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Pilot Extraction: Rettung aus dem Hubschrauber

Pilot Extraction: Rettung aus dem Hubschrauber

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Datum:
Ort:
Türkei
Lesedauer:
5 MIN

Auf dem Flugfeld der Airforce Base in Antalya ist eine Cougar AS532 gelandet. Der Hubschrauber ist mit chemischen Kampfstoffen in Berührung gekommen. Jetzt geht es darum, den Piloten möglichst schnell aus dem Cockpit zu holen, um ihn zu dekontaminieren. Eine Aufgabe für das deutsche Pilot-Extraction-Team bei Toxic Trip 2021.

Ein Soldat im gelben Kunststoffanzug

Vergifteter Flug: Das Pilot-Extraction-Team muss den Piloten aus dem Hubschrauber holen, ohne die Kontamination zu verschleppen.

Bundeswehr/Christian Timmig

Ganz in gelbe Plastikoveralls gekleidete Gestalten steigen aus einem VW-Transporter „Widder“. Die Schutzmaske lässt keinen Blick in die Gesichter zu. Sie tragen Kapuzen, Hand- und Überschuhe. Die Männer laden Kisten mit Kanistern und Eimern aus. Dann nähern sie sich dem Hubschrauber, der die Kampfstoffproben transportiert. Der Pilot sitzt im Cockpit und wartet auf Hilfe. Die Rettungsaktion kann starten. Was wirkt, wie eine Szene aus einem Endzeit-Film, ist ein Übungsszenario der ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr bei Toxic Trip 2021 in Antalya.

Drei Geschwader, ein ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Team bei Toxic Trip

In den Overalls, die Tychem F heißen, stecken Soldaten aus den Taktischen Luftwaffengeschwadern 51 „Immelmann“, 73 „Steinhoff“ und 74 der Luftwaffe. Hauptfeldwebel Philipp Lederer vom Taktischen Luftwaffengeschwader 51 leitet das Team. Im normalen Leben ist er 1. Wart in Jagel und ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr-Dienstfeldwebel. Diese Zusatzausbildung hat er 2018 gemacht, „weil mich die Aufgabe interessiert und wir diese Fähigkeit in allen Verbänden der Luftwaffe ausbauen müssen und wollen“.

Mit 16 begann Lederer eine zivile Ausbildung zum Fluggerätemechaniker beim Lufttransportgeschwader 62 in Wunstorf. Nach seinem Abschluss entschied er sich für die Bundeswehr. Sechs Jahre war er als Wart in den USAUnited States of America, auf der Holloman Air Force Base in New Mexico. Danach arbeitete er zwei Jahre bei der Flugbereitschaft in Köln, bevor er zum Taktischen Luftwaffengeschwader 51 wechselte.

Fünf Soldaten in gelben Kunststoffoveralls vor einem Hubschrauber.

So sehen die Soldaten des Pilot-Extraction-Teams, die aus drei verschiedenen Geschwadern kommen, ohne Schutzmaske aus. Teamleiter Philipp Lederer kniet vorne links vor der Cougar.

Bundeswehr/Christian Timmig

Die Soldaten aus Jagel sind zum ersten Mal bei Toxic Trip. „Darüber freuen wir uns sehr“, so Philipp Lederer. „Denn wenn es darum geht, einen Piloten aus einer kontaminierten Maschine zu holen, ist das im Ernstfall die Aufgabe von uns Warten.“

Das gilt für alle Verbände der Luftwaffe, in denen Jets, Transportflugzeuge oder Hubschrauber stationiert sind. Hier auf der Antalya Airforce Base hat sich das gemischte deutsche Team aus Jagel, Laage und Neuburg an der Donau, das Pilot Extraction übt, zusammengefunden. Gemeinsam planen die Soldaten, wer welche Rolle übernimmt, wenn der Pilot aus seiner Maschine geholt werden muss.

Prüfen, neutralisieren, verpacken: Wer macht was?

Denn so einfach das Ganze aussieht, wenn es dann abläuft, so viel muss vorher bedacht werden. Wer prüft das Flugzeug oder den Hubschrauber auf Kontamination? Wer übernimmt die Tragesprühflasche, mit der die wichtigen Stellen am Flugzeug dekontaminiert werden, bevor das Cockpit geöffnet werden kann? Wer nimmt Kontakt zum Piloten auf? Wie lässt man den Piloten am besten in den Transferanzug, die zweiteilige „Plastikverpackung“ steigen?

Im Cockpit des Hubschraubers spiegeln sich Mitglieder des Pilot-Extraction-Teams, die gerade aus ihrem Transporter aussteigen.

Nach der Ankunft zu einem ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr-Einsatz prüfen die Soldaten gegenseitig, ob ihre Schutzausrüstung richtig sitzt, damit sie sich nicht selbst gefährden.

Bundeswehr/Christian Timmig

Philipp Lederer und sein Team haben sich schon Tage vorher Gedanken dazu gemacht und die Abläufe zunächst ohne Schutzanzug an einer Phantom F-4 geübt. Einmal, zweimal, dreimal, so oft, bis alles so lief, wie sie es sich vorgestellt hatten. Und dann stand am ersten Übungstag erst einmal eine türkische CASA CN-235 auf ihrem Übungs-Programm. Piloten aus Frachtmaschinen zu evakuieren, gehört nicht zum normalen Job eines Jet-Warts. „Am Ende hat aber auch das gut geklappt“, sagt Hauptfeldwebel Lederer. „Wir sind ja hier, um Erfahrungen zu sammeln und zu lernen, was im Ernstfall passieren kann. Aber auch, um uns anzusehen, wie es andere Nationen machen.“

Andere Länder, andere Dekontamination

Die türkischen Soldaten beispielsweise haben für einiges andere Lösungen. „Sie dekontaminieren das Flugzeug von der Spitze her bis zum Ausstieg, wir nur die wesentlichen Bereiche. Unser Hauptziel ist es, den Piloten schnell aus dem Cockpit zu holen.“ Die türkische Luftwaffe benutzt Schrifttafeln zur Verständigung mit dem Piloten, die Deutschen dagegen Handzeichen.

Gearbeitet wird bei Toxic Trip weder mit echten Gefahrstoffen noch mit echten Dekontaminationsmitteln. Für die chemischen Gifte gibt es Ersatzstoffe, auf die die Prüfgeräte oder die Spürpapiere genauso reagieren wie auf die echten, meist tödlichen, Substanzen.

Ein ABC-Abwehr-Spezialist sprüht den Einstieg des Hubschraubers ein.

Bei Toxic Trip 2021 wird zwar realistisch geübt, das „Dekontaminationsmittel“ in der Sprühflasche ist aber nur Wasser.

Bundeswehr/Christian Timmig
Ein ABC-Abwehr-Spezialist prüft die Kontamination an den Einstiegen des Hubschraubers.

Das Prüfen der Kontamination vor und nach dem Neutralisieren ist ein wesentlicher Schritt, um keine giftigen Stoffe zu verschleppen. In Antalya wird das simuliert.

Bundeswehr/Christian Timmig

Pilot Extraction Schritt für Schritt

Auch bei der Cougar am nächsten Tag läuft es gut. Das Team ist eingespielt. Nachdem Philipp Lederer per Handzeichen-Kontakt mit dem Piloten aufgenommen hat, prüft ein Teammitglied den Türbereich des Hubschraubers auf Kontaminationen. Ein anderer Soldat neutralisiert mit dem Ersatz-Dekontaminationsmittel Wasser die Flächen der Cougar, die das Team oder der Pilot berühren könnten. Das Team entscheidet, den Piloten durch die Seitentür aussteigen zu lassen, weil diese breiter ist und so die Gefahr einer Kontaminationsverschleppung geringer.

Der Pilot wird vor dem Aussteigen durch die offene Tür vom ABC-Abwehr-Soldaten befragt.

Das Pilot-Extraction-Team der Luftwaffe hat sich entschieden, den Piloten über die breitere Seitentür aussteigen zu lassen. Vorher bekommt er Instruktionen für die nächsten Schritte.

Bundeswehr/Christian Timmig
 Der ABC-Abwehr-Soldat nimmt einen blauen Müllbeutel entgegen, in die der Pilot seine Sachen gepackt hat.

Alle persönlichen Gegenstände des Piloten kommen in den sogenannten Kleineteilebeutel. So kann nichts herunterfallen und kontaminiert werden. Der Beutel selbst wird auch dekontaminiert.

Bundeswehr/Christian Timmig

Vor dem Aussteigen fragt einer der Soldaten den Piloten nach Namen und Nationalität, trägt alle Daten auf einer Karte ein. Diese hilft später im Dekontaminationsbereich, den Piloten korrekt auszuziehen und zu „entgiften“. Checklisten und persönliche Gegenstände des Piloten werden in einen Beutel gepackt. Auch der wird dekontaminiert und aus der Gefahrenzone gebracht. Nach jeder Aktion dekontaminieren die Soldaten ihre Hände, damit nichts aus dem vergifteten Gebiet hinausgetragen wird. Das „Eintüten“ des Piloten ist ein Balanceakt am Ausstieg der Seitentür. Denn erst, wenn er ein Bein in der Plastikhose hat, darf er es auf den Boden stellen. Danach ziehen zwei ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr-Soldaten ihm das Oberteil über seine komplette Ausrüstung.

Zwei ABC-Abwehr-Soldaten ziehen das Oberteil des Transferanzugs dem Piloten über Kopf und Arme.

Bei 28 Grad Wärme nicht das reine Vergnügen: Der Pilot muss den Transferanzug tragen, damit er auf dem Weg zur Dekontaminationseinrichtung keine giftigen Stoffe in der Umgebung verbreitet.

Bundeswehr/Christian Timmig

Das Team wird ständig beobachtet

Lederers Hauptaufgabe bei den Übungen ist es, zu schauen, dass keine Fehler passieren und kein Schritt ausgelassen wird. Der ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Feldwebel ist nicht der einzige, der das tut. Beobachter verschiedener Nationen schauen sich die einzelnen Übungen genau an, sogenannte Incident Controller kümmern sich um den richtigen Aufbau des Szenarios und unterstützen die Crews bei Fragen. Und schließlich sind da noch die Schiedsrichter, die ihre Beobachtungen in Berichten an die NATO weitergeben. Es geht vor allem darum, in der ABCAtomar, Biologisch, Chemisch-Abwehr immer besser zu werden.

In Plastikverpackung zur Dekontamination

Als der Pilot in Plastik verpackt ist, wird er unter seiner Hülle schwitzend zum wartenden Sanitätswagen gebracht. Vorher haben Hauptfeldwebel Lederer und sein Team noch seine Schuhsohlen dekontaminiert, ebenso wie ihre eigenen. Auch die deutschen Soldaten sind bei der Arbeit im 28 Grad Celsius heißen Antalya unter ihren Anzügen und Schutzmasken ins Schwitzen geraten, T-Shirts und Haare sind klitschnass.

Der verpackte Pilot wird von Rettungskräften, ebenfalls in Schutzanzügen und -masken, am Wagen in Empfang genommen

Das Pilot-Extraction-Team bringt den Piloten zum Rettungswagen. Bis er seine Schutzausrüstung ausziehen darf, wird es noch eine Weile dauern.

Bundeswehr/Christian Timmig
Ein ABC-Abwehr-Soldat spricht in ein Funkgerät.

Philipp Lederer meldet der Übungszentrale, dass das Szenario beendet ist und sich der Pilot auf dem Weg zur Dekontamination befindet

Bundeswehr/Christian Timmig

Geschafft. Der Pilot ist heil bei der Dekontaminationseinrichtung angekommen. Das Pilot-Extraction-Team muss ebenfalls dorthin. Es dürfen keine Spuren des noch nicht genau identifizierten Kampfstoffs irgendwo zurückbleiben. Wie das genau abläuft? Das erklärt der nächste Artikel zur Übung Toxic Trip 2021.

von Stefanie Pfingsten

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