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Rettung aus der Luft: Die entscheidende erste Stunde

Rettung aus der Luft: Die entscheidende erste Stunde

  • Einsatzvorbereitung
  • Heer
Datum:
Ort:
Celle-Wietzenbruch
Lesedauer:
5 MIN

„Hey! Hören Sie mich?“, fragt ein Ersthelfer die verwundete Soldatin. „Meine Beine! Was ist mit meinen Beinen?“, antwortet sie. Feldjäger und flugmedizinisches Personal üben gemeinsam mit NHNATO-Helicopter-90-Hubschraubern für den Resolute-Support-Einsatz in Afghanistan. Das Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit unterstützt die Einsatzvorbereitung und hat die Übungsabläufe in Faßberg und Celle-Scheuen vorbereitet.

Ein Soldat liegt am Boden, drei umstehende Soldaten kümmern sich um ihn.

Feldjäger sichern die Patientenübergabe am Fahrzeug.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Kurz zuvor ist das Fahrzeug unter Beschuss geraten. Eine Soldatin liegt nun am Boden und kann sich nicht mehr bewegen. Ihre Kameraden haben mithilfe eines Meldeschemas, genannt 9-Liner, einen Hubschrauber angefordert. Nun versuchen die Soldaten, das Fahrzeug, so gut es geht, zu sichern und beobachten aufmerksam in alle Richtungen. Ein Ersthelfer betreut und beruhigt die Soldatin. Die Aufgabe ist nicht leicht, denn die Dämmerung ist vorbei und auch das letzte Tageslicht schwindet. Hin und wieder fallen ein paar Regentropfen auf den staubigen Weg. Dann endlich tönt das erlösende Knacken aus dem Funkgerät.

„Im Einsatz hoffen wir natürlich, dass die Fälle, die wir hier üben, nie Realität werden“, erklärt Hauptmann Tim Wein vom Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit. Er koordiniert und leitet diesen Teil der Übung und verfügt als Fallschirmjäger zudem über infanteristische Expertise. Die richtige, standardisierte Anwendung der verschiedenen Meldeformate muss sein. Denn nur so lassen sich die Informationen schnell, vollständig und korrekt übermitteln. „Diese Verfahren sind für die Soldaten wichtig. Die Verletzungsmuster sind einsatztypisch und können jeden Soldaten betreffen“, erläutert Wein.

Alles muss schnell und präzise ablaufen

Ein Soldat liegt am Boden, ein weiterer steht beim ihm. Ein Hubschrauber ist im Landeanflug.

Bei schwindendem Licht ist das Sichern der Landezone keine leichte Aufgabe. Soldat und Verwundete warten in der Landezone auf den Hubschrauber.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Request Landing Zone Update“. So kündigt der Pilot die kurz bevorstehende Landung an und fordert aktuelle Informationen über die Lage am Boden. Mit dieser Übung des Transporthubschrauberregiments 10 aus Faßberg soll nicht nur die Qualifikation der Luftfahrzeugbesatzungen gewährleistet werden, sondern auch das Funktionspersonal, also die Ärzte und Sanitäter, ausgebildet werden. Unterstützung bekommen die Soldaten vom Ausbildungs- und Übungszentrum Luftbeweglichkeit und zwei NHNATO-Helicopter-90-Hubschraubern des Transporthubschrauberregiments 30. Feldjäger, Soldaten des Fallschirmjägerregiments 31 und flugmedizinisches Fachpersonal trainieren so die Zusammenarbeit in unterschiedlichen Situationen mit dem Schwerpunkt Forward Aeromedical Evacuation. 

Bei der Medical Evacuation, kurz MedEvacMedical Evacuation, handelt es sich um einen von medizinischem Personal begleiteten Verwundetentransport, hier per Hubschrauber. Für die verwundete Soldatin in dieser Übung bedeutet das eine möglicherweise lebensrettende Versorgung. Abseits einer festen Infrastruktur mit Straßen und Krankenhäusern ist Zeit ein wichtiger Faktor. Sie entscheidet darüber, ob ein Soldat überlebt, ob er bleibende Schäden davonträgt oder beispielsweise auch verletzte Gliedmaßen gerettet werden können. In der Unfallmedizin wird diese entscheidende erste Stunde auch als Golden Hour bezeichnet.

Informationen über die Landezone

Eine verwundete Soldatin liegt am Boden, drei weitere kümmern sich um sie.

Flugmedizinisches Personal bei der Einsatzvorbereitung: Es wird für die Notversorgung von Verwundeten eingeflogen und wird wiederum von den am Boden kämpfenden Soldaten und Feldjägern während seiner Arbeit am Patienten abgesichert.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Um schnell am richtigen Ort zu sein, braucht der Hubschrauberpilot präzise Informationen über die Landezone: Was erwartet ihn dort? Wie ist der Untergrund des Landeplatzes beschaffen? Sind Feindkräften in der Nähe? Um diese Informationen korrekt, vollständig und schnell zu übermitteln, gibt es standardisierte Funksprechverfahren. Der 9-Liner ist eines davon. Die Soldaten melden alles Notwendige über die Verwundeten und über den Aufnahmepunkt. 

Mit dem letzten Update über die Lage am Boden verschafft sich der Pilot einen Überblick. Dieser Moment ist die letzte Möglichkeit, auf Feindkräfte oder Gefahren zu reagieren, ehe das Luftfahrzeug aufsetzt. Mit wenigen Worten ist alles Notwendige gesagt. Jeder weiß nun genau, was er zu tun und wie er sich zu verhalten hat.

Aufsetzen – absitzen – aufsitzen – losfliegen

Kurz vor dem Start, ein Hubschrauber steht auf einer Wiese.

Restlichtverstärker helfen, das wenige verbleibende Licht zu nutzen. Ein Verwundeter wird im Hubschrauber auf den Abflug vorbereitet.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Sobald die sogenannte Chase-Maschine, ihr Auftrag ist die Sicherung aus der Luft, das Gelände überflogen, gegebenenfalls den Feind bekämpft oder abgedrängt und Verbindung mit den Soldaten am Boden aufgenommen hat, landet der eigentliche MedEvacMedical Evacuation, der Evakuierungshubschrauber. In manchen Landezonen sind die Lichtungen nicht groß, aber der Pilot dreht und manövriert den knapp zwanzig Meter langen Hubschrauber geschickt zwischen den Bäumen zum Boden. Regen, Sand und Steine fliegen im Downwash, im Abwind der Rotorblätter, dreißig Meter und weiter durch die Luft. Ausrüstung, die jetzt nicht gesichert ist, kann schnell zur Gefahr werden. Zwei Soldaten schirmen mit Schutzwesten und ihren Körpern die verwundete Kameradin ab. 

Der NHNATO-Helicopter-90 wird zwar durch eine Chase-Maschine unterstützt, trotzdem sind Hubschrauber am Boden leichte und dazu noch besonders hochwertige Ziele für den Gegner. Sobald die Räder den Boden berühren, muss alles schnell gehen. Während der Pilot jederzeit bereit zum Abheben ist und mit der Chase, dem Sicherungshubschrauber, in permanenter Verbindung bleibt, sitzen zwei Feldjäger ab. Sie bringen den Arzt und den Notfallsanitäter auf schnellstem Weg zur Verwundeten. „Die im Tageslicht schon mehrfach geübten Abläufe werden nach Sonnenuntergang im grünlichen Schimmer der Restlichtverstärker noch fordernder“, beschreibt ein Ausbilder diesen Übungsdurchgang.

Der fliegende Rettungswagen

An einem Hubschrauber sichert ein kniender Soldat mit einer Waffe im Anschlag, mit Blick in Feindrichtung.

Im Einsatz bleiben Hubschrauber nur so lange wie nötig am Boden. Ein Feldjäger sichert einen gelandeten Hubschrauber.

Bundeswehr/Andrea Neuer

Der Ersthelfer orientiert sich für die Patientenübergabe am sogenannten MIST-Report, dann beginnen die Mediziner zu arbeiten. MIST setzt sich aus den englischen Anfangsbuchstaben der vier wichtigsten Übergabekriterien: „Mechanism of Injury“, „Injury“, „Syptoms“ und „Treatment“ zusammen, also der Verwundungsursache, der Verwundung, den Symptomen und der bisherigen Behandlung. Die Behandlung in der Dunkelheit mit Restlichtverstärker und unter Einsatzbedingungen stellt auch für erfahrenes medizinisches Personal eine nicht alltägliche Aufgabe dar. Kein Gefühl in den Beinen kann ein Wirbelsäulentrauma bedeuten – die verwundete Soldatin muss ohne weitere Belastung für die möglicherweise verletzte Wirbelsäule auf eine stabile Trage umgelagert und sicher fixiert werden. Trotz der schwierigen Bedingungen ist innerhalb weniger Minuten alles für den Transport vorbereitet. Bis zu zwei Verwundete, die liegend transportiert werden müssen, könnte der NHNATO-Helicopter-90 in der MedEvacMedical Evacuation-Variante mitnehmen, zusätzlich zu sitzend zu transportierenden Verletzten.

Luftbeweglichkeit kann für jeden relevant werden

Ein Soldat kniet vor einem Hubschrauber und gibt dem Piloten Handzeichen.

Reibungslose Zusammenarbeit: Das Bodenpersonal verständigt sich per Handzeichen mit der Hubschrauberbesatzung.

Bundeswehr/Andrea Neuer

„Diese Einsatzverfahren, die wir hier üben, retten im Einsatz Leben. Sie legen den Grundstein, damit die Soldaten ruhig und besonnen in Ausnahmesituationen reagieren“, erklärt Wein mit Blick auf die Übungen. Nach dem zweiten Übungsdurchgang, Anfang des Jahres und jetzt Anfang Juli, zieht er ein positives Fazit: „Luftbeweglichkeit kann für jeden Soldaten relevant werden, nicht nur mit Blick auf den Resolute-Support-Einsatz, für den hier trainiert wird. Es ist ein gutes Gefühl zu sehen, wie professionell die Szenarien absolviert werden und wie die Zusammenarbeit immer flüssiger wird.“

von Andrea Neuer

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