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70 Jahre Luftwaffe

70 Jahre bodengebundene Luftverteidigung: Der Schild über Deutschland

Sie stehen selten im Rampenlicht und sind doch unverzichtbar: Seit Mitte der 1950er-Jahre sichert die bodengebundene Luftverteidigung den Himmel über Deutschland. Vom improvisierten Aufbau im Kalten Krieg über die Wende bis zur Zeitenwende erzählt diese Geschichte von einer Truppe, deren Auftrag sich nie geändert hat – nur die Welt um sie herum.

Drei Lenkflugkörper stehen im Gelände. Ein Logo in Form der Zahl 70 ist rechts unten zu sehen.

Bundeswehr

Wer den Himmel verliert, verliert den Krieg

Der Himmel über Deutschland war nie selbstverständlich sicher. Seit Mitte der 1950er-Jahre sorgen dafür Soldatinnen und Soldaten am Boden – mit Radar, Lenkflugkörpern und der ständigen Bereitschaft, im Ernstfall in Sekunden zu reagieren. Sieben Kapitel zeichnen die Geschichte der bodengebundenen Luftverteidigung nach: vom grundlegenden Aufbau aus dem Nichts über die Wache im Kalten Krieg bis zur Rückkehr ihrer besonderen Bedeutung in der Gegenwart.

1955

Ein Himmel ohne Schutz

Flak 40mm L 70

Bundeswehr/Siwik

Mit der Aufstellung der Bundeswehr 1955 stellte sich eine Frage von strategischem Gewicht: Wie lässt sich der Luftraum der jungen Bundesrepublik gegen einen Angriff aus der Luft sichern? Die Lage war eindeutig. Westdeutschland lag an der Nahtstelle zweier Bündnissysteme, in unmittelbarer Reichweite der Luftstreitkräfte des Warschauer Pakts. Deren Bomber- und Jagdbomberverbände hätten zentrale Ziele binnen Minuten erreichen können. Eine wirksame Verteidigung erforderte neben Abfangjägern einen Verbund am Boden, der die Luftverteidigung der NATO ergänzte: Radarstationen zur Aufklärung und Führung, dazu Flugabwehrraketen, die anfliegende Ziele in unterschiedlichen Höhen und Entfernungen bekämpfen konnten. Aus diesem Auftrag entstand die Flugabwehrraketentruppe. Am Anfang fehlte es noch an Gerät, an ausgebildetem Personal und an erprobten Verfahren. Die Bundesrepublik war zudem auf die Integration in die NATO angewiesen, die eine funktionierende Luftverteidigung von Beginn an als Bündnisaufgabe definierte. 

In den folgenden Jahren stellte die Luftwaffe die ersten Flugabwehrraketenverbände auf, gegliedert in zwei sich ergänzende Schichten: das System Nike – zunächst Nike Ajax, bald darauf das leistungsfähigere Nike Hercules – für große Höhen und Reichweiten und das System HAWK für den Schutz im mittleren und niedrigen Höhenbereich. Beide Systeme waren in den integrierten Luftverteidigungsverbund der NATO eingebunden und unterlagen einer gemeinsamen Führung.

 

1956

Erste Stellungen

Luftlageauswertewagen 1962

Bundeswehr/Siwik

Der Aufbau der Flugabwehrraketentruppe in den 1950er- und 1960er-Jahren folgte nach militärischer Logik in sogenannten Clustern: Die neuen Standorte wurden so verteilt, dass sie Ballungsräume, Flugplätze und die mutmaßlichen Anflugkorridore aus dem Osten sicherten. So entstanden Nike-Stellungen mit festen Startanlagen in Bayern, in der Norddeutschen Tiefebene und entlang der Mittelgebirge, dazu HAWK-Stellungen für den tieferen Höhenbereich. Mancher Radarposten lag abgesetzt mitten im Wald. Die Bedingungen der Aufbaujahre waren einfach. Baracken dienten als Unterkunft, viele Wege waren unbefestigt, die Infrastruktur entstand parallel zum Dienstbetrieb. Die Ausbildung an den neuen US-amerikanischen Systemen übernahmen zunächst US-Streitkräfte, an deren Verfahren und Gerät sich die deutschen Besatzungen Schritt für Schritt heranarbeiteten.

Im Mittelpunkt der Ausbildung stand der Umgang mit Radar- und Lenkflugkörpertechnik, die für die damalige Zeit anspruchsvoll und wartungsintensiv war. Bedienung, Instandhaltung und das Zusammenwirken von Aufklärung, Feuerleitung und Waffe mussten von Grund auf erlernt werden. Verfahren wurden festgelegt, geübt und optimiert. Der Dienst lief im Schichtbetrieb, denn die Reaktionszeiten im Ernstfall bemaßen sich in Minuten, und entscheidend war das fehlerfreie Zusammenspiel unter Zeitdruck. Aus den improvisierten Anfängen entwickelte sich so eine einsatzfähige Truppengattung mit klar umrissenem Auftrag.
 

1980

Wache im Kalten Krieg

Nike

Bundeswehr/Storz

In den 1970er- und 1980er-Jahren war die bodengebundene Luftverteidigung vollständig ausgebaut. Aus dem Aufbau war Routine geworden, doch die Routine blieb anspruchsvoll. Die Stellungen an der Nahtstelle zweier Bündnissysteme waren rund um die Uhr besetzt, an jedem Tag des Jahres, in einem festen Rhythmus aus Schichten, Bereitschaften und Alarmübungen. Im Alarmfall mussten die Besatzungen sofort einsatzbereit sein, die Geräte hochgefahren, die Systeme verfügbar. Das verlangte Konzentration, eine gute Ausbildung und ein eingespieltes Zusammenwirken über Jahre hinweg. Den Kern bildeten in dieser Zeit Nike Hercules und HAWK; mit dem System Roland kam ein hochbewegliches Waffensystem für den Nächstbereich hinzu, das vor allem dem Schutz von Flugplätzen diente. Der Auftrag war von Beginn an Teil einer Gemeinschaftsleistung der NATO. In den Gefechtsständen arbeiteten deutsche Soldaten mit US-amerikanischen, britischen und niederländischen Kameraden zusammen, teilten Verantwortung und denselben Luftraum. Für tausende Soldaten und ihre Familien wurden die Standorte im Hinterland zum Lebensmittelpunkt. Sie prägten die Dörfer und Kleinstädte entlang der innerdeutschen Grenze. Die Sicherheit, die die Bevölkerung als selbstverständlich empfand, wurde hier im Schichtbetrieb erarbeitet.

1990

Die Wende und das Ende einer Ordnung

Flugabwehrrakete HAWK

Bundeswehr/Modes

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs verschwand Anfang der 1990er-Jahre der bedrohende Gegner, auf den die Truppe jahrzehntelang ausgerichtet war. Für die bodengebundene Luftverteidigung hatte sich eine über Jahrzehnte gewachsene Ordnung beinahe über Nacht geändert und alte Gewissheiten ihre Grundlage verloren. Mit der Wiedervereinigung übernahm die Bundeswehr Personal, Liegenschaften und Gerät der Nationalen Volksarmee. Ein Teil der Soldaten und Unteroffiziere der NVA-Luftverteidigung wurde in die Strukturen der Luftwaffe eingegliedert. Aus früheren Gegnern wurden so Angehörige einer gemeinsamen Streitkraft. Es war eine Zeit der Übergänge. Die ehemaligen Stellungen der NVA-Luftverteidigung wurden systematisch analysiert, ihr Material gesichtet und bewertet. Ein kleiner Teil der Infrastruktur ließ sich weiternutzen, das veraltete sowjetische Gerät wurde überwiegend ausgesondert, viele Anlagen wurden zurückgebaut. Soldaten, die einander im Ernstfall gegenübergestanden hätten, saßen nun an einem Tisch. 

Mit der Entspannung stellte sich zugleich die Frage nach der künftigen Bedeutung der Luftverteidigung. Viele Stellungen wurden geschlossen, Verbände aufgelöst, Waffensysteme eingelagert. Die Erleichterung über das Ende der Konfrontation überlagerte die militärische Bewertung der Lage. Der Flugabwehrverbund wurde deutlich kleiner. Und die Truppe suchte ihre Rolle in einer veränderten sicherheitspolitischen Lage – eine Suche, die Jahre dauern und mehrfach neu ansetzen sollte.

2000

Der Gang in die Welt

Flugabwehrraketensystem PATRIOT

Bundeswehr/Modes

Die Antwort auf die Suche der 1990er- und 2000er-Jahre hieß Beweglichkeit. Der ortsfeste Auftrag, den eigenen Heimatboden zu verteidigen, trat in den Hintergrund. Der Schwerpunkt verschob sich in die Einsatzgebiete des Bündnisses. Aus festen Bunkern wurden verlegbare Gefechtsstände, die in Transportflugzeuge passten. In dieselbe Zeit fiel ein technischer Generationswechsel: Das in die Jahre gekommene System Nike wurde ausgemustert, an seine Stelle trat Patriot, das fortan zusammen mit dem modernisierten HAWK das Rückgrat der Truppe bildete.
Die Bandbreite der Aufträge reichte jetzt von der Sicherung von Feldlagern in Einsatzgebieten wie Afghanistan bis zum Schutz von Bündnispartnern. Bei der Operation Active Fence verlegte die Luftwaffe ab 2013 Patriot-Verbände in die Türkei, um den NATO-Partner gegen mögliche Flugkörperangriffe aus dem syrischen Bürgerkrieg zu schützen. Hinzu kam die Beteiligung am verstärkten Luftraumschutz im Bündnisgebiet, die das Zusammenwirken mit der fliegenden Komponente einübte. Der Dienst fand nicht mehr allein im Schwarzwald oder in der Lüneburger Heide statt, sondern ebenso unter fremdem Himmel. Klima, Logistik und Bedrohungslage mussten immer wieder neu bewertet werden. Es war der Wandel einer Truppe, die sich anpasste, ohne ihren Kernauftrag aufzugeben. Der Blick in die Ferne hatte jedoch seinen Preis. Während im Einsatz Erfahrung wuchs, trat die Verteidigung des eigenen Luftraums weiter in den Hintergrund.

2010

Die Jahre der Lücke

Mantis

Bundeswehr/Rheinmetall

In den 2010er-Jahren traf die Friedensdividende die bodengebundene Luftverteidigung mit voller Härte. Die Verbände schrumpften, Fähigkeiten wurden zurückgefahren, Flugabwehrraketengruppen aufgelöst. In Politik und Öffentlichkeit galt die Abwehr von Bedrohungen aus der Luft über Europa weithin als Aufgabe des vergangenen Jahrhunderts. Ihre Wichtigkeit wurde unterschätzt, das Personal knapper, das Material älter. Es waren Jahre der Mangelverwaltung. Wer in dieser Zeit bei der Flugabwehrraketentruppe blieb, brauchte Durchhaltevermögen und Überzeugung. Mit Improvisation und Einsatz hielten die Soldatinnen und Soldaten die verbliebenen Systeme einsatzbereit, während die Lücken im Verbund größer wurden. Auch im Nächstbereichsschutz dünnte die Truppe aus: Roland wurde außer Dienst gestellt, vom flugabwehrtauglichen Waffenträger Ozelot blieb nur ein kleiner Bestand. Das modulare Schutzsystem MANTIS für den Nächstbereich wurde neu eingeführt. Ersatzteile wurden knapp, Standorte zusammengelegt, erfahrenes Personal verließ die Truppe und hinterließ Lücken, die sich kaum füllen ließen.

Mitte des Jahrzehnts veränderte sich die Bedrohungslage wieder. Drohnentechnologien kamen auf und wurden zu einer ganz neuen Herausforderung, Marschflugkörper wurden präziser. Im Rückblick erwies sich der Abbau der Luftverteidigungsfähigkeiten angesichts der veränderten Sicherheitslage als problematisch. Am Ende des Jahrzehnts ahnte man bereits, dass die Flugabwehrtruppe schneller wieder gebraucht werden würde als gedacht.

2022

Wache von morgen

Luftwaffe im Einsatz bei Spartan Arrow 2024

Bundeswehr/Tom Twardy

Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 kehrte der Krieg nach Europa zurück. Die bodengebundene Luftverteidigung stand schlagartig im Zentrum der nationalen Sicherheit und der des Bündnisses. Die unmittelbar ausgerufene Zeitenwende forderte genau die Fähigkeiten zurück, die über Jahre zurückgefahren worden waren. Binnen kurzer Zeit verlegten deutsche Kräfte an die Ostflanke der NATO. Zugleich bildete die Truppe ukrainische Soldatinnen und Soldaten an Systemen wie Patriot und IRIS-T SLM aus, die Deutschland an die Ukraine lieferte. Es war im Kern derselbe Auftrag wie 1956: den Luftraum sichern, Präsenz zeigen, zur Abschreckung beitragen.

Heute wächst eine neue Generation in den zum Teil wieder im Aufbau befindlichen Stellungen heran. Sie übernimmt moderne, vernetzte Systeme und denkt in europäischen Dimensionen. Mit der European Sky Shield Initiative entsteht ein gemeinsamer Verbund der Luftverteidigung über mehr als ein Dutzend Staaten hinweg. Den deutschen Beitrag bilden künftig drei sich ergänzende Schichten: Patriot und das neu eingeführte IRIS-T SLM für den mittleren Bereich sowie das System Arrow, das erstmals die Abwehr ballistischer Flugkörper außerhalb der Atmosphäre ermöglicht. Damit schließt sich der Bogen zu den Pionieren der 1950er-Jahre. Die Lage ist komplexer geworden, die Bedrohungen sind schneller und schwerer zu erkennen, doch die Grundkonstante ist geblieben. Der Luftraum über Deutschland und Europa ist nur dann sicher, wenn Soldatinnen und Soldaten am Boden für ihn Verantwortung übernehmen.
 

Geschichte der Luftwaffe – Rückblick auf 70 Jahre
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