Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verschwand Anfang der 1990er-Jahre der bedrohende Gegner, auf den die Truppe jahrzehntelang ausgerichtet war. Für die bodengebundene Luftverteidigung hatte sich eine über Jahrzehnte gewachsene Ordnung beinahe über Nacht geändert und alte Gewissheiten ihre Grundlage verloren. Mit der Wiedervereinigung übernahm die Bundeswehr Personal, Liegenschaften und Gerät der Nationalen Volksarmee. Ein Teil der Soldaten und Unteroffiziere der NVA-Luftverteidigung wurde in die Strukturen der Luftwaffe eingegliedert. Aus früheren Gegnern wurden so Angehörige einer gemeinsamen Streitkraft. Es war eine Zeit der Übergänge. Die ehemaligen Stellungen der NVA-Luftverteidigung wurden systematisch analysiert, ihr Material gesichtet und bewertet. Ein kleiner Teil der Infrastruktur ließ sich weiternutzen, das veraltete sowjetische Gerät wurde überwiegend ausgesondert, viele Anlagen wurden zurückgebaut. Soldaten, die einander im Ernstfall gegenübergestanden hätten, saßen nun an einem Tisch.
Mit der Entspannung stellte sich zugleich die Frage nach der künftigen Bedeutung der Luftverteidigung. Viele Stellungen wurden geschlossen, Verbände aufgelöst, Waffensysteme eingelagert. Die Erleichterung über das Ende der Konfrontation überlagerte die militärische Bewertung der Lage. Der Flugabwehrverbund wurde deutlich kleiner. Und die Truppe suchte ihre Rolle in einer veränderten sicherheitspolitischen Lage – eine Suche, die Jahre dauern und mehrfach neu ansetzen sollte.