Heer
Tag der Werte

Mitdenken, Mitreden, Mitgestalten

Mitdenken, Mitreden, Mitgestalten

  • Innere Führung
  • Heer
Datum:
Ort:
Nordhausen
Lesedauer:
3 MIN

„Ich gehörte dem Erschießungskommando als Schütze an, das Mitte Dezember 1943 acht italienische Häftlinge erschossen hat“, gibt SS-Oberscharführer Max Preusser 1963 während der Zeugenvernehmung zu Protokoll. Am 23. Februar haben Angehörige des Panzerbataillons 393 die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora besucht und sich mit dem Geschehen im Konzentrationslager beschäftigt.

Auf einer Wiese stehen mehrere Personen und blicken auf eine Gedenkstätte. Eine Person in der Mitte erklärt etwas.

Der 23. Februar steht im gesamten Heer im Zeichen der Wertevermittlung und Persönlichkeitsbildung

Bundeswehr/Andre Klimke

„Wir waren etwa 16 Schützen, die in zwei Reihen – die erste kniend, die zweite stehend, die Exekution durchführten“, gibt Preusser damals zu Protokoll. Darin hieß es weiter: „Ich stand in der zweiten Reihe. Wir schossen mit Karabinern. Es fiel nur eine Salve.“ Einigen der Teilnehmenden steht die Frage „Hätte ich mitgemacht?“ förmlich ins Gesicht geschrieben.

Ein Tag im Zeichen der Werte

Eine Gruppe von Menschen sitzt in einem Unterrichtsraum und eine Person steht vor einer Leinwand und spricht.

Politische Bildung als eine Instanz politischer Sozialisation: Sie steht in Konkurrenz zu weiteren Einflussfaktoren. So formen auch Medien, Parteien und das direkte soziale Umfeld die politischen Einstellungen und Entscheidungen jedes Einzelnen.

Bundeswehr/Andre Klimke

Für Major Gerd Kahlert, Kompaniechef der 1. Kompanie des Panzerbataillons 393, ist damit schon ein wichtiger Schritt getan. „Mir kommt es nicht nur auf die Vermittlung von Wissen über die Geschichte des Nationalsozialismus – einschließlich der Verbrechen des Massen- und Völkermords – an.“ Sondern: Die Soldatinnen und Soldaten seiner Kompanie sollen auch Mündigkeit lernen, um zu reflektieren, selbstbestimmt zu handeln und Kraft zum Nicht-Mitmachen entwickeln.

Die Besuche von Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus gehören heute meist selbstverständlich zum Programm der Politischen Bildung. Sie ergänzen durch die Anschauung vor Ort die historisch-politische Bearbeitung des Themas Nationalsozialismus. „Die Besuche sind aber auch für die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen wichtig“, so Kahlert. Ein wesentlicher Ansatz bestehe darin, über die historische Auseinandersetzung auch für menschenfeindliche Einstellungen und Weltbilder von heute zu sensibilisieren.

Der 23. Februar stand im gesamten Heer ganztägig im Zeichen der Wertevermittlung und Persönlichkeitsbildung. Soldatinnen und Soldaten sollen sich mit Werten und ihrem Selbstverständnis auseinandersetzen.

Demokratie – nicht selbstverständlich

Eine Person schaut auf eine weiße Wand mit Gedankenaufzählungen.

Ein Tag, der auch die Frage aufwirft: Wo in der Demokratie stehen wir als Soldaten?

Bundeswehr/Andre Klimke

Demokratinnen und Demokraten werden nicht einfach geboren, Demokratie muss vielmehr von Generation zu Generation erlernt werden. Da reicht die Vermittlung von Informationen über Ereignisse, Namen und Daten nicht aus. Vielmehr sollen die Soldatinnen und Soldaten angeregt werden, dieses Wissen zu reflektieren und es mit ihrer Gegenwart zu verbinden.

Der Besuch zeigt sehr anschaulich, wie Geschichte auf lebendige Weise vermittelt, erlebt und erforscht werden kann. Teil des Besuches war ein Einführungsgespräch mit der Gruppe, eine Führung durch das ehemalige Häftlingslager mit Appellplatz, Krematorium, Arrestzellenbau und der Hinrichtungsstätte sowie kurze Filminterviews von einem Überlebenden. Dann wurde es für die Soldaten aus Bad Frankenhausen sehr konkret. Der Besucherführer zitierte aus den Protokollen der Zeugenvernehmung des SS-Oberscharführers Max Preusser und warf Fragen auf. Müssen Soldaten unrechtmäßige Befehle befolgen? Oder, kann ich moralisch handeln – auch entgegen einem Befehl? Für Kahlert steht fest: „Als Soldat bin ich der freiheitlichen demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes in besonderem Maße verpflichtet.“ Dabei sei die Achtung der Menschenwürde oberstes Gebot und sie zu schützen sei die Pflicht aller.

Konzentrationslager Mittelbau-Dora

Eine Gruppe von Personen steht im Halbkreis und blickt auf eine Skulptur.

Anhand der ständigen Ausstellung zur Lagergeschichte, wechselnder Sonderausstellungen und weiterer Angebote können sich die Besucher der Gedenkstätte auf vielfältige Weise mit der Geschichte des KZ Mittelbau-Dora auseinandersetzen

Bundeswehr/Andre Klimke

Das Lager Dora war das Zentrum eines weit verzweigten Netzes von KZ-Außenlagern im Südharz, die im Oktober 1944 zum eigenständigen KZ Mittelbau zusammengefasst wurden. Im April 1945 bestand der KZ-Komplex Mittelbau aus 39 Außenlagern. Dort hielt die SS 1945 über 40.000 Menschen gefangen. In den meisten Mittelbau-Lagern wurden die Häftlinge gezwungen, Stollen im Bergbau vorzutreiben. Kaum eine der unterirdischen Anlagen wurde fertiggestellt. Sie waren unter anderen für Flugzeugwerke des Junkers-Konzerns und für die Mineralölindustrie vorgesehen. In der Nähe der Baustellen richtete die SS Barackenlager ein. Die größten KZ-Außenlager entstanden nahe Nordhausen in den Gemeinden Ellrich, Harzungen und Rottleberode.


von Andre Klimke

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