffnen müssen. Das haben wir damals auch entsprechend vom Ministerium vorbereitet. Dann konnten die anderen Organisationsbereiche von den Erfahrungen des Sanitätsdienstes entsprechend profitieren.

Tim Kullmann: Was war denn die vielleicht schönste Verwendung in Ihrer Dienstzeit? Gibt es da einen Posten wo Sie sagen: das war echt klasse?

Gesine Krüger: Ja das ist immer sehr schwierig zu sagen. Also alle Verwendungen, die ich durchgemacht habe, habe ich gerne gemacht. Die schönste Zeit war sicherlich ganz am Anfang. Nachdem ich meinen Facharzt für Allgemeinmedizin gemacht habe, als ich dann Chefin einer sanitätsdienstlichen Versorgungseinrichtung wurde, das hat mir sehr, sehr viel Freude gemacht. Wo einerseits die Patientenbehandlung, auf der anderen Seite Chef einer Einheit zu sein, wo ich gestalten konnte, wo ich Material-/die Personalverantwortung hatte, das hat mir sehr, sehr viel Freude gemacht. Das Organisieren, die weiteren Verwendungen, die ich hatte bis zuletzt hier als Kommandeurin, das ist natürlich die Krönung, ja eine solche Einrichtung als Kommandeurin leiten zu dürfen.

Tim Kullmann: Wir haben ja heute Kaiserwetter, wie man so schön in Bayern sagt. Sie haben sich auch ein Lied gewünscht: Walking on Sunshine. Warum denn gerade dieses Lied?

Gesine Krüger: Ich habe viele verschiedene Musikrichtungen, die mir gefallen. Also das ist nicht etwas, was ich bis zum Ohrwurm hören würde, aber ich finde es sehr passend und Sie sagen es ja schon, das Wetter ist fantastisch und we are walking on sunshine.

Tim Kullmann: Woraus haben Sie am meisten gelernt im Leben? Aus dem Erfolg oder auch wenn mal was schiefgegangen ist? Wo konnten Sie den meisten Erfahrungsschatz draus ziehen?

Gesine Krüger: Jeder macht Fehler. Jeder der arbeitet, jeder der vorankommen möchte macht Fehler. Das sag ich meinen Leuten auch immer; Stichwort Fehlermanagement. Man muss natürlich zu seinen Fehlern stehen, das ist etwas ganz Wichtiges. Und man muss aus seinen Fehlern lernen. Ich denke, da habe ich schon auch meine Erfahrungen machen dürfen. Ich will jetzt nicht sagen bittere Erfahrungen, sondern ganz im Gegenteil eben gute Erfahrungen, weil es mich weitergebracht hat.

Tim Kullmann: Haben denn junge Soldatinnen und Soldaten vielleicht heute Angst Fehler zu machen?

Gesine Krüger: Ich glaube das hängt natürlich davon ab, wie auch die Vorgesetzten damit umgehen. Das ist – denke ich auch – ein ganz wichtiges Thema im Bereich der Inneren Führung. Das Thema Führen mit Vorbild aber eben auch Umgang mit Fehlern, dass man sich auch traut etwas mal auszuprobieren, das man auch sagt Führen mit Auftrag. Also den sollen die Soldaten sich selber irgendwo auch suchen. Oder überlegen mit den Instrumenten, die sie haben. Dass dann auch mal ein Fehler passieren kann, das ist nach meiner Bewertung in Ordnung. Ich sage das natürlich mit der Einschränkung als Ärztin, weil in der Behandlung von Patienten kann natürlich ein Fehler durchaus tödlich enden. Von daher ist auch das Fehlermanagement, glaube ich, in einer medizinischen Behandlung nochmal ein bisschen anders zu bewerten.