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70 Jahre Luftwaffe

Die Inspekteure der Luftwaffe: Führung vom Kalten Krieg bis zur Zeitenwende

Sie haben die Luftwaffe durch Aufbau, Krise und Neuausrichtung geführt: Vom ersten Inspekteur Josef Kammhuber 1957 bis zum aktuellen Chef Holger Neumann haben 17 Generale die Teilstreitkraft geprägt. Ihre Amtszeiten spiegeln 70 Jahre Bundesrepublik wider. Jeder stand vor einer anderen Lage und hinterließ seine eigenen Spuren.

General Steinhoff neben einer Fiat G-91.

Bundesarchiv

Siebzehn Inspekteure und die von ihnen geprägten Epochen

Von der Kubakrise bis zum Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine: Die 17 Inspekteure der Luftwaffe haben ihre Teilstreitkraft durch 70 Jahre Sicherheitspolitik geführt. Jeder trat zu einem anderen Zeitpunkt an, jeder stand vor anderen Anforderungen. Was alle verbindet: die Verantwortung für eine Teilstreitkraft, die NATO-Kompatibilität mit nationalem Auftrag verbinden muss. Diese Porträts zeigen, wie Führung in der Praxis aussah.

1957

Josef Kammhuber: Der erste Inspekteur

Generalleutnant Josef Kammhuber

Bundesarchiv

1. Juni 1957: Josef Kammhuber tritt vor die Kamera, legt den Eid ab und übernimmt das Kommando. Die Bundesrepublik hat ihren ersten Inspekteur der Luftwaffe. Kammhuber war kein Unbekannter. Im Zweiten Weltkrieg hatte er die deutsche Nachtjagd aufgebaut, die sogenannte Kammhuberlinie. Der Abwehrgürtel aus Radarstationen und Jägern sollte alliierte Bomber über dem Reichsgebiet stoppen. Nun kam er zurück in Uniform – für die Bundesrepublik Deutschland mit demokratischen Werten. Die Luftwaffe, die er übernahm, war noch ein Gerüst. Flugplätze wurden gebaut, Personal ausgebildet, Verbände aufgestellt. Kammhubers Führungsprinzipien waren Professionalität und Bündnistreue. Die Luftwaffe sollte nicht nur fliegen können, sie sollte NATO-kompatibel sein: in Technik, Ausbildung und Führungsstrukturen. Das war keine Selbstverständlichkeit. Eine Armee in einem Land aufzubauen, das wenige Jahre zuvor noch Krieg geführt hatte gegen dieselben Partner, die nun Verbündete sein sollten, erforderte mehr als Organisationstalent.

Als 1961 die Berliner Mauer gebaut wurde, stand die NATO unter realem Drucktest. Für die junge Luftwaffe war das eine Bewährungsprobe. Kammhubers Leistung liegt darin, unter diesen Bedingungen aus einer Aufbauorganisation eine handlungsfähige Teilstreitkraft geformt zu haben. Bis 1962, als er das Amt abgab, hatte er eine funktionsfähige Luftwaffe aufgebaut: verlässlich, strukturiert und westlich integriert.

1962

Werner Panitzki: Verantwortung im System

Inspekteur Luftwaffe

Bundeswehr/Manfred Rademacher

Werner Panitzki trat im Oktober 1962 das Amt in einer Phase maximaler Spannung an. Wenige Wochen später erreichte die Kubakrise ihren Höhepunkt. Abschreckung war keine Theorie mehr, sondern konkrete Realität. Panitzki führte eine Luftwaffe, die sich technisch und konzeptionell neu ausrichtete. Der neue Kampfjet F-104G Starfighter stand für Geschwindigkeit, Bündnisintegration und nukleare Teilhabe. Gleichzeitig zeigte sich früh, dass Beschaffung, Ausbildung und Einsatzkonzept nicht immer zusammenpassten. Panitzki sprach das offen an. Er kritisierte Fehlentwicklungen und benannte Risiken, auch gegenüber der politischen Ebene. Damit verschob er den Fokus: weg von reiner Umsetzung, hin zu Verantwortung im System. In einer Institution, die noch jung war und sich nach außen geschlossen präsentieren wollte, war das kein selbstverständlicher Schritt.

Seine Amtszeit endete, oft verbunden mit persönlicher Kritik, 1966 im Kontext der Starfighter-Debatte. Tatsächlich markierte sie einen frühen Punkt, an dem interne Kritik institutionell sichtbar wurde. Panitzki steht damit für eine Form von Führung, die Widerspruch einschloss – und die Frage nach Verantwortung nicht auf die politische Ebene delegierte, sondern sie innerhalb der militärischen Führung stellte.
 

1966

Johannes Steinhoff: Führung aus der Krise

General Steinhoff neben einer Fiat G-91.

Bundesarchiv

Johannes Steinhoff fand eine Luftwaffe in der Krise vor. Die Starfighter-Unfälle hatten Vertrauen zerstört – intern wie öffentlich. Die Frage war nicht mehr, ob gehandelt werden musste, sondern wo. Steinhoff setzte nicht beim Flugzeug an, sondern bei den Strukturen dahinter. Ausbildung, Verfahren und Verantwortlichkeiten wurden in den Mittelpunkt gerückt. Er zog Standards an, ordnete Zuständigkeiten neu und forderte Konsequenz in der Umsetzung. Sein Ansatz war klar: Sicherheit ist keine technische Frage, sondern Führungsaufgabe. Fehler entstehen nicht erst im Cockpit, sondern oft vorher – in der Planung, in der Ausbildung, in der Entscheidungskultur. Unter Steinhoff stabilisierte sich der Flugbetrieb schrittweise. Die Krise verschwand nicht sofort, wurde aber beherrschbar. Gleichzeitig schuf er Voraussetzungen für die spätere Modernisierung – strukturell und personell. 

Seine Leistung liegt weniger im schnellen Effekt als in einer strukturellen Korrektur. Er führte die Luftwaffe aus einer Vertrauenskrise zurück in verlässliche Abläufe und legte damit die Grundlage dafür, dass die Teilstreitkraft wieder handlungsfähig wurde. Das erforderte Geduld und eine Führungshaltung, die Systeme versteht, nicht nur Maschinen.

1971

Günther Rall: Stabilität nach der Krise

Übergabe Phantom

Bundesarchiv

Günther Rall stand einer Luftwaffe vor, die sich gerade gefangen hatte. Die große Starfighter-Krise lag hinter ihr. Vertrauen musste jetzt dauerhaft gesichert, nicht nur wiederhergestellt werden. Rall setzte auf Kontinuität. Reformen wurden nicht neu erfunden, sondern konsequent umgesetzt, die Ausbildung standardisiert, die Einsatzbereitschaft messbar gemacht und Abläufe routiniert. Das klingt unspektakulär. Aber genau darin lag die Absicht. Sein Führungsstil war zurückhaltend. Keine großen Programme, sondern stabile Prozesse. Die Luftwaffe sollte funktionieren, nicht auffallen. In einem Bündnis, das auf verlässliche Partner angewiesen war, passte das zur Lage. Die NATO brauchte in dieser Phase Berechenbarkeit. Rall lieferte das: eine Teilstreitkraft, die ihre Aufgaben erfüllte, ohne ständig im Fokus zu stehen.

Bis 1974 stand die Luftwaffe auf einem stabilen Fundament. Ralls Leistung liegt darin, eine Organisation nach der Krise in einen belastbaren Normalzustand geführt zu haben – und ihn zu halten. Was nach außen unspektakulär wirkte, war nach innen die Bedingung für Konsolidierung und dauerhaft verlässlichen Betrieb.

1974

Gerhard Limberg: Systemdenken mit dem Tornado

Generalleutnant Gerhard Limberg

Bundesarchiv

Gerhard Limberg begann seine Amtszeit mitten in einem technologischen Umbruch. Mit dem Tornado entstand ein Waffensystem, das neue Anforderungen stellte – an Ausbildung, Bodenorganisation und Führung. Limberg verschob den Blick auf Luftmacht. Nicht mehr nur das Flugzeug zählte, sondern das Zusammenspiel von Sensorik, Elektronik, Ausbildung und Bodeninfrastruktur. Der Tornado war kein Nachfolger, er war ein Systemsprung. Das veränderte Führung. Technisches Verständnis wurde zur Voraussetzung für Entscheidungen. Komplexität nahm zu, Abstimmung zwischen Industrie, Bündnis und eigenem Betrieb wurde wichtiger. Limberg behandelte den Tornado nicht als reines Beschaffungsprojekt. Er verstand ihn als Teil eines Systems, das Verfahren und Strukturen der gesamten Teilstreitkraft mitveränderte – nicht nur der fliegenden Verbände.

Als er 1978 übergab, war dieser Wandel noch nicht vollständig sichtbar. Aber die Grundlagen waren gelegt. Seine Leistung liegt darin, einen technologischen Übergang früh strukturell verankert und die Luftwaffe auf eine neue Komplexitätsstufe vorbereitet zu haben, bevor der Betrieb die Kraft dazu aufzehrte.

1978

Friedrich Obleser: Kurs halten unter Druck

Erstflug Inspekteur Luftwaffe mit Alpha Jet

Bundeswehr/Günther Oed

Friedrich Obleser trat die Führung der Luftwaffe in einer angespannten Phase des Kalten Krieges an. Der NATO-Doppelbeschluss und die politische Debatte darüber prägten die Lage. Die öffentliche Diskussion über Nachrüstung wurde lauter. Gleichzeitig lief die Einführung des Tornados. Technischer Wandel und politischer Druck trafen zusammen. Beides verlangte Führungsaufmerksamkeit. Obleser reagierte mit Stabilität. Er vermied Richtungswechsel und hielt die Luftwaffe auf Kurs. Einführung neuer Systeme, Bündnisverpflichtungen und öffentliche Diskussionen liefen parallel ab, ohne dass die Teilstreitkraft die Orientierung verlor. Sein Ansatz war bewusst unspektakulär: keine hektischen Anpassungen, keine öffentlichen Positionierungen, sondern konsequente Linie. Das erforderte eine Führungshaltung, die Druck erkannte, ohne davon getrieben zu werden.

Die Luftwaffe blieb handlungsfähig und verlässlich in das Bündnis eingebunden. Obleser steht für Führung, die in angespannten Zeiten vor allem eines leistete: Kurs halten – auch dann, wenn externe Lage und interne Anforderungen gleichzeitig in verschiedene Richtungen ziehen.

1983

Eberhard Eimler: Professionalität unter Beobachtung

Inspekteur Luftwaffe

Bundesarchiv

Eberhard Eimler stand von Beginn an unter Beobachtung. Die Nachrüstungsdebatte prägte den Rahmen. Militärische Führung stand stärker im öffentlichen Fokus als in den Jahren zuvor. Entscheidungen wurden nicht mehr nur intern bewertet, sondern öffentlich diskutiert. Das veränderte die Kommunikationsanforderungen an die Führung – nicht nur die operativen. Eimler blieb sachlich. Er setzte auf Professionalität im Betrieb. Tornado und Alpha Jet prägten Ausbildung und Einsatz, der Flugbetrieb lief stabil. Seine Amtszeit markierte auch einen Generationswechsel. Führung wurde weniger durch eigene Kriegserfahrung bestimmt, sondern stärker durch Bundeswehr-Sozialisation und institutionelle Prägung. Das veränderte den Umgang mit Tradition, mit Fehlern und mit öffentlicher Kritik.

Bis 1987 führte Eimler die Luftwaffe stabil durch eine Phase hohen politischen Drucks. Seine Leistung liegt in ruhiger, konsistenter Führung unter Beobachtung – und darin, die Teilstreitkraft aus dem politischen Streit der Nachrüstungsdebatte operativ herauszuhalten.

1989

Horst Jungkurth: Zwei Luftwaffen, eine Aufgabe

Generalleutnant Horst Jungkurth

Bundesarchiv

Was auf Horst Jungkurth zukam, war beim Dienstantritt noch nicht abzusehen. Zwei Jahre später fiel die Berliner Mauer, im Jahr darauf kam die deutsche Wiedervereinigung. Damit begann eine Aufgabe, für die es keine Blaupause gab: die Integration einer zweiten Luftwaffe. Jungkurth stand vor einer Herausforderung, die gleichzeitig auf mehreren Ebenen lief. Die Luftstreitkräfte der DDR brachten eigenes Material, eigene Verfahren und eine andere Prägung mit. Entscheidungen betrafen Personal, Ausbildung und Strukturen zugleich – in einem politischen Umfeld, das sich täglich weiterentwickelte. Er ging pragmatisch vor. Nicht alles wurde übernommen, aber ausgewählt integriert. Die MiG-29 wurde vorübergehend Teil der Luftwaffe und operativ genutzt. Das war kein symbolischer Akt, sondern eine funktionale Entscheidung. Seine Führung zeigte sich im Umgang mit Unsicherheit. Es gab keinen festen Plan, nur Leitlinien und laufende Anpassung. Wer in dieser Phase auf Perfektion wartet, verliert Zeit, wer zu schnell vorgeht, riskiert Brüche.

Bis Anfang der 1990er-Jahre entstand aus zwei Luftwaffen eine. Jungkurth steht für Führung in einer einmaligen Übergangslage – geprägt von Improvisation im besten Sinne.

1992

Hans-Jörg Kuebart: Einheit in der Praxis

VM Rühe besucht Jagdbombergeschwader 34

Bundeswehr/Detmar Modes

Hans-Jörg Kuebart stand vor der operativen Phase der Integration der Luftstreitkräfte. Die Übernahme der NVA in die Bundeswehr war abgeschlossen, jetzt mussten die Strukturen auch wirklich funktionieren. Kuebart richtete den Blick auf Einsatzfähigkeit. Systeme wurden vereinheitlicht, Verfahren angepasst, Verbände neu geordnet. Der organisatorische Rahmen stand – aber Rahmen und Funktion sind nicht dasselbe. Ein prägnantes Beispiel war die Nutzung der MiG-29. Sie wurde nicht nur übernommen, sondern gezielt in Übungen eingebracht – und mit Blick auf gegnerische Taktiken zum eigenen Vorteil genutzt. Das war ein seltener Fall, in dem Integration strategischen Mehrwert erzeugte. Kuebart verband unterschiedliche Erfahrungen zu einem gemeinsamen Standard, weniger sichtbar als politische Entscheidungen, aber entscheidend für den Betrieb. 

Bis 1994 war die Luftwaffe nicht nur organisatorisch vereint, sondern einsatzfähig. Seine Leistung liegt in der praktischen Umsetzung der Einheit – und darin, den Zusammenschluss funktional geschlossen zu haben.

1994

Bernhard Mende: Orientierung ohne Bedrohungsbild

Inspekteur der Luftwaffe

Bundeswehr/Modes

Bernhard Mende trat ein Erbe an, das sich verändert hatte. Der Kalte Krieg war vorbei, das Ordnungsprinzip der gegensätzlichen Blöcke, an dem sich Planung und Struktur jahrzehntelang orientiert hatten, weggefallen. Mende musste Orientierung geben, wo die Lage keine klaren Konturen mehr bot. Einsätze außerhalb des Bündnisgebiets wurden möglich, gleichzeitig Strukturen reduziert. Beides gleichzeitig zu steuern, erforderte ein klares Verständnis davon, wohin die Teilstreitkraft sich entwickeln sollte. Er brachte seine Perspektive aus der bodengebundenen Luftverteidigung ein. Luftmacht dachte er systemisch, nicht nur fliegerisch. Das erweiterte den konzeptionellen Rahmen. Unter ihm verschob sich der Fokus. Vorbereitung auf klassische Landesverteidigung trat zurück, internationale Einsätze gewannen an Bedeutung. Das entsprach dem politischen Willen der Zeit – aber die operative Vorbereitung darauf musste erst entwickelt werden.

Bis 1997 entstand ein neues Verständnis von Auftrag und Einsatz für die Bundeswehr und damit der Luftwaffe. Mende steht für Führung in einer Phase strategischer Unklarheit – und für die Fähigkeit, eine Organisation trotzdem in Bewegung zu halten.

1997

Rolf Portz: Aus Planung wird Einsatz

Generalleutnant Rolf Portz

Bundeswehr/Archiv

Rolf Portz wurde Inspekteur kurz vor einem weiteren großen Einschnitt. Sicherheitspolitische Theorie verwandelte sich in operative Realität. Diese Realität hieß Kosovo. 1999 flogen deutsche Tornados erstmals Kampfeinsätze im Rahmen der NATO. Tornado ECR starteten zu Missionen zur Unterdrückung feindlicher Flugabwehr. Das war militärisch bedeutend, politisch hochsensibel und historisch ein Einschnitt. Für die Luftwaffe bedeutete das mehr als einen Einsatz, es veränderte das Selbstverständnis. Portz führte sie in einer Zeit der institutionellen Anpassung. Es ging plötzlich um Rules of Engagement, Mandate, Bündnisoperationen und politische Kontrolle unter laufendem Einsatz. Die Luftwaffe bewegte sich in einem multinationalen Rahmen, der klare Zuständigkeiten und saubere Verfahren verlangte. Prozesse, Ausbildung und Selbstverständnis veränderten sich. Einsatz war nicht mehr Ausnahme, sondern wurde Teil des normalen Betriebs.

Bis 2001 war dieser Übergang vollzogen. Portz steht für Führung in einem Moment, in dem aus Möglichkeiten konkrete Praxis wurde – und in dem die Teilstreitkraft lernte, was es bedeutet, wenn der Ernstfall eintritt.

2001

Gerhard W. Back: Anpassen an eine neue Logik

Gerhard Back, Inspekteur der Luftwaffe - Porträt

Bundeswehr/Anne Fischer

Gerhard W. Back begann seine Amtszeit in einem Umfeld, das sich wenige Monate später grundlegend verändern sollte. Nach den Anschlägen vom 11. September verschob sich das sicherheitspolitische Koordinatensystem – schnell und dauerhaft. Nicht Staat gegen Staat, sondern transnationale Gewalt, asymmetrische Konflikte und neue Einsatzräume prägten plötzlich das strategische Denken. Einsätze wurden internationaler und langfristiger. Afghanistan wurde zum zentralen Bezugspunkt. Das war keine Übung mehr, sondern dauerhafter Einsatz mit komplexen Anforderungen – logistisch, operativ, politisch. Back richtete die Luftwaffe darauf aus. Für Luftstreitkräfte bedeutete das eine neue Logik. Strategischer Lufttransport, Unterstützung multinationaler Operationen und globale Einsatzfähigkeit rückten in den Vordergrund. Das waren keine neuen Fähigkeiten, die aus dem Nichts entstehen konnten. Back verschob die Prioritäten und verlangte konsequente Umsetzung. Führung bedeutete hier, neue Anforderungen schnell in Strukturen zu übersetzen. 

Bis 2004 war klar, dass sich Aufgaben dauerhaft verändert hatten. Back steht für die Anpassung an eine neue Einsatzlogik – und für die Überzeugung, dass eine Luftwaffe, die nur auf klassische Szenarien vorbereitet war, den Anforderungen des frühen 21. Jahrhunderts nicht mehr gerecht werden würde.

2004

Klaus-Peter Stieglitz: Umbau unter Belastung

Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA)

Bundeswehr/Michael Mandt

Klaus-Peter Stieglitz stand vor einer seltenen Konstellation. Die Luftwaffe befand sich im Dauereinsatz und sollte gleichzeitig tiefgreifend umgebaut werden. Afghanistan band Kräfte. Parallel wurde mit dem Eurofighter ein neues Kampfflugzeug eingeführt. Stieglitz musste beides verbinden: Einsatzfähigkeit sichern und gleichzeitig umbauen. Das war strukturell anspruchsvoll, weil beide Aufgaben dieselben Ressourcen beanspruchten. Stieglitz reduzierte Strukturen, bündelte Fähigkeiten und hielt den Betrieb stabil. Seine Entscheidungen wirkten oft unspektakulär, griffen aber tief in die Organisation ein. Eine Luftwaffe zu verkleinern, ohne dass sie schwächer wurde – das war die eigentliche Herausforderung. Der Eurofighter veränderte nicht nur den Flugbetrieb, sondern auch Ausbildungswege, Wartungskonzepte und Anforderungen an Personal. Das musste konzeptionell vorbereitet werden, bevor das erste Flugzeug den Verband erreichte.

Als er 2009 übergab, war die Luftwaffe kleiner als zuvor, aber in ihren Kernfähigkeiten klarer konturiert. Stieglitz steht für eine Phase, in der sich die Luftwaffe unter laufender Belastung neu ausrichtete.

2009

Aarne Kreuzinger-Janik: Fokus auf das Machbare

Minister de Maizière bei der Luftwaffe

Bundeswehr/Andrea Bienert

Für Aarne Kreuzinger-Janik galt von Beginn an: Das Machbare zählt, nicht das Wünschbare. Knappe Ressourcen und hohe Anforderungen prägten seine Amtszeit. Das Spannungsfeld zwischen beidem war nicht neu, aber selten so ausgeprägt wie in diesen Jahren. Der Kampfpilot erweiterte den Blick auf Luftmacht. Unterstützung und Verlegung rückten stärker in den Fokus. Luftmacht bedeutete dabei nicht nur den Einsatz von Kampfflugzeugen, sondern auch die Fähigkeit, Kräfte dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wurden. Afghanistan lief weiter. Material war begrenzt. Die Einführung des Transportflugzeugs A400M verzögerte sich. Gleichzeitig blieben die Verpflichtungen gegenüber dem Bündnis bestehen. Diese Lücke zu überbrücken, ohne Einsatzfähigkeit zu verlieren, erforderte konsequente Priorisierung. Kreuzinger-Janik konzentrierte sich auf das Machbare. Denn wer Ressourcen auf zu viele Ziele verteilt, erreicht keines davon.

Bis 2012 blieb die Luftwaffe handlungsfähig, trotz begrenzter Mittel. Kreuzinger-Janiks Leistung liegt in der konsequenten Fokussierung – und darin, Erwartungsmanagement und Einsatzfähigkeit gleichzeitig bedient zu haben, ohne dass dabei die Glaubwürdigkeit der Teilstreitkraft Schaden nahm.

2012

Karl Müllner: Zurück zur Kernaufgabe

Letzte Übergabe H145M LUH SOF

Bundeswehr/Johannes Heyn

Karl Müllner trat an in scheinbarer Kontinuität. Zwei Jahre später veränderte die Annexion der Krim durch Russland die Lage grundlegend. Was über Jahre in den Hintergrund getreten war, kehrte zurück: die Landes- und Bündnisverteidigung, nicht als rhetorische Formel, sondern als planerische Realität. Müllner setzte früh an. Strukturen und Fähigkeiten wurden neu gewichtet, noch bevor die politische Debatte darüber Fahrt aufnahm. Das war ein wichtiger Unterschied: nicht auf den politischen Auftrag zu warten, sondern den Handlungsbedarf selbst zu erkennen und zu benennen. Planung und Ausbildung wurden angepasst. Was jahrelang für Auslandseinsätze optimiert worden war, musste nun wieder auf ein anderes Szenario ausgerichtet werden. Das betraf nicht nur Fähigkeiten, sondern auch das Selbstverständnis der Teilstreitkraft. Parallel liefen Projekte wie der A400M an. Modernisierung und strategische Neuausrichtung griffen ineinander. Beides gleichzeitig zu führen, verlangte von Müllner Klarheit über Prioritäten.

Bis 2018 war der neue Kurs klar gesetzt. Müllner steht für die Vorbereitung einer Rückkehr zur Kernaufgabe – und für eine Führungshaltung, die Lageentwicklungen vorherzusehen, statt auf sie zu reagieren.

2018

Ingo Gerhartz: Tempo in der Zeitenwende

Inspekteur der Luftwaffe bei Air Defender 2023.

Bundeswehr/Luftwaffe

Ingo Gerhartz setzte als Inspekteur früh ein Signal: Sichtbarkeit. Einsätze, Übungen und Fähigkeiten wurden offensiver kommuniziert. Die Luftwaffe trat nach außen stärker in Erscheinung – in der Öffentlichkeit, im Bündnis, in der politischen Debatte. Die Forderungen nach mehr Investitionen, mehr Fähigkeiten und mehr Bereitschaft nahmen ohnehin zu. Gerhartz nutzte diesen Moment aktiv. Mit der russischen Vollinvasion in der Ukraine ab Februar 2022 stieg der Druck deutlich. Tempo, Priorisierung und Umsetzung rückten in den Vordergrund. Was zuvor strategische Planung war, wurde operative Notwendigkeit. Gerhartz ließ Beschaffungsentscheidungen beschleunigen und Fähigkeitslücken priorisiert adressieren. Großvorhaben wie Air Defender 2023 zeigten die Rolle der Luftwaffe im Bündnis. Die größte Luftverteidigungsübung in der Geschichte der NATO war auch ein Signal: dass die Bundeswehr Führungsverantwortung übernimmt und liefern kann.

Bis 2025 war die Luftwaffe deutlich weiter in der Modernisierung. Gerhartz steht für Führung in einer Phase erhöhter Erwartung und Geschwindigkeit – und dafür, dass Tempo kein Selbstzweck ist, sondern Ausdruck einer Lage, die keine langen Vorlaufzeiten mehr duldet.

2025

Holger Neumann: Führung in der neuen Realität

Truppenbesuch InspL Rumänien

Bundeswehr/Leon Belz

Der aktuelle Inspekteur Holger Neumann startete ohne Anlaufzeit. Die Landes- und Bündnisverteidigung ist wieder operative Realität – kein konzeptioneller Planungsrahmen, sondern täglich gelebte Anforderung. Entscheidungen wirken unmittelbar auf Einsatzbereitschaft und Ausbildung. Neue Systeme wie die F-35 müssen integriert werden, während der laufende Betrieb gesichert bleiben muss. Beides gleichzeitig – das ist die strukturelle Grundbedingung seiner Amtszeit. Neumann setzt auf Priorisierung und Umsetzung. Planung allein reicht nicht mehr, Wirkung zählt. In einem sicherheitspolitischen Umfeld, das sich schnell verändert, sind Führungskräfte gefordert, die entscheiden können, auch wenn nicht alle Informationen vorliegen. Die Herausforderung ist gleichzeitig strukturell und operativ. Die Luftwaffe muss modernisieren und einsatzbereit bleiben, rekrutieren und ausbilden, international kooperieren und national glaubwürdig sein.

Nach rund einem Jahr Amtszeit hat er den Rahmen gesetzt: hohe Verdichtung, wenig Spielraum, klare Anforderungen. Führung zeigt sich hier in Tempo und Konsequenz – und in der Fähigkeit, 70 Jahre institutionelles Erbe in eine neue Realität zu überführen.

Geschichte der Luftwaffe – Rückblick auf 70 Jahre
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