Herr Fregattenkapitän, die Deutsche Marine und die Royal Navy unterhalten ein Austauschprogramm für Marineoffiziere. Was hat es mit der deutsch-britischen Zusammenarbeit auf sich?
Die Deutsche Marine und die Royal Navy pflegen seit Gründung der NATO eine starke gemeinsame Tradition. Alles beginnt schon mit gemeinsamen Ausbildungsprogrammen. So durchlaufen mehrere deutsche Marineoffiziere das Training am Britannia Royal Naval College im südenglischen Dartmouth gemeinsam mit ihren britischen Kameradinnen und Kameraden. Im Gegenzug kommen diese wiederum an die Marineschule Mürwik nach Flensburg. Die erlernten Taktiken und Methoden beider Länder werden dann ganz praktisch bei gemeinsamen Übungen angewendet. Dabei entwickeln sich fast automatisch enge Verbindungen zwischen Briten und Deutschen.
Die Fregatte „Baden-Württemberg“ übte vor Kurzem mit britischen Kriegsschiffen vor der englischen Küste. Welche Eindrücke haben Sie mitgenommen?
Wir haben uns dort auf unseren nächsten Einsatz vorbereitet. Geübt wurden verschiedene Gefahrenszenarien, beispielsweise im Bereich der erweiterten Flugabwehr. Im Zusammenspiel mit einem eingeschifften Ausbilderteam haben wir gerade bei der Bedrohungsabwehr ein sehr hohes Maß an Professionalität erreicht. Jeder kennt für den Fall der Fälle seine Rolle und seinen Platz auf dem Schiff in- und auswendig. Großbritannien hat uns bei der Umsetzung dieser Einsatzvorbereitung logistisch und organisatorisch unterstützt. Gemeinsam haben wir unter anderem Seeversorgungsmanöver durchgeführt. Dabei ist die Ausbildung im Verband ein zentraler Punkt.
Herr Lieutenant, Sie waren als Navigationsoffizier an Bord der „Baden-Württemberg“ dabei. Was empfanden Sie als besondere Herausforderung?
Der Hafen von Plymouth zeichnet sich durch eine extrem enge Fahrrinne aus. Es ist nautisch nicht gerade einfach, unsere fast 150 Meter lange Fregatte erst in Richtung Fahrrinne zu drehen und dann sicher in den Hafen zu bringen. Das erforderte das Zusammenspiel der ganzen Crew.
Welchen Mehrwert bietet der Personaltausch zwischen deutschen und britischen Seestreitkräften?
Ein großer Vorteil ist, dass hier Kontakte für den Ernstfall geknüpft werden. Außerdem kann Jack nach seiner Rückkehr in seine Heimat seinen Kameradinnen und Kameraden genau erklären, wie die Fregatte „Baden-Württemberg“ funktioniert. So können die Deutsche Marine und die Royal Navy ohne Vorbereitungen enger zusammenarbeiten, wenn es ernst wird.
Welche Rolle spielt ihre Fregatte im Gefecht der verbundenen Waffen?
Der dimensionsübergreifende Ansatz im Gefecht ist ganz entscheidend für unseren Erfolg. Unsere Fregatte kann zwei Bordhubschrauber zur Aufklärung und U-Boot-Jagd dauerhaft einschiffen. Gleichzeitig stärken wir von Bord der Fregatte aus Operationen an Land: mit Feuerunterstützung oder Marineinfanteristen sowie Spezialkräften, die wir mit vier Booten an ihr Ziel bringen können.
Wie sieht denn der Tagesablauf an Bord eines Kriegsschiffs aus?
Wir teilen den Tag in Schichten ein. Von Mitternacht bis zwölf Uhr mittags findet der Wechsel alle vier Stunden statt, danach alle sechs Stunden. Entscheidend ist, dass für die wichtigsten Aufgaben immer jemand da ist. Wenn ich meine Schicht antrete, erfolgt zunächst die Übergabe von Offizier zu Offizier in der Operationszentrale. Er informiert mich über die aktuelle Lage, das Wetter, die Geschwindigkeit und die Schiffsroute sowie unseren Auftrag. Dazu kommt noch ein Schiffstechniker. Er gibt mir Rückmeldung, ob alles normal funktioniert oder ob beispielsweise an Teilen der Antriebsanlage Wartungen durchgeführt werden. Wenn das getan ist, übernehme ich auf der Brücke meine Wache und mache dort einfach meinen Job als Navigationsoffizier.
Und nebenher bilden Sie auch angehende Navigationsoffiziere aus?
Das ist eine meiner Hauptaufgaben auf der Brücke. Wichtig ist mir dabei, dass ich nur am Anfang zeige, was wie gemacht wird und meine Schüler dann einfach machen lasse. Ich halte mich hauptsächlich im Hintergrund und greife nur ein, wenn es wirklich nötig ist.
Wie haben Sie sich auf den Dienst auf der „Baden-Württemberg“ vorbereitet?
Ich hatte schon zuvor ein Zertifikat für die Navigation auf britischen Fregatten abgelegt. Für die „Baden-Württemberg“ habe ich noch ein zweites Zertifikat, einen sogenannten Leistungsnachweis I für die Klasse F125 erworben. Ansonsten muss man hier natürlich jederzeit auf alles gefasst sein. Seefahrt ist immer live und jederzeit könnte etwas passieren. Dafür beherrsche ich mein Handwerk, um im Ernstfall schnell und angemessen zu reagieren.
Was fanden Sie in den zwei Jahren auf der „Baden-Württemberg“ herausfordernd?
Als ich das erste Mal von einem Schüler um Hilfe gebeten wurde, wurde mir doch etwas mulmig. Da habe ich die Verantwortung gespürt, die ich als Ausbilder auf der Brücke habe. Man selbst hat einen Plan oder eine Idee, wie man eine nautische Situation lösen kann. Diese Erfahrungen dann aber in einer Fremdsprache zu vermitteln, war eine neue Herausforderung für mich, die gemeistert werden musste.
Herr Fregattenkapitän, wie wird sich die deutsch-britische Zusammenarbeit in Zukunft entwickeln?
Die Landes- und Bündnisverteidigung ist in den Fokus gerückt. Das bedeutet, dass wir stärker denn je auf unsere Partner insbesondere in der NATO angewiesen sein werden. Daher braucht es Programme wie den deutsch-britischen Austausch von Marineoffizieren. Nur gemeinsam können wir unseren Auftrag erfolgreich durchführen.