Nur ressortübergreifend möglich: Drohnen wirksam abwehren
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
3 MIN
Die Zahl der Meldungen über mögliche Drohnensichtungen in Deutschland steigt seit 2022 deutlich an. Damit wächst die Gefahr von Ausspähversuchen und gezielten Angriffen auf kritische Infrastruktur. Dieser Bedrohung kann nur ressortübergreifend wirksam begegnet werden. Welche Optionen es dafür gibt, wurde auf der 1. Nationalen Drohnenabwehrtagung der Bundeswehr diskutiert.
Bei Drohnenvorführungen verschiedener Hersteller im Außenbereich des Tagungszentrums konnten die Konferenzteilnehmer live erleben, welche Abwehrmethoden es gibt
Bundeswehr/Christian Werner
Seit 2022 gab es über 700 Meldungen über mögliche Drohnenüberflüge allein über militärischen Anlagen in ganz Deutschland. Nicht alles, was als unbemanntes System angezeigt wurde, stellte sich am Ende auch als solches heraus. In manchen Fällen lösten beispielsweise Positionslichter von Flugzeugen die Meldekette aus. Und dennoch: Die Zahl der Drohnen über Deutschland wächst. Unbemannte Systeme werden sowohl in der Luft, im Wasser oder zu Land dazu benutzt, um zu spionieren. Sie sind aber auch in der Lage, Lasten zu tragen, im schlimmsten Fall Sprengstoff, mit dem gezielt Angriffe auf Schienen, Brücken, Staumauern, Trafostationen oder Umspannwerke durchgeführt werden können.
Die Abwehr unbemannter Systeme (Counter (C-) UxS), – kurz „Drohnenabwehr“ ist damit nicht nur ein rein militärisches Thema. Sie ist auch relevant für Industriebetriebe mit großen technischen Anlagen und die Betreiber kritischer Infrastruktur, vom Stromversorger bis zum Klärwerk oder Flughafen. Bei der ersten ressortübergreifenden Counter-UxS-Konferenz des Operativen Führungskommandos betonte der Stellvertreter des Befehlshabers im Operativen Führungskommando der Bundeswehr und Kommandeur Territoriale Aufgaben, Generalleutnant André Bodemann: „Es gilt insbesondere, die Verfahren der Drohnenabwehr zu optimieren und zu harmonisieren“. Das Netzwerk von Akteuren aus dem militärischen und zivilen Bereich sei dafür ein sehr wichtiger Baustein, um die Resilienz zu stärken. Genau darauf zielte die zweitägige Konferenz ab, organisiert vom Zentrum Counter-IED/Counter-UxS im Operativen Führungskommando der Bundeswehr. Die Dienststelle ist für die Auswertung und Abwehr von behelfsmäßigen Sprengvorrichtungen (IED) und unbemannten Systemen (UxS) zuständig.
Verfahren und Techniken der „Drohnenabwehr“ eng vernetzen
Die über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland, darunter Vertreter des Bundesministeriums der Verteidigung und der Bundeswehr, der Innenministerien und Polizeien von Bund und Ländern sowie von Industrie und Verbänden, Forschungseinrichtungen und Instituten. „Die Drohnen, denen wir uns zukünftig gegenüberstehen, bedrohen auch Anlagen und Flächen im Inland, wirken also unmittelbar auf die Drehscheibe Deutschland ein. Die zivilen Akteure und auch die Bundeswehr tun deshalb gut daran, Verfahren und Techniken eng miteinander abzustimmen, gemeinsam die Forschung voranzutreiben und die Methoden der Drohnenabwehr auch entsprechend zu üben“, sagte der Leiter des Zentrums Counter-IED/UxS im Operativen Führungskommando der Bundeswehr und zugleich Tagungsleiter, Oberst Marc Dingler.
Die Protagonisten der unterschiedlichen Bereiche erhielten und nutzten die Möglichkeit zum Austausch und zum Netzwerken. Drohnenhersteller zeigten in einer Vorführung, wie unbemannte Systeme wahlweise mit einem Netz oder einem gezielten Schuss aus der Nahdistanz vom Himmel geholt werden können.
Schnelle Entwicklungszyklen als Herausforderung
Mit dem Cyber Innovation Hub der Bundeswehr und dem Innovationszentrum hat die Bundeswehr zwei Institutionen, die neue Entwicklungen vorantreiben. 2017 gegründet, ist es seitdem Aufgabe des Cyber Innovation Hubs, die digitale Transformation zu begleiten und zu beschleunigen. Das Thema Drohnen nimmt dabei eine zentrale Stellung ein. Das erst im Februar dieses Jahres gegründete Innovationszentrum der Bundeswehr im bayerischen Erding dagegen soll eine Brücke zwischen Industrie, technologieorientierten Start-ups und der Bundeswehr bauen. Der Auftrag ist klar: Innovationsprozesse sollen beschleunigt, Technologietransfer strukturiert und die Zusammenarbeit zwischen zivilen und militärischen Akteuren gestärkt werden.
Auch die zivilen Sicherheitsbehörden handeln. Das Bundesinnenministerium hat am 2. Dezember 2025 eine Drohnenabwehreinheit in Dienst gestellt. Diese wird bundesweit eingesetzt und mit neuester Technik zur Abwehr von Drohnen ausgestattet. Denn die Bundeswehr ist grundsätzlich nur für die Drohnenabwehr über militärischen Liegenschaften und zum Schutz der eigenen Truppe zuständig. Außerhalb des Kasernenzauns fällt diese Aufgabe grundsätzlich in die Zuständigkeit der Landespolizeien und der Bundespolizei.
Oberst Marc Dingler, Leiter des Zentrums C-IED und C-UxS, im Gespräch:
Herr Oberst Dingler, welche Ziele verfolgen Sie mit der 1. Nationalen C-UxS Konferenz des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr ganz konkret?
Unser Ziel war, möglichst alle, die sich in Deutschland mit der Abwehr von small Unmanned Aircraft Systems (sUAS), sogenannten Drohnen, auseinandersetzen, an einen Tisch zu bringen. Mit dabei waren Vertreterinnen und Vertreter aus der Industrie, von Instituten und Forschungseinrichtungen, der Landes- und Bundespolizeien sowie der Innenministerien, von Verbänden und mehr. Von Seiten der Bundeswehr haben wir hier die strategische Ebene des Verteidigungsministeriums, die den Rahmen setzt, den Drei-Sterne-General, der die Richtung vorgibt, Weisungen und Befehle erteilt, genauso wie den Feldwebel, der als Drohnenabwehr-Truppführer die unbemannten Systeme dann ganz gezielt bekämpfen muss.
Die Drohnen, denen wir uns als Bundeswehr zukünftig sowohl in der Luft, im Wasser und zu Land gegenübersehen, bedrohen auch Anlagen und Objekte im Inland, wirken also unmittelbar auf die Drehscheibe Deutschland ein. Daher ist es essenziell, Verfahren und Techniken eng miteinander abstimmen, gemeinsam die Forschung voranzutreiben und die Methoden der Drohnenabwehr (C-sUAS) auch gemeinsam zu üben.
In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es die anhaltende Debatte, wer wofür zuständig ist. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation?
Wir haben mit dem Gemeinsamen Drohnenabwehrzentrum (GDAZ) des Bundesministeriums des Inneren einen ersten Schritt getan: Hier können sich alle Stellen aktiv einbringen, hier sind genügend Andockstellen übrig für weitere Akteure, wie beispielsweise das Technische Hilfswerk, Feuerwehren, Katastrophenschutz oder Zivilverteidigung. Rein rechtlich gesehen ist die Bundeswehr innerhalb Deutschlands nur für die Drohnenabwehr zur Absicherung eigener militärischer Liegenschaften und zum Schutz der eigenen Truppe zuständig.
Wie hat der Drohneneinsatz die Bedrohungslage durch behelfsmäßige Spreng- und Brandsätze (IED) in den vergangenen Jahren verändert?
Die Bedrohung nimmt zu, zweifelfrei. Wir haben seit 2022 über 700 Meldungen über mögliche Drohnensichtungen gehabt, allein über militärischen Liegenschaften. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Sichtungen über Verkehrsflughäfen oder über Industrieanlagen, die in anderen Statistiken auftauchen. Derzeit wurde zwar durch diese Drohnen nach meiner Kenntnis noch kein Schaden mit Wirkmitteln verursacht, aber wir müssen uns für die Zukunft wappnen.
Welche Lehren kann man dabei aus Einsätzen in aktuellen Kriegsgebieten wie beispielsweise der Ukraine ziehen?
Wir müssen noch mehr von den täglichen Erfahrungen der ukrainischen Streitkräfte mitnehmen und annehmen. Hier sehe ich noch ungenutzte Möglichkeiten und offene Türen seitens der ukrainischen Streitkräfte. Ohne dass wir den Russland-Ukraine-Konflikt als Blaupause für mögliche Konflikte an der Nato-Ostflanke nehmen, müssen wir von der Ukraine lernen, um schnellstmöglich zu verstehen, was nötig ist. In einem zweiten Schritt geht es dann darum, sich aus eigener Kraft weiterentwickeln zu können.
Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf, um in Deutschland dauerhaft eine verlässliche Drohnenabwehr aufzubauen?
Die Politik kann nur so gut arbeiten, wie sie beraten wird. Wenn wir den Flickenteppich aufrechterhalten, der aktuell besteht, kommen wir da nicht schnell genug voran. Allein in der Bundeswehr gibt es meines Erachtens rund 200 Stellen, die sich derzeit mit den Themen Drohnen und Drohnenabwehr beschäftigen. Im Bereich der inneren Sicherheit – bei Bund und Ländern – bietet sich ein ähnlich zerklüftetes Bild. Wie soll daraus eine Beratung mit einer Stimme erwachsen? Dennoch bin ich zuversichtlich. Das Bewusstsein gegenüber hybriden Bedrohungen wächst, in der Politik wie in der Gesellschaft – und damit auch die Handlungsbereitschaft.
Es ist hier die 1. Nationale C-UxS-Konferenz des OpFüKdoBw in Berlin mit über 200 Teilnehmern aus ganz Deutschland. Wie geht es weiter?
Der Konferenz sind zwei Workshops im Dezember letzten und im Februar dieses Jahres vorausgegangen. Wir denken in Abhängigkeit von den Ergebnissen und den weiteren Entwicklungen aber natürlich ein neues Treffen an.