Inhalt
Luftwaffe
Landes- und Bündnisverteidigung

Dispersed Operations: Wenn Kampfjets auf Zivilflughäfen landen

Landes- und Bündnisverteidigung

Dispersed Operations: Wenn Kampfjets auf Zivilflughäfen landen

Bei manchen Mobilgeräten und Browsern funktioniert die Sprachausgabe nicht korrekt, sodass wir Ihnen diese Funktion leider nicht anbieten können.

Kampfjets starten zwischen Linienflügen und nutzen Rollbahnen, die normalerweise Urlaubsreisende passieren: Immer wieder verwandeln sich zivile Flughäfen in militärisches Übungsgelände. Die Luftwaffe probt auch hier den Ernstfall. Dispersed Operations sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Eine alte Idee kehrt zurück.

Ein Düsenjet steht vor einem Gebäude

Ein Eurofighter rollt auf dem Flughafen Münster/Osnabrück zur Startbahn. Der Flughafen wird auch für Übungen der Luftwaffe genutzt.

Bundeswehr/Francis Hildemann

Moderne Konflikte folgen einem klaren Muster: Wer angreift, zielt zuerst auf die Luftwaffenstützpunkte des Gegners. Marschflugkörper und ballistische Raketen treffen Startbahnen, Hangars und Treibstofflager. Große Basen werden zu attraktiven Zielen.

Die Antwort auf diese Bedrohung ist simpel, aber wirkungsvoll: Verteilung. Wer nicht an einem Ort gebunden ist, bleibt handlungsfähig. Auf viele Standorte ausweichen zu können, zwingt den Gegner, seine Kräfte zu streuen. Deutschland verfügt über rund 30 größere Verkehrsflughäfen, die militärische Jets aufnehmen können. Im Alltag rein zivil genutzt, werden sie im Ernstfall zur Reserve. Genau dafür trainiert die Luftwaffe.

So fing alles an

Taktiken zur weiträumigen Verteilung eigener Fliegerverbände waren bereits während des Zweiten Weltkriegs verbreitet. Nach 1945 verfeinerte die NATO dieses Konzept. NATO Dispersed Operating Bases (DOBs) entstanden in den frühen Jahren des Kalten Krieges, als die NATO mit der Planung für taktische Luftwaffenstützpunkte in Westeuropa begann. Die Bedrohung durch sowjetische Atomwaffen machte Dezentralisierung zur Überlebensfrage. Ein Nuklearschlag auf einen großen Stützpunkt hätte dutzende Jets vernichtet und hunderte Soldaten das Leben gekostet.

Die Bundesrepublik  baute ein dichtes Netz aus Haupt- und Ausweichflugplätzen auf. Autobahnstarts und -landungen gehörten zum Standardtraining, das während des Kalten Krieges in Mittel-, Ost- und Nordeuropa durchgeführt wurde. Schweden perfektionierte diese Taktik mit dem Saab Viggen, später dem Gripen – Jets, die von Waldwegen starten konnten.

Mit dem Zusammenbruch des Warschauer Pakts wurden Autobahnstarts und -landungen seltener und fanden im wiedervereinigten Deutschland nicht mehr statt. Die Friedensdividende ließ Dispersal-Taktiken überflüssig erscheinen. Große Stützpunkte genügten scheinbar, die NATO konzentrierte ihre Kräfte. Diese Ära ist vorbei.

Ein Düsenjet startet auf einer Autobahn

Ein Kampfflugzeug landet auf einer Straße. Die Luftwaffe übte solche Einsätze im Kalten Krieg.

Bundeswehr/Günter Oed

Dispersed Operations: Das Prinzip

In der NATO trägt das Konzept den Namen Agile Combat Employment. Ein zentraler Baustein darin sind die Dispersed Operations. Die Idee dahinter lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Verteile deine Kräfte, um zu überleben.

Flugzeuge, konzentriert auf wenigen Basen, sind ein leichtes Ziel. Ein einziger Treffer kann mehrere Maschinen gleichzeitig ausschalten. Reparaturen dauern, der Betrieb kommt zum Erliegen. Verteilte Kräfte dagegen sind schwerer zu bekämpfen. Kleinere Einheiten wechseln häufiger den Standort, benötigen weniger Infrastruktur und bleiben beweglich.

Was passiert bei den Shield-Übungen? 


Die Luftwaffe bündelt solche Trainings unter einer klaren Systematik. Übungen dieser Art tragen durchgehend den Namensbestandteil „Shield“ – ein Begriff, der für Schutz und Resilienz steht. Das Szenario bleibt dabei ähnlich: Kampfjets fliegen zivile Flughäfen an, landen, werden betankt, technisch geprüft und starten wieder. Das klingt nach Routine, ist es aber nicht.

Militärische Abläufe müssen in eine zivile Umgebung passen. Pilotinnen und Piloten benötigen sichere Briefings, Technikkräfte Material, die Kommunikation muss störungsfrei funktionieren. Und gleichzeitig läuft der zivile Flugbetrieb weiter. Während Passagiere zum Gate gehen, rollen wenige hundert Meter weiter Kampfjets zur Startbahn.

Zivilflughäfen folgen klaren Regeln: Sicherheit, Lärmschutz, Taktung. Militärische Abläufe passen dort nicht automatisch hinein. Genau das wird daher geübt. Funktioniert die Zusammenarbeit? Verstehen beide Seiten die Abläufe der jeweils anderen? Bleibt der Betrieb stabil? Die meisten Zivilflughäfen bieten dafür gute Voraussetzungen: lange Startbahnen, moderne Infrastruktur, eingespielte Abläufe. Daher sollen sie in das Konzept der verteilten Kräfte, also Dispersed Operations, schrittweise stärker eingebunden werden.

Lehren aus aktuellen Konflikten

Deutschland liegt geografisch im Zentrum Europas. Im Bündnisfall ist es Drehscheibe für Truppenbewegungen. Verstärkungen aus den USA, Großbritannien oder Frankreich werden über deutsches Gebiet Richtung Osten verlegt. Flughäfen spielen dabei eine zentrale Rolle. Dispersed Operations erweitern die Kapazitäten für eine Verlegung deutlich. Statt weniger Militärbasen steht ein deutlich dichteres Netz an Verkehrsknotenpunkten zur Verfügung. Für einen potenziellen Gegner wird die Zielplanung damit spürbar schwieriger.

Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie verwundbar klassische Basen geworden sind. Angriffe auf Flugplätze gehören dort zum militärischen Standard, und moderne Präzisionswaffen treffen sehr genau. Die Reaktion darauf ist Improvisation: Flugzeuge weichen aus, nutzen alternative Standorte, wechseln häufig den Ort. Wer sichtbar bleibt, wird getroffen. Beweglichkeit wird zum Schutz.

Dispersed Operations lösen nicht alle Probleme. Kleine Einheiten sind schlechter geschützt und damit verwundbarer. Die Logistik wird aufwendiger, denn Treibstoff, Munition und Ersatzteile müssen verteilt werden. Zivile Flughäfen verfügen zudem nicht über militärische Schutzinfrastruktur wie Bunker oder integrierte Luftverteidigung. Die Übungen zeigen genau auf, wo nachgebessert werden muss. Diese Erfahrungen fließen in zukünftige Übungsvorhaben ein.

Politische Signalwirkung

Die Shield-Übungen zeigen, dass Deutschland seine Rolle im Bündnis ernst nimmt: Die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Flughafenbetreibern und Luftwaffe muss im Frieden funktionieren, damit sie im Ernstfall trägt. Gleichzeitig signalisiert Deutschland Verlässlichkeit. Infrastruktur steht zur Verfügung, Abläufe sind eingeübt. In einigen NATO-Ländern wie Schweden und Finnland trainieren bis heute Kampfflugzeuge, auf präparierten Autobahnabschnitten zu starten und zu landen – eine Praxis, die angesichts der veränderten Sicherheitslage in Europa neu bewertet wird.

Dispersed Operations waren lange ein Nischenthema. Das ändert sich gerade, denn Flexibilität ist wieder gefragt. Pilotinnen und Piloten müssen auf unterschiedlichen Flughäfen arbeiten können, Technikerinnen und Techniker mit wenig Material auskommen, Führung muss verteilte Kräfte koordinieren. Die Shield-Übungen sind ein Baustein dafür. Sie schaffen Routine – und damit Einsatzbereitschaft.

von Thomas Skiba

Dispersed Operations: Wenn Kampfjets auf Zivilflughäfen landen

Bei manchen Mobilgeräten und Browsern funktioniert die Sprachausgabe nicht korrekt, sodass wir Ihnen diese Funktion leider nicht anbieten können.

Mehr zum Thema

Aktuelles Luftwaffe
Anfang Footer Es ist uns ein Anliegen, Ihre Daten zu schützen

Auf dieser Website nutzen wir Cookies und vergleichbare Funktionen zur Verarbeitung von Endgeräteinformationen und (anonymisierten) personenbezogenen Daten. Die Verarbeitung dient der Einbindung von Inhalten, externen Diensten und Elementen Dritter, der eigenverantwortlichen statistischen Analyse/Messung, der Einbindung sozialer Medien sowie der IT-Sicherheit. Je nach Funktion werden dabei Daten an Dritte weitergegeben und von diesen verarbeitet (Details siehe Datenschutzerklärung Punkt 4.c). Bei der Einbindung von sozialen Medien und interaktiver Elemente werden Daten auch durch die Anbieter (z.B. google) außerhalb des Rechtsraums der Europäischen Union gespeichert, dadurch kann trotz sorgfältiger Auswahl kein dem europäischen Datenschutzniveau gleichwertiges Schutzniveau sichergestellt werden. Sämtliche Einwilligungen sind freiwillig, für die Nutzung unserer Website nicht erforderlich und können jederzeit über den Link „Datenschutzeinstellungen anpassen“ in der Fußzeile unten widerrufen oder individuell eingestellt werden.

  • Logo der Bundeswehr

    Es ist uns ein Anliegen, Ihre Daten zu schützen

    Detaillierte Informationen zum Datenschutz finden Sie unter Datenschutzerklärung