Luftwaffe

Lebensversicherung für die Piloten bei VAPB in Estland

Lebensversicherung für die Piloten bei VAPB in Estland

  • Rettung
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Datum:
Ort:
Ämari
Lesedauer:
6 MIN

Wer einmal die Möglichkeit hat, einen Eurofighter beim Start zu beobachten, dem wird schnell bewusst, dass in diesem hochmodernen Flugzeug jede Menge Technik steckt. In kürzester Zeit hebt der Kampfjet von der Startbahn ab, um dann fast senkrecht in den Himmel aufzusteigen. Allerdings dient nicht alle Technik dem Vortrieb. Ebenso wichtig sind die Systeme, die der Rettung und Sicherheit der Piloten dienen. 

Mit leuchtend, rot, nachbrennendem Abgasstrahl hebt ein Eurofighter von der Startbahn ab.

Mit feuerrotem Nachbrenner erhebt sich der Eurofighter von der Ämari Air Base zu seiner nächsten Mission in den Himmel

Bundeswehr/Daniel Redell

Bei den Männern der Fachgruppe Rettungs- und Sicherheitsgeräte, kurz RTS, dreht sich alles darum, das Leben eines Piloten zu schützen, beziehungsweise im schlimmsten Fall zu retten. Dazu ist der Eurofighter mit einer Vielzahl an Systemen ausgestattet. In diese Welt der Rettungs- und Sicherheitsgeräte gewähren die Oberfeldwebel Niklas A., Michael B. und Sven F. einen Einblick. 

Techniker der Fachgruppe Rettungssysteme stehen für ein Gruppenbild vor einem Eurofighter.

Die Techniker der Fachgruppe RTS. Von links nach rechts: Oberfeldwebel Niklas A., Hauptfeldwebel Rüdiger R., Oberfeldwebel Michael B., Hauptfeldwebel Johannes C., Oberfeldwebel Sven F.

Bundeswehr/Daniel Redell

Personal mit vielseitigem Aufgabenbereich

Oberfeldwebel Niklas A. ist Angehöriger des Taktischen Luftwaffengeschwaders 71 „Richthofen“ und beim deutschen Einsatzkontingent der Verstärkung Air Policing im Baltikum einer von fünf Fachleuten für Rettungs- und Sicherheitsgeräte. Der 28-Jährige zeigt und erklärt die persönliche Flugausrüstung eines Piloten.

„Wir sind nicht nur für die Rettungssysteme im Eurofighter zuständig. Wir kümmern uns auch um die persönliche Ausrüstung der Piloten.“ Dazu gehören ein sogenannter Longie (ein Funktions-Unterziehanzug für Wärmeerhalt), ein wasserdichter Overall für den Fall einer Notwasserung bei Flügen über Wasser, eine Fliegerkombi, der sogenannte G-Suit – bestehend aus einer Anti-G-Hose und -Jacke sowie verschiedene Helme mit Atemmaske. Zu den Helmen gehört auch noch ein Restlichtverstärker, umgangssprachlich Nachtsichtgerät genannt, für Flüge bei Dunkelheit.

Der Helm eines Eurofighterpiloten wird durch einen Rettungssystemtechniker instandgesetzt.

Niklas A. sichert eine Steckverbindung am Helm eines Piloten mit einem festen Bindfaden und einer speziellen Knotentechnik. Handwerkliches Geschick und Fingerfertigkeit gehören bei den Technikern von RTS dazu.

Bundeswehr/Daniel Redell

Fingerfertigkeit gehört zum Geschäft

All diese Ausrüstung wird durch das Personal von RTS gewartet, Instand gehalten und gepflegt. „Wir sind quasi die Lebensversicherung für die Piloten“, erzählt A. „Unser Motto lautet ‚Your life is our business‘. Wir sorgen dafür, dass die Ausrüstung optimal an den Piloten angepasst ist und alles funktioniert“, erklärt er weiter. Die individuelle Anpassung der Ausrüstung ist sehr wichtig für einen Piloten.

Der wasserdichte Überlebensanzug zum Beispiel kommt als Rohling in die Truppe. Erst im Verband wird der Overall vom RTS-Personal an den Körperbau eines jeden Piloten angepasst. Oberfeldwebel Michael B. erläutert am Anzug welche Arbeitsschritte dazu durchgeführt werden müssen.

„Die Anzüge werden ohne Fußteile geliefert. Dadurch haben wir die Möglichkeit, die Beinlängen an den Körper der Luftfahrzeugbesatzungen anzupassen. Wenn das geschehen ist, kleben wir die Fußteile an und versiegeln die Nähte damit der Anzug wasserdicht ist.“ Auch kleinere Beschädigungen am Anzug reparieren die „Retter“.

Ein wasserdichter Overall eines Eurofighterpiloten wird von einem Techniker der Fachgruppe RTS gezeigt und erklärt.

Oberfeldwebel Michael B. erläutert am IPG (einem wasserdichten Overall) eines Eurofighterpiloten, welche Arbeiten durch die Techniker von RTS daran durchzuführen sind

Bundeswehr/Daniel Redell

Gute Laune und Leidensfähigkeit gehören bei RTS dazu

Als Dienstleister der Piloten müssen die Techniker die eine oder andere Unannehmlichkeit hinnehmen. Die Luftfahrzeugbesatzungen müssen, sofern sie über See fliegen, auch im Sommer ihre Overalls tragen. Da der Anzug kein Wasser hineinlässt und nicht atmungsaktiv ist, schwitzen sie darin recht stark.

„Das ist dann nicht gerade ein Geschenk“, erzählt Oberfeldwebel A. „Wir arbeiten täglich sehr eng zusammen und das Miteinander ist wirklich gut. Das erleichtert uns, so manches zu ertragen. Man nimmt sich gelegentlich auch mal auf den Arm. Die ‚Flyer‘ beispielsweise, behaupten am Jahresanfang immer, wir würden ihre Klamotten enger machen“, erzählt er lächelnd.

Aber bei allem Spaß verlieren die Techniker nie den Blick für das Wesentliche. Von der Arbeit der Rettungs- und Sicherheits-Fachleute sieht man nicht viel. Dennoch ist ihre Arbeit unverzichtbar, wenn auch die Rettungssysteme im Idealfall gar nicht erst benötigt werden.

Ein Techniker der Fachgruppe RTS checkt mittels Prüfgerät eine Atemmaske eines Eurofighterpiloten.

Oberfeldwebel A. demonstriert an einem Prüfstand die 90 Tage-Inspektion einer Atemmaske eines Eurofighterpiloten

Bundeswehr/Daniel Redell

Druckluft hilft bei hohen G-Belastungen

Wie der IPG müssen auch der Anti-G-Anzug und die Atemmaske an den Körper des Piloten angepasst werden. „Weste und Hose müssen eng am Körper anliegen“, erklärt B.

„Beides wird während des Fluges bei Einwirkung von hohen G-Kräften aufgeblasen. Dabei verhindert die aufgeblasene Hose das versacken des Bluts in die Beine. Andernfalls würde der Pilot ohnmächtig werden. Der aufgeblasene Torso der Weste unterstützt den Piloten beim Ausatmen. Denn durch die Atemmaske bekommt der Pilot ständig Sauerstoff zugeführt“, ergänzt Oberfeldwebel B.

„Auch im Helm ist eine Luftblase am Hinterkopf eingebaut. Die drückt den Kopf, bei hohen G- Kräften, zusätzlich in die Maske damit diese nicht verrutscht und der Pilot zu jeder Zeit ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird“, erläutert B weiter.

Ein Eurofighterpilot posiert in voller Fliegerausrüstung vor seinem Kampfjet.

Ein Eurofighterpilot in voller Fliegerbekleidung vor seinem Arbeitsgerät. Unter der Anti G-Hose und -Weste trägt er seinen IPG. Auch gut zu erkennen, die angelegte Atemmaske.

Bundeswehr/Daniel Redell

Redundanz erhöht die Sicherheit

Im Übrigen ist die Sauerstoffversorgung im Eurofighter ein technisches Meisterstück. „Das Flugzeug zieht den benötigten Sauerstoff zur Versorgung des Piloten aus der Umgebungsluft. Dadurch ist der Vorrat an Sauerstoff quasi unerschöpflich“, erklärt Oberfeldwebel A.

Dennoch ist im Sitz des Eurofighters eine Sauerstoffflasche verbaut, die im Fall einer Unterversorgung automatisch den Mangel ausgleicht. Außerdem versorgt sie den Piloten bei einem Notausstieg in großer Höhe mit dem lebenswichtigen Sauerstoff.

Auch die Befüllung der Flasche sowie die Wartung und Reinigung der Sauerstoffmasken, das Überprüfen des Kommunikationsapparats im Helm (z.B. Kopfhörer und Mikrofon) oder auch des Notfunkgerätes in der Weste führen die Männer von RTS durch.

Zwei Helme der Eurofighterpiloten liegen auf einem Tisch in der RTS-Werkstatt.

Auch die Wartung, Reinigung und Instandsetzung der Helme gehört zu den Aufgaben der Rettungssystemtechniker

Bundeswehr/Daniel Redell

Akribie ist das A und O

Wirft man einmal einen Blick in die sogenannten Lebenslaufakten der Ausrüstung, sieht man unzählige dokumentierte Arbeitsschritte. Jeder Pilot hat eine Akte, in der jedes Teil seiner Ausrüstung erfasst ist. Der Sicherheit halber wird die gesamte Ausrüstung vor und nach einem Flug von den „Rettern“ überprüft. Dabei wird die gesamte Ausrüstung optisch auf Beschädigungen und Abnutzung geprüft. „Zusätzlich werden einzelne Ausrüstungsteile in regelmäßigen Abständen geprüft“, erklärt Oberfeldwebel A. Die Techniker sind dadurch ständig mit dem Prüfen der Ausrüstung beschäftigt. „Alles muss zu 100 Prozent stimmen“, fasst A. den Aufwand im Namen der Flugsicherheit zusammen. 

Sprengstoff im Sitz

Von der Flugausrüstung geht es in die Wartungshalle. Dort wartet schon Oberfeldwebel Sven F. Er zeigt und erklärt das Rettungssystem am Flugzeug, in der Fachsprache „Crew Escape System“ genannt.

Eine wichtige Rolle darin kommt dem Schleudersitz zu. „Wir sprechen von einem Ejection Seat“, sagt der Oberfeldwebel. Dieser sorgt dafür, dass der Pilot bei einem Absturz des Jets lebend herauskommt. Dazu sind im Sitz und dem Kabinendach an verschiedenen Stellen kleine Sprengladungen eingebaut.

Zieht der Pilot im Notfall am schwarz-gelb gestreiften Notgriff, dann zünden diese. In einer Kettenreaktion sorgen sie dafür, dass der Sitz freie Bahn hat und weit genug aus dem Flugzeug herausgeschossen wird.

Blick auf einen Schleudersitz im Cockpit eines Eurofighters. Ein Techniker erklärt dessen Funktionen.

Oberfeldwebel Sven F. erklärt die Funktionen des Schleudersitzes. Gut zu sehen ist der schwarz-gelb gestreifte Notgriff, der Seat Firing Handle.

Bundeswehr/Daniel Redell

Mit Know-How und Raffinesse sicher zu Boden

Ein solcher Schleudersitz hat es in sich. Denn, hat der Pilot erst einmal den Notgriff betätigt, werden Sitz und Pilot aus dem Jet katapultiert. Dabei wirken auf den Menschen enorme Kräfte.

15 G, also das fünfzehnfache Körpergewicht, wirken dann auf Mensch und Material. Für den nötigen Schub sorgt ein Raketenmotor, der das Gesamtpaket mit 25 Kilonewton aus dem Flugzeug schießt. Ist der Pilot samt Sitz erst einmal draußen, greifen weitere Mechanismen ineinander, um den Luftfahrzeugführer sicher zu Boden zu bringen. Dabei sorgt ausgeklügelte Technik dafür, dass Pilot und Sitz voneinander getrennt werden.

„Die Technik im Sitz misst nach dem Ausschuss den statischen und dynamischen Druck. Dadurch weiß das System wann es den Sitz vom Piloten trennen muss“, erklärt Oberfeldwebel F. Nach der Trennung öffnet sich dann der Fallschirm automatisch. „Das ganze System funktioniert auch, wenn der Jet am Boden steht und sich der Pilot rausschießen muss. Auch dann kommt der Luftfahrzeugführer sicher zu Boden“, ergänzt Oberfeldwebel A.

Vorsichtig heben Techniker einen Schleudersitz mit einem Lift in einen Eurofighter.

Teamarbeit: Sorgfältig befördern die Techniker der Fachgruppe RTS einen Schleudersitz in einen Eurofighter

Bundeswehr/Daniel Redell

MacGyver wäre neidisch

Am Fallschirm hängt aber nicht nur der Pilot. Weil er nach seiner Fallschirmlandung erst einmal auf sich allein gestellt ist, hat er noch einiges an überlebenswichtiger Ausrüstung bei sich. Dazu gehören unter anderem einfache Dinge wie eine Notration Wasser, ein Messer, ein Magnesiumfeuerstarter, Verbandszeug, Medikamente und eine Signalpistole. Auch ein aufblasbares Rettungsboot ist standardmäßig dabei.

Sobald der Pilot am Fallschirm hängt, beginnt auch das Notfunkgerät einen Funkcode an eine Rettungsleitstelle zu senden. Von dort aus wird dann die Rettung des Luftfahrzeugführers koordiniert.

Techniker der Fachgruppe RTS bereiten ein Eurofighter-Kabinendach zum Einbau vor.

Nachdem der Schleudersitz wieder an Ort und Stelle eingebaut ist, muss noch das Kabinendach eingebaut werden

Bundeswehr/Daniel Redell

Bei ihren Einsatzflügen zur Sicherung des baltischen Luftraums können sich die Piloten auf das Team der RTS-Techniker verlassen, die mit ihrer gewissenhaften Arbeit an der Flugausrüstung und den Rettungssystemen jeden Tag einen Beitrag zur Sicherheit der Besatzungen leisten.

von Martin Wiemann