Heer

Kompakte Einsatzvorbereitung der Gebirgsjäger

Kompakte Einsatzvorbereitung der Gebirgsjäger

  • Einsatzvorbereitung
  • Heer
Datum:
Ort:
Celle-Wietzenbruch
Lesedauer:
5 MIN

Kleine Trainingsgruppen und ein straffes Lernprogramm: Ende April erreichen 40 Soldaten des Gebirgsjägerbataillons 231 aus Bad Reichenhall das knapp 800 Kilometer entfernte Celle. Ihr Auftrag in Coronazeiten: Vorbereitung auf einen Einsatz im afrikanischen Mali und die Ausbildung luftbeweglicher Operationen.

Soldaten mit Mund-Nasenschutz und Waffen liegen im Gras nahe einem landenden Hubschrauber, zwei laufen.

Während des Anlandeverfahrens sitzen die Gebirgsjäger vom Mehrzweckhubschrauber NHNATO-Helicopter-90 ab und sichern die Landezone.

Bundeswehr/Jens-Oliver Homberg

Seit Beginn des Jahres steht beim Gebirgsjägerbataillon 231 alles unter dem Zeichen der Einsatzvorbereitung. Als Leitverband für das 15. Deutsche Einsatzkontingent MINUSMAMultidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali (United Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali) in Mali gilt es, die Soldaten auf den Einsatz fundiert auszubilden und vorzubereiten. Die Ausbildung für luftbewegliche Einsätze ist hierbei ein wichtiger Abschnitt, da die Gebirgsjäger im Ernstfall als luftbewegliche Quick Reaction Force (QRF), als schneller Eingreifverband, eingesetzt werden können.

Bestmöglicher Schutz in der Coronakrise

Drei Soldaten mit Mund-Nasenschutz steigen in einen Hubschrauber ein.

Während des Cold-Load-Trainings lernen die Soldaten die Gegebenheiten im Frachtraum des Mehrzweckhubschraubers kennen.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Die ohnehin sehr aufwändige und zeitintensive Ausbildung wird in Zeiten der Coronakrise ungleich schwieriger. Während die meisten Übungsdurchgänge der Truppe abgesagt wurden, muss die Einsatzvorbereitung weiterlaufen. Denn auch die Lage in den Einsatzländern wird durch die Pandemie nicht entschärft. Am 17. März ließ der Inspekteur des Heeres verlauten: „Ausbildung und Lehrgänge werden an die Lage angepasst. Wo es zur Erfüllung der Kernaufgaben notwendig ist, werden Ausbildung und Lehrgänge unter bestmöglichem Schutz durchgeführt.“

Dies setzt die Bundeswehr sichtbar um. Die Einsatzvorbereitung in Celle erfolgt daher für die Infanteristen unter veränderten Bedingungen. Im Regelfall transportiert der taktische Mehrzweckhubschrauber NHNATO-Helicopter-90 bis zu zehn Soldaten samt Ausrüstung. Während der Coronakrise dürfen maximal fünf Soldaten an Bord sitzen. Ergänzend tragen die Gebirgsjäger überall einen Mund-Nasenschutz, egal ob im Luftfahrzeug oder während der Simulationsübungen am Computer in den Unterrichtsräumen.

Ausbildung von Multiplikatoren

Ein Soldat mit Mund-Nasenschutz prüft den Sitz von Helm und Schutzbrille.

Vor dem Start muss die Ausrüstung geprüft werden, an Bord können die Soldaten nur über Kopfhörer und Mikrofon kommunizieren.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Wie wichtig dieser Ausbildungsabschnitt in Celle ist, verdeutlicht Major Sven Schuster. Er koordiniert als Leiter des Vorbereitungs-, Durchführungs- und Nachbereitungsteams sämtliche Unterstützung und Zusammenarbeit mit der Übungstruppe aus Bad Reichenhall. „In der aktuellen Lage wurden die meisten Ausbildungsvorhaben abgesagt. Hier geht es aber um Einsatzvorbereitung. Luftbeweglichkeit lässt sich nicht mittels eines Videotutorials erlernen. Wir haben die Ausbildung auf acht Tage gekürzt, alles sehr kompakt aufgebaut und bilden bei geringstmöglichem Personalansatz nur das Führungspersonal aus. So können die Männer im Einsatz ihre unterstellten Kräfte sinnvoll führen und gleichzeitig als Multiplikatoren fungieren“, erklärt Schuster und macht auf den Schwerpunkt der Übung – die Zusammenarbeit mit der Besatzung des Luftfahrzeugs – aufmerksam.

Die Gebirgsjäger erwartet aufgrund der knappen Zeit ein straffes Programm. Der Anreisetag ist gefüllt mit theoretischen Unterrichtseinheiten und der Einweisung ins Gelände. Die Soldaten lernen das Erkunden verschiedener Landezonen, die behelfsmäßige Flugabfertigung, also den sogenannten Chalk Check In, und die Abläufe für den Lufttransport von Verwundeten.

Anschnallsysteme und Sitzverteilung

Soldaten mit Schutzmasken stehen mit ihrer Ausrüstung in einer großen Halle hintereinander.

Auch in der Wartehalle halten die Gebirgsjäger den Sicherheitsabstand ein und tragen Schutzmasken.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Bereits am zweiten Ausbildungstag beginnt die Arbeit mit den Hubschraubern. Während der Cold-Load-Ausbildung, also dem Üben mit stehendem Triebwerk und ohne Flugbetrieb, liegt das Augenmerk auf dem richtigen Verhalten im und am Hubschrauber. „Manchmal können banal erscheinende Kleinigkeiten, wie die Handhabung des Anschnallsystems, die Sitzverteilung oder das Öffnen und Schließen der Türen, entscheidend sein. Nämlich dann, wenn Feinddruck dafür sorgt, dass die Zeit knapp ist“, erklärt Schuster. „Hubschrauber am Boden sind sehr verwundbar, weil sie leichte und besonders hochwertige Ziele sind. Deswegen muss alles schnell gehen, sobald die Räder den Boden berühren. Im Einsatz muss jeder Soldat ganz genau wissen, was er wann zu tun hat.“

Bereits am Folgetag erfolgt für die Gebirgsjäger der „Sprung ins kalte Wasser“. Von der Flugabfertigung geht es in die Assembly Area, den Sammelraum, und von dort zu den Hubschraubern. Bei laufendem Triebwerk trainieren die Soldaten den gesamten Ablauf. „Für Kräfte, deren bestimmendes Merkmal der infanteristische Einsatz zu Fuß ist, kommen hier sehr viele Einzelheiten zusammen, die im Idealfall Routine sein sollen.“ Schuster weiß um den Anspruch einer solch kompakten Ausbildung. „Was beim Cold Load schon ein hohes Maß an Konzentration und Koordination erfordert, wird im Hot Load, also mit dem Start und der Landung des Hubschraubers, schlagartig schwieriger.“ Daher geben die Ausbilder den Soldaten während des Hot Loads durch häufige Wechsel viel Gelegenheit, das zügige Auf- und Absitzen und das taktische Verhalten nach einer Landung zu verinnerlichen.

Virtuelle Kampfwelt

Ein Soldat sitzt mit einer Schutzmaske vor einem hell erleuchteten Computerbildschirm.

Am PC üben die Soldaten in einer virtuellen Kampfwelt im geotypischen Szenario.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Um die kurze Zeit in Celle optimal zu nutzen, übt die Truppe auch am Wochenende intensiv weiter. Im Simulationssystem „Virtual Battle Space 3“ können geotypische, also dem Einsatzland nachempfundene Einsatzumgebungen, dargestellt werden. Jeder Soldat hat in den zu trainierenden Szenarien genau die Rolle inne, die er im Einsatz auch erfüllt. Von der Befehlsgebung über Einzelaufträge bis hin zu deren individueller Umsetzung können hier alle Abläufe und Szenarien ohne körperliche Belastung und ohne Einsatz realer Luftfahrzeuge geübt und perfektioniert werden. Wer beispielsweise einen sogenannten 9-Liner, einen standardisierten Funkspruch für die Rettung Verwundeter, schon einige Male virtuell übermittelt hat, kann dies in der Realität viel routinierter.

Märsche zwischen den Landezonen

Vier Soldaten im Gefechtsanzug und mit Atemschutz laufen zu einem Hubschrauber, hinter ihnen eine Flugplatzhalle.

Während der Lufttransportübung in Celle lernen die Gebirgsjäger auch, mit den Piloten der Hubschrauber zusammenzuarbeiten.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Nach zwei Tagen intensiver virtueller Vorbereitung steht die Arbeit mit den Hubschraubern wieder im Focus. Gemeinsam mit den Besatzungen der NHNATO-Helicopter-90 wird noch einen Tag lang an den Abläufen geschliffen, ehe für die Soldaten am letzten Tag die Abschlussübung kommt. Hier gilt es, das Gelernte umzusetzen. Aus der Not macht die Truppe eine Tugend. Da aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen nur halbgruppenweise geflogen werden kann, absolvieren die anderen Übungsteilnehmer separate Szenarien.

So müssen die Gebirgsjäger beispielsweise von einer Landezone aus, eine Brücke mit Brückengebäude erreichen und einen schwerverletzten UNUnited Nations-Angehörigen versorgen, stabilisieren und mithilfe eines Hubschraubers ausfliegen. Zwischen den verschiedenen Landezonen kommen im Laufe des Tages etliche Marschkilometer zusammen. Und auch wenn die norddeutsche Heidelandschaft kein für Mali geotypisches Umfeld darstellt, der Sand und Dreck nach Wochen ohne Regen ist authentisch.

„Ich bin froh, dass wir diese Ausbildung trotz der aktuellen Lage absolvieren konnten. Denn diese Bilder wären aus eigener Kraft am Heimatstandort nicht vermittelbar gewesen“, zieht der Kommandeur des Gebirgsjägerbataillons 231, Oberstleutnant Dennis Jahn, Bilanz. Das Gebirgsjägerbataillon 231 erfüllt als Verband der Gebirgsjägerbrigade 23 taktische Aufgaben in allen Intensitäten. Die Soldaten werden in schwierigem bis extremem Gelände, in großen Höhen sowie unter extremen Klima- und Wetterbedingungen eingesetzt. Gerade diese extremen Wetterbedingungen erwarten die Soldaten auch im Einsatzgebiet Mali.

von  Sven Schuster/Andrea Neuer

Mehr zum Thema