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Interview: Truppenpsychologie in der Corona-Amtshilfe

Interview: Truppenpsychologie in der Corona-Amtshilfe

  • Amtshilfe
  • Luftwaffe
Datum:
Ort:
Husum
Lesedauer:
5 MIN

Unterstützung für die Helfenden: Die Bundeswehr ist seit knapp einem Jahr in der Amtshilfe bei der Bewältigung der Covid-19-Pandemie aktiv. Die Soldatinnen und Soldaten leisten deutschlandweit auf vielfältige Art und Weise ihre Beiträge. Dabei werden die Helfenden eng durch die Truppenpsychologie begleitet.

Truppenpsychologin Jennifer Ley steht vor ihrem Büro in Husum und schaut in die Kamera.

Jennifer Ley ist als Truppenpsychologin beim Flugabwehrraketengeschwader 1 in Husum eingesetzt

Bundeswehr/Dominik Fischer

Jennifer Ley ist beim Flugabwehrraketengeschwader 1 in Husum als Truppenpsychologin eingesetzt und gibt uns einen Einblick in ihre tägliche Arbeit und die Herausforderungen für das eingesetzte Personal.

Radaktion: Sehr geehrte Frau Ley, wie setzt sich der Bereich der Truppenpsychologie in Husum zusammen und was sind Ihre Aufgaben?

Unser Team der Truppenpsychologie besteht aus vier Mitarbeitern: Drei Soldaten und mir, der Truppenpsychologin. Neben der Beratung der militärischen Führung zu Fragen rund um die psychologischen Aspekte der Menschenführung, sind wir Ansprechpartner und Anlaufstelle für alle Angehörigen des Geschwaders. Darüber hinaus führen wir regelmäßig Aus- und Weiterbildungen durch – das Thema „Umgang mit Stress“ ist gerade in der aktuellen Zeit besonders wichtig. Die Zusammenarbeit im Psychosozialen Netzwerk (Sanität, Sozialdienst, Militärseelsorge und Psychologie) ist in dieser herausfordernden Zeit ebenfalls besonders wertvoll und bietet den Soldatinnen und Soldaten für jedes Thema den richtigen Ansprechpartner.

Wie sieht Ihr Tagesablauf in Zeiten der Amtshilfe aus?

Der Beginn der Amtshilfe kam ziemlich plötzlich, wir mussten schnell reagieren. Mit Aufstellung der Regionalen Führungsstäbe wurde die Truppe aus Husum dem Bereich 3 Ost, bestehend aus Berlin und Brandenburg, zugeordnet. Wir von der Truppenpsychologie wurden, genau wie beispielsweise die Sanität, in die Betreuung des RegFüSt 3 OST integriert.

Wir waren und sind verantwortlich für die Betreuung der in den Manöverelementen eingesetzten Soldateninnen und Soldaten, die anfangs nur in den Gesundheitsämtern die Kontaktverfolgung durchführten. Schnell wurde die Amtshilfe zudem auf Pflegeheime und Impfzentren ausgeweitet. Unser Ziel ist es, die Soldateninnen und Soldaten durch Maßnahmen der primären Prävention (heißt der Gefährdung zuvorkommend) bestmöglich auf die kommenden Aufgaben vorzubereiten und ihnen bei Fragen und Bedenken für Gespräche zur Verfügung zu stehen. Die von uns angebotenen nachbereitenden Gesprächsrunden sollen ebenfalls dazu beitragen, potentiell belastende Erfahrungen einzuordnen und zu verarbeiten.

Mehrere Soldaten sitzen vor Computern im Einsatz bei der Corona-Kontaktnachverfolgung.

Soldaten aus Husum im Einsatz bei der Corona-Kontaktverfolgung

Bundeswehr/Bernd Berns

Wo liegt die Besonderheit bei einem Amtshilfeeinsatz?

Amtshilfeeinsätze gibt es für die Bundeswehr schon länger. Jedoch ist die Unterstützung bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie Neuland. Schön war es zu erfahren, dass sich viele für diesen Amtshilfeeinsatz freiwillig gemeldet haben. Bei ihnen ist der Antrieb: „Hier kann ich endlich einen sinnvollen Beitrag bei der Bekämpfung der Pandemie leisten“.
Mit der Trennung von Zuhause über mehrere Wochen und dem Einsatz in einem Corona-Hotspot kommen jedoch die ersten Bedenken. Sowohl für die Soldatinnen und Soldaten im Einsatz, als auch für die Familien zu Hause, war der Start nicht immer leicht.

Da im Vergleich zu beispielsweise der Hochwasser-Amtshilfe in diesem Einsatz der Faktor Mensch im Fokus steht, gab es in den Gesundheitsämtern, Altenheimen und Impfzentren zahlreiche offene Fragen, was im Umgang mit den Betroffenen zu beachten ist. In militärischen Fragen wissen alle, was zu tun ist. Der Umgang mit den vielfältigen Bedürfnissen und Sorgen der Menschen war für viele jedoch neu und natürlich auch teilweise bedrückend. Diese Fragen können ablenken und den täglichen Dienst beeinträchtigen – und dies ist die Schnittstelle, an der wir für die Soldatinnen und Soldaten da sind und diese Bedenken durch die angebotenen Gespräche und konkrete Tipps gar nicht erst entstehen lassen wollen.

Aber auch das Psychosoziale Netzwerk kann hier Hilfe bieten. Nicht jeder möchte schließlich immer mit der Truppenpsychologie sprechen, z.B. stehen die Militärseelsorge und der Sozialdienst ebenfalls unseren Soldatinnen und Soldaten zur Seite.

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Vorgesetzten?

Truppenpsychologie steht und fällt mit der Akzeptanz durch die Truppe. Durch Corona und die damit verbundenen Einschränkungen waren die Vorgesetzten oft die einzigen Augen und Ohren vor Ort, was eine enge Zusammenarbeit erfordert, die erfolgreich umgesetzt werden konnte.

Gerade in Zeiten der Pandemie sind Dienstreisen nicht einfach und lassen sich mit dem Infektionsgeschehen nicht immer vereinbaren. Dies darf aber keine Unterbrechung in den Einsätzen darstellen. Durch die regelmäßigen Gesprächsrunden und den offenen Austausch von Erfahrungen und Informationen bekommen wir ein gutes Gespür für die Stimmungslage in der Truppe. Regelmäßige Besuche vor Ort runden das Bild ab. Dank dieses Dreiklangs kann eine gemeinsame Basis errichtet werden, die unseren Kameradinnen und Kameraden die Unterstützung bieten kann, die sie brauchen.  

Wie nehmen die Soldatinnen und Soldaten Ihr Angebot an?

Der Austausch der Soldatinnen und Soldaten im Kameradenkreis ist bei „kleinen Themen“ häufig schon ausreichend. Auch wenn es sich im ersten Moment komisch anhört, so sind wir natürlich froh über jeden, der nicht an unsere Türe klopft – sprich, wenn soweit alles in Ordnung ist. Da zu sein, wenn wir gebraucht werden, ist genauso wichtig wie da zu sein, wenn wir nicht gebraucht werden. In den letzten Jahren haben wir, ob im täglichen Dienst, auf Übungen oder jetzt in der Amtshilfe, die Erfahrung gemacht, dass genau diese Mischung bei den Soldatinnen und Soldaten gut ankommt. Je mehr Gesicht die Truppenpsychologie bekommt, desto geringer ist die Hemmschwelle uns anzusprechen – ob wegen eines Themas oder zu einem Plausch beim Kaffee – und genau so war und ist es auch bei unserer Amtshilfeunterstützung.

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung?

Es war und ist schön für uns miterleben zu dürfen, dass Viele an der Aufgabe gewachsen sind: sowohl die Soldatinnen und Soldaten als auch deren Familien. Viele haben positives Feedback für ihre Leistung erhalten, was gerade in dieser herausfordernden Zeit eine sehr tolle Erfahrung ist und den Kameradinnen und Kameraden sehr viel bedeutet.

Wir freuen uns sehr über die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit allen Beteiligten und darüber, diese wichtige und dankbare Aufgabe der Amtshilfe zu begleiten und immer wieder unsere Unterstützung anbieten können.

von Stefano Guagliano  E-Mail schreiben